Mexico-City: Stadtentwicklung von unten zwischen Totenkult und Guerilla Gardening

Mexico-City: Stadtentwicklung von unten zwischen Totenkult und Guerilla Gardening

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Mexico-City: Stadtentwicklung von unten zwischen Totenkult und Guerilla Gardening

Straßenverkäufer an der roten Ampel in Mexiko-City. Foto: Citámbulos.
Straßenverkauf an der roten Ampel. Der informelle Sektor ist aus der Wirtschaft der Metropolregion nicht wegzudenken - auch wenn die Stadtverwaltung immer wieder versucht den Straßenhandel zu vertreiben. Foto: Citámbulos.

16. November 2009
Von Christian von Wissel
von Christian von Wissel

Mexiko-Stadt zu porträtieren ist ein schwieriges Unterfangen. Die Stadt entzieht sich in vielerlei Hinsicht den herkömmlichen Beschreibungsmethoden und ist in ihrer Komplexität als „Stadt“ im eurozentrisch geprägten Sinne einer zwar widersprüchlichen aber doch kohärenten Einheit kaum noch zu fassen.

Mehr Menschen als in Griechenland
Die urbane Agglomeration, die Zona Metropolitana del Valle de México (ZMVM, Metropolregion des Tals von Mexiko, Karte bei Wikipedia) umfasst heute ein Siedlungsgebiet mit 20 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von 1.600 km2. Sie breitet sich über drei Bundesstaaten aus und ist in 76 Bezirke, Gemeinden und politisch-administrativ eigenständige Städte zergliedert. Der Ursprung dieser Gemeinden ist zuweilen älter als der von México-Tenochtitlan selbst wie etwa im Fall des Dorfs Acolman oder des Bezirks Azcapozalco. Oder aber er geht auf die massive informelle Landnahme auf dem Grund des heute trockengelegten Texcoco-Sees zurück wie zum  Beispiel die Millionenstadt Nezahualcóyotl. In der Peripherie der Megalopole, den Bundesländern Estado de México und Hidalgo leben mit elf Millionen nicht nur mehr Menschen als in ganz Griechenland, sondern auch mehr als in der eigentlichen Stadt „Mexiko“, die politisch-administrativ auf den Bundesdistrikt, den Distrito Federal, konzentriert ist.

Konzeptionelle Widersprüche
Schon bei dem Versuch also, die Stadt beim Namen zu nennen und von ihrem Umland zu differenzieren, verliert man sich leicht in den verschiedensten konzeptionellen Widersprüchen. Ländliche Räume, wie etwa Milpa Alta mit seinen Feigenkakteenplantagen, können Teil der Stadt sein, während auf der anderen Seite städtische Räume sind zuweilen die Heimstatt semi-nomadischer indigener Bevölkerungsgruppen.  Das gilt für viele Mazahuas, die auf dem Großmarkt arbeiten und zur Ernte wieder in ihre Dörfer fahren.  Im Umland sprießen seit den 90er Jahren monotone Teppichsiedlungen als post-urbane “Galaxien” wie Pilze aus dem Boden wie Casas GEO, ARA und andere.

Risiko von allen Seiten
Durch das unverhältnismäßige Wachstum der Stadtregion, den radikalen Eingriff in die natürlichen Gegebenheiten des hydrologischen Beckens und die geographische Lage auf einer vulkanischen Achse sind die Bewohner hohen Risiken ausgesetzt. Es gibt Erdbeben und bei starkem Regen häufig Überschwemmungen; die Grundwasservorräte gehen zur Neige bei gleichzeitiger Überlastung das Abwassersystems und in den steilen Seitentälern im Westen der Stadt kommt es zu Erdrutschen während auf der anderen Seite, in den Gebieten des trockengelegten Sees, Sandstürme die Atembedingungen beeinträchtigen. Hinzu kommen große sozio-ökonomische Unterschiede, die eine sozial-räumliche Fragmentierung der Stadtlandschaft und die Zementierung von Gegensätzen zur Folge haben. Kriminalität und Angst werden durch Paranoia ins Unermessliche gesteigert und es herrschen starke Unterschiede im Zugang zu Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Grünräumen und Trinkwasserversorgung.

„Unser Moloch“
Als Konsequenz dieses düsteren Bildes stellt sich sowohl die heimische Bevölkerung als auch der Rest der Welt Mexiko-Stadt primär als Horrorszenarium vor, als „post-apokalyptischen“ (Carlos Monsiváis) urbanen Alptraum. Aber Mexiko-Stadt ist nicht nur chaotisch oder gefährlich, sondern auch dynamisch und widerstandsfähig. Vor allem auf Niveau der Straße und inmitten des täglichen Lebens erkennt man, dass trotz der oft schwierigen Lebensbedingungen die Bewohner und Bewohnerinnen – und auch die Stadtverwaltung – „ihren Moloch“ noch lange nicht aufgegeben haben.

Eigene Lösungen auf Straßenniveau
Um Mexiko-Stadt gerecht zu werden ist es besonders wichtig, der Prozesshaftigkeit und Vielschichtigkeit des sozial-räumlichen Gefüges Rechnung zu tragen und die Widersprüche als Ausdruck der Komplexität anzunehmen. In Anlehnung an die eingangs beschriebene Schwierigkeit, die Stadt konzeptionell zu fassen, ist es notwendig, von der gelebten Realität auszugehen um nachzuvollziehen, wie die Stadt funktioniert und warum die Stadt so ist, wie sie ist.

Ohne die die Probleme und Herausforderungen verharmlosen zu wollen, möchte ich im folgenden den Blick auf die kleinen Ansätze werfen, mit denen die Bewohner auf die dringenden Fragen ihrer Stadt Antworten geben. Nicht immer sind diese im Alltag entwickelten, praktischen Lösungen die einzig möglichen Ansätze und oft ist es auch fragwürdig, ob sie wirklich die besseren oder besten sind, der Blick auf die kleinen Aktionen und Reaktionen verdeutlicht aber, dass Lösungsansätze in Mexiko-Stadt vornehmlich durch Verhandlungsarbeit gefunden werden: durch das fortwährende und unmittelbar auf der Straße stattfindende Aushandeln von Konflikten.
 
Beispiel 1: Guerilla Gardening oder Selbstbaugrünräume
In Mexiko-Stadt liegt der Grünflächenanteil eines jeden Einwohners statistisch betrachtet bei acht Quadratmetern. Das ist etwa die Hälfte unter dem international empfohlenen Mindestmaß. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Verteilung dieser Flächen zudem sehr ungleich verläuft, da in den Vororten im Westen der Stadt der Anteil auf 30 m2 steigt, im dicht besiedelten, sozio-ökonomisch benachteiligten Osten aber auf bis zu Null m2 absinkt. Wie reagieren nun die Bewohner und Bewohnerinnen auf dieses Defizit an sozial und ökologisch notwendigem Freiraum?

In Ecatepec im Nordosten der Metropolregion, pflanzen zum Beispiel einige Anwohner_innen kleine Straßengärten auf den Verkehrsinseln und Bürgersteigen ihrer Wohngebiete. Vier bis fünf Jahrzehnte nach der Initiierung der Siedlungstätigkeit in dieser Gegend wird erneut die Strategie des paracaidismo, der informellen Landnahme, welche Wohnraum im Selbstbau entwickelt, aufgegriffen, und für die Lösung eines seit damals unbeachtet gebliebenen Problems angewendet: um der Straße den fehlenden Grünraum und der Stadt das Recht auf ein Minimum an Lebensqualität abzutrotzen, werden städtische Resträume und unzulänglich fertig gestellte Straßenzüge zu improvisierten Gärten und Spielplätzen.


Beispiel 2: Bricolage oder leben mit der Krise.
Mit der Abwertung des mexikanischen Pesos um mehr als 3000% trat Mexiko 1982 bis 1988 in eine seitdem an- und abschwellende Wirtschaftskrise ein, deren Auswirkungen der urbanen Mittelschicht besonders stark zugesetzt haben. Durch den fortwährend gefühlten Zustand der Krise – und nicht etwa aus ökologischem Bewusstsein – ist in der Folge eine Kultur des Recyclings erstarkt, die mehr noch als Dada, die “Antikunst” der Collage und Assemblage zu einer kulturellen und politischen Haltung erhoben hat. Francis Allÿs hat das „mexikanische“ Prinzip der Vervielfältigung der Lebenszyklen der Objekte in seinen künstlerischen Arbeiten sichtbar gemacht. Die eigentliche Heimat hat dieses Prinzip aber im Alltagsleben der Bewohner_innen von Mexiko-Stadt.
 
Mit viel Kreativität werden in der Stadt alle möglichen Gegenstände auf ihre Eignung für die Linderung häuslicher Mängel hin bewertet. Schnell wird hier aus einer Plastikflasche ein Rasensprenger und aus einem Stapel leerer Milchpackungen die Wand eines Schuppens. Improvisation und Flexibilität ermöglichen, neben dem Rückhalt verlässlicher Familienstrukturen, den Typ des „wachsenden Hauses“. Diese Wohnhäuser, die im „Selbstbau“ über Jahre hinweg immer wieder den Bedürfnissen angepasst werden, machen mehr als 50 Prozent der Haushalte in der Metropolregion aus.

Beispiel 3: Der Staat ist tot, es lebe die Straße
In Anbetracht von Korruption und de facto juristischer Unantastbarkeit der Reichen und Mächtigen des Landes ist das Vertrauen in das Justizwesen in der Bevölkerung weitgehend abhanden gekommen und der Rechtsstaat an sich stark in Misskredit geraten. Während die einen sich in Folge immer mehr in ihren Gated Communities und Shopping Malls zurück ziehen, entdecken die anderen die Straße als letzten Ort wieder, an dem sie ihrer Stimme Kraft geben können, selbst wenn diese meist nicht gehört wird.

So auch verhält es sich mit den 5.000 und mehr Anhänger_innen der Santa Muerte, der heiligen Frau des Todes, die sich an jedem Monatsersten nachts in Tepito versammeln.  Sie danken ihren Heiligen, erbeten Schutz und Beistand für die Sicherung ihres Überlebens oder für ein gerechtes Urteil für den einen oder anderen inhaftierten Verwandten, die oft in überfüllten Zellen und ohne die Verlesung der Anklage monatelang festgehalten werden. Allen Anfeindungen durch Kirche und Staat zum Trotz, ist der Kult für viele - zumindest gefühlt - der einzige Garant für Gerechtigkeit: zumindest vor dem Tod zumindest sind alle Bürger gleich.

Beispiel 4: Die Suche nach dem Extra-Verdienst
Als informell, und somit schnell als illegal gebrandmarkt, wurde immer wieder versucht, den Straßenhandel aus dem Stadtraum zu verbannen. Dabei ist aber zu beachten, dass es sich unter der Oberfläche um ein strukturelles Phänomen aus dem Bereich der Extralegalität handelt. Denn der informelle Handel, ganz wie die informelle Siedlungstätigkeit, wurde jahrelang vom Staat geduldet, um sich der Verantwortung sozialer Absicherung und nachhaltiger Stadtentwicklung zu entziehen.

In den Grauzonen dieser Vernachlässigung entwickelt nicht nur die Bevölkerung ihren Spielraum für immer neue Geschäftsmodelle: So wird eine Wohnung tagsüber zum Restaurant, in dem die Angestellten einer Fabrik zu Mittag essen, und ein großer Mobiltelefonanbieter inspiriert sich an den Verkaufsstrategien der Straße, um seine Produkte an der roten Ampel feil zu bieten. Schaut man dann auf den Vertriebsweg chinesischer Textilien, die in Los Angeles als “Made in USA” umetikettiert werden, und dann dank dem NAFTA-Abkommen zollfrei den mexikanischen Markt in etablierten Läden und auf der Straße zu überschwemmen, dann verwischen die Grenzen zwischen formell und informell, legal und illegal, privat und öffentlich, völlig.

Antworten „von unten“ für urbane Probleme
Zwischen urbanen Missständen und Krise, Vertrauensverlust und Grauzonen ist eine spezifische Kultur der Verhandlung erwachsen, die schnelle, im kleinen Maßstab durchaus effektive und vor allem praktische Antworten findet. So wird auf die generellen Probleme der Megalopole meistens lediglich reagiert anstatt diese im Vorfeld zu erkennen und langfristig anzugehen. Unterschiedliche Einschätzungen der aktuellen Situation basieren somit auch, und vor allem, auf den unterschiedlichen Maßstäben der Betrachtung. Auf der Makro-Ebene des Stadtmanagements steht Mexiko-Stadt unweigerlich vor einer Reihe noch immer ungelöster Herausforderungen, auf der Mikro-Ebene der Bewohner_innen gibt es aber vielfältige Ansätze, die zeigen, wie die Stadt “von unten nach oben” operiert, ohne sich der Last ihrer Probleme kampflos zu ergeben.

Kollektive Gestaltung der Stadt
Die Bewertung der Handlungen der Bewohner_innen als signifikanter Teil der kollektiven Gestaltung der Stadt (siehe: Situativer Urbanismus: Archplus, Nr. 189) ist dabei kein Freibrief für die Stadtverwaltung, sich bei der Lösung ihrer Aufgaben willentlich und unwillentlich selber im Weg zu stehen.  Was in Mexiko in Anbetracht der Multiplikation von Institutionen und Kompetenzen, Programmen und extra-legalen Strukturen übrigens weitgehend der Fall ist. Sie versucht viel mehr aufzuzeigen, dass die Stadtverwaltung zusätzlich zu der Wahrnehmung ihrer Pflichten die Lösungen der Herausforderungen stärker noch von den spezifischen Erfahrungen ihrer Bewohner_innen ausgehend entwickeln muss. Der zur Verfügung stehende Handlungsspielraum ist genau der Raum zwischen den Menschen, zwischen spontanem Garten und selbst gebasteltem Rasensprenger, zwischen der nächtlichen Autolegitimation einer Gemeinschaft und dem Familienrestaurant im heimischen Wohnzimmer.

Mexiko-Stadt steht also alles andere als still. So wie die Landschaft der Megalopole sich verändert durch die täglichen Handlungen ihrer Bewohner und BewohnerInnen, so sind auch die Bilder, die diese Landschaft in unserem Bewusstsein hinterlässt, ständig in Bewegung. Was bleibt, ist die Komplexität einer pulsierenden Stadtregion und ein mehrfach belichtetes erstes Foto von Mexiko-Stadt.


Christian von Wissel ist Architekt und arbeitet im Projekt "Citámbulos"

Weitere Informationen und Bilder:

 

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