Rio im Olympiarausch: Chancen und Risiken für den Austragungsort der Spiele 2016

Rio im Olympiarausch: Chancen und Risiken für den Austragungsort der Spiele 2016

Rio im Olympiarausch: Chancen und Risiken für den Austragungsort der Spiele 2016

Das Maracana-Stadion wird Austragungsort der Fußballqualifikationsspiele und der Eröffnungs- und Abschlusszeremonien sein. Foto: Around the rings 1992. Dieses Foto steht unter einer Creative-Commons-Lizenz
Das Maracana-Stadion wird Austragungsort der Fußballqualifikationsspiele und der Eröffnungs- und Abschlusszeremonien sein. Foto: georgecampos. Dieses Foto steht unter einer Creative-Commons-Lizenz.

18. Januar 2010
Von Julia Fiedler und Thomas Fatheuer


„Ich wünsche mir eine friedliche Stadt, in der sich Cariocas und Besucher zu jeder Tageszeit frei bewegen können ohne Angst vor Überfällen und Querschlägern.“ Edmar Bacha, Ökonom

„Ich wünsche mir eine Stadt, die ihre Favelas als Teil von sich ansieht.“ Paulo Niemeyer Junior, Chirurg.

Ganz Brasilien im Olympiarausch:  Wahlplakate, Unterstützung durch Prominente wie Pelé und sogar ein Medium, das die Zukunft voraussagen sollte, wurden herangezogen, um im fünften Anlauf seit 1930 als erstes Land Südamerikas den Zuschlag für die olympischen Spiele zu bekommen. „Nós podemos“ - die brasilianische Version des Obama-Wahlkampfspruchs „Yes, we can“ - beteuerte der brasilianische Präsident Lula. Und tatsächlich. Einen Tag nach der Entscheidung feierten 50.000 Menschen an der Copacabana den Sieg Rios, das sich gegen Tokio, Chicago und schließlich auch Madrid durchgesetzt hatte. Nun sind die Hoffnungen und die Pläne groß, Rio zum Positiven zu verändern. Doch wie wird mit den bestehenden Probleme umgegangen? Was denkt die Bevölkerung? Und wie soll die prekäre Sicherheitslage gelöst werden?

Schon jetzt, sieben Jahre vor den Spielen, beginnen die Vorbereitungen, um Rio de Janeiro olympiafit zu machen. Denn die Stadt steht nicht nur für Sonne, Strand und Samba, sondern auch für unübersehbare Favelas, soziale Ungerechtigkeiten und überbordende Gewalt. Rio ist eine zutiefst geteilte Stadt.


Prekäre Verhältnisse im städtischen Nahverkehr

Jeden Tag gegen fünf, sechs Uhr morgens steigen Tausende Menschen in der Peripherie Rios in die Vorstadtbusse, um pünktlich um 8 Uhr auf der Arbeit in der Südzone Rio de Janeiros zu erscheinen. Zwei bis drei Stunden dauert der Weg bei normalen Verhältnissen.  Das prekäre Verkehrsnetz ist schuld daran,  dass die Bewohner_innen von Rio, die Cariocas - und besonders die arme Bevölkerung - einen beachtlichen Teil ihrer Zeit in öffentlichen Verkehrmitteln verbringen.

Veränderungen gingen bisher nur schleppend voran. Mit den Olympischen Spielen könnte sich dies ändern: Rios Transportssystem soll refomiert werden. Profitieren wird davon jedoch in erster Linie die Mittelschicht. Da große Teile der Olympischen Spiele im neuen, boomenden Stadtteil Barra da Tijuca, in dem vornehmlich die Mittel- und Oberschicht wohnt, stattfinden sollen, plant die Stadt, das U-Bahn-Netz auszuweiten und eine Linie bis in dieses Stadtviertel zu bauen. Ein Bus-Rapid-Transit-System mit exklusiven Trassen für Busse soll das U-Bahn System ergänzen.

Der bessere Verkehranschluss von Barra da Tijuca an das Zentrum von Rio wird das Verkehrsproblem jedoch nur ansatzweise lösen. Die Menschen, die jenseits dieser Region leben, werden weiterhin täglich mehrere Stunden im Omnibus verbringen.


Fehlende Sicherheit, hoher Kriminalitätsindex, alltägliche Gewalt

Auch der internationale Flughafens Tom Jobim ist nicht olympiatauglich. Momentan werden Autos unterhalb des Terminal 1 geparkt. Laut Régis Fichtner, Sekretär der Landesregierung, würde eine dort platzierte Autobombe den gesamten Terminal in die Luft sprengen. Neben der Lösung des Parkproblems sollen die Landebahn und das Lichtsystem verbessert werden, um den Flughafen auf internationalen Sicherheitsstandard zu bringen.

Von Sicherheit spricht auch der berühmte brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho. „Ich wünsche mir, dass wir 2016 den gleichen Kriminalitätsindex wie Tokio haben, nämlich fast keinen.“ Coelhos Wunsch ist nicht gerade bescheiden und passt zu der herrschenden Euphorie in der 6-Millionen-Metropole über die Wahl zur Olympiastadt: Das Megaevent soll endlich Frieden in der Stadt schaffen.

Dass nur zwei Wochen nach dem Erfolg ein Militärhubschrauber bei einem Polizeieinsatz in einer Favela in Rio von Drogenhändlern abgeschossen wurde und seitdem die Anzahl der Toten im Kampf gegen den Drogenhandel steigt, hat die der Olympiaeuphorie verfallene Stadt wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht. In Rio gehören Gewalt, Morde, Überfälle und Korruption der Polizei zum Alltag. Laut einer Untersuchung des nationalen Forums für öffentliche Sicherheit in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium kamen 2008 im Bundesstaat Rio de Janeiro auf 100.000 Menschen rund 33 gewaltsame Tötungen. (Im Vergleich: In New York kommen auf 100.000 Personen ungefähr sechs Morde, in London nur etwas mehr als zwei und in Tokio einer).


Geplantes Sicherheitskonzept

Ob das so bleibt, hängt von der Effektivität der Sicherheitspolitik ab. Bisher wurde in der Regel nur versucht, die Kriminalität mithilfe massiver polizeilicher Gewalt zu bekämpfen. In wenigen anderen Regionen der Welt töten Polizisten so viel wie in Rio de Janeiro. Dass diese Strategie bis heute nicht von Erfolg gekrönt ist, hat verschiedene Gründe: Zum einen lassen sich Ursachen der Kriminalität, wie die extreme soziale Ungleichheit, nicht durch polizeiliche Gewalt lösen. Zum anderen werden kriminelle Handlungen, besonders der Drogenhandel in den Favelas, durch korrupte Polizisten geschützt. Dennoch, auch das Sicherheitskonzept für 2016 setzt zunächst auf mehr Polizei.

Nach Angaben der Regierung will man die Ausgaben für Sicherheit in Rio de Janeiro fast verdoppeln und ab 2012 allein in diesen Sektor 700 Millionen Reais investieren. Eins der großen Ziele ist die Pazifierung der Favelas. Aktuell befinden sich insgesamt vier Armenviertel, darunter die durch den Film City of God bekannt gewordene Favela Cidade de Deus, unter permanenter, polizeilicher Bewachung. Dank der ständigen Anwesenheit der Polícia Pacificadora und gleichzeitiger Durchführung sozialer Programme, die das Abdriften von Jugendlichen in die Kriminalität verhindern sollen, ist die Gewalt in diesen Favelas zurückgegangen. Durch diesen Erfolg bestätigt, plant die Regierung bis 2016 die Zahl der pazifizierten Favelas auf 100 zu erhöhen, was laut dem Institut für Stadtplanung allerdings nur knapp 10% aller Armenviertel in Rio ausmacht. Verständlich ist somit die Kritik von Panayotis Poulis, Leser der Tageszeitung "Globo", der die Pazifizierung der Favelas nur als bloße Farce ansieht: „Und was passiert mit den nicht pazifizierten Armenvierteln? Glauben Sie (die Regierung), dass Sie das Problem lösen?“

Rios Straßen sind alles andere als sicher. Nach Angaben des Sicherheitsbeauftragten José Mariano Beltrame sollen Raubmord, Autodiebstahl und Überfälle durch die Neueinstellung von bis zu 24.000 Militärpolizisten reduziert werden. Allerdings ist fraglich, ob dieses Ziel bis 2016 erreicht werden kann, da 40% der Anwärter durch die Aufnahmeprüfung fallen.

Unterstützung sollen die Militärpolizisten von der „Força Nacional de Segurança“, einer Spezialeinheit der Streitkräfte, bekommen. Tarso Genro, Justizminister Brasiliens,  plant bis zu 20.000 Männer und Frauen während der Olympischen Spiele nach Rio zu schicken. Dass dieses Konzept zumindest für vorübergehende Ruhe sorgen kann, zeigten bereits die Panamerikanischen Spiele 2007 in der Stadt. Dank der Hilfe von Polizisten aus ganz Brasilien ging die Kriminalität während des Sportereignisses zurück. Allerdings handelte es sich hierbei nur um temporäre Sicherheit, nachhaltig hat sich die Hilfe nicht auf die Situation Rios ausgewirkt.


Chancen für Rio

Doch es geht nicht nur um Sicherheit. Viele Cariocas hoffen, dass die Olympischen Spiele die Wirtschaft beleben könnten. Das Rio Convention Bureau geht davon aus, dass bereits 2010 die Anzahl der Touristen, die den Zuckerhut und die Christusstatue bewundern wollen, um 10 % ansteigt. Zahlreiche neue Hotels und vier olympische Dörfer sollen dem Touristenansturm und 2016 den Tausenden Sportlern gerecht werden. Roberto Kauffman, Präsident des Verbandes der Bauunternehmen, glaubt, dass die Arbeiten, um Rios Infrastruktur olympiafit zu machen, ca. 84.000 Arbeitsplätze schaffen werden. Weitere Arbeitsplätze sollen in den Bereichen Gastronomie, Gesundheit und Tourismus entstehen. Allerdings wird es dabei hauptsächlich um befristete und saisonbedingte Arbeitsstellen handeln. In der Bewerbungsmappe für die olympischen Spiele ging die brasilianische Regierung nur von der Schaffung von 15.000 permanenten und 50.000 temporären Arbeitsplätzen aus.

Nur etwas über 50% der Schulen in Rio verfügen über Räumlichkeiten, um Sportunterricht anzubieten. Partnerschaften mit Sportclubs und Förderung von besonders begabten Schülern sollen das mangelnde Sportangebot verbessern. Doch nicht nur der Sport, sondern auch Englisch wird in den nächsten Jahren in der Schulbildung gefördert. Da der wachsende Tourismus die Fähigkeit Englisch zu sprechen erfordert, soll bereits in der Grundschule Englisch unterrichtet werden.


Umweltaspekte

Ein grüneres und blaueres Rio wünscht sich Sérgio Besserman, brasilianischer Ökonom und bekannter Fernsehkommentator, für die olympischen Spiele. Einen Tag nach dem Sieg Rios hat die einflussreiche Tageszeitung "Globo" mehr als 20 Seiten über die bis zu den Spielen geplanten Maßnahmen veröffentlicht. Es ist nicht verwunderlich, dass der Umweltaspekt nur auf einer halben Seite Platz gefunden hat. Dennoch ist einiges geplant, um die Stadt grüner und blauer zu gestalten. 4 Millionen Bäume sollen bis 2016 in Rio gepflanzt werden, allein 3 Millionen davon im Nationalpark Tijuca. 100% des Mülls, der in Zusammenhang mit den Olympischen Spielen entsteht, soll recycelt werden unter gleichzeitiger Einführung neuer Recyclingmethoden. Darüber hinaus will die Regierung Regenwassernutzungsanlagen schaffen sowie Solaranlagen auf Sportanlagen wie der Rennbahn in Jacarépaguá installieren, um regenerative Energien zu nutzen. Und nicht zuletzt hofft man, das schwierigste Projekt – die Entgiftung und Sanierung der verschmutzten Bäche, Flüsse, Lagunen und der Bucht von Guanabara – unter dem Druck der Olympiade endlich durchführen zu können. Neue Kläranlagen, der Ausbau des Abwassersystems und Programme zur Umwelterziehung sind hierbei die Stichwörter.

Letztendlich ist die Sanierung der Gewässer Rios der einzige Umweltaspekt der Olympischen Spiele, der in den letzten Wochen  - zumindest etwas - diskutiert wurde. Und er ist auch einer der wenigen Punkte, bei dem viele Brasilianer höchst skeptisch sind. Umweltaktivisten glauben, dass ein Zeitraum von 7 Jahren kaum reichen wird, um die Bucht von Guanabara, in die Jahrzehnte lang Abwässer ungeklärt geleitet wurden, zu säubern  - zumal dieses Projekt seit Jahrzehnten existiert und kaum vorankommt. Um das zu ändern, so Dora Hees de Negreiros, Präsidentin des Instituts der Bucht von Guanabara, muss in erster Linie damit begonnen werden, die weitere Verschmutzung zu stoppen. Erst danach kommt die Frage der Reinigung. Da nicht nur die Regierung für die Verschmutzung verantwortlich ist, müssten auch Unternehmen und die Bevölkerung Rios in den Säuberungsprozess miteinbezogen werden.


Risiken für Rio

Kritiker befürchten allerdings, dass die olympischen Spiele zum einem riesigen Spektakel werden, von dem hauptsächlich die schon wohlhabende Mittel- und Oberschicht profitieren wird. Die ärmeren Teile der Bevölkerung geraten für die Regierung bisher nur als Problem ins Blickfeld. Man befürchtet, durch Gewalt und Kriminalität in den Favelas in ein schlechtes Licht gerückt zu werden und versucht durch Brutalität diesem Problem entgegen zu treten und es vorübergehend zu lösen. Bereits 2007 wurden im Schatten der Panmerikanischen Spielen in Rio de Janeiro mehr als 44 Menschen in der Favela Complexo do Alemão von der Sicherheitspolizei getötet, so Sandra Carvalho, Direktorin der Nichtregierungsorganisation Justiça Global. Sie ist der Meinung, dass die Regierung erreichen möchte, die Armut zu kriminalisieren. Die Bevölkerung soll die Bewohner_innen der Favelas mit Kriminalität verbinden und jede/n Tote/n im Armenviertel als positives Resultat ansehen, das die Effizienz der Polizei zeigt. Darüber hinaus könnte der Bau von neuen Sportanlagen dazu führen, dass Bewohner_innen von Armenvierteln umgesiedelt werden müssten, wie es zuletzt bei den Panamerikanischen Spielen passiert ist. Zwei Gemeinden, die sich in Regionen befanden, die für die Spiele wichtig waren, wurden 2007 entfernt - ohne jegliche Entschädigung für die Anwohner_innen.

Auch der geplante Hochgeschwindigkeitszug von Rio de Janeiro über São Paulo bis nach Campinas könnte soziale Probleme schaffen. Kritiker gehen davon aus, dass Armenviertel, die auf der geplanten Zugstrecke liegen, abgerissen werden und die Bewohner sich ein neues Zuhause suchen müssen, damit die Regierung eine effektive Schnellzugschneise bauen kann.


Fazit

Brasilien sieht die Ernennung zum Austragungsort der Olympischen Spiele als Anerkennung an, endlich zu den gleichberechtigten Partnern der westlichen Welt zu gehören – trotz bekannter Defizite in Sicherheitsfragen und Verkehr. Um diese Defizite zu bekämpfen, verspricht Brasilien viel. Doch selbst wenn alles realisiert werden sollte: Frieden wird auch 2016 nicht in Rio herrschen. Zwar hat das IOK in einer Stellungnahme bezüglich der jüngsten Gewaltwelle Ende Oktober verlauten lassen, dass man Rio zutraut, 2016 sichere Olympische Spiele veranstalten zu können. Doch Kritiker_innen sagen, dass die „Pazifizierung“ der Favelas dazu führen könnte, dass sich die Gewalt auf andere Stadtteile ausweitet. Nach Meinung von Antônio Carlos Costa, Direktor der Nichtregierungsorganisation Rio de la Paz, liegt es an der gesamten Gesellschaft - Regierung, Polizei, Zivilbevölkerung - dass die Kriminalität in Rio de Janeiro nicht abnimmt. Er fordert eine menschlichere und verantwortungsbewusstere Gesellschaft und  gleichzeitig eine transparente Regierung. Denn sonst, so seine Prophezeiung, wird Rio bei den Olympischen Spielen weltweiter Sieger in der Kategorie „Anzahl der Toten“ werden.

Auf der anderen Seite stehen der steigende Tourismus, die Ankurbelung der Wirtschaft und die damit einhergehende Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze, wenn auch oftmals temporär, die dazu beitragen werden, dass viele Menschen ihren Lebensstandard steigern können. Und dank der Cariocas, die zu den fröhlichsten und feierwütigsten Menschen auf der Welt gehören, sollte für eine ausgelassene und freudige Stimmung während der Austragung der olympischen Spiele 2016 gesorgt sein.

Dr. Thomas Fatheuer ist Büroleiter des Büros Brasilien der Heinrich-Böll-Stiftung, Julia Fiedler absolviert zurzeit ein Praktikum an diesem Büro

 

Weitere Links und Artikel zum Thema:

In deutscher Sprache:
Wikipedia zu Bucht von Guanabara

In portugiesischer Sprache:
“Pan-Americano: preparação com remoções e suspeita de corrupção”, Nestor Cozetti, Mai 2007

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