Überblick über die wirtschaftlichen Aspekte der Atomkraft

Überblick über die wirtschaftlichen Aspekte der Atomkraft

Überblick über die wirtschaftlichen Aspekte der Atomkraft

29. September 2010
Von Steven Thomas
Von Steve Thomas

Ein zentrales Versprechen, das die Atomlobby mit der Atomkraft verbindet, ist die Aussicht auf konkurrenzlos günstige Strompreise. Zugleich stocken weltweit die geplanten Bauten von Reaktoren, weil sich keine privaten Investoren finden, die die Risiken, die mit dem Bau von Atomkraftwerken verbunden sind, ohne staatliche Preisgarantien und Subventionen eingehen. Kein Wunder, dass in der Öffentlichkeit Unklarheit über die Frage herrscht, ob mit Atomkraft wirklich günstig Strom produziert werden kann. 

Der Beitrag von Steve Thomas „Überblick über die wirtschaftlichen Aspekte der Atomkraft“. bringt Aufklärung. Detailliert beschreibt er die Faktoren, die die offenen und verdeckten Kosten eines Atomkraftwerkes bestimmen. Dabei berücksichtigt er den Weltmarkt für Atomkraftwerke und analysiert die bisherigen Kosten, die weltweite Auftragslage und die zukünftige Kostenentwicklung.

Die wichtigsten Kostenfaktoren der Atomwirtschaft
Die Entstehungskosten für eine Kilowattstunde Atomstrom setzen sich zu 70 Prozent aus den fixen Baukosten, zu 20 Prozent aus den fixen Betriebskosten und zu den restlichen 10 Prozent aus variablen Betriebskosten zusammen. Zu den fixen Baukosten gehören vor allem die Zinszahlungen für die Kredite sowie die Rückzahlung des Kapitals. Die Kosten pro Kilowattstunde hängen außerdem noch von der Verfügbarkeit des jeweiligen Kraftwerks ab. Je zuverlässiger es arbeitet, desto mehr Leistung bringt es und desto höher ist der Ertrag, auf den man die Fixkosten verteilen kann. Zu den laufenden Kosten gehören hauptsächlich Betriebs-, Wartungs- und Reparaturkosten, während die Kosten für die Brennelemente nicht so sehr ins Gewicht fallen.

Diese Kostenverteilung macht deutlich, warum weltweit so sehr um die Verlängerung der Laufzeiten gestritten wird. Ist ein Atomkraftwerk erst einmal gebaut, ist es wirtschaftlich attraktiv, die Anlage weiter zu betreiben, und zwar selbst dann, wenn die gesamten Erzeugungskosten einschließlich der Baukosten höher sind als die Kosten alternativer Techniken. Die Baukosten einer Anlage sind nämlich „Sunk Costs“, versenkte Kosten, die nicht rückgängig gemacht werden können, die Grenzkosten der Erzeugung einer zusätzlichen Kilowattstunde (kWh) dagegen können vergleichsweise gering sein.

Thomas macht jedoch zugleich deutlich, dass verlängerte Laufzeiten nicht automatisch zu billigem Strom führen. Denn aufgrund der Verlängerung entstehen teilweise erhebliche Unkosten, weil ausgediente Komponenten der Anlage ersetzt werden müssen und das Kernkraftwerk an die aktuellen Sicherheitsstandards angepasst werden muss.

Kein Atommeiler ohne staatliche Hilfe
Geht es jedoch um den Bau von neuen Reaktoren sieht es anders aus. Thomas macht in seinem Artikel eines deutlich: Kein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen wagt heute den Neubau eines Atomkraftwerks ohne staatliche Subventionen und Bürgschaften. Neue Werke werden vor allem dort gebaut, wo der Staat der Energiewirtschaft massiv unter die Arme greift. Am augenscheinlichsten wurde dies durch die Verlautbarung der sechs größten Investmentbanken an der Wall Street (Citigroup, Credit Suisse, Goldman Sachs, Lehman Brothers, Merrill Lynch und Morgan Stanley), in der sie 2007 dem Energieministerium der USA mitteilten, sie würden keine Darlehen für neue Atomkraftwerke vergeben, solange die Steuerzahler die Risiken nicht vollständig übernähmen.  Die Gründe für diese Zurückhaltung führt Thomas faktenreich vor Augen.

  1. Die Kosten für neue Anlagen explodieren weltweit- teilweise um den Faktor fünf. Anders als bei den meisten anderen Technologien sind die realen Baukosten nicht aufgrund von sog. Lern- und Skaleneffekten und dem technologischen Fortschritt gesunken. Bekanntestes Beispiel ist der Baupreis des neuen Atomkraftwerks im finnischen Olkiluoto, der sich bereits von 3 Mrd. Euro auf rund 5,4 Mrd. Euro erhöht hat, obwohl noch nicht einmal der Rohbau steht. 
  2. Weltweit sind die Vorlaufzeiten, also der Zeitpunkt an dem entschieden wurde das Werk zu bauen bis zur Inbetriebnahme, unberechenbar und teilweise sehr lang.  
  3. Die Auslastung der Atomkraftwerke ist viel geringer als prognostiziert. Nur sieben der 414 Reaktoren, die weltweit aktuell in Betrieb sind, die mindestens ein Jahr am Netz waren und deren Betriebsdauer permanent aufgezeichnet wurde, können über ihre gesamte bisherige Laufzeit hinweg eine Auslastung von über 90 Prozent vorweisen; nur die 100 effizientesten Anlagen erreichten über 80 Prozent.
  4. Auch neue Sicherheitsbestimmungen, wie beispielsweise der Schutz gegen terroristische motivierte Flugzeugabstürze, stellen ein unkalkulierbares Kostenrisiko für die Investoren dar.  

Die Externalisierung der größten Risiken
Thomas macht in seinem Beitrag aber auch deutlich, dass die größten Risiken der Kernenergie, wie die Entsorgung des radioaktiven Abfalls oder das Unfallrisiko, für die Wirtschaftsunternehmen ökonomisch nicht ins Gewicht fallen.

Zum einen fallen die unberechenbaren Entsorgungs- und die Stilllegungskosten erst in ferner Zukunft an und können daher „abgezinst“ werden.

Zum anderen beteiligt sich oft der Staat an den Entsorgungsrisiken – indem er beispielsweise wie in Deutschland milliardenschwere steuerfreie Rückstellungen erlaubt oder wie in den USA die Entsorgung der abgebrannten Brennelemente gegen Zahlung eines Pauschalbetrags von 1 Dollar pro Megawattstunde übernimmt, der nicht die voraussichtlichen realen Kosten deckt.

Auch das Unfallrisiko spielt bei Entscheidungen keine Rolle, weil die Unternehmen durch internationale Verträge abgesichert sind, durch die das Risiko auf die Steuerzahler abgewälzt wird. Das Wiener Übereinkommen über die Haftung von nuklearen Schäden von 1963  beschränkt die Haftung des Betreibers auf  460 Millionen Dollar - ein Bruchteil der Kosten, die vermutlich bei einem größeren Unfall in einem Atomkraftwerk entstehen.


Den vollständigen Text können Sie in unseren Schriften zur Ökologie, Band 12: "Mythos Atomkraft - Warum der nukleare Pfad ein Irrweg ist" lesen. 

Dossier

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 Nach dem Atomunfall in Japan ist die Atomdebatte wieder aufgeflammt. Das Dossier liefert atomkritisches Know-How zu den großen Streitfragen um die Atomenergie.

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