Chile: Die internationale Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen

„Sanhattan“, das Bankenviertel im Osten von Santiago de Chile. - Diese Bild steht unter einer GNU-Lizenz.

 

18. März 2009
Von Sebastián Ainzúa Auerbach
Von Sebastián Ainzúa Auerbach (Fundación Terram)

Die Krise, die wir aktuell erleben, ist in Bezug auf ihren Ursprung durchaus mit den Krisen der vergangenen 30 Jahre vergleichbar: der Schuldenkrise von 1982, der Asienkrise von 1998 und der Finanzkrise, die im letzten Jahr von den USA ihren Ausgang nahm. All diese Krisen sind auf „Exzesse“, einen Mangel an Regulation und krasses Fehlverhalten der verantwortlichen Eliten im Finanzsektor zurückzuführen.

Die Krise von 1982 war das Ergebnis einer exorbitanten Zunahme der Auslandsverschuldung vor allem der Länder Lateinamerikas, die u.a. auf eine Politik monetaristisch-neoliberalen Zuschnitts zurückzuführen war. Sie diente ihrerseits als Rechtfertigung für Strukturanpassungsprogramme, mit denen in den Ländern des Cono Sur ein liberales Wirtschaftsmodell implementiert wurde.

Die Asienkrise von 1998 hatte ihren Ursprung in der Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte, welche die Volkswirtschaften verletzbar machten und spekulative Blasen begünstigten.

Krisengeschichte

Auch die aktuelle Krise hat ihren Ursprung im Finanzsektor. Die exzessive Deregulierung der Märkte stachelte die „Kreativität“ der Börsenspekulanten geradezu an, immer neue Finanzinstrumente zu erfinden, die - obzwar dubios - eine hohe Rentabilität versprachen. Bis passierte, was nun nicht mehr zu übersehen ist: Die Finanzinstrumente entpuppten sich als Papiere, deren realer Wert sehr gering war.

Abgesehen davon, dass alle drei Krisenbeispiele ihren Ursprung im Finanzsektor haben, zeichnen sie sich auch durch gemeinsame Resultate aus. Nach dem anfänglichen finanziellen Niedergang ging die Krise in eine Vertrauenskrise über, die noch schwieriger zu bewältigen ist als das ursprüngliche Finanzdebakel. Als zweites haben die drei Krisen das Scheitern des ultraliberalen Wirtschaftsmodells aufgezeigt und die positive Wahrnehmung der „erfolgreichen“ wirtschaftsliberalen Modelle - Lateinamerika in den 1980er Jahren, die asiatischen „Tiger“ in den 1990er Jahren und das jüngste nordamerikanische Beispiel - in Frage gestellt. Der dritte gemeinsame Faktor ist, dass die Krisen letztlich die kleinsten und am wenigsten entwickelten Länder, die mit den Ursachen der Probleme nichts zu tun haben, am stärksten in Mitleidenschaft ziehen.

Chile besser gewappnet als andere ?

Obwohl es schon einer Beschwörung gleicht, ist Chile heute tatsächlich „besser gewappnet, der Weltwirtschaftskrise zu begegnen“, als dies in vorherigen Krisen der Fall war. Dabei wird gern unterschlagen, dass für die Rezession, in die Chile in diesem Jahr geraten wird, auch verfehlte hausgemachte wirtschaftspolitische Maßnahmen verantwortlich sind, die der amerikanischen Krise vorangingen.

Chile war, was Finanzkrisen anging, geradezu tonangebend: Im Jahr 1982 brach unser Finanzsystem aufgrund der völligen Deregulierung des Bankenwesens zusammen. Nachdem dieses nach dem Militärputsch weitgehend privatisiert worden war, wurden die Zinssätze liberalisiert und eine Deregulierungspolitik wurde eingeleitet, die alle Ebenen des Handels betraf und vor keinem Risiko halt machte. Der Unterschied zur amerikanischen Krise bestand darin, dass in Chile die Bankenkrise den Kern des Finanzsystems traf: die Geschäftsbanken, während in den Vereinigten Staaten vor allem die Investmentbanken und die Banken, die mit Hypothekendarlehen gehandelt hatten, in Schieflage geraten waren.

Als Ergebnis der Krise von 1982 ging das Bruttoinlandsprodukt um 14,3 Prozent zurück, die Arbeitslosigkeit stieg auf 23,7 Prozent und die Regierung entschied sich, den Peso um 18 Prozent abzuwerten.

Finanzsystem stärker reguliert, Exporte stärker diversifiziert als früher 

Im Fall der asiatischen Krise wurzelten unsere Probleme in der hohen Abhängigkeit der chilenischen Wirtschaft von den internationalen Märkten und der geringen Diversifikation der Zielländer unserer Produkte. Zum damaligen Zeitpunkt war Chiles Wirtschaft offen für den Außenhandel, aber wenig diversifiziert, was in dem Bild der drei Drittel zum Ausdruck kam: Demnach ging ein Drittel des Exports in die Vereinigten Staaten, ein zweites Drittel nach Japan und ein weiteres nach Europa. Vor diesem Hintergrund drückte sich die Asienkrise in einem Rückgang des Exports, einem Minuswachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,9 Prozent und einem Ansteigen der Arbeitslosenrate auf 10 Prozent aus.

Die Krise wurde durch die übertrieben rigide Geldpolitik der Zentralbank weiter zugespitzt, die den Zinssatz fast verdoppelte (von 8,5 auf 14 Prozent), um die wachsende Verschuldung der Privathaushalte und die Finanzspekulation einzudämmen.

Die aktuelle Krise trifft uns besser vorbereitet, weil einige der Probleme, die in der Vergangenheit die Krise vertieft hatten, gelöst wurden: Das Finanzsystem ist stärker reguliert, die Exporte sind stärker diversifiziert und der Verschuldung sind Grenzen gesetzt worden. Darüber hinaus besitzt die Zentralbank Dollarreserven im Werte von 25 Milliarden und die Zentralregierung hortet in ihrer Schatzkammer fast 20 Milliarden, was durch die Steuerüberschüsse der letzten fünf Jahre ermöglicht wurde. Aber leider reicht die makroökonomische und finanzielle Solidität nicht aus, um der Krise Herr zu werden. Der Schrumpfungsprozess wird in Chile durch Strukturprobleme der Wirtschaft vertieft, die in Problemphasen besonders deutlich werden.

Große soziale Ungleichheiten und hohe Wirtschaftskonzentration

Die Geschwindigkeit, mit der ein Land in der Lage ist, auf Wirtschaftskrisen zu reagieren, hängt maßgeblich von seiner Fähigkeit ab, die ökonomischen und sozialen Strukturen und Verhaltensweisen den Gegebenheiten anzupassen. So geht man davon aus, dass Gesellschaften mit einem höheren Maß an Ungleichheit (und einem höheren Grad an Konzentration) größere Schwierigkeiten haben, für die betroffenen Sektoren Maßnahmen umzusetzen, die von nachhaltigem Nutzen sind und zu einer Verbesserung führen.

Chile ist eine Gesellschaft mit großen sozialen Ungleichheiten und einer hohen Wirtschaftskonzentration, wodurch die Implementierung von Krisenlösungsstrategien erschwert wird.

Extreme Ungleichheit der Einkommen in Chile

Die extreme Einkommensungleichheit in Chile ist der Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen, deren Ursprung bis in die Anfangszeiten der Republik zurückreicht und die sich bis heute erhalten haben. Chile gehört, was den Index von Ungleichheit angeht, zur Weltspitze: Legt man den Gini-Koeffizienten zugrunde, so finden wir uns auf dem zwölften Platz der Länder mit der höchsten Ungleichheit der Einkommen wieder. Noch schlechter stehen nur einige extrem arme Länder Afrikas (z.B. Namibia, Botswana und Sierra Leone) und Lateinamerikas (Nicaragua, Honduras, aber auch Brasilien) da.

Obwohl es in Chile in den letzten 16 Jahren gelungen ist, die Armutsrate um mehr als die Hälfte zu reduzieren, ist der Grad an Ungleichheit unverändert geblieben. So galten im Jahr 1990 noch 38,3 Prozent der Bevölkerung als arm, während dies im Jahr 2006 nur noch 13,7 Prozent waren. In Bezug auf die Ungleichheit ergibt sich hingegen - nimmt man die 10:10-Quote als Bemessungsgrundlage -, dass im Jahr 1990 die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung über ein 30,1-mal so hohes Einkommen verfügten wie die ärmsten 10 Prozent. Dieser Indikator stieg im Jahr 2006 auf den Faktor 31,4. Andere Indikatoren legen zwar leichte Verbesserungen in der Verteilungssituation nahe, ändern jedoch nichts an der grundsätzlichen Schlussfolgerung, dass es sich im Fall Chiles um eine chronisch ungleiche Gesellschaft handelt.

 
 

Entwicklung der Indikatoren 10/10, 20/20, 10/40 und des Gini-Koeffizienten, 1990 - 2006

 

Jahr

 

1990

1992

1994

1996

1998

2000

2003

2006

Inidikator 10/10

30,1

27,9

29,9

32,2

34,5

32,8

34,6

31,3

Indikator 20/20

14,9

13,2

14,0

14,8

15,6

14,4

14,5

13,1

Indikator 10/40

3,5

3,3

3,5

3,5

3,5

3,5

3,4

3,0

Gini-Koeffizient

0,57

0,56

0,57

,0,57

0,58

0,58

0,57

0,54

 
 
Alles auf grün? Ampel in Santiago de Chile. Foto: Mauricio Ulloa. - Dieses Bild steht unter einer Creative Commons-Lizenz.

Diese Ungleichheit drückt sich auch in anderen gesellschaftlichen Schieflagen aus, beispielsweise was den Anteil der Frauen auf dem Arbeitsmarkt betrifft (hinzu kommt die Ungleichheit in der Entlohnung; so erhalten Frauen durchschnittlich nur 70 Prozent des Lohnes wie Männer mit gleicher Qualifikation). Ein weiterer Indikator ist die Höhe der Ausgaben und Investitionen pro Schüler im Erziehungsbereich.

Angesichts eines so hohen Grades an Ungleichheit ist es schwierig, sich vorzustellen, dass es den Bürgern und Bürgerinnen wirklich ermöglicht wird, ihre Situation zu verbessern und ihren Wohlstand zu steigern.

Große Ungleichheiten

Die soziale Ungleichheit ist das Spiegelbild der ökonomischen Ungleichheit, die aus der zunehmenden Konzentration in verschiedenen Wirtschaftsbereichen erwächst. Perspektivisch betrachtet sind diese Konzentrationsprozesse noch besorgniserregender als die aktuelle Krise selbst. Nicht nur weil in Zeiten der Krise die Konzentration generell zunimmt, sondern weil sie die Entwicklung der Produktivkräfte sowie der allgemeinen Wohlfahrt hemmt. Die Konzentration führt dazu, dass der Konkurrenzdruck nachlässt, reduziert aber auch die Anzahl der Akteure, denen Produktivität, Kreativität und Innovation abverlangt wird. In diesem Zusammenhang ist der Rückgang der produktiven Investitionen in Chile beunruhigend, weil die Fähigkeit des Landes, in der Zukunft höhere Einkommen und mehr Beschäftigung zu generieren, aufs Spiel gesetzt wird. Dies wird an den Wachstumsziffern der chilenischen Wirtschaft nach der Asienkrise ablesbar: Obwohl Chile als Schwellenland betrachtet wird, bleiben seine prognostizierten Wachstumsraten von 5 Prozent weit hinter den Ökonomien zurück, die man unter dieser Kategorie zusammenfasst.

Der Einzelhandel (Supermärkte, Kaufhäuser, Baumärkte) wird von drei Unternehmensgruppen dominiert, die klare Anzeichen von Preisabsprachen aufweisen und gegenüber ihren Lieferanten und Zulieferbetrieben ein wenig transparentes und wettbewerbsfeindliches Verhalten an den Tag legen. Im Finanzsektor kontrollieren drei Banken 70 Prozent der Geldanlagen und die Zinssätze, die sie berechnen, sind extrem hoch.

Oligopole, Kartelle und Preisabsprachen

Neben diesen Sektoren erfasst der Konzentrationsprozess weitere Branchen: Apotheken, Fluggesellschaften, private Gesundheitsversorgung, Rentenfonds, Privatfernsehen, Telefongesellschaften (Festnetz und Mobilfunk), Milchprodukte - um nur einige zu nennen.

Das Problem der Konzentration erstreckt sich nicht nur auf den Bereich der Wirtschaft, sondern geht mit entsprechenden politischen Problemen einher: dem Machtzuwachs der großen Unternehmen, der zur Abtretung staatlicher Kompetenzen an die Konzerne führt; der Schwierigkeit, einen erreichten Grad an Konzentration zurückzuschrauben; und letztlich der Schwächung der regulativen Funktion des Staates bezüglich der wirtschaftlichen Aktivitäten. So sind dem Staat die Hände gebunden und er kann nur blauäugig darauf hoffen, dass die - von unsichtbarer Hand gesteuerten - Selbstregulierungskräfte des Marktes greifen, um Fehlentwicklungen zu korrigieren.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die staatlichen Institutionen Chiles über eine sehr geringe Regulierungskompetenz und nicht ausreichende Instrumente verfügen, um der Macht des Marktes, der von wenigen privaten Akteuren beherrscht wird, etwas entgegenzusetzen.

Inflation und der Verfall der Wechselkurse

Zu den strukturellen Problemen kommen zwei Probleme hinzu, die während des letzten Jahres aufgetreten sind. Das erste ist die Inflation. Auch wenn ein wesentlicher Teil der Inflation im Jahr 2008 importiert war und auf den Anstieg der Erdöl- und Nahrungsmittelpreise zurückzuführen war, trug der deregulierte heimische Markt zum Preisanstieg bei.

Das zweite Problem war der Verfall der Wechselkurse. Tatsächlich bewirkte die Stärkung des chilenischen Pesos eine Zunahme der Einfuhren und eine Umstellung des Binnenkonsums, wobei einheimische durch importierte Produkte ersetzt wurden. Zusätzlich wurde die Position der exportorientierten chilenischen Produzenten geschwächt.

Im Grunde waren der Verfall der Wechselkurse - und die verspäteten geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbank - die Hauptursache für die Schwächung der Investitionstätigkeit, die sich vor allem in den nicht-traditionellen, exportorientierten Branchen bemerkbar machte und die heute durch den Rückgang der weltweiten Nachfrage noch schärfer akzentuiert wird.

Verspätetes Krisenmanagement

Diese strukturellen und konjunkturellen Gründe führten zu einem Szenario, welches nicht geeignet war, Antworten auf die Weltwirtschaftskrise zu finden. Chile steht der Krise mit einer hoch konzentrierten, sozial extrem ungleichen Wirtschaft gegenüber, die das Wachstum des Jahres 2008 billigen Importen verdankte und dies mit einer hohen Inflationsrate und der Schwächung des produktiven Sektors bezahlte, der unter der Kombination niedriger Wechselkurse und hoher Preise für fossile Brennstoffe litt. Als wenn das nicht genügen würde, kam noch eine Wirtschaftspolitik hinzu, die lange auf die makroökonomischen Daten vertraute und viel zu spät Maßnahmen ergriff, um der Krise zu begegnen.

Sowohl die Fiskal- als auch die Geldpolitik liegt in den Händen von Personal, das mit erheblicher Verzögerung auf die Herausforderungen der Krise reagiert hat, insbesondere die Zentralbank. Auf der gleichen Linie liegt der verbreitete Glaube, dass Chile mit einem geringen Wachstum davonkommen und keine Rezession erleben werde.

Irrtümer der Zentralbank

Die Zentralbank beging zwei Irrtümer, die sich heute in geringen Wachstumsziffern niederschlagen. Auf der einen Seite ließ sie einen Verfall des Wechselkurses auf ein Niveau zu, das in keiner Weise der langfristigen Entwicklung des Dollarkurses entsprach, und trug dadurch zur Verunsicherung des produktiven Sektors bei. Zum zweiten überreagierte sie auf die gestiegene Inflationsrate, indem sie im Jahr 2008 den Leitzins um zwei Prozentpunkte erhöhte (von 6,5 auf 8,5 Prozent), wodurch sie sich komplett von der internationalen Entwicklung abkoppelte, während die anderen Länder - die erkannt hatten, dass die Inflation ein globales Phänomen und nicht auf die Binnennachfrage zurückzuführen war - entschieden hatten, den Leitzins zu senken. Die Differenz der Zinssätze trug zu einem weiteren Verfall des Wechselkurses bei.

Die Zentralbank rechtfertigte die eigene konservative ökonomische Position der zögerlichen Haltung der Währungshüter zu einer Senkung des Leitzinses mit der unsicheren internationalen Situation. Erst bei der Sitzung der Zentralbank im Januar 2009 wurde über eine Senkung des Leitzinses nachgedacht, und man erwartet, dass dieser im ersten Quartal 2009 auf 3 Prozent gesenkt wird. Aber dann wird es bereits zu spät sein.

Die Regierung reagierte zwar schneller als die Zentralbank, aber auch ihre Politik war angesichts der Krise nicht auf der Höhe der Zeit. Das Parlament bewilligte ein Finanzpaket von vier Milliarden Dollar, um die Wirtschaft anzukurbeln, aber es ist zweifelhaft, ob diese Summe ausreichen wird, um neue Beschäftigung und produktive Investitionen zu generieren. So können die Abschaffung der Stempelsteuer, die Senkung von Vorauszahlungen und die vorzeitige Erstattung von Steuern zwar die Liquidität der Unternehmen erhöhen, aber man darf bezweifeln, ob sie auch die gewünschte Nachfrage schaffen werden. Ebenso nebulös ist eine Beschäftigungsgarantie für die Arbeiter oder gar die Schaffung neuer Jobs.

Konjunkturpaket für den Binnenkonsum

Die Bonuszahlungen von 40.000 Pesos (ungefähr 65 Dollar), die mehr als 1,7 Millionen Familien zugute kommen sollen, werden die Wucht der Krise möglicherweise etwas abmildern. Sie tragen jedoch nicht dazu bei, die prekäre Situation der Bedürftigsten auf dem Arbeitsmarkt zu verändern.

Auch die 700 Millionen Dollar, die für öffentliche Investitionsvorhaben vorgesehen sind, werden nur einen begrenzten Effekt haben, da die Rolle des Staates in der Wirtschaft - insbesondere im Bereich der produktiven Investitionen - kontinuierlich zurückgedrängt worden ist. Der Anteil der Ausgaben der öffentlichen Hand beträgt in diesem Bereich nur 15 Prozent, und der Anteil der laufenden Staatsausgaben am Gesamtkonsum beträgt sogar nur 12 Prozent.

Die sozialen Sicherungssysteme werden ebenfalls äußerst restriktiv gehandhabt und beschränken sich darauf, erwerbslos gewordene Arbeiter maximal während der ersten sechs Monate zu unterstützen. Sie sind zudem auf den formellen Arbeitsmarkt ausgerichtet und erreichen die Schichten, die eine Unterstützung am dringendsten benötigen würden, gar nicht.

Der Rückgang der Beschäftigung wird sich auf die Finanzsituation der Geschäftshäuser und selbst auf das Bankensystem auswirken und zu Problemen in der Zahlungskette führen, die zusätzlich zu den Liquiditäts- und Kreditproblemen vieler Firmen hinzukommen werden.

Rezession und steigende Arbeitslosigkeit

Chile im Jahr 2009 mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rezession erleben wird, in der das Bruttoinlandsprodukt um ungefähr 2-4 Prozent zurückgehen, die Arbeitslosigkeit auf über 12-13 Prozent ansteigen und es zu Problemen in der Zahlungskette kommen wird. Ursächlich hierfür sind den Konsum betreffende restriktive Maßnahmen, die Verzögerung von notwendigen Investitionen um mehr als ein Jahr und der Rückgang der Exporte sowohl in Bezug auf ihr Volumen als auch in Bezug auf ihren Wert. Erst vom zweiten Vierteljahr 2010 an ist eine Entspannung der Situation zu erwarten.

Verglichen mit der asiatischen Krise, als die chilenische Wirtschaft 1999 eine Minirezession erlebte (das Bruttoinlandsprodukt fiel um 0,9 Prozent) und die Weltwirtschaft Turbulenzen durchmachte, die zu einer Verlangsamung des Wachstums der größten Volkswirtschaften führten, reicht die heutige Krise viel tiefer und umfasst sowohl den Finanzsektor als auch die Realwirtschaft. Für die Vereinigten Staaten wird ein Rückgang der Wirtschaft um 3-4 und für Europa ein Rückgang um 2-3 Prozent erwartet, was auch für Chile eine Rezession sehr wahrscheinlich macht.

Die soziale Dimension der Krise

Die optimistischsten Prognosen gehen für Chile von einem Nullwachstum aus, aber die harte Wirklichkeit wird ein Rückgang von drei oder mehr Prozent sein. Die Konsumausgaben werden angesichts der drohenden Erwerbslosigkeit, der Schrumpfung der Exportmärkte sowie des Rückgangs der Investitionstätigkeit rückläufig sein. Man darf zudem nicht vergessen, dass die größten Investitionsprojekte - vornehmlich von Unternehmen in den Bereichen Bergbau und Energiegewinnung - zurückgestellt wurden und angesichts der weltweiten Rezession wohl nicht vor Ende 2010 neu angegangen werden dürften.

Die soziale Dimension der Krise wird ohne jeden Zweifel im dritten Quartal dieses Jahres voll zum Tragen kommen, also im Vorfeld der Präsidentenwahlen. Nun sind Wahlkampfzeiten nicht gerade geeignet, um die aus der Krise resultierenden Probleme zu lösen. Die Regierung wird sich auf kurzfristig wirkende, begrenzte Maßnahmen konzentrieren, während die Opposition versuchen wird, die Regierung in Richtung einer unternehmerfreundlichen Politik zu drängen, zum Beispiel in Bezug auf die Flexibilisierung der Arbeit oder die schnelle Umsetzung prestigeträchtiger, aber von Bürgerprotesten begleiteter Projekte wie im Falle des Staudammprojektes HidroAysen.
Leider gehören die sozialen Bewegungen in Zeiten der Wirtschaftskrise in der Regel zu den großen Verlierern. Es ist bedenklich, dass in diesem Zusammenhang die Ziele der Beschäftigung und Investition häufig hinter anderen Überlegungen zurücktreten, aber die Erfahrung zeigt, dass soziale Bewegungen in Phasen der Unsicherheit dazu neigen, ihre Forderungen zurückzuschrauben und sich auf die Verteidigung der erreichten sozialstaatlichen und arbeitsrechtlichen Standards zu beschränken oder sogar Verschlechterungen in Kauf zu nehmen.

Grenzenlose Liberalisierung oder nachhaltige Investitionen

Betrachtet man die Art und Weise, wie sich der Herausforderung gestellt wird, so unterscheidet sich die aktuelle Krise nicht von ihren Vorgängern. Mehr noch, die Vorschläge, die zu ihrer Bewältigung gemacht wurden, liegen genau auf der Linie dieser Erfahrung: Die Krise wird als Vorwand benutzt, um die Bürger dazu zu bringen, Veränderungen der Spielregeln hinzunehmen. Und die Unternehmen möchten von der Krise profitieren, indem sie versuchen, eine Lockerung der umwelt- und arbeitsrechtlichen Auflagen durchzusetzen. So wurden bereits in den ersten Monaten dieser Krise u.a. die Flexibilisierung der Arbeit, die Senkung der Steuern, die Verwässerung von Umweltschutzauflagen für Großprojekte zur Energiegewinnung und die Aushöhlung kollektiver Verhandlungsrechte gefordert.

Niemand bezweifelt, dass die Weltfinanzkrise gravierende Auswirkungen auf unser Land haben wird. Deshalb ist es wichtig, Mechanismen zu entwickeln und umzusetzen, die geeignet sind, ihrer Herr zu werden. Aber es dürfen nicht die Arbeiter und die Umwelt sein, die die Zeche für eine verfehlte internationale Finanzpolitik bezahlen.

Der Blick sollte auf die strukturellen Probleme gerichtet werden, die unsere Entwicklung blockieren, begleitet von kühnen Maßnahmen, um stabile Beschäftigung zu schaffen und nachhaltige Investitionen zu tätigen. Die Lösung der ersteren hängt stark von der politischen Willensbildung ab und ist im Rahmen eines wenig partizipativen politischen Systems wie des chilenischen nicht leicht umzusetzen. Die zweiten hingegen verlangen lediglich die Kühnheit der Regierung, die sich vom Komplex des Dritte-Welt-Landes befreien muss. Denn was die Wirtschaftspolitik angeht, haben wir uns selbst Restriktionen auferlegt, die sich auf Vorbilder von Ländern beziehen, die diese Lehren in der aktuellen Situation längst auf den Müllhaufen geworfen haben.