"Peščanik" – Über Serbien und seine wirklichen Verluste

“Peščanik” (serb. für Sanduhr) ist zuallererst eine wöchentliche Radiosendung, über Radio B92 ausgestrahlt, aber seit zehn Jahren von einem unabhängigen Team zweier Frauen produziert. Um die Sendung und ihre dazugehörige Internet-Seite entwickelte sich eine „Gemeinde“ von mehr als 400 Tausend regelmäßigen Hörer_innen und Besucher_innen.

Am 2. Juli 2010 verkündeten Svetlana Lukić and Svetlana Vuković, die beiden Gründerinnen und im besten Sinne „Macherinnen“ von Peščanik, ihrer Hörerschaft, dass dies die letzte über B92 ausgestrahlte Sendung sei. Wenige Tage vorher hatte Peščanik im „Jugoslawischen Drama-Theater“ mit einem Publikum von 2000 Personen seinen 10. Geburtstag gefeiert und dabei vier neue Buchpublikationen aus eigener Verlagstätigkeit vorgestellt.

Serbien braucht Peščanik. Das kann ohne jeden Zweifel gesagt werden. Weit über die Grenzen Serbiens hinaus verdiente sich das Programm seine Reputation, indem es die serbischen Regierungen und Eliten einer präzisen und beständigen Kritik unterzog. Es entwickelte sich zum entscheidenden und in seiner Form einmaligen Forum von Öffentlichkeit für den besten Teil der gesellschaftlichen Opposition Serbiens. Peščanik wurde zur “intellektuellen Heimat” für all jene Stimmen der Vernunft und der sachlichen Kompetenz, die Serbien nach Jahrzehnten destruktiver, nationalistisch-konservativer Politik und einem aus verschiedenen Quellen sich speisenden politischen Abenteurertum so dringend benötigt.

In diesen vergangen zehn Jahren waren die Veröffentlichungen von Peščanik eine unverzichtbare Quelle für jeden, der sich mit Serbiens Geschichte, Politik und Gesellschaft beschäftigen wollte. Alle Ereignisse und Entwicklungen im öffentlichen Raum Serbiens fanden hier einen der Sache verpflichteten, reflektierten und, wenn notwendig, auch leidenschaftlichen Kommentar.

Warum daher diese Entscheidung?

In Anspielung auf die gleichzeitig mit der Geburtstagsfeier laufende Fußball-Weltmeisterschaft sagte Svetlana Lukic in ihrer Begrüßungsrede: „Wir haben den Rasen gegossen und erneuert, die Torpfosten angestrichen, einen Raum geschaffen für Menschen, die in eigener Verantwortung und in Freiheit reden wollen, wir haben ihnen gezeigt, dass sie in Peščanik immer willkommen sind. Ich kann nur feststellen, dass einige von ihnen entschieden haben, nicht mehr zu reden, weil ihnen das Programm nicht mehr gefällt. Und es gefällt ihnen nicht mehr, weil es – wie sie sagen – „nicht konstruktiv“ sei. Und da sind noch andere, deren tatsächliches Handeln in unseren Augen nicht mit dem übereinstimmte, was sie in Peščanik gesagt hatten und sagten, und diesen Widerspruch haben wir offen beanstandet.“

„Viele unserer Freund_innen in diesem Saal sind der Meinung, dass unser Programm kontra-produktiv geworden sei. Dies ist eine völlig legitime Position, die wir ernst nehmen müssen, weil wir diese Personen, Gruppen und ihre Einrichtungen nicht verletzen wollen. Wir glauben ja noch immer von ihnen, dass sie an der Zukunft jenes Serbien arbeiten, das auch wir gerne kommen sehen möchten. Wir wurden auch von Anfang an dafür kritisiert, dass wir uns nicht an die strikten Grenzen der journalistischen Profession gehalten haben. Aber dies waren Ablenkungsmanöver, denn wir lebten nicht in normalen Zeiten, und wir mussten uns selbst andauernd die Frage stellen, ob Peščanik nun ein Medium sei oder eine politische Bewegung. Wir glauben, dass das alte Konzept von Peščanik geleistet hat, was es leisten konnte.

Wir verschwinden nicht irgendwo im Raum. Im Herbst werden wir das fortsetzen, womit wir uns auskennen und was wir tun können. Um unsere Unabhängigkeit zu erreichen, haben wir uns vorgenommen, ein 24-stündiges Internet-Radio zu beginnen. Unsere Ambitionen sind, verglichen mit dem bisherigen, eher größer, und die Einschränkung durch den Transportweg Internet wird hoffentlich ausgeglichen durch unsere wirkliche Unabhängigkeit. Ich kann euch nichts versprechen, weil man in Serbien das Futur als grammatikalische Form gänzlich abschaffen und verbieten sollte. Man sollte in der Verfassung den Satz, dass „Kosovo Serbien (ist)“, durch den Satz ersetzen: „Die Benutzung des Futurs in der öffentlichen Rede ist verboten“.

Im Kern beruht die hier von Svetlana Lukic zitierte Kritik an Peščanik auf einem Prozess, in dessen Verlauf eine Reihe von Personen und Institutionen aus der Opposition auf die Seite der Regierung wechselten oder sich zumindest für eine „Schonzeit“ entschieden, in der allzu heftige Kritik an den Regierenden unterbleiben sollte, weil sie nur den „noch viel Schlimmeren“ auf der nicht-europäischen Seite des politischen Spektrums nütze. Darin besteht ihr Verdacht und Vorwurf des „Kontra-Produktiven“. (siehe Vesna Pešićs Statement weiter unten)

Ganz entgegen allen Kusturica-genährten Klischees über den Verlauf einer serbischen Geburtstags- oder Hochzeitsfeier glichen die nachfolgenden zwei Stunden im „Jugoslawischen Drama-Theater“ eher einem klassischen Sit-In, gefüllt von Stellungnahmen aus der Community jener Personen, deren Sprachrohr Peščanik seit zehn Jahren ist. Hieraus die folgenden Auszüge:

Mirko Ðordević (Religionssoziologe), für die Teilnahme an dieser Feier vorübergehend aus dem Krankenhaus entlassen, sprach von Svetlana Lukić als einer jener in Serbien seltenen Personen, die unaufhörlich – „wenn auch mit Liebe und Glauben“ – die Rolle der Serbisch Orthodoxen Kirche in den Kriegen der 90er Jahre kritisiert haben, auch die hässliche Rolle, die die Kirche nach dem Sturz Milosevics in Serbien weiter spielte. „Das Buch ‚Der Regenschirm des Patriarchen Paul‘ enthält alle meine Überlegungen, die über Peščanik ausgestrahlt wurden. Von Anfang an habe ich gespürt, dass ausgerechnet und überraschender Weise in Peščanik, einem laizistischen Radioprogramm, der ernsthafteste Zugang zu all den Fragen zu finden war, die das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, Religion und Staat betreffen. Das sind ja im serbischen Fall nicht einfach Fragen einer begrenzten historischen Epoche, sondern sie betreffen eine nach wie vor funktionierende Kollaboration nach dem Prinzip zweier miteinander kommunizierender Röhren.“

Dubravka Stojanović (Historikerin) spielte auf den kalendarischen Zufall an, dass an diesem Tag der zehnte Geburtstag von Peščanik mit „Vidovdan“ zusammenfiel, dem Staatsfeiertag der Schlacht auf dem Amselfeld, der den Nationalisten als der heiligste Tag im serbischen Kalender gilt. „An diesem Tag, so sagt die Tradition, entschied sich die serbische Nation für das himmlische Reich – um den Preis des Verzichts auf ein irdisches. Ich schlage vor, dass wir in Zukunft Vidovdan nur noch als Peščaniks Geburtstag feiern. In Anlehnung an John Read’s Buch über die Russische Revolution können wir von ‚Zehn Jahren, die die Welt erschütterten‘ sprechen. Lasst uns also künftig Peščaniks Geburtstag als den Tag feiern, an dem wir uns für das virtuelle Reich entschieden haben.“

Für Srđa Popović (Rechtsanwalt) war Peščanik ein gesellschaftliches Heilmittel. „Ihr habt alle gehört – und wir waren alle traurig darüber – dass das Radioprogramm schließen wird. Ich kenne viele, die darüber erschrocken sind, viele, die es vermissen werden, aber gerade deswegen sollten wir, denke ich, dieses Programm als einen Erfolg betrachten. Es ist ein Zeichen des Gelingens, nicht des Scheiterns, dass es nun zu Ende ist. Peščanik hat eine enorme Rolle gespielt in den vergangenen zehn Jahren, es war ein Punkt, an dem so etwas wie Selbstvertauen in diesem Land entstanden ist, das so unfähig scheint zum Nachdenken über sich selbst. Und es war der einzige Ort, wo Menschen im Kontakt mit den beiden Svetlanas versucht haben, sich selbst besser zu verstehen, eine neue Identität zu finden. [....] Was ich geliebt habe an Peščanik, ist gar nicht so sehr die allgemeine politische Haltung – die war sozusagen selbstverständlich. Aber es war der einzige öffentliche Ort, wo Experten über Fragen aus ihrem Fachgebiet öffentlich reden konnten. Dies gibt es ja sonst hier nicht in diesem Land, wo jeder alles weiß. Zugegeben, manchmal wurden auch die Experten sehr emotional, aber Peščanik repräsentiert doch etwas, was wir schmerzlich vermissen: den analytischen Geist, die Anstrengung, die Probleme dieses Landes analytisch zu diskutieren. [...] Was Peščanik tatsächlich etablierte war die Voraussetzung für eine neue Generation von klugen jungen Menschen. Lasst mich abschließend sagen, dass wir einen unendlichen Optimismus brauchen. Zehn Jahre damit zu verbringen, Serbien irgendwelche Dinge zu erklären, das heißt unendlich optimistisch sein. Das nenne ich Engagement.“

Vesna Pešić (Parlamentarierin) lobte das Radioprogramm für seine Respektlosigkeit gegenüber dem “Ersten Serbien” (den regierenden Eliten). „Es gibt keinen anderen Ort, wo auf eine sehr spezifische Weise eine solche kompromisslose Kritik unseres Staates und unserer Gesellschaft stattgefunden hat. Darin ist Peščanik einzigartig. Es gab andere Orte, wenn auch immer weniger an Zahl, aber nirgends sonst wurden die Ursachen und Folgen der jüngsten Kriege, der serbische Nationalismus und Imperialismus so unvoreingenommen und radikal der Kritik unterzogen. Die Infragestellung des Genozids in Bosnien-Herzegowina, die faschistoiden Phänomene unserer Gesellschaft, die Verheimlichung der Hintergünde von Zoran Ðinđićs Ermordung, die ganze Aufdeckung der jüngsten Vergangenheit und ihrer Akteure, die Gewalt gegen ethnische Minderheiten und sozial Ausgegrenzte, die Verletzung der Menschenrechte und der Pressefreiheit, die Missachtung von Gesetzen und Institutionen, die falschen Reformen, die vorgetäuschten Schein-Reformen, der autoritäre Stil und die Verkrustung einer vorgeblich demokratischen Regierung, ihre kaum verhehlte Verfilzung mit den Tycoons, der Kauf von Wählerstimmen und das Fehlen jeglicher Scham – all das waren die ständigen Themen in Peščanik.

Sie haben die systemische Korruption und den Parteienstaat, besser: die Mehr-Parteien-Diktatur gnadenlos kritisiert, die verbreitete Gesetzlosigkeit, das oberflächliche Gerede von Europa und jede Erscheinungsform von Dummheit und Rückständigkeit. Nicht zu vergessen Jeremic und seine Wahl zwischen Europa und dem Kosovo. Und auch Boris Tadic’s Perlen der Weisheit, und ganz besonders seine männlich waghalsige Attitüde, mit der er Europa auffordert, sich endlich zu entscheiden, ob es Serbien ‚wirklich begehrt‘, damit man andernfalls sich endlich umorientieren und aufhören könne, ihm hinterher zu kriechen. Wir haben in Peščanik diese und viele andere Themen diskutiert. Niemand trat je in Peščanik in einer Weise auf, deren man sich schämen müsste, kein nationalistisches oder ähnliches Statement wurde je dort abgegeben. Und dennoch höre ich oft Klagen, wenn die Rede auf Peščanik kommt: es gebe dort zuviel Kritik an der Regierung, m.a.W. der Demokratischen Partei und des Präsidenten Tadic. Das ist schlecht in den Augen derer, die so reden, weil er doch immer noch besser sei als die übrigen, und seine Nachfolger seien gewiss schlechter als er. Dies hat viele Gesprächspartner von Peščanik zum Schweigen gebracht, und ich höre sie sagen: Halt‘ den Mund! Red‘ nicht so viel gegen diese pro-europäische Regierung, sonst kommen die Anti-Europäer wieder ans Ruder! Aber diese pro-europäische Regierung ist eine Mixtur aus allen möglichen Elementen mit sehr wenig Europa darunter. Und ich frage mich, ob dieser Minimalismus inzwischen auch vom ‚Zweiten Serbien‘ Besitz ergriffen hat, ob es seine Ansprüche aufgegeben hat, ob es seine Kriterien so weit herunterschraubte, dass die heutigen Zustände ihnen genügen. Das Problem liegt nicht in unserem kompromisslosen Kritisieren oder in der Tatsache, dass jemand sich diesem System nicht anschließen möchte, weil die Ereignisse in diesem Land nicht wirklich dazu einladen. Ich denke, dass im Gegenteil der Gegenstand unserer Kritik zu einem toten See geworden ist. Unser Dilemma ist, wie man ein totes Pferd reiten will. Wir reden beständig auf es ein, wir schlagen es. Aber wir schlagen etwas Totes und auch unsere Worte erwecken es nicht wieder zum Leben. Das, denke ich, ist das Problem.“

Dejan Ilić (Verleger) sprach von Serbiens fortdauernder Unfähigkeit zu wirklichen Reformen und setzte die Bedeutung von Peščanik in diesen Kontext: „Ich glaube nicht, dass das Kritische, was gewöhnlich hervorgehoben wird, das ist, was Peščanik auszeichnet. Warum dann ist Peščanik wichtig für mich und was halte ich für seine entscheidende Rolle? Auch wenn es euch überrascht: es ist die patriotische Dimension von Peščanik, die ich am meisten schätze. Vielleicht ist es euch entgangen, aber Woche für Woche, Jahr für Jahr redet Peščanik über nichts anderes als das Land in dem wir leben. Und es spricht über dieses Land aus einer Verantwortung. Wir hören dieses Programm, weil wir diese Verantwortung teilen. Verantwortung für dein Land zu empfinden, ist eine patriotische Qualität. Die, die sich um ihr Land kümmern, sind die Patrioten.“

Žarko Korać (Parlamentarier): “Was ich anzuführen hätte gegen die Leute, die heute Serbien politisch führen, ist nicht die inzwischen institutionalisierte Korruption, auch nicht die Tatsache, dass die Medien unter größerer Kontrolle sind als jemals, sondern dass sie glauben, Mehr und Besseres sei in Serbien nun einmal nicht möglich; dass sie in der Tat ihr eigenes Volk und ihr Land so sehr verachten; dass sie nicht zuerst von ihm eine Veränderung zum Besseren erwarten, um sich danach in die Reihe der kulturell und wirtschaftlich entwickelten Länder einzureihen, wo unser angestammter Platz wäre.

Oft konnte man auf Peščanik Leute so reden hören: von Serbien als einem Land, das wirkliche Reform ablehnt. Serbien wird tun, was es tun muss, es wird europäische Gesetze verabschieden und sogar europäische Institutionen bauen. Aber es lebt weiter im Schatten einer Ablehnung jeder substanziellen Reform. Und was besonders verwerflich ist: im Schatten einer Regierung, die den politisch motivierten Mord an Zoran Ðinđić nicht wirklich aufklären will. Was mich am meisten erregt ist jenes Serbien, das selbst kriminell wird, wenn es um Zoran Ðinđić geht, wenn es – in den Beziehungen zu den Nachbarländern – um die Kriege geht, und um die in beiden Fällen gleichen Akteure und Mörder. Die, die Zoran Ðinđić ermordet haben, haben auch andere ermordet....

Kein Land kann sich entwicklen auf der Grundlage, dass alle in gleicher Weise an seiner Veränderung teilnehmen. Das wäre nicht realistisch. Menschen haben verschiedene Ziele und verschiedene Blicke auf ihre Gesellschaft. Aber wir können uns bewusst sein, dass dies so ist. Peščanik war ein Programm von Menschen, die wussten, dass wir aus einem solchen Serbien keine moderne Gesellschaft machen können. Es war ein Programm, das uns freigesetzt hat, es hat uns Vertrauen gegeben in unser eigenes Urteil über das, was wir sehen. Was wir als falsch in unserer Gesellschaft gesehen haben, ist in der Tat falsch. Deswegen, weil Peščanik uns half, dem eigenen Urteil zu vertrauen, deswegen hat es eine so loyale Öffentlichkeit. Wir vertrauen unserem eigenen, schrecklichen Urteil, dass Serbien mit der immer noch vorherrschenden nationalistischen Ideologie auf dem falschen Weg ist, dass es sich nicht entwickelt, wie es dies tun sollte, und dass darin die Ursache zu finden ist, warum es den Anschluss an die moderne Welt, ans 21. Jahrhundert nicht findet.“