Nachhaltige Waldnutzung als Alternative zur Entwaldung

Nachhaltige Waldnutzung als Alternative zur Entwaldung

Nachhaltige Waldnutzung als Alternative zur Entwaldung

Einige Lehren aus den Erfahrungen in Amazonien

27. März 2009
Von Thomas Fatheuer
Walderhaltung muss die Nutzung des Waldes möglich machen und darf nicht gegen Bewohner des Waldes durchgesetzt werden. Im Amazonasgebiet befindet sich nicht nur das größte Tropenwaldgebiet der Welt, es gibt hier auch eine Reihe von Versuchen, nachhaltige Waldnutzung zu implementieren. Um diese zukunftsfähig zu gestalten ist ein integrierter Politikansatz notwendig.

Die Frage der weltweiten Zerstörung der Regenwälder hat in der aktuellen Phase der Klimaverhandlungen neue Aktualität erlangt. Aber die Tatsache, dass die Dynamik der Waldzerstörung ein so wichtiger Faktor der CO2-Emissionen (etwa 20%) bleibt, wirft auch die Frage auf, was denn mit Initiativen und Ansätzen zur Walderhaltung geschehen ist, die in den letzten Jahrzehnten unternommen worden sind. Insbesondere stellt sich die Frage, warum denn alle Strategien der nachhaltigen Waldnutzung anscheinend so erfolglos geblieben sind. In diesem Kontext lohnt es sich, einen Blick auf das brasilianische Amazonasgebiet zu werfen. Hier befindet sich nicht nur das größte Tropenwaldgebiet der Welt, es gibt auch eine Reihe von Versuchen, nachhaltige Waldnutzung zu implementieren. Auch das wichtigste internationale Programm zum Schutz von Tropenwäldern das so genannte PPG7, wurde und wird in Brasilien durchgeführt und zum größten Teil von der Bundesregierung finanziert.

Waldnutzung durch lokale Gemeinschaften hat Tradition
Dass die Förderung nachhaltiger Waldnutzung einen zentralen Stellenwert in allen großen Waldprogrammen erhalten hat, ist sicherlich ein Fortschritt: Walderhaltung kann nicht primär als reiner Naturschutz gedacht und konzipiert werden. Der Amazonaswald, wie alle großen Tropenwaldgebiete, ist nicht einfach ein Wald, sondern der Lebensraum indigener Völker, traditioneller Gemeinschaften und von Kleinbauern. Walderhaltung muss Nutzung möglich machen und  darf nicht gegen Bewohner des Waldes durchgesetzt werden – dies ist heute weitgehend Konsens. Noch Anfang der neunziger Jahre wurden in Brasilien die meisten Schutzgebiete als Territorien ohne Menschen konzipiert – ja, deren Vertreibung war oftmals vorgesehen. Die Anerkennung des Waldes als Lebensraum der "forest dependent people" (wie es heute in der internationalen Terminologie heißt) hat aber noch eine andere Konsequenz: großflächige Holzwirtschaft, sei sie nachhaltig konzipiert und mit FSC-Siegeln versehen, tritt in Flächenkonkurrenz mit den traditionellen Waldbewohnern. Dies haben die Erfahrungen in Amazonien klar gezeigt. "Nachhaltige Holzwirtschaft", die für viele Akteure zunächst der Königsweg der nachhaltigen Waldnutzung war, bleibt in Amazonen ein Nischenprodukt. Das hat auch mit der Konkurrenz mit dem illegalen oder nicht-nachhaltigen Holzeinschlag zu tun, aber der begrenzende Faktor Lebensraum sollte ernst genommen werden. Die Einrichtung von Holz-Latifundien trifft in Amazonien auf legale Schwierigkeiten und den Widerstand der Bewohner – keine gute Ausgangsposition für die Vermarktung nachhaltiger Produkte.

Nachhaltige Waldnutzung muss also primär mit den forest dependent people  zusammen geschehen und an die existierende multiple Nutzung des Waldes anknüpfen. Sie setzt also genau an dem an, was schon existiert: die traditionelle Nutzung und Erhaltung des Waldes durch seine Bewohner. Dieser konzeptionelle Fortschritt öffnet aber einen schwierigen und komplexen Weg. Die Nutzungsformen der forest dependent people sind so vielfältig, wie die ökologischen und sozialen Bedingungen in Amazonien: da gibt es die Kautschukzapfer, die Nusssammlerinnen (die Paranuss ist ein Produkt traditioneller Waldnutzung), Sammler von Ölen (Andiroba und Copaiba), die Hersteller von Kunsthandwerk, Fischer...
Nachhaltige Waldnutzung ist keine Serienproduktion, sondern mit Traditionen und Lebensweisen verbunden, die es ernst zu nehmen gilt. Dies war eine schwierigen lessons learnt des PPG7: das Programm wollte durch die Förderung von Demonstrationsprojekten Erfahrungen sammeln, Modelle entwickeln und diese dann in ganz Amazonien verbreiten. Aber nachhaltige Waldnutzung funktioniert so nicht.

Sammelreserve Chico Mendes: die Viehzucht dringt vor
Lehrreich ist das Beispiel der Sammelreserven für Kautschukzapfer. Die Einrichtung besonderer Schutzgebiete für Kautschukzapfer war der große Traum von Chico Mendes, der vor 20 Jahren ermordet wurde. Kautschukzapfer wurden zu Pionieren nachhaltiger Waldnutzung durch forest dependent people. Heute existieren 33 Sammelreserven (reservas extrativistas – RESEX), sie haben einen legalen Rahmen und umfassen etwa 5 Millionen ha. Einrichtung und Anerkennung der Sammelreserven sind aber nicht das happy end der Geschichte sondern nur eine Etappe auf einem dornenreichen Weg. Die RESEX Chico Mendes im Bundesstaat Acre ist mit 1.5 Millionen ha nicht nur die größte, sondern auch die symbolträchtigste Sammelreserve. Und sie durchlebt zurzeit eine schwere Krise. Immer mehr Bewohner schaffen sich Rinder an, die Entwaldungsraten innerhalb der RESEX steigen. “Es ist traurig zu sehen, dass der Kampf von Chico Mendes damit endet, dass die Kautschukzapfer selbst den Wald roden”, konstatiert Manoel Cunha, der Präsident des nationalen Rates der Kautschukzapfer. Paulo Amaral (von der in Belém ansässigen NGO Imazon) analysiert die Logik dieser Entwicklung: “Das Rind wird zu einer alternativen Einkommensquelle, weil es leicht zu verkaufen ist. Es ist die Sparkasse für schwierige Momente, damit können die Preise  der Sammelprodukte nicht mithalten.” Alexandre Cordeiro, Koordinator der RESEX Chico Mendes konstatiert gar: “Es ist nur logisch, dass die Viehzucht da ist. Die Viehzucht ist das ökonomische Modell, das Ergebnisse bringt.” (alle Zitat nach Valor Economico vom 9.7.2008)

Waldnutzung braucht politische Unterstützung
Diese Erfahrungen, die sich in vielen anderen Schutzgebieten wiederholen, sind bittere Wermutstropfen für die Hoffnungen auf die nachhaltige Waldnutzung. Aber zunächst lassen sich daraus zwei provisorische Schlussfolgerungen ziehen:

  • Nachhaltige Waldwirtschaft ist kaum als pure ökonomische Alternative denkbar. Bei den kurzfristigen Gewinnperspektiven droht sie den ökonomischen Wettbewerb zu verlieren. Die Umweltleistungen, die die forest dependent people durch den Erhalt des Waldes erbringen, müssen berücksichtigt werden.
  • Nachhaltige Waldnutzung muss als Teil integrierten nachhaltigen Wirtschaftens verstanden werden. Dazu gehört eben auch kleinflächige Landwirtschaft, und eventuell begrenzte Viehhaltung.  Auch die indigenen Völker haben ja durchaus Landwirtschaft (Maniokanbau) betrieben.

Aber nicht nur das Vordringen der Viehzucht bedroht die Schutzgebiete. Mary Alegretti, eine der Vorkämpferinnen für die Einrichtung der Sammelreserven beklagt die Abwesenheit des Staates. “Die Politik hat die Reserven alleine gelassen.” Nachhaltige Waldnutzung lediglich auf Projektebene ist nicht zukunftsfähig. Sie braucht die Unterstützung durch einen integrierten Politikansatz, die Erziehung und Gesundheitsversorgung in den Sammelreserven garantiert. Nur dann ist nachhaltige Waldwirtschaft für die Bewohner attraktiv – das zeigen zumindest die brasilianischen Erfahrungen. Und sie wird nur funktionieren, wenn die Umweltleistungen der forest dependent people berücksichtigt werden. “Die traditionellen Gemeinschaften Amazoniens bieten dem Land und dem Planeten Umweltdienstleitungen, und müssen dafür belohnt werden.” (Allegretti)

Umweltleistungen müssen anerkannt werden
Unter solchen Bedingungen sieht auch Cordeiro Zukunft für die Sammelreserven, aber: “Wir brauchen 210 Millionen Reais (etwa 70 Millionen EUR) nur um die Grundbedingungen in den Sammelreserven zu schaffen. Wir haben 100 000.”

Die brasilianischen Erfahrungen deuten also darauf hin, dass die reine Waldnutzung durch forest dependent people in der Regel nicht mit anderen wirtschaftlichen Aktivitäten konkurrenzfähig ist – wenn die Umweltleistungen nicht berücksichtigt werden. Zudem muss die Förderung der Schutzgebiete zu einem politischen Schwerpunkt der Regionalentwicklung werden. Dies ist nicht im Rahmen von unterfinanzierten Programmen des Umweltministeriums möglich. Schutzgebiete ohne Schulen und Gesundheitsversorgung, ohne Unterstützung bei der Vermarktung ihrer Produkte sind nicht zukunftsfähig. Dies aber kostet Geld.
Die Anerkennung der Umweltleistungen könnte sowohl zu Finanzierung politischer Unterstützung wie auch für Transferleistungen an Familien genutzt werden, die nachhaltige Nutzung praktizieren.  So ist es nur allzu verständlich, dass Vorschläge, die Kompensationen für Walderhaltung - etwa im Rahmen einer internationalen Klimavereinbarung - vorsehen, in Amazonien große Hoffnungen hervorrufen. Ohne eine solche zusätzliche Unterstützung bleibt die Zukunft nachhaltiger Waldnutzung zweifelhaft.

Thomas Fatheuer ist Leiter des Büros der Heinrich Böll Stiftung in Brasilien. 2000 – 2003 arbeitete er bei der GTZ in einem Projekt zur Unterstützung nachhaltiger Nutzungsformen im brasilianischen Regenwald.
 
Dieser Artikel ist im Rundbrief des Forums Umwelt und Entwicklung 1-2009 mit dem Schwerpunkt Wälder erschienen.

Anmerkung

Knapp 40% des brasilianischen Amazonasgebietes sind unter Schutz gestellt. Den größten Anteil bilden die Gebiete indigener Bevölkerung: 21,56 % Amazoniens. 16,62% verteilen sich auf die verschiedensten Schutzkategorien, die meisten davon integrieren inzwischen nachhaltige Waldnutzung in ihr Konzept und verbieten jegliche großflächige Rodung.
Es geht hier also um viele Flächen: knapp 2 Millionen km2 !!! (Fläche Deutschland: 357 000km2). Bei allen Schwierigkeiten – hier existiert eine einmalige Chance, nachhaltige Waldnutzung als großflächige Alternative zu etablieren.

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