Alter Plan in neuem Gewand: Brasilien will Staudamm Belo Monte in Amazonien bauen

Kayapó-Mutter badet ihre Kinder im Fluss Xingu. Bilder wie dieses könnten schon bald nach dem Bau des Großstaudamms der Vergangenheit angehören.
Foto: Glenn Switkes (International Rivers) Dieses Foto steht unter einer Creative Commons-Lizenz.

 

10. November 2009
Von Thomas Fatheuer und Julia Fiedler

Von Thomas Fatheuer und Julia Fiedler

1988 schaute die Welt nach Amazonien: Ein Riesenstaudamm sollte mitten im Regenwald und auf Indigenenland gebaut werden. Weltweit regte sich der Protest. Popstar Sting reiste an und Turía Kayapó, eine Frau des Stammes der Kayapó hielt dem heutigen Eletrobrás-Präsidenten José Antonio Muniz Lopes auf einer großen Protestveranstaltung 1989 in Altamira warnend eine Machete ans Gesicht. Die Weltöffentlichkeit war alarmiert.

Damals stellte die Weltbank aufgrund der Kritik ihre Unterstützung ein und die Staudammpläne verschwanden in der Schublade – um 20 Jahre später von der Regierung Lula unter dem neuem Namen Belo Monte wieder hervorgeholt zu werden. Von weltweitem Protest ist (noch) nicht viel zu spüren, aber in Brasilien regt sich Widerstand gegen die neuen Pläne der Regierung. Das Factsheet gibt einen Überblick über den Stand der Planungen zu einem der größten Staudämme der Welt.

Brasiliens Energiehunger
In den letzten 40 Jahren hat Brasilien seine Energieproduktion verzehnfacht. Heute werden jährlich 104.400 Megawatt (MW) produziert, 99% der Haushalte sind an das Stromnetz angeschlossen. Für diese Entwicklung sind besonders die 662 Wasserkraftwerke verantwortlich, die für 75% der nationalen Stromerzeugung sorgen. Nun soll das Amazonasbecken dazu beitragen, die Energieerzeugung weiter auszubauen.  Dort vermutet die Regierung ein Potential von 11.200 MW, eine verlockende Aussicht für nationale Entwicklungspolitik und Konzerngewinne.

Am Rio Xingu will die Regierung mithilfe der Staatsbetriebe Eletrobrás und Eletronorte das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt bauen, ein Unternehmen, das bereits 1989 am internationalen Protest gescheitert ist. Jetzt wurde das Projekt überarbeitet. Nicht mehr 1250 km², sondern nur noch 400 km² Regenwald sollen überschwemmt werden Die zahlreichen negativen Folgen sind jedoch nicht zu übersehen, sodass indigene Völker und Umweltorganisationen vehement gegen den Bau des Wasserkraftwerkes ankämpfen.

Das Projekt
Mit einer Spitzenkapazität von 11.200 Megawatt soll Belo Monte eines der größten Wasserkraftwerke der Welt werden und nach Angaben des Ministério de Minas e Energia (Ministerium für Bergbau und Energie) 5,5% des nationalen Energiebedarfs decken. Allerdings kann diese Spitzenkapazität nur während einiger Monate des Jahres erreicht werden.

Der Baubeginn, zunächst für Ende 2009 vorgesehen, hat sich nun bereits auf  2010 verschoben, das Genehmigungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Insgesamt geht der Elektrokonzern Eletrobrás von einer Bauzeit von 5 Jahren und der Schaffung von 18.000 direkten und 23.000 indirekten Arbeitsplätze aus. Die Baukosten variieren je nach Quelle. Nach Angaben des staatlichen Energieforschungsinstituts EPE (Empresa de Pesquisa Energética) belaufen sich die Herstellungskosten auf etwa 10 Milliarden US-Dollar.

Umweltzerstörung
Belo Monte soll inmitten von Schutzgebieten und Indigenenland in Amazonien errichtet werden, einem Lebensraum, der bisher verhältnismäßig wenig von der Regenwaldabholzung betroffen ist. Durch den Bau des Wasserkraftwerks ist davon auszugehen, dass sich der Rio Xingu stark verändern wird, wodurch die dort lebenden Tiere ihren natürlichen Lebensraum verlieren werden. Während der obere Teil des Flusses dauerhaft überflutet sein wird, wird der untere Teil austrocknen. Die Überschwemmungen führen dazu, dass die Bäume unter Freisetzung von klimaschädlichen Gasen, insbesondere Methan, zersetzt werden. Außerdem stellt die Austrocknung des Flusses ein immenses Problem für die ansässigen indigenen Völker dar, die von Fischerei leben, und den Xingu als Transportweg benutzen.

Seine Spitzenkapazität von 11.200 Megawatt kann Belo Monte nur etwa drei Monate im Jahr erreichen. In den restlichen Monaten, der Trockenzeit, würde der Staudamm nur knapp 4.700 Megawatt Energie erzeugen. Die Nichtregierungsorganisation International Rivers befürchtet deshalb, dass Belo Monte in dieser Version zum ineffizientesten Wasserkraftwerk der Welt werden wird und vermutet, dass die Elektrokonzerne weitere Stauseen bauen würden, um ausreichend Energie zu produzieren.

Mehr Stauseen würden das Problem der Austrocknung des Flusses jedoch nur verschlimmern. In der aktuellen Debatte um den Klimawandel mehren sich die Hinweise darauf, dass Amazonien in den nächsten Jahren immer trockener werden könnte, besonders, wenn die Abholzung des Regenwaldes weiter vortanschreitet. (Quelle: "Die Verdammung Amazoniens - Eine Analyse der aktuellen Staudammprojekte", Keno Tönjes).  Niemand hat bisher errechnet, wie sich dies auf die Kapazitäten der Wasserkraftwerke auswirken würde.

Soziale Probleme
Etwa 16.000 Menschen müssten für die Errichtung des Staudammes umgesiedelt werden. (Quelle: "Großstaudamm schlägt Wellen" , Gerhard Dilger, taz, 25.05.2008). Laut der Menschenrechtlerin Antonia Melo von der Stiftung Leben, Produzieren und Schützen (FVPP) handelt es sich um 2000 Familien aus Altamira, 800 aus Vitória do Xingu und weitere 400 Familien, die als Flussbewohner leben. Dazu kommen noch 6.000 Menschen, die in Volta Grande do Xingu heimisch sind. Für die Bewohner_innen, die in dem Gebiet, in dem das Kraftwerk erbaut werden soll, wohnen, bedeutet der Bau den Verlust des Landes und damit der Lebensgrundlage.

Außerdem ist davon auszugehen, dass Tausende von Menschen in die Region von Altamira strömen werden. Sie hoffen dort Arbeit zu finden. Da Altamira selbst von hoher Arbeitslosigkeit geprägt ist, befürchten Kritiker, dass Armut und Gewalt durch den hohen Bevölkerungszuwachs zunehmen und so das schlecht ausgebildete soziale Netz und die ansässigen Menschen leiden werden.

Die späteren Betreiber des Kraftwerkes versprechen, die entstehenden sozialen Probleme durch Entschädigungsgelder auszugleichen. Antonia Melo zufolge „reichen diese Gelder [jedoch] nie, um den tatsächlichen Schaden zu kompensieren.“ (Quelle: Interview mit Antonia Melo, Lateinamerikanachrichten, April 2009).


Die offizielle Seite
Aktuell wird das Projekt von der Regierung sowie den staatlichen Energiekonzernen Eletrobrás und Eletronorte vorangetrieben. In den vergangenen Monaten waren die Gespräche zwischen den Staatsbetrieben und den Kritikern am Projekt von starken Spannungen gekennzeichnet. Im Mai 2008 versammelten sich dreitausend Menschen in Altamira (Quelle: Interview mit Antonia Melo, Lateinamerikanachrichten, April 2009), allen voran Vertreter von indigenen Völkern, um ähnlich wie 1989 ihre Kritik am Projekt zu äußern. Nachdem ein Vertreter von Eletronorte, Paulo Fernando Rezende, sämtliche Kritik von sich gewiesen hatte, kam es zum gewalttätigen Übergriff. Kayapó-Krieger verletzten den Experten am Arm – ein Vorfall, der von den Medien ohne Verständnis für die indigenen Völker ausgeschlachtet wurde.

Für die Betreiber ist Belo Monte das Schlüsselprojekt für die zukünftige Energieversorgung Brasiliens. Die inzwischen veröffentlichte Umweltverträglichkeitsprüfung gibt zwar negative Folgen des Staudammes zu, aber diese sollen durch Kompensationen ausgeglichen werden.

Die Angst vor dem Bau weiterer Staudämme aufgrund der schlechten Bilanz von Belo Monte in der Trockenzeit sei unbegründet, da das Wasserkraftwerk später am Sistema Interligado Nacional teilnehmen soll. Das bedeutet, dass die in den Monaten von hoher Effizienz am Rio Xingu gewonnene Energie auf das ganze Land verteilt wird. Die Wasserkraftwerke in den Regionen, die von diesem System profitieren, können ihre eigene Leistung zurückschrauben und infolgedessen Wasser speichern, wenn Belo Monte voll ausgelastet ist. In den Monaten, in denen Belo Monte nur noch durchschnittlich 4.700 MW produziert, sollen diese Wasserreserven das Defizit ausgleichen, sodass die Errichtung weiterer Stauseen nicht nötig ist.

Neuester Stand
Am 21. Juli 2009 kam es zu einem historischen Treffen zwischen dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, Vertretern von Eletrobrás und Eletronorte sowie sozialen Gruppen und Indios, die sich gegen den Bau des Wasserkraftwerks aussprechen. Initiiert wurde das Gespräch von Erwin Kräutler, dem Bischof vom Xingu und Präsidenten des Indianermissionsrates CIMI. Mehrere mit dem Bau von Belo Monte beauftragte Ingenieure präsentierten die Vorteile des Projektes, das saubere, regenerative und kostengünstige Energie ermögliche. (siehe auch: Bericht von Glenn Switkes).

Célio Bermann, Professor für Energie und Elektrotechnik der Universität São Paulo, legte im Gegensatz dazu die negativen Folgen der Errichtung des Wasserkraftwerkes dar. Lulas Aussage, Belo Monte nicht um jeden Preis bauen zu lassen, überraschte. Er forderte die Protestbewegung dazu auf, ihm eine begründete, schriftliche Kritik am Projekt zukommen zu lassen und bat Eletrobrás, ihm einen Bericht über die Projektpläne zuzusenden. Diese Worte werden von der Protestbewegung als positiv bewertet. Man hofft nun, dass der Baubeginn verschoben wird und Zeit für weitere Treffen und Debatten bleibt.

Alternativen
Doch welche für Alternativen gibt es, um die Armut am Rio Xingu zu verringern und die Region zu stärken - und das ohne die Umwelt derart zu belasten wie mit einem Wasserkraftwerk? Dank der Ressourcenvielfalt am Rio Xingu (Kakao, Kaffee, Rinderfarmen, Landwirtschaft) und der Tatsache, dass die Region noch verhältnismäßig unberührt ist von der Regenwaldabholzung, kann sich Antonia Melo vorstellen, den Ökotourismus voranzutreiben. So könnten die Ressourcen nachhaltig und schonend genutzt und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Es sei nicht notwendig, ein Wasserkraftwerk zu errichten, wenn man über so wertvolles „ökologisches Kapital“ verfüge, so Melo.

Fazit
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Wasserkraftwerke relativ wenig CO2 emittieren und dass Brasilien seine Energieproduktion noch steigern muss, um seine Wachstumsperspektiven zu realisieren. Gleichzeitig dürfen die zahlreichen negativen Aspekte nicht außer Acht gelassen werden. Mit Blick auf die sozialen und ökologischen Folgen ist das Projekt kaum zu verantworten. Die Umsiedlung Tausender Menschen und die Zerstörung der Umwelt sind nur die markantesten Probleme. In Zeiten des Klimawandels sind Großprojekte, die zu massiver Abholzung von Naturwäldern beitragen, äußerst bedenklich. Es ist abzuwarten, wie sich die Debatte um Belo Monte in den nächsten Wochen entwickeln wird. Internationale Proteste wie 1989 sind von höchster Wichtigkeit, um Belo Monte doch noch zu stoppen. Denn wenn dieses Wasserkraftwerk gebaut wird, ist die Regierung fähig, weitere Staudämme in Amazonien zu errichten. Und dann wäre die Zukunft Brasilien alles, nur nicht grün.


Dr. Thomas Fatheuer ist Büroleiter des Büros Brasilien der Heinrich-Böll-Stiftung,
Julia Fiedler absolviert zurzeit ein Praktikum an diesem Büro.

 

Weitere Links und Artikel zum Thema

  • „Wasserkraftwerk Belo Monte – Neues altes Staudamm-Projekt im Amazonas-Gebiet“, 28.05.2006, Bernd Schröder http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22652/1.html
  • Rima – Relatório de Impacto Ambiental – Aproveitamento Hidrelétrico Belo Monte” de Eletrobrás, do Ministério de Minas e Energia e do governo federal, Mai 2009
  • “Dez vezes mais energia”, Globo, 24.05.2009
  • Machetenschlag gegen Eletronorte”, Lateinamerikanachrichten Juli/August 2008, Dr. Thomas Fatheuer, http://www.lateinamerika-nachrichten.de/?/artikel/2814.html