Dr. Nivedita Prasad - Porträt einer Feministin of Color: "Ich wollte auf der anderen Seite stehen"

Dr. Nivedita Prasad - Porträt einer Feministin of Color: "Ich wollte auf der anderen Seite stehen"

Dr. Nivedita Prasad - Porträt einer Feministin of Color: "Ich wollte auf der anderen Seite stehen"

20. Februar 2012
Esther Dischereit

Berlin-Schöneberg ist ihr Lieblingsviertel, Kiez, sagen die Berlinerinnen. Ein Kiez, in dem viele people of color wohnen, Homos, Heteras, Transgender, Intersex und überhaupt alle. Dr. Nivedita Prasad redet mit diesen Begriffen beim Kaffeetrinken und in Vorlesungen. Für sie ist diese Differenziertheit nicht akademisches Begriffsrepertoire, sondern Teil eines feministisch gelebten Lebens. Es gehört zu den Frauen-Bewegungen, die Berlin zu diesem Pot zwischen Kulturen, Ethnien, Religionen und Genderorientierungen gemacht haben; die dafür stritten, offen und sichtbar zu werden. Nivedita Prasad lernte die 1996 gestorbene May Ayim kennen, die seit Ende der achtziger Jahre beim Aufbruch Schwarzer Deutscher in die Öffentlichkeit und beim Aufbau eigener Communities eine wichtige Rolle spielte, und arbeitete mit ihr zusammen. “Black History Month” wurde ein Symbol dafür. Die ersten Diskussionen über Whiteness - was heißt das eigentlich: weiße Dominanzkultur - fanden statt: Annäherungen zwischen jüdischen und feministischen Welten, zwischen deutsch-deutschen Frauen und Frauen, deren biographischer Hintergrund die Migration ist - in der ersten, in der zweiten, jetzt schon in dritter und vierter Generation.

Schokofabrik, Werkstatt der Kulturen der Welt, Black History Month, Orlanda Verlag - sie sind Orte der Debatten für Fragen geworden, wie sieht Exklusion, wie sieht der Ausschluss aus der Gesellschaft konkret aus? Und wie schaffen wir eigene Räume? Bevor die Institutionalisierung und Theoretisierung dieser Fragen in Gender Studies, Cultural Studies und anderen Disziplinen einsetzte, waren es diese "spaces", in denen die Diskussionen geführt und schließlich zu inzwischen etablierten Formen wie Christopher Street Day, Mädchen- und Frauenhäusern, Ban Ying, Beratungsstelle für Betroffene des Menschenhandels und anderen führten.

Das konkrete Gesicht der Diskriminierung, die reale Etablierung der eigenen Sichtbarkeit waren Themen, die Nivedita Prasad persönlich bewegten; lange bevor sie wusste, dass sie sie zu ihrer Profession machen wollte. Sie zog von Siemensstadt nach Neukölln, bevor Schöneberg ihr Platz wurde. So als markierten diese Umzüge auch eigene Etappen, Positionen, Aktionen, in denen sie sich und andere weiterbewegte; zwischen sozialer Arbeit, Hilfe und Selbsthilfe, dem Thema Menschen- und Frauenhandel, Missbrauch und Gewalt gegen Mädchen mit Migrationshintergrund, freiwillige Prostitution und Zwangsprostitution; ein Weg, der sie schließlich von Berlin nach Genf, Brüssel und Bangkok führen sollte.

Nivedita Prasad wurde 1967 in Chennai, in Indien in eine Singh-Familie hineingeboren. In dieser nordindischen wohlhabenden Familie wuchs sie hinter Gated Areas als Einzelkind auf. Der Großvater war Großgrundbesitzer und betrieb eine Fabrik. Vater und Mutter hatten studiert. Zu Hause wurden Englisch und Hindi gesprochen. Das Kind Nivedita wurde in den ersten fünf Lebensjahren zweimal von schweren Krankheiten heimgesucht, die sie fast zwei Jahre lang ans Bett fesselten. 1969/70 ging die Familie, in der es auf Betreiben des Großvaters immer auch für die Töchter und Enkelkinder hohe Bildungsanforderungen gab, nach Delhi. Während sich der Vater dort, inspiriert von den Studentenbewegungen in Europa, neu liierte, blieben Mutter und Kind in dörflicher Umgebung zurück. Mit fünf Jahren begann für das Kind Nivedita ein Leben im Internat; ein Ort, dessen Bildungskonzept britisch orientiert war.
Großvater und Mutter betrieben die Auflösung der Ehe. Niveditas Mutter war eine der ersten drei Frauen Indiens, die eine Scheidung von ihrem Mann durchfochten.

Während der leibliche Vater mit seiner Familie weiterzog und als Manager eines Konzerns heute in den USA lebt, orientierte sich die Mutter im Zuge ihrer Wiederverheiratung nach Europa und zwar nach Deutschland. Der Unternehmer eines Betriebes mittlerer Größe in Berlin-Kreuzberg wurde Niveditas Stiefvater. Die Mutter verließ Indien, während für das Internatskind Nivedita der Großvater die wichtigste Bezugsperson wurde. 1976 wird der Halbbruder Amit geboren. Schwester Nivedita kommt nach Deutschland, wird zwar eingeschult, aber schon nach einem halben Jahr wieder zurückgeschickt. Erst vier Jahre später, am 11.2.1981 reist die nunmehr 13-Jährige endgültig ein. Sie eignet sich binnen eines halben Jahres außerordentliche Deutschkenntnisse an. Der Besuch der weiterführenden Oberschule wird empfohlen. Die Jahrgangsjüngste ist auf dem Weg zum Abitur, als sie im Alter von 16 Jahren von der Familie erneut nach Indien abgeschoben werden soll. Ein One-Way-Flugticket wird für sie aus Anlass einer Familienfeier gebucht. Vorausgegangen sind dem heftige häusliche Zerwürfnisse und psychische Gewalt. Mit Unterstützung eines Mitschülers gelingt der noch immer Minderjährigen der Auszug aus der Familie. Die Ausländerbehörde toleriert den Aufenthalt der Passlosen wenigstens bis zum Abitur. Die Eltern hatten das Dokument der indischen Botschaft zurückgegeben. Als "ausländerrechtlich Erfasste" zieht Nivedita Prasad mit Unterstützung des Jugendamtes in ein Mädchenheim. Hier ist sie die einzige junge Frau mit Migrationshintergrund und auch die einzige, die Abitur machen wird.

Sie erhält einen Vormund zur juristischen Begleitung und durchlebt alle vier Monate, wenn die Aufenthaltserlaubnis abläuft, erneut eine existenzielle Krise.
Im späteren Berufsleben wird sie sich immer wieder mit Menschen ohne Papieren beschäftigen, wird sich für das Recht auf Rechte einsetzen, schreibt an einem Leitfaden mit, wie Frauen, die einwandern wollen, eventuell einwandern können. Ein Leitfaden, der als offizielle Verlautbarung von Amts wegen nicht geduldet werden wird. Mit Sorge sieht sie heute, wie es besonders den Afrikanerinnen ergeht, die ihre Länder verlassen wollen. "Nicht nur mittellos, sondern auch verletzt und erniedrigt kommen sie an, wenn sie nicht unterwegs gestorben sind. Die Frauen gehen trotzdem. Niemand wird sie aufhalten", sagt Nivedita Prasad. "Und wenn das so ist, warum können wir dann keine Möglichkeiten dafür schaffen, dass sie auf diesem Weg weniger Gefahren ausgesetzt sind. Sie müssten die Möglichkeit haben, sich treuhänderisch Geld zu leihen - zu bezahlen, was gezahlt werden muss - und dann die Chance haben, fair zurückzuzahlen." "Ganz und gar legal müsste das von statten gehen, um die Frauen vor Zwangsausbeutung zu schützen", sagt Prasad. Sie weiß, dass es sich um einen Menschentraum handelt, von dem sie da spricht.

Stets bedroht vom Verlust ihres Aufenthaltsstatus - "mit 18 Jahren ist hier Schluss"  so die Berliner Ausländerbehörde - macht sie Abitur, beginnt die "Emma" zu lesen und will Sozialpädagogin werden. Sie will sich einsetzen für Angebote für Mädchen mit Migrationshintergrund und beginnt selbst in einer Zufluchtsstätte für Betroffene von Missbrauch und sexueller Gewalt zu arbeiten. "Ich wollte auf der anderen Seite sein." Sie wird mit Familiengewalt, mit Suizid, mit psychiatrischen Erkrankungen konfrontiert und lernt zu beraten und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Erfolg hat sie auch darin, hierfür  private Unterstützerinnen zu gewinnen. Im Rundfunk bittet sie um Verhütungsmittel und Geldspenden. "Der Kasten Kondome, der daraufhin eintrifft, wird für ein Jahr mindestens reichen", sagte sie. Während die feministische Bewegung sich überhaupt verdient gemacht hatte um die Existenz solcher Noteinrichtungen, so stößt das Engagement jetzt an Grenzen. "Was es heißt, wenn die Gelder der Jugendhilfe mit der Aufenthaltserlaubnis zusammengebunden sind... Das versteht doch niemand, was das bedeutet."  Prasad beginnt die Dominanz der weißen deutsch-deutschen Frauen in den Betreuungsverhältnissen zu problematisieren. Die Gewalterfahrungen der Mädchen aus Familien, die migriert waren, werden Andersartigkeit und kultureller Differenz zugeschrieben. Nivedita Prasad beginnt zu schreiben und sich in diese Debatten einzumischen. Sie ist eine der ersten, die gegen die Ethnisierung der Gewalttaten auftritt und die Rassismus innerhalb der Frauenbewegung zum Thema macht. "Warum", so frage ich mich, "warum soll es im Mädchenhaus keine türkische Teekanne geben? Könnten wir es den Mädchen nicht etwas gemütlicher machen?" "Es sei schädlich, türkischen Tee zu trinken, der Organismus werde vergiftet...- das war die Antwort."  Mit diesem Alltagsrassismus findet sie sich auch nicht ab. Später wird sie sich fragen, warum ihr die deutsche Frauenbewegung oft etwas verbissen und obendrein unerotisch vorgekommen ist. Aber das ist wieder eine andere Diskussion. Nivedita Prasad wird 1987 zum Studium an der FU Berlin im Hauptfach Pädagogik zugelassen. Mit ständig weiter unsicherem rechtlichen Aufenthaltsstatus finanziert sie sich zunächst selbst durch Aushilfsjobs. Sie arbeitet auch ehrenamtlich in der Aids-Hilfe. 1993 besteht sie die Abschlussprüfung mit einer Arbeit über Feministische Sozialarbeit mit Migrantinnen mit Auszeichnung und beginnt Lehraufträge an der Technischen Universität Berlin zu übernehmen. Mit der Geburt ihrer Tochter Divya im Jahr 1996 muss sie die Schicht- und Wochenendarbeit im Mädchenhaus aufgeben. Sie wird 1997 bei Ban Ying, einer Beratungs- und Koordinationsstelle gegen Menschenhandel in Berlin,  Projektkoordinatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin. Erneut begleitet sie das Thema “Sexuelle Gewalt und Migration”. "Ich konnte jeden Tag etwas Neues lernen", sagt Dr. Prasad. Sie beginnt ihre Arbeit als Menschenrechtsarbeit zu begreifen, entwickelt Lobbyarbeit für die Rechte der Hausangestellten bei der UNO, verhandelt mit Vertretern des Auswärtigen Amtes, der Polizei, des Senats für Inneres von Berlin und anderen. Ihr zentrales Anliegen wird es, die Menschenrechtskonventionen als System des Schutzes in der Sozialen Arbeit zu propagieren: gegen Zwangsarbeit und Menschenhandel. Ban Ying wird Trägerin von Kampagnen wie www.verantwortlicherfreier.de. Nivedita Prasad schreibt mit am Schattenbericht über die Bewertung der Bundesrepublik Deutschland in Bezug auf die Einhaltung von Menschenrechten. Sie vertritt die Position ihrer NGO in Brüssel, Genf und später auf weltweiten Treffen. Mehrfach kommt es zu wegweisenden außergerichtlichen Einigungen zwischen Klientinnen und mächtigen Gegnern aus dem Bereich der diplomatischen Vertretungen wegen häuslicher Sklaverei. Gleichzeitig entwickelt sie Polizeifortbildungen zum Thema Rassismus, Diskriminierung, Menschenhandel. “Eine sehr anstrengende Arbeit, eine wichtige Arbeit, Rassismus tritt offen zutage. Wir sind da aber nicht nur Betroffene, sondern auch Expertinnen.” An Fatih Akins Filmen schätzt sie besonders die Darstellung des “Normalen”. “Dass der Migrant hier nicht nur Exot oder Zuhälter ist, sondern Mensch, Liebhaber und sonst noch irgendwas.”

Die Mitarbeiterinnen von Ban Ying setzen sich mit der Vertretung ihrer Klientinnen gewalttätigen und kriminellen Milieus aus. Mehrmals geht es um mehr als 40.000 Euro vorenthaltener Lohnbestandteile nach jahrelanger Ausbeutung. Ban Ying schreibt in einer Postkartenaktion: “Weltstadt Berlin – wo moderne Sklaverei zu Hause ist”.

Nivedita Prasad sucht die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte. Ab 1993 beginnt sie an der Technischen Universität Berlin, später an der Alice-Salomon-Fachhochschule und in Maastricht zu unterrichten; ab 2003 im Studiengang “Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession”. Die Professorinnen Birgit Rommelspacher, Christina Thürmer-Rohr, Silvia Staub-Bernasconi und andere wurden Prasads wissenschaftliche Lehrmeisterinnen, Mentorinnen und Kolleginnen. Außerdem ist sie alleinerziehende Mutter, Netzwerkerin, sich schreibend Einmischende. Immer wieder äußert sie sich gegen ethnisch, religiös oder kulturell begründete Zuschreibung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, zuletzt zusammen mit anderen gegenüber einer Studie, die das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend im November 2011 zu Zwangsverheiratung herausgegeben hat. In Bangkok trifft sie die Expertinnen selbst organisierter Projekte der Hausangestellten, der Huren und verschiedener anderer Organisationen (GAATW). "Sie sind sehr respektvoll und achten darauf, dass die Betroffenen selbst sprechen. Außerdem ist es hier wichtig, dass die Vertreterinnen Westeuropas nicht überrepräsentiert werden. Hier geht es um feministische Projekte weltweit". Vielleicht war sie im Flugzeug dorthin, als sie ihren wissenschaftlichen Werdegang überdachte. "Ich wurde vierzig und stellte fest, dass ich promoviert haben wollte." Dr. Prasad promovierte 2008 an der Universität Oldenburg. Ab 2010 übernahm sie die Leitung des von Prof. Staub-Bernasconi eingerichteten Studiengangs “Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession” in Berlin: ein Kooperationsprojekt der Evangelischen, der Katholischen und der Alice-Salomon-Hochschule und ein Novum als deutschsprachiges Lehrangebot.

Prasads Kompromisslosigkeit gegenüber Autoritäten, wenn es um die Belange von Betroffenen geht, mag in anderen Zusammenhängen gelegentlich starrsinnig erscheinen. Es ist die feministische Szene, die das junge Mädchen aufnahm und in der sie “groß” wurde. Es dauerte, bis sich diese Bewegung auch mit Rassismus und Exklusion beschäftigte. “Aber es hat sich etwas getan”. Und dabei meint Nivedita Prasad auch die Räume, die sich “Diaspora”-Musik erobert, Aziza A, Chiha, die tunesische Sängerin, die auf Deutsch singt, und andere. Später, als die Tochter da war, wurde sie Passdeutsche. Würde sie auch etwas anderes gemacht haben als Soziale Arbeit? "Vielleicht  Innenarchitektin, Bauhaus-Spezialistin", sagt sie. Das Mittagslicht, das durch die Balkonfenster in ihre Wohnung dringt, fällt auf ein gerahmtes Foto an der Wand. Gezeigt wird eine Gruppe von Tänzerinnen in der Choreografie Chandralekhas, der Grand Dame des modernen indischen Tanzes.

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Esther Dischereit
Die Autorin ist Schriftstellerin; Erich-Fried-Preis 2009; letzte Publikation: Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus, AvivA, Berlin, 2009

2 Kommentare

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Gast

Dieser wahnsinnig lebendige Vortrag im Conti-Hochhaus Uni- Hannover vor einer Woche hat mich total angesprochen.Neue Möglichkeiten sich der Menschenrechte bewußt zu werden u. Diese auch von entsprechenden Stellen einzuklagen war und ist eine wichtige Information gewesen.Ich selber bin Soziologin und es freute mich sehr, dass sie in Hannover waren.

usha gabel

ich bin sehr beeindruckt.ich komme auch aus indien.wünsche dr.prasad viel
erfolg.