Frankreich: Die französische Fußballfrauenmannschaft im Abseits

Frankreich: Die französische Fußballfrauenmannschaft im Abseits

Frankreich: Die französische Fußballfrauenmannschaft im Abseits

Gruppenfoto mit 12 Spielerinnen
Französisches Auswahlteam der Frauen von 1920. Foto: gemeinfrei. Original: Wikimedia Commons.

19. April 2011
Paavo Posselt
Von Paavo Posselt


Die Weltmeisterschaft der Männer im Jahr 1998 war in Frankreich, dem Gastgeber der WM und Sieger des Turniers, ein wichtiges Medien-Spektakel. Frauenfußball erhielt hingegen wenig oder kaum Aufmerksamkeit. Fußball wird weltweit oft mit Männlichkeit gleichgestellt und auch als Männerspiel gesehen, dies ist in Frankreich nicht anders. Bei der französischen Fußball Föderation (FFF) sind derzeit nur 2 Prozent der Fußballspieler weiblich.

Nach einer achtjährigen Pause ist die Frauenfußballnationalmannschaft 2011 wieder bei einer FIFA-Weltmeisterschaft vertreten.

Die Französische Fußballnationalmannschaft der Frauen wird in Anlehnung an die Männernationalelf auch Les Bleues genannt. Ihr erstes offizielles Länderspiel bestritten die Les Bleues am 17. April 1971 gegen die Niederlande; die Französinnen gewannen das Spiel 4:0. Dies war zudem das erste Frauenfußballspiel, das von der FIFA offiziell anerkannt wurde.

Die Anfänge des Frauenfußballs reichen aber bis ins mittelalterliche Frankreich zurück: Das Ballspiel „Soule“, bei dem tödliche Unfälle und Verwüstungen keine Seltenheit waren, gilt als Vorläufer des heutigen Fußballs. An diesem populären Spiel sollen auch Frauen mitgewirkt haben. (1) Der moderne Frauenfußball in Frankreich ist in zwei Zeitspannen aufzuteilen: die Zeit von 1917 - 1937 sowie von 1965 - Gegenwart. Im Jahr 1917 gab es das erste organisierte Frauenfußballspiel, 30 Jahre nachdem die Männer in Frankreich ihr erstes modernes Fußballspiel absolvierten. Dieses Spiel wurde von zwei Teams der Femina Sport ausgetragen. Femina Sport wurde 1917 in Paris als Frauensportverein, der die physische Gesundheit und Bildung für Mädchen, Frauen, Arbeiterinnen und Angestellte ausbauen sollte, gegründet. Femina Sport organisierte Gymnastik-Turniere, bildete eine Schwimm-Mannschaft, beteiligte sich am Ausbau des französischen Boxensports und war aktiv in den athletischen Disziplinen. Der Verein organisierte auch Basketball- und Hockeyspiele, bevor 1917 das erste Fußballspiel ausgetragen wurde. Femina Sport hatte während des Ersten Weltkrieges zum Ziel, die physische Erziehung von Frauen zu unterstützen. Nach einigen vereinsinternen Begegnungen spielte die Femina Sport Fußballmannschaft auch gegen verschiedene Schuljungenmannschaften aus Paris. Obwohl Femina Sport von 16 Spielen nur eines gewann, ist die gesellschaftliche Bedeutung dieser Begegnungen nicht zu unterschätzen, da eine strikte Trennung von Mädchen und Jungen in der Schule sowie in der Gesellschaft üblich war.

Bereits nach sechs Monaten verbot der Athletikverband (der erste Multi-Sport Verband zuständig für cirka 20 Sportarten) ihren Mitgliedern, Fußball gegen Frauen zu spielen. Zu diesem Zeitpunkt wurden allerdings bereits zwei weitere Frauenfußballmannschaften gegründet, Academia sowie En Avant – die Vereine konnten somit ihren eigenen Sport besser kontrollieren und organisieren. 1918 fanden bereits die ersten Spiele der drei Pariser Frauenmannschaften statt. 1920 wurde eine französische Auswahl der erfolgreichsten Teams von den Dick Kerr Ladies FC nach England eingeladen wo sie Wohltätigkeitspiele für Kriegsveteranen absolvierten. Die Dick Kerr Ladies revanchierten sich mit Wohltätigkeitsspielen in Frankreich. 1924 gab es bereits 16 französische Frauenmannschaften, die gegeneinander antraten. Außer den Pariser Mannschaften hatten sich nun auch Vereine in der Provinz gebildet, z.B. Reims, Rouen und Toulouse. Nach dieser euphorischen Entwicklung gab es eine rapide Stagnation des Frauenfußballs in Frankreich, da die zunehmende Professionalisierung des Frauenfußballs kritisch betrachtet wurde. Der Frauenfußball war als Wohltätigkeitsspektakel für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges noch akzeptiert worden, 1933 wurde der Sport schließlich vom Verband aufgegeben, da Arenen und Geld fehlen würden. So wurde der Frauenfußball wie wenige Jahre zuvor der Frauenrugby, abgeschafft und Frauenbasketball eingeführt. Bis zu den 1960ern wurde Frauenfußball nur noch sporadisch und in unorganisiertem Rahmen ausgeübt.

Frauenfußball als Sideshow

Der französische Frauenfußball erlebte 1960, als eine so genannte Sideshow des Männerfußballs, eine Wiedergeburt. Der Verband erhoffte sich, mit dieser Sideshow den fallenden Zuschauerzahlen entgegenwirken zu können. Frauenfußball wurde vorrangig aufgrund des unterhaltsamen Charakters und zur Belustigung des Publikums wiedereingeführt. Gleichzeitig bot dies eine Möglichkeit den Frauenfußball erneut zu entwickeln und auszubauen. Frauenmannschaften wurden gegründet, allerdings weniger für karitative Zwecke, sondern als Geldbeschaffungsmaßnahme für den Männerfußball.

1970 wurde der Frauenfußball vom Verband FFF anerkannt. Einer der Hauptgründe hierfür war die Angst vor einer möglichen Gründung einer autonomen Organisation für Frauenfußball, so wie es bereits in anderen europäischen Ländern geschehen war. Somit blieb die Kontrolle bei der FFF. Ab 1971 gab es bereits mehr als 2000 Fußballspielerinnen. Die Spielerinnen gehörten eher zu den Frauensektionen der großen Männerfußballvereine, als zu eigenen unabhängigen Frauenfußballvereinen mit ihren eigenen Rechten und Organisation. Der französische Verband erkannte die wachsende Popularität des Frauensports an und erhoffte sich eine Mitgliederexpansion sowie ein steigendes Interesse bei den Männern und Kindern der Fußballfrauen für den Männersport Fußball.

Weiterhin gab es für den Frauenfußball ein anderes Regelwerk als für die Männer. Der Fußball war kleiner, Eckbälle wurden in einer kürzeren Distanz ausgeführt, das Spiel dauerte nur 70 Minuten, es wurden mehr Auswechselspieler erlaubt und eine Brustpanzerung wurde eingeführt. Diese Regeln verstärkten die traditionelle Vorstellung, dass Frauen schutzbedürftiger sind als Männer, obwohl der Verband dies nicht beabsichtigte.

1974 organisierte der FFF die erste nationale Fußballfrauenmeisterschaft mit sechzehn Mannschaften, die von Stade de Reims gewonnen wurde. Stades Frauen waren in den Landesmeisterschaften, die ab 1974/75 ausgetragenen wurden, führend und errangen binnen acht Jahren fünf nationale Titel.

Trotz der wachsenden Popularität und der offiziellen Unterstützung des Verbands FFF waren Vorurteile und traditionelle Argumente nie weit weg. Die Grobheit des Spiels, das niedrige technische Niveau der Spielerinnen und die Vermännlichung des weiblichen Körpers waren einige dieser Vorurteile. Bezeichnend hierfür ist ein Zitat aus dem Magazin Femme Foot (2): „….erzähle mir was ist richtig feminin an Frauenfußballspielerinnen? Ihre militaristische Frisur? Ihre behaarten Beine oder ihr gestählter Körper nach Rambo-Art! Bisher konnte ich noch keinen Bartwuchs erkennen aber das liegt wahrscheinlich an meiner eingeschränkten Sicht.“
Die Angst, dass Frauen vermännlicht werden, ist nicht nur eine Besonderheit des Fußballs, sondern ein stets wiederkehrendes Phänomen wenn Frauen Plätze oder Räume betreten, die traditionell als Männerdomäne angesehen werden.

Womens's European Championship

Der Frauenfußball entwickelte sich in den 1980ern und 1990ern weiter und verschaffte dem Frauenfußball in Frankreich eine formelle Struktur, die ihm erlaubte in der internationalen Fußballszene mitzuwirken. Aufgrund der Popularität des Frauenfußballs in Europa schuf die UEFA die Women’s European Championship, an der Frankreich bei allen 6 Turnieren teilnahm, aber nie über das Viertelfinale hinauskam – ebenso erfolglos war die Frauennationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften.

Zurzeit gibt es drei Frauenligen in Frankreich. 48.000 Mitglieder des Verbandes FFF sind Frauen, dies sind gerade mal 2 Prozent. Wie in einigen anderen Ländern Europas, gibt es auch in Frankreich keine ausreichende Infrastruktur die ein professionelles System für den Frauenfußball ermöglichen würde. Im Vergleich zu dem französischen Männerfußball haben die Frauen eine sehr geringe Berichterstattung in den Medien und auch ein sehr geringes Sponsorenaufkommen.

Trotz der Weiterentwicklung in Frankreich haben die Topteams wie z.B. Lyon nur eine geringe Anzahl an Zuschauern. Es scheint, dass der Frauenfußball in Frankreich zu einer anonymen Sportart degradiert wird, der kaum Medieninteresse weckt. Im französischen Fernsehen ist der Frauenfußball komplett abwesend, die Spiele der Weltmeisterschaft 2003 und der Europameisterschaft 2005 wurden nicht gezeigt. In den Fußballfachzeitschriften wie l’Equipe, France Football oder Onze Mondial wird der Frauenfußball kaum beachtet, Frauentennis hingegen und seine Stars sind dort feste Größen. Weiterhin gab es verschiedene Versuche Frauenfußballmagazine zu etablieren, wie Le football au feminin, Football feminin oder footfeminin.fr, le Magazine. Der Frauenfußball in Frankreich bleibt somit eine Amateursportart, die immer mehr Abstand zum professionellen Fußball aufweist. Auch ist es fraglich ob die Integration der Frauenvereine in die großen professionellen Männerclubs sowie dies 2005 bei Olympique Lyon geschah, ausreichen wird um dem Rückstand im Frauenfußball nachhaltig entgegenzuwirken. Heutzutage wird Fußball noch immer weitläufig als eine Männersache angesehen. Dazu trägt sicherlich der relativ geringe Erfolg der französischen Frauen auf der Weltbühne bei, die keinen so genannten Geist des Erfolges mit sich trugen, welches möglicherweise eine Kehrtwende in der Frauenfußballförderung mit sich bringen würde. Falls der französische Frauenfußball mit seiner fast 100jährigen Geschichte keine signifikanten Investitionen und Infrastruktur erhält, wird er weiterhin eine Randerscheinung des französischen Fußballs bleiben.

 

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Paavo Posselt hat an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Magister Soziologie, Neuere Geschichte und Niederländische Philologie studiert. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit Integrationskonzepten und -politik in Europa.

 

Endnoten:
(1) Vgl. Gillmeister, 2008.
(2) Femme Foot, 1988, p. 12. Frei übersetzt.

 

Quellen:

  • Geoff, H. (2003) Football in France: a cultural history.
  • Gillmeister, H (2008) Vom Burgtor zum Fußballtor. Gedanken zum Ursprung des Spiels mit dem runden Leder, in: Baumann, U. / Dahlmann, D (Hrsg.): Kopfball, Einwurf, Nachspielzeit. Gespräche und Beiträge zur Aktualität und Geschichte des Fußballs.
  • Perrot, M. (1998) Les femmes au les silences de l’histoire.
  • Prudhomme-Poncelet, L.(2007) Les Femmes, Balle au Pied –A History of French Women’s Football, in : Magee, Caudwell, Liston and Scraton (Hrsg.): Women, Football and Europe.
  • Prudhomme-Poncelet, L. (2003) Histoire du football feminin au XXe siecle.
  • Williams; J (2003) A Game for rough girls A history of women’s football in Britian.

 

Links:

Zur Fußball-WM der Frauen sind wir mit am Ball und erkunden die Fußballkultur der teilnehmenden Länder: Was kosten Eintritt und Stadion-Wurst? Wie viele Fans gibt es in Rio, Abuja und London? Wer hat das Zeug zur Torschützenkönigin? Gleichzeitig schauen wir auch über den Stadionrand hinaus und fragen: Wo birgt der Fußball Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen? Wie wird Fußball für Frauen ein Emanzipationskick? Wir gehen auf Tour in die WM-Austragungsorte und laden ein in die Böll-Arena.

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