Wie türkische Frauen ticken

Wie türkische Frauen ticken

Wie türkische Frauen ticken

vier Menschen auf dem Podium
Podium: Andreas Haase, Mekonnen Mesghena, Jale Arikan, Sinan Akkuş. Foto: Stephan Röhl. Lizenz: Creative Commons BY-SA 3.0.

1. Juli 2010
Von Corina Weber

Der Kölner Regisseur Sinan Akkuş windet sich in der Diskussion nach der Vorführung charmant, seinen Debutfilm „Evet, ich will“ in eine Schublade stecken zu müssen. Cultural-Clash-Komödie? Multikulti-Märchen? Hochzeitskomödie? „Aaaach... egal, wie Sie ihn nennen, keine Ahnung“, antwortet er, während im Publikum noch letzte Lacher und Beifall zu hören sind, „es klingt alles freundlich und passt“, sagt er schließlich. Oder passt eben nicht. Denn das Besondere an dem türkisch-deutschen Film „Evet, ich will“ ist, dass er mit seinen fünf eng verwobenen Episoden rund ums Heiraten die Kategorien sprengt und kulturelle Klischees übertreibt, um sie zu unterlaufen und gerade vom Schubladendenken befreien will. Sinan Akkuş` Komödie zeigt bunte Vielfalt innerhalb der Migranten-Community, wo sonst Einfalt den deutschen Blick beherrscht. Deshalb und weil er Humor erfolgreich als Mittel der Aufklärung nutze, habe ihn die Böll-Stiftung für ihre Reihe „Interkulturalität und Politik“ ausgewählt, erklärt Moderator Mekonnen Mesghena von der Böll-Stiftung, der nach der Filmvorführung mit Regisseur Sinan Akkuş, der Schauspielerin Jale Arikan und dem Gender-Trainer Andreas Haase über Facetten und Fallen der Migrationsgesellschaft diskutierte.

Schwule Türken und verklemmte Deutsche

Es ist ein skurriles, farbenfrohes Panoptikum, das der Film zeigt: Ob es um den Radiomoderator und Fleischersohn Coşkun geht, der erst seinem kurdischen Vater drohen muss, sich mit dem Hackbeil den Finger abzuhauen, damit dieser beim türkischen Vater seiner Freundin Günay um deren Hand anhält und der schließlich, wie es bei seinem Großvater noch Tradition war, die vom Vater eingeschlossene Freundin entführt - statt mit Säbeln mit modernen Mitteln in Form des Schlüsseldienstes. Oder um den Studenten Dirk, dessen liberale Öko-Eltern nichts von seinen Heiratsplänen halten und der seinen verklemmten Softie-Vater dazu bringen muss, der Form willen einmal im Leben Patriarch zu spielen und um die Hand seiner Freundin Özlem anzuhalten, was schief geht: Dirk ist zwar zum Entsetzen der Mutter sofort bereit, zum Islam zu konvertieren, aber weigert sich, sich auch noch beschneiden zu lassen. Da ist der schwule KFZ-Mechaniker Emrah, der sich nicht traut, seiner türkischen Familie beizubringen, dass er seinen Freund Tim liebt und dessen ahnungsloser Vater seinen Sohn mit der Friseurin Nursel verheiraten will, die allerdings heimlich mit einem Afroamerikaner zusammen ist, von dem sie ein Kind erwartet.

Zwischen Anpassung und Anbiederung

Alle bekommen politisch-unkorrekt ihr Fett weg, auch die liberalen Deutschen. Dirks Mutter, eine 68-erin, schockt ihren Sohn damit, dass sie zum Antrittsbesuch bei den türkischen Eltern seiner Freundin ein Kopftuch überzieht: „Das sind Türken, da möchte ich mich anpassen.“ Seine Heiratspläne quittiert sie mit einem Vortrag über die Vorzüge von freier Liebe, die eine türkische Frau nicht akzeptieren werde. „Woher weißt du denn, wie türkische Frauen ticken?“, entgegnet er genervt. Als gegen Filmende alle verhinderten Paare zusammen finden und Dirk endlich seine Özlem heiratet, führt seine Mutter auf der Hochzeit einen Bauchtanz auf. Während Geschäftsmann Boskin über sich selbst entsetzt sagt: „Ich glaub, ich bin überintegriert.“ Es seien eben nicht nur die Türken in Berlin, die sich anpassten, erklärt Mekonnen Mesghena: „Es sind interessante Integrationswege, die im Film gezeigt werden, auch die Deutschen passen sich andere Normen an.“ Gender-Trainer Andreas Haase wirft dagegen ein, „dass die deutsche Mutter auf der Hochzeit einen Bauchtanz aufführt, das ist nicht Anpassung, sondern Anbiederung.“ Dem widerspricht die in Berlin lebende Schauspielerin Jale Arikan, die im Film Günays ältere, unverheiratete und frustrierte Schwester spielt, heftig: „Nein, die Mutter war eben früher so ein Hippie in den Sixties, da fuhr man nach Indien und machte eben auch Bauchtanz, das ist keine Anbiederung.“ So ist das mit Klischees und Vorurteilen, desto mehr man mit ihnen spielt, desto mehr Fragen nach ihrer Realität werfen sie auf. Im Film gelingt das ganz ohne Zeigefinger, nur mit Hilfe des Zwerchfells.

„Gottes Geschöpfe sind von unendlicher Vielfalt“

Mit dem Motiv des Heiratens hat Sinan Akkuş einen geeigneten Topos gefunden, sowohl für den ewigen Kampf um die Liebe, für das Spiel mit kulturellen Klischees wie für den Konflikt zwischen der so genannten zweiten Generation, der er selbst angehört – er kam im Alter von drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland - und der Elterngeneration, die oft religiöser und traditioneller als ihre Kinder ist: „Ich kenn von meinen Freunden einen Haufen skurrile Geschichten, wie sie gegen ihre Eltern kämpfen, wie schlimm es ist, wenn die Freundin keine Muslimin ist“, erzählt Sinan Akkuş. Der 39-Jährige ergänzt augenzwinkernd: „Zum Glück bin ich endlich verheiratet, meine Mutter hat mich auch jahrelang damit genervt“. Vor einem Jahr hat er seiner iranischen Freundin einen Antrag gemacht.

Im Film nehmen die Generationenkonflikte teils absurde Züge an, Nursels Vater zeigt sich zwar großzügig, als während des Heiratsantrags der Zukünftige seiner Tochter weinend zusammenbricht und sich als schwul outet: „Gottes Geschöpfe sind von unendlicher Vielfalt“, sagt er versöhnlich, als jedoch wenige Minuten später ein Afroamerikaner vor seiner Tür steht und sich als Nursels Freund vorstellt, hebt der Vater schockiert die Hand gegen seine Tochter. Doch beim Happy End dürfen sich Kinder und Eltern wieder in die Arme fallen und Freudentränen fließen, selbst Emrahs Vater, der Besitzer einer KFZ-Werkstatt, gibt seinem schwulen Sohn und dessen Freund seinen Segen, allerdings verlangt er: „Das darf niemals jemand erfahren, du weißt ja wie die Türken sind! Vor allem küsst euch nie vor den Kunden. Schwule und Autos, das passt nicht zusammen.“

„Der Integration ein Stück näher gekommen“

Ob es nicht doch auch Tabus für ihn gebe, bei aller Liebe zum Politisch Unkorrekten, will Mekonnen Mesghena von Sinan Akkuş wissen. „Doch“, sagt dieser und zieht seine Stirn in bekümmerte Falten, „die kurdisch-türkische Geschichte war für mich heikel, da wollte ich keiner Seite auf den Schlips treten.“ Prompt sei nachher gesagt worden, warum sind die Kurden bei dir religiöser als die Türken und nicht andersrum? Insgesamt sei der Film gerade von in Deutschland lebenden Türken gut angenommen worden, darüber sei er sehr erleichtert, erzählt der Filmemacher. Auch von den Zuschauern an diesem Abend bekommt er nur Lob und Komplimente dafür, dass er mit so viel Leichtigkeit so viel innere Differenzierung erreicht habe, wo sonst Problemfilme und große Debatten lediglich äußere Differenzierung produzierten.

Vielleicht landet die türkisch-deutsche Hochzeitskomödie sogar bald auf dem Berliner Standesamt. Ein Psychologe, der derzeit Beamte in Kreuzberg interkulturell coachen soll, zeigt sich an dem Abend so begeistert von „Evet, ich will“, dass er darum bittet, ihn als Lehrfilm einsetzen zu können: Er will damit Standesbeamte in Kreuzberg und Neukölln auf das Heiraten in Zeiten der multikulturellen Vielfalt vorbereiten. Schließlich schlägt die Wortmeldung einer anderen Teilnehmerin einen gelungenen Bogen von Sinan Akkuş` Komödie zur Wirklichkeit der Einwanderungsgesellschaft: „Danke für diesen wunderbaren Film! Es zeigt dass wir der Integration ein Stück näher gekommen sind, wenn solche Filme produziert werden.“

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