Warum wir endlich von Feminismen reden sollten

Warum wir endlich von Feminismen reden sollten

Warum wir endlich von Feminismen reden sollten

7. August 2008
Elahe Haschemi Yekani
Von Elahe Haschemi Yekani

Der Feminismus ist auf einmal wieder hart umkämpftes Terrain, flammen doch zurzeit die unterschiedlichsten Besitzansprüche auf. Gerade in den Gender Studies, die oft als die akademische Hochburg des „Elfenbeinfeminismus“ gegeißelt werden, gibt es unter jungen Studentinnen, die sich durchaus feministisch positionieren, eine gewisse Unbereitschaft oder zumindest ein Unbehagen, die eigene Diskriminierung anzuerkennen. Vielmehr sehen sie sich (trotz anders lautender Zahlen) häufig als völlig gleichgestellt.

Dies erzürnt vermeintlich ältere Feministinnen, die noch vor wenigen Jahren hart für die nun erreichten Privilegien eben dieser Frauen gekämpft haben, zu Recht. Natürlich ist es eine wichtige und legitime Einsicht, dass es einerseits nicht um einen bloßen Opferfeminismus gehen kann, der Frauen ihre Handlungsfähigkeit abspricht, und andererseits Frauen auch ihre Rechte selbstverständlich und selbstbewusst in Anspruch nehmen sollten. Nichtsdestotrotz ist noch immer viel zu tun. “Frausein“ ist eben nicht schon per se mit Inhalt gefüllt, sondern wird gesellschaftlich immer wieder neu verhandelt. Gerade die Gender Studies zeigen, dass es im Kontext der zu erreichenden Geschlechterdemokratie auch unverzichtbar ist, verstaubte Männlichkeitsbilder über Bord zu werfen.

Auf der Ebene der persönlichen Selbstverwirklichung dreht sich viel um Aussehen, Populärkultur und ähnliche Themenkomplexe, die ja durchaus selbstreflexiv von Feministinnen besetzt werden sollten. Wenn jedoch die Struktur angesprochen wird, taucht trotzdem immer wieder nur eine weibliche Norm auf: die weiße studierte Mittelschichtsfrau, wie auch Tim Stüttgen, Ina Kerner und andere kritisch in ihren Beiträgen angemerkt haben. Es geht also nicht so sehr darum, die Legitimität von Gleichstellungsforderungen zu hinterfragen, sondern zu markieren, welcher feministische Anspruch gemeint ist: denn einen einzigen gab es nie.

Ein universales Frauen-Wir gibt es nicht und hat es auch nie gegeben

Der Feminismus war in Wahrheit schon immer mehr als einer. Es gab schon von Beginn an konservativere Strömungen wie den liberalen Feminismus und solche Tendenzen finden sich zurzeit in bestimmten familienpolitischen Forderungen wieder. Auch die selbstbewusste Pop-Feministin, die erfolgreich, sexy und feministisch sein möchte, hatte in den Riot Grrrls der neunziger Jahre ihre Vorläuferinnen. Diese Beispiele zeigen aber auch ganz schnell, dass die Anliegen von verschiedenen Frauen auch ganz unterschiedliche sein können, denn „Ehegattensplitting“ zum Beispiel ist für viele lesbische Frauen nicht unbedingt ein primäres Ziel, was nicht heißt, dass es im Kontext einer feministischen Politik nicht auch von ihnen unterstützt werden kann.

Immer wieder wird im Rahmen der jüngst wieder so intensiv geführten Debatte um den angeblich so neuen Feminismus (und das Label „neu“ hält das bisher erreichte auch diskursiv klein) bemängelt, dass die Perspektiven von Migrantinnen kaum Beachtung finden und so schrieb jüngst Mely Kiyak in der Zeit: „Dieser vermeintliche Nebenschauplatz ist so groß, dass man kaum versteht, warum er übersehen wird.“ (Die Zeit, 28/2008 S. 41) Andererseits ist die Migrantin inzwischen zu dem zu rettenden Opfer patriarchaler Strukturen per se geworden. Immer wieder wird sie als die Übersehene in diesem Diskurs gebrandmarkt, um damit konsequent jede Einmischung und Beteiligung migrantischer und nicht-weißer Frauen im feministischen Diskurs der BRD zu übersehen und unsichtbar zu machen – denn diese Stimmen gibt es auch schon eine Weile. Aber vielleicht sind sie ja nicht jung, erfolgreich und sexy genug, um auf die Titelbilder zu gelangen.

Positionen jenseits des Mainstreams im Feminismus ernst nehmen

Wenn der Feminismus oder gar eine Akzeptanz gegenüber Homosexualität dann als große deutsche leitkulturelle Errungenschaften gefeiert werden, übersieht das natürlich erstens, dass es auch migrantische Lesben und Feministinnen gibt, die nicht von weißen deutschen Frauen und Männern gerettet werden müssen oder wollen, und zweitens die Nicht-Existenz eines „ontologischen“ Unterdrückungsislams, der simplifizierenden kulturalistischen Setzungen entspringt. Natürlich haben strukturelle Unterschiede in der Gesellschaft etwas damit zu tun, dass es für Migrantinnen schwieriger ist, bestimmte Rechte für sich zu reklamieren. Gewalt gegenüber Frauen ist ein gravierendes Problem (aber eben nicht nur das der Muslima), auch in Anbetracht geringer werdender Ressourcen für Frauenhäuser. Migrantinnen immer wieder als den Sonderfall im Feminismus hervorzuheben und sie nicht als Teilnehmerinnen ernst zu nehmen, ist auch eine Form des strukturellen Ausschlusses.

Geschlecht wird in den Gender Studies zunehmend als interdependete Kategorie verhandelt, so wie dies schon andere Beitragende in der Debatte deutlich gemacht haben. Eine Politik der Bündnisse, die auch über strukturelle Ungleichheiten jenseits von Geschlecht nachdenken kann, ist für mich eine unumgängliche Einsicht der feministischen Debatten der letzten Jahre. Feministin zu sein, heißt dann nicht, sich auf einem individualistischen Erfolgsgehabe auszuruhen, sondern auch die eigenen Privilegien zu reflektieren und zu nutzen, wie jüngst die Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak auf einer Veranstaltung der Gender Studies der Humboldt Universität Berlin nahe legte. Wer Zugang zu Universität und höherer Bildung hat, sollte versuchen, sich strategisch in diese Zusammenhänge einzubringen und einzumischen und somit auch die eigene Begünstigung produktiv zu machen.

Ein queerer Feminismus fragt nicht nach dem schon existenten Geschlechterunterschied, sondern danach, wie Geschlecht (in einem Verständnis, das dann nicht nur die binären Kategorien Mann und Frau akzeptiert, sondern auch die Belange von Transgendern und anderen Menschen, die sich nicht klar in diesen Dualismus einordnen wollen oder können, berücksichtigt) hergestellt wird. Für mich ist queere Bündnispolitik als Muster für feministisches politisches Handeln, das nicht auf festgeschriebenen identitären Positionen basiert, ein anzustrebendes Ziel, aber nur dann verwirklichbar, wenn es zu einer ernsthaften Thematisierung von Privilegien und Repräsentation sowie den Möglichkeiten von Zugang und Partizipation kommt. Dies bedeutet auch, dass es eine größere Bereitschaft geben muss, Positionen jenseits des Mainstreams im Feminismus wahr und ernst zu nehmen. Warum brauchen wir immer wieder einen neuen Feminismus, wenn wir in Wahrheit schon längst viele haben?


Elahe Haschemi Yekani ist Anglistin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Anglistik/Amerikanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Gender und Queer Studies sowie Postkoloniale Theorie.

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