Goran Hadžić: Portrait eines unsichtbaren Mannes

Goran Hadžić im Jahr 1992.
Bild: Christian Maréchal, Original: Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons BY 3.0.

21. Juli 2011
Miloš Vasić
"Ich bin nur ein kleiner Kahn, den man an den großen Dampfer angebunden hat.“ So antwortete Goran Hadžić Anfang der 90er Jahre auf die Klagen der Einwohner aus der ganzen jungen Serbischen Republik Krajina, deren späterer Präsident er werden sollte. Zu dieser Zeit hatte man ihn schon zum Präsidenten von Ost-Slawonien, der Baranja und West-Syrmien gemacht. In seinem näheren Umfeld fanden sich Leute wie Badža Stojičić, Mihalj Bracika Kertes, Franko Simatovi, genanntet „Frenki“ (ehemaliger Chef von Slobodan Miloševićs Geheimploizei, heute vor Gericht in Den Haag), Jovica Stanišić (ehemaliger Chef der Nationalen Sicherheitsbehörde, vor Gericht in Den Haag wegen seiner Rolle in den Kriegen in Kroatien bzw. Bosnien und Herzegowina) und natürlich Željko Ražnatović, genannt Arkan. Er war eng verbunden mit Belgrad, noch enger mit Projekten der Veruntreuung von Geldern und des Schmuggels. Solche Aktivitäten hatten den Kriegsschauplatz in Slawonien sehr schnell in ein Massengrab und eine Region der Plünderung verwandelt. Goran Hadžić war vielleicht nur « ein kleiner Kahn im Schlepptau des großen Dampfers », aber auf dem kleinen Kahn füllten sich die Kisten sehr schnell.

Was geschah am 13. Juni 2001 in Novi Sad?

Das Gericht in Den Haag beschäftigt sich leider nicht mit solchen Fragen des Geldes. Goran Hadžić ist wegen Kriegsverbrechen und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, wegen Verfolgung, Vertreibung, Mord. Insgesamt 14 Hauptpunkte umfasst die Anklageschrift. Der wichtigste unter ihnen bezieht sich auf das Massaker an Kriegsgefangenen und Zivilisten, das sich am 20. November 1991 unmittelbar nach dem Fall Vukovars in Ovčara ereignete, aber er ist auch angeklagt wegen der Massaker in Lovas, Erdut, Dalj, etc. Er wird des weiteren beschuldigt der Vertreibung der nicht-serbischen Bevölkerung, der Deportation von Zivilpersonen in Konzentrationslager auf dem Territorium der Serbischen Republik usw. All dies ereignete sich während seiner „Mandate“ als Chef der Regierung von Ost-Slawonien, als Präsident der Serbischen Republik Krajina und Vorsitzender der SDS von Slawonien („Demokratische Partei der Serben Kroatiens“). Die Anklage wurde nicht-öffentlich am 4. Juni 2001 erhoben und dem Belgrader Außenministerium am Morgen des 13. Juni mitgeteilt. Am Nachmittag desselben Tages war Goran Hadžić aus seinem schönen Einfamilienhaus in Novi Sad verschwunden.

Dieses Haus stand, wie Vreme in Erfahrung brachte, schon seit einer Weile unter ständiger Überwachung. Die Ereignisse des 13, Juni sind filmisch aufgezeichnet: Goran Hadžić bei Leibesübungen in kurzer Hose und T-Shirt in seinem Garten; er nimmt ein Telefongespräch entgegen, geht kurz darauf ins Haus, erscheint überhastet, ordentlich gekleidet und mit Reisetasche wieder auf dem Hof, ein Wagen fährt vor, er setzt sich hinein und verschwindet mit unbekanntem Ziel. Die Quelle von Vreme hat leider keine weiteren Details preisgegeben, etwa zu den Fragen: welche Person hatte ihn angerufen? Was war Inhalt des Telefonats (denn es ist bekannt, dass das Telefon abgehört wurde). Wie war das Kennzeichen des Autos? Warum verfügte die Überwachungseinheit nicht über ein Fahrzeug für den vorhersehbaren Fall einer notwendigen Verfolgung? Aus der Einheit waren nur Informationen über die bloßen Fakten zu bekommen. Vuk Jeremić, der zweifellos mit der telefonischen Warnung in Verbindung steht (zu dieser Zeit war er noch nicht Außenminister, was er heute ist), seine Mitarbeiter und die Polizei sollten über die Umstände dieses Vorgangs Auskunft geben. Alle diese Personen sind Zeugen und sie sind verfügbar.

Goran Hadžić, ein harmloser Mann.... Tatsächlich?

Goran Hadžić wurde am 7. September 1958 in Pačetin in Slawonien, nicht weit von Vnikovci geboren. In seiner Jugend war er Mitglied des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens und erklomm den Posten eines Lagerverwalters in einer örtlichen Fabrik. Als 1989/1990 das Mehrparteiensystem eingeführt wurde, trat er der SKH-SDP (vor 1989: Kommunistische Partei Kroatiens, nach 1989: Sozialdemokratische Partei Kroatiens) von Ivica Račan bei, um kurz darauf zur SDS (Serbische demokratische Partei in Kroatien) von Jovan Rašković zu wechseln. Er stieg zum Vorsitzenden der Kommission für kommunale Angelegenheiten zunächst von Pačetin, später von Vukovar auf. Im März 1991, nach den Zusammenstößen zwischen serbischen Milizen und kroatischer Polizei in Pakrac erklärte Hadžić, dass die Serben Slawoniens mit den Kroaten nichts mehr zu bereden hätten, „nachdem nicht einmal einer oder zwei kroatische Intellektuelle ihre Stimme gegen die Bestialität und die völkermörderischen Absichten Präsident Tuđmans und seiner bis zu den Zähnen bewaffneten Parteigänger erhoben haben“. Und er bestätigte jedem, der es hören wollte, dass „man ein neues Jasenovac für uns vorbereitet“. Zu dieser Zeit agiert er als der Repräsentant der Serben von Slawonien: sie wollen keine Kroaten werden, sie wollen keine föderale Koalition, sie wollen eine lokale Autonomie erkämpfen und ein Teil Serbiens werden, sie wollen, „dass sowohl Slawonien wie auch die Krajina in den höchsten Staatsorganen vertreten sind.“ Später wird er für beide Territorien auch „eine gleichberechtigte Teilnahme an internationalen Konferenzen“ fordern. Unterm Strich schallt aus Goran Hadžić wie auch aus all den anderen das heraus, was die Propaganda von Milošević in sie hineingerufen hat. Er ist vergleichsweise zurückhaltend, ein breiter bärtiger Kopf mit großen Ambitionen. Im Vergleich zu Jova Rašković (Psychiater, Gründer der „Serbischen demokratischen Partei“ in Kroatien), Milo Martić (ehemaliger Innen- und Verteidigungsminister, und Präsident der „Autonomen Serbischen Region der Krajina“, verurteilt in Den Haag zu 35 Jahren Haft), Milan Babić (ehemaliger Bürgermeister von Knin, der Hauptstadt eben dieser selbst-erklärten Krajina-Republik, später ihr Präsident, beging am 5. September 2006 Selbstmord in seiner Zelle in Den Haag) und all den übrigen erschien Goran Hadžić in der Tat wie ein kleiner Fisch. Dies sollte sich als ein Irrtum erweisen.

Am 1. April 1991 stoßen in Plitvice erneut serbische Milizen (unterstützt aus Belgrad) mit kroatischer Polizei zusammen. Goran Hadžić befindet sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Was tut er an diesem Tag in Plitvice? Keiner weiß es. Am 26. März haben die Milizen Plitvice eingenommen und ganz Kroatien hat sich darüber erregt. Vier Tage später vertreibt ein kroatisches Kommando Martić und seine Leute aus Plitvice. Zwei Männer, einer auf jeder Seite, kommen dabei zu Tode – wahrscheinlich durch verirrte Kugeln, denn die Sicht an diesem nebligen Morgen lag unter zehn Metern. Bei dieser Aktion wurde Goran Hadžić zusammen mit einem gewissen Bora Savić verhaftet. In Slawonien erzeugt der Vorfall viel Aufsehen, aber einige Tage später kehren beide heil und sicher nach Hause zurück.

Von da ab nimmt die Entwicklung einen interessanten Verlauf: Slavko Degoricija, zu dieser Zeit stellv. Innenminister Kroatiens, wird später davon erzählen, wie er Hadžić zurück nach Vukovar fuhr und wie verletzt und schockiert dieser von den Ereignissen war. Er sei betroffen gewesen in Plitvice, man habe ihm seine Waffe weggenommen etc. Degoricija wird davon erzählen, dass er das Lamentieren über die gestohlene Waffe nicht mehr länger habe anhören können und ihm seine eigene als Ersatz anbot. Josip Boljkovac , ein Agent der UDBA (Staatssicherheitsdienst Jugoslawiens), wird dem hinzufügen, dass Goran Hadžić mit der lokalen kroatischen Polizei zusammenarbeitete und dass er deswegen freigelassen worden war. Er hat dies jüngst in der Slobodna Dalmacija noch einmal bestätigt. Im September dann akzeptiert Goran Hadžić „die Möglichkeit eines Runden Tischs mit der kroatischen Regierung“: man zeichnet eine Grenzlinie über den Fluss Ilova bis nach Virovitica, arrangiert einen Bevölkerungsaustausch und ist Quitt.

Darauf folgt der Fall von Vukovar am 18. November 1991. Zu den entscheidenden Momenten der Anklage in Den Haag zählt das Treffen, das an diesem Tag stattfand: Goran Hadžić, die Vertreter der Jugoslawischen Volksarmee JNA, vor allem Milo Mrkšić, die lokalen Größen, Arkan und Konsorten. Dort fiel die Entscheidung, dass die Kriegsgefangenen von Vukovar den lokalen Behörden übergeben werden sollten, was in den folgenden Tagen zum Massaker von Ovčara führte. Seit diesem Treffen war die Freiheit der meisten der dort Teilnehmenden nur noch eine eingeschränkte. Für Slavko Dokmanovic, der sich 1998 in seiner Zelle in Scheveningen erhängte, begann dort der Weg zum Suizid.

Baumstämme im Tausch gegen Funkgeräte

Sobald sich die Situation einigermaßen beruhigt, laufen die Dinge mehr und mehr zum Vorteil von Goran Hadžić. Am Tag des Heiligen Nikola kann man ihn in Knin finden, wo die Verfassung der Serbischen Republik Krajina verabschiedet wird. Auch verbringt er viel Zeit in Belgrad und ist immer häufiger in Novi Sad zu sehen. Die wahren Herren von Ost-Slawonien, der Baranja und West-Syrmien sind freilich Radovan ‘Badža’ Stojičić, der Chef der serbischen Polizei, und Željko ‘Arkan’ Ražnatović, der Chef der Sicherheitsdienste unter dem Befelh von Milošević. Goran Hadžić ist nur ein „kleiner Kahn“, noch immer leer, aber nicht mehr lange. Im März 1992 hält er sich in der Gegend von Banija und Krodun auf, wo er seine Idee von den „Baumstämmen gegen Funkgeräte“ unters Volk bringt – „Bäume zu fällen, um Funksender und -empfänger für unsere Armee zu kaufen“. Dort treibt sich auch Rade Leskovac zu dieser Zeit herum (später Chef der Radikalen Partei der Krajina, lebt heute noch immer unbescholten in Slawonien, wo ihm wegen seiner engen Verbindungen zu Veljko Džakula niemand etwas anhaben kann), und der unvermeidliche Boro Mikelić, immer noch in Verbindung mit Belgrad, der SKPJ (Bund der Kommunisten – Bewegung für Jugoslawien) und der JUL (Jugoslawische Linke, Partei von Miloševićs Frau Mira Marković).

Es scheint, als habe der Holzhandel Goran Hadžić und auch seinem Freund Arkan gut gefallen. Während der Jahre des Embargos verstanden sie es blendend, mit Benzin (über Ungarn und Djeletovce) und Zigaretten Geschäfte zu machen. Aber die Sache mit dem Holz gefiel ihnen ganz besonders. Bald hatte sich ihnen Dragan Čičić aus Kraljevo angeschlossen, einer, der die Vorteile einer Mitgliedskarte der JUL-Partei sehr schnell erkannt hatte. Arkan, Hadžić und Genossen ließen eifrig die wundervollen Eichen Slawoniens und die Bäume aus Spačvanska zersägen und exportieren. Wer hat die Erlöse eingesteckt? Man wird es nie erfahren und es ist eigentlich auch nicht mehr wirklich von Interesse. Es ging so die ganze Zeit des Embargos hindurch bis zum Ende der Fiesta im Jahr 1997, als Goran Hadžić seinen kleinen Kahn wohl gefüllt am Donaukai von Novi Sad vertäute, während Kroatien sich unbemerkt wieder in die Reihe der respektablen Staaten begab.

Goran Hadžić, der Unsichtbare

Erinnern wir uns: die wahren Herren von Ost-Slawonien, der Baranja und West-Syrmiens befanden sich in Belgrad. Goran Hadžić ist sicherlich nicht unmittelbar verantwortlich für Aktionen, die von Arkan, Badža oder anderen Chefs der serbischen paramilitärischen Milizen auf dem Gebiet seiner „Regierung“ angezettelt wurden. Aber er hat doch die komfortable Rolle eines Premierministers, und später die eines Präsidenten der Serbischen Republik Krajina sehr gerne und so lange gespielt, bis Milošević ihn durch Milo Martić ersetzte. Goran Hadžić wusste sehr wohl, was vor sich ging: die Vertreibungen, die Tötungen, die Plünderungen und die Massaker. Was er am besten verstand, war, wie man sein Land bestiehlt. Mit Ausnahme einiger chauvinistischer Gemeinplätze und pro-serbischer Phrasen hat er niemals etwas gesagt. Er hatte immer dieses seltene Talent, auf der öffentlichen Bühne zu stehen und unsichtbar zu sein. Ein Mensch, der in der Masse versinkt, glatzköpfig und mit Bart, erzählt das Gleiche wie alle anderen, hütet sich vor den Medien. Ein Irgendwer, unbedeutend, unsichtbar, einer wie Tausende anderer. Die Rašković, Opačić, Martić, Babić, Božanić, Solaja, Džakula, Tanjga – die plärrten alle laut umher und schoben sich in den Vordergrund. Hadžić war verschlossen und bescheiden. Er war der « Laufjunge von Milošević“, ein kleiner Kahn.

Bleibt die Frage, ob Goran Hadžić je verstand, wie weit diese Untersuchung des Massakers von Vukovar führen würde, und wenn ja, wann hat er es verstanden? Jemand anders hätte es rechtzeitig verstanden und sich früh genug aus dem öffentlichen Leben verabschiedet. „Meine Herren, er ging ohne Spuren zu hinterlassen“, schreibt der Dichter. Es lohnt sich kaum mehr, dass er jetzt anfängt, uns zu erzählen, was er weiß. Interessant ist hingegen, dass Hadžić aus der ganzen Riege der einzige ist, der in der ermüdenden Propaganda gegen das Haager Gericht, mit der man uns seit 2000 auf die Nerven geht, nie Erwähnung fand. Man nennt ihn nicht unter den „Helden und Rittern Serbiens“, die gegen den holländischen Drachen kämpfen. Gewiss eine Ungerechtigkeit gegenüber diesem Mann.

Wir erinnern uns, dass Veselin Šljivančanin (montenegrinischer Offizier der jugoslawischen Volksarmee und Befehlshaber der Belagerung Vukovars, verurteilt in Den Haag zu 10 Jahren wegen seiner Rolle beim Massaker von Ovčara) von einem NGO verteidigt wurde, das für seinen Freispruch kämpfte. Auch hinter Slobodan Milošević hat es immer NGOs gegeben. Radovan Karadžić verfügte gar über einen Rat zur Verteidigung seiner Person und seines Werkes, und Ratko Mladić erfuhr Unterstützung von Organisa¬tionen gleichen Typs. Selbst der fröhliche Mile Martić konnte sich auf sie stützen. Bei Goran Hadžić – nichts dergleichen.

Wird Goran Hadžić auf die Hilfe des immer noch lächelnden Kosta Čavoški rechnen können (Professor des Rechts an der Universität Belgrad, für seine Polemik gegen das Haager Gericht, bekannter Nationalist)? Was machen unsere Fornt-Intellektuellen: Jarčević, Macura, Ocić, Božanić, Ljubica Šolaja, Budo Košutić? Wo bleibt Vučelić? Warum schweigt Bracika Kertes? Wo ist Rade Leskovac? Warum meldet sich Boro Mikelić nicht zu Wort? Selbst die Radikalen sprechen den Namen „Hadžić “ nicht aus. Was treibt der „Premierminister der Serbischen Republik Krajina im Exil“ (= in Belgrad), der berühmte Milorad Buva? Wo sind die Mitglieder des Parlaments dieser Republik im Exil im Augenblick, da ihrem Präsidenten Gefahr droht? Warum spricht der Professor und Doktor der Rechte Vojislav Šešelj nicht zur Causa Hadžić? Wer überhaupt soll der Sprecher der Familie Hadžić sein, jetzt, wo Frau Ljilja Bulatović (Journalistin, persönliche Freundin des militärischen Chefs der Serben in Bosnien, Autorin eines Buches, in dem sie das Massaker von Srebrenica leugnet) sich um Herrn Mladić wird kümmern müssen? Schwer vorherzusagen, ob dieses große Schweigen als gutes Omen gedeutet werden darf.


Dieser Artikel erschien zunächst am 9. Juni in der Belgrader Wochenzeitschrift Vreme.

Dossier

Europa und der Westliche Balkan

Wollte man im Juli 2010 ein allgemeines Charakteristikum für die Lage auf dem West-Balkan und seine Zukunftsaussichten formulieren, dann müsste man wohl von einer „alten Unübersichtlichkeit“ sprechen. Das Dossier bietet aktuelle Artikel zu Staatlichkeit, Demokratie, Bürgerrechten, Aufarbeitung und der Beziehung der Länder des westlichen Balkans zur EU.

» zum Dossier