Der Rebound-Effekt

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Der  Rebound-Effekt

Energiesparlampe
Die steigende Energieeffizienz, die beispielsweise durch Energiesparlampen erreicht werden kann, regt widerum zu einem Mehrverbrauch an. Das ist der sogenannte "Rebound-Effekt". Quelle: Flickr, Foto: Colin-47, Lizenz: CC BY 2.0

11. Mai 2011
Steven Sorrell
Steven Sorrell

Beim Versuch, CO2-Emissionen zu senken, setzen die meisten Regierungen darauf, die Energieeffizienz der Wirtschaft zu steigern. Allgemein wird davon ausgegangen, dass durch solche Verbesserungen Verbrauch und Emissionen sinken – jedenfalls im Vergleich zu einem Szenario, bei dem nichts unternommen wird. Es gibt jedoch eine Reihe von Abläufen, in der Regel unter dem Begriff «Rebound», d. h. Rückpralleffekt, zusammengefasst, durch die die Energieeinsparungen verringert, in manchen Fällen sogar ganz aufgezehrt werden.
Eine wesentliche Ursache dieses «Rebound-Effekts» ist, dass höhere Energieeffizienz einen höheren Verbrauch der entsprechenden Energiedienstleistungen anregt, seien es Wärme, Licht oder Mobilität. Ein Beispiel: Da energieeffiziente Autos das Fahren billiger machen, wird oft mehr gefahren und die möglichen Einsparungen werden dadurch wieder aufgebraucht.

Solche Abläufe greifen auch in der Industrie, wo die Folgen des «Rebound-Effekts» noch größer sind. Nutzt zum Beispiel eine Fabrik Energie effizienter, sinken dadurch die Herstellungskosten, wodurch die Produktion gesteigert und der Marktanteil im jeweiligen Segment erhöht werden kann. Folgen Wettbewerber dieser Entwicklung, dann kann sich in der Summe die Nachfrage nach dem nun billigeren Produkt erhöhen – und entsprechend steigt auch der Energieverbrauch, der bei Herstellung und Nutzung des Produkts anfällt.

Selbst wenn sich die Nachfrage nach Energiedienstleistungen nicht ändert, die Verbraucher also mit ihren energieeffizienten Autos nicht vermehrt fahren, gibt es weitere Gründe, warum gesamtwirtschaftlich die Einsparungen niedriger ausfallen, als simple Berechnungen es versprechen. So geben Verbraucher das Geld, das sie beim Benzin sparen, für andere energieintensive Waren und Dienstleistungen aus, etwa für einen Urlaub in Übersee. Zudem führt ein geringerer Verbrauch von Benzin oder Diesel dazu, dass die Preise dafür sinken und der Verbrauch in anderen Ländern angekurbelt wird.

Langfristig kann eine bessere Energieeffizienz dazu beitragen, dass ganz neue Branchen und Produkte entstehen, die sich dramatisch auf Wirtschaft und Lebenswandel auswirken. So hat sich die Energieeffizienz von Beleuchtung seit dem Jahr 1800 um das 1000-Fache erhöht, die Einsparungen wurden jedoch fast vollständig vom gestiegenen Lichtverbrauch aufgezehrt– und es sieht nicht so aus, als hätte die Nachfrage ihren Höhepunkt schon erreicht.
«Rebound-Effekte» lassen sich nur äußerst schwer bemessen, deshalb wird so viel darüber gestritten. Die meisten Entscheidungsträger lassen sie bei der Berechnung von Maßnahmen zur Erhöhung von Energieeffizienz einfach links liegen und setzen so das Maß eingesparter Energie erheblich zu hoch an. Nicht zu entschuldigen ist, dass die meisten Energiefachleute dies ebenfalls tun. Im einflussreichen britischen «Stern-Report» ist zum «Rebound-Effekt» nichts zu finden, und das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) führt nur an, dass die Meinungen über die Größe des Effekts stark auseinandergehen.

Im Gegensatz dazu behaupten einige Wirtschaftswissenschaftler schon lange, dass höhere Energieeffizienz den Energieverbrauch gesamtwirtschaftlich steigert – eine These, die erstmals 1865 der britische Ökonom William Stanley Jevons vertreten hatte. Stimmt dies, würden gängige Annahmen auf den Kopf gestellt und die Förderung von kostensparenden Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz gliche einem Hund, der seinen Schwanz jagt. Derartige «Eigentore» könnten zumindest in einigen Fällen teilweise erklären, warum es so schwierig ist, Energieverbrauch und CO2-Ausstoß vom Wirtschaftswachstum zu «entkoppeln». Es heißt jedoch nicht, dass jede Verbesserung der Energieeffizienz ein solches Eigentor darstellt.

Der aktuelle Wissensstand zum «Rebound-Effekt» wurde 2007 umfassend dargestellt vom UK Energy Research Centre ( UKERC ) (1) und unlängst vom US-amerikanischen Breakthrough Institute (BTI) (2) auf den neuesten Stand gebracht. Beide Studien kommen zu dem Schluss, dass sich «Rebound-Effekte» von Fall zu Fall stark unterscheiden, sie führen aber auch eine zunehmende Zahl statistischer Belege und Modelle an, die darauf hindeuten, dass diese oft von großer Bedeutung sind. Beide Studien widersprechen auch der oft gehörten Behauptung, dass «Rebound-Effekte» gering sein müssten, da der Anteil von Energie an den Gesamtproduktionskosten gering sei.

In Bezug auf Gegenmaßnahmen ziehen die beiden Studien unterschiedliche Schlüsse: Das UKERC setzt den Schwerpunkt auf die Preisgestaltung beim CO2-Handel; das BTI plädiert für mehr Innovation bei Erneuerbaren Energien. Die Tatsache, dass die «Rebound-Effekte» nicht unbedeutend sind, führt aber auch zu tiefer gehenden Fragen über die Nachhaltigkeit eines fortgesetzten Wirtschaftswachstums. Allgemein wird angenommen, Energie habe einen nur geringen Anteil an den Produktivitätssteigerungen, «Rebound-Effekte» seien gering und eine Entkopplung sei machbar und billig.

Eine andere, ökologische Sicht der Dinge, die in der Studie des UKERC im Detail untersucht wurde, behauptet hingegen, Energie spiele eine entscheidende Rolle bei der Steigerung der Produktivität, Rückpralleffekte seien sehr ausgeprägt und eine Entkopplung sowohl schwierig wie auch teuer. Zwar sind die Belege für diese ökologische Sicht noch äußerst lückenhaft, ihre Folgerungen sollten aber beachtet werden. Da diese Folgerungen jedoch im Widerspruch sowohl zu den Interessen und Annahmen der Entscheidungsträger wie auch der jeweiligen Interessengruppen stehen, findet eine Diskussion hierüber fast nur im Verborgenen statt. Dennoch deutet immer mehr darauf hin, dass sich dies zu ändern beginnt. Der Bericht « Prosperity without Growth » der britischen Sustainable Development Commission (3) hat bereits zu einer breiten Diskussion geführt. In dieser im Entstehen begriffenen, entscheidenden Debatte wird es von großer Bedeutung sein, an zentraler Stelle auf die «Rebound-Effekte» einzugehen.

Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Herrmann


(1) Steven Sorrell: The Rebound Effect: an assessment of the evidence for economy-wide energy savings from improved energy efficiency; UK Energy Research Centre, London, 2007.
(2) Jesse Jenkins, Ted Nordhaus, Michael Shellenberger: Energy emergence: rebound and backfire as emergent phenomena; Breakthrough Institute, New York, 2011.
(3) Tim Jackson: Prosperity without growth? The transition to a sustainable economy; Sustainable Development Commission, London, 2009.

Steven Sorrell ist Stellvertretender Direktor der Sussex Energy Group (SEG) und Gutachter des United Kingdom Energy Research Centre (UKERC). Ehemaliger Berater der UNO, der Europäischen Kommission, der britischen Regierung, der Umwelt Agentur, der Nachhaltigkeitskommission und von NGOs

Böll.Thema 2/2011

Grenzen des Wachstums. Wachstum der Grenzen.

Dieses Heft erörtert die Utopie einer „ökologischen“ Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven. Peter Sloterdijk z.B. diskutiert die Alternativen eines auf Selbstbeschränkung zielenden grünen Puritanismus und einer Erweiterung der Grenzen der Natur durch eine Verschmelzung der Biosphäre mit der Technosphäre. Weitere Beiträge beziehen sich auf die weltweite Jagd nach Rohstoffen, die Lektionen aus der atomaren Katastrophe in Japan und auf die Diskussion um Wachstumsverzicht.
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Wohlstand ohne Wachstum: Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt

Der britische Ökonom Tim Jackson skizziert in seinem Buch die Vision einer Postwachstumsökonomie, in der die Quellen für Wohlergehen und bleibenden Wohlstand erneuert und gestärkt werden.

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