Sind wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz vereinbar?


Sind Wohlstand und Natur vereinbar?
Foto: Adam Swank (Quelle: Flickr.com). Dieses Foto steht unter einer Creative Commons Lizenz.

16. März 2010
Claudia Kemfert

Von Claudia Kemfert

Unser Emissionsbudget ist bald verbraucht. Weltweit stehen laut WBGU (Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderung, der die Bundesregierung berät) bis 2050 nur noch Emissionsrechte von 750 Milliarden Tonnen zur Verfügung. Auf der Basis gleicher globaler Pro-Kopf-Emissionsrechte ergibt sich daraus allein für Deutschland ein Emissionsbudget von neun Milliarden Tonnen. Beim gegenwärtigen Emissionsniveau wären diese in zehn Jahren verbraucht. So stellt sich die Frage: Ist der Ansatz des stetigen Wachstums der richtige? Können wir uns ständiges Wirtschaftswachstum noch leisten? Kann unser Wirtschaftssystem dieses Problem überhaupt lösen? Ist unser heutiges Wirtschaftssystem überhaupt in der Lage, globalen Wohlstand flächendeckend zu mehren und aufrechtzuerhalten?

Volkswirtschaftlich gesehen, ist das System der sozialen Marktwirtschaft sehr wohl in der Lage, den Wohlstand zu vermehren. Selbst ein freier Welthandel kann den Ländern rund um den Globus zu Wohlstand und Wohlergehen verhelfen. Allerdings hat die Finanzkrise auch deutlich gemacht, dass ungezügelte Gier, unvorteilhafte oder sogar falsche Spielregeln und Maßlosigkeit dazu geführt haben, dass das System zu größeren Ungleichverteilungen und somit in eine Krise führen kann.

Die Frage ist: Was wächst?

Nicht das Wachstum an sich ist problematisch, es geht um die Frage, was wächst. Ungezügeltes Wirtschaftswachstum, welches einseitig endliche fossile Ressourcen verbraucht, ist falsch. Mehr und besserer Umweltschutz, Gesundheit, breiterer Zugang zu sauberem Trinkwasser und sauberer Energie hingegen sind wichtig und richtig. Der wachsende Einsatz etwa von erneuerbaren Energien, klimaschonender Mobilität, steigender Gesundheitsvorsorge sowie Techniken zur Herstellung von sauberem Trinkwasser kann für wachsenden Wohlstand sorgen. Und genau darum muss es gehen, wenn wir das globale Problem des Klimawandels mit Wirtschaftswachstum lösen wollen. Wir müssen das Wirtschaftswachstum vom fossilen Energieverbrauch entkoppeln. Und wir müssen uns abgewöhnen, das Wirtschaftswachstum als Maßstab für Wohlstand zu definieren.

Der Klimawandel schreitet unaufhörlich voran, da der Anteil der fossilen Energien an der Energieerzeugung immer weiter zunimmt. Stark wachsende Volkswirtschaften wie China, aber auch Russland und Indien verbrauchen immer mehr fossile Energie. Dabei werden etwa drei Viertel der weltweiten Treibhausgase von den entwickelten Volkwirtschaften wie USA, Europa und Japan verursacht. Insbesondere der stark steigende Kohleverbrauch lässt die Treibhausgase unaufhaltsam ansteigen. Dabei wird nicht selten der Verbrauch fossiler Energie subventioniert, was zu einer Verschwendung von Energie führt.

In China beispielsweise geht derzeit durchschnittlich ein Kohlekraftwerk pro Woche ans Netz. Diese Kohlekraftwerke werden in den kommenden 40 – 60 Jahren immer weiter klimabelastende Emissionen verursachen. Zudem wachsen der Transportsektor und vor allem der motorisierte Individualverkehr unaufhörlich, was zu einem steigenden Benzinverbrauch führt. Jährlich wandern in China 18 Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Innerhalb der kommenden 30 Jahre werden dort 200 Mega-Städte gebaut werden, d. h. Städte mit über einer Million Einwohnern, wovon Europa gerade mal 35 hat. Zudem besitzen und fahren derzeit in China vier von 100 Menschen ein Auto, in den USA und Europa sind es 80 von 100. Diese Entwicklung macht deutlich, wie rasch in stark wachsenden Volkswirtschaften die Treibhausgase zunehmen werden.
Schon heute hat China in absoluten Werten gemessen die USA als Nummer eins der weltweiten Treibhausgasemittenten abgelöst. Die Pro-Kopf-Emissionen von China und Indien liegen allerdings noch weit hinter denen der Industrieländer. Insbesondere die USA verbrauchen pro Kopf immer noch am meisten Energie und könnten durch einen sparsameren Umgang leicht und kostengünstig die Klimagase senken.

Kooperation und Innovation

China wird weiter wachsen und ist auf neue Technologien angewiesen. Und hier liegt der Schlüssel zur Lösung des Problems: Kooperation und Innovation. Die Energieversorgung und die Mobilität müssen klimaschonend werden. Wir benötigen somit dringend eine CO2-freie, sichere und bezahlbare Energieversorgung, zudem innovative Antriebsstoffe und -techniken. Deutschland kann diese Techniken erforschen und der Welt anbieten.

Der Klimaschutz ist die Lösung und der Weg aus dem Problem, denn Klimaschutz schafft Wachstum und Arbeitsplätze. Und hier hat die Finanzkrise ein Gutes, ja wir können froh sein, dass uns die Krise jetzt ereilt hat und nicht später. Denn die Finanzkrise hat deutlich gemacht, dass der Markt sich nicht selbst reguliert und wir im Falle von Marktversagen kluge politische Weichenstellungen brauchen. Zwar hätten wir schon viel früher beginnen sollen, technologische Innovationen und nachhaltige Mobilitätskonzepte zu erforschen und auf den Markt zu bringen, die uns unabhängig von fossilen Energien machen. Dennoch ist es nicht zu spät, im Gegenteil. Jetzt können wir drei Krisen mit einer Klappe schlagen: die Finanz-, Energie- und auch die Klimakrise. Wichtig ist jedoch, dass die Politik die Weichen hin zu einer energieeffizienten, nachhaltigen und klimaschonenden Wirtschaftswelt ebnet. Die erneuerbaren Energien müssen weiterhin gefördert werden, es sollten finanzielle Anreize zum Energiesparen geschaffen werden.

Die richtigen Anreize

Insbesondere im Gebäudebereich liegen ungeahnte Energieeinsparpotenziale. Durch gezielte finanzielle Förderung, Steuerersparnisse und verbesserte Möglichkeiten der Kostenüberwälzung für Immobilienbesitzer können hier die richtigen Signale gesetzt werden. Auch im Bereich Mobilität gibt es viel zu verbessern: Der Schienenverkehr und ÖPNV muss stark unterstützt, der Flugverkehr in den Emissionshandel aufgenommen und die deutsche Autobranche zukunftsfähig gemacht werden. Statt Abwrackprämien für alte Autos zu zahlen, sollten die Autokonzerne bei der Markteinführung innovativer und klimaschonender Produkte und Antriebsstoffe finanziell direkt unterstützt werden.
Die derzeitige EU-Präsidentschaft Schweden drängt auf verstärkten Klimaschutz und will die gesamte Energieversorgung in einigen Jahren unabhängig von fossilen Energien machen, England will den Anteil erneuerbarer Energien verdoppeln, selbst die USA geben 150 Milliarden Euro für den Ausbau erneuerbarer Energien aus und setzen sich für aktiven Klimaschutz ein. Und auch China will den Anteil erneuerbarer Energien deutlich ausbauen und kooperiert mit den USA in puncto Klimaschutz. Sie alle haben verstanden, dass die Politiker jetzt für die richtigen Anreize sorgen müssen.

Klimabewusste Geschäftsmodelle

Die Unternehmer haben sich schon längst auf klimabewusste Geschäftsmodelle eingelassen. Unternehmen benötigen aber auch langfristig verlässliche Rahmenbedingungen. Insbesondere im Bereich der energetischen Sanierung von Gebäuden, der Technik der erneuerbaren Energien, der umweltfreundlichen Kohletechnologie oder nachhaltiger Mobilität ist Deutschland – noch – Weltmarktführer. Das kann sich schnell ändern, denn das globale Wettrennen um die innovativsten Ansätze hat begonnen. Das Wirtschaftswachstum bietet dafür tatsächlich die besten Voraussetzungen, denn es schafft enorme Investitionsmöglichkeiten – Investitionen in Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Wasserwirtschaft, klimaschonende Energietechniken, Antriebsstoffe sowie nachhaltige Mobilität.

Wir werden unser Emissionsbudget ausschöpfen, wir werden aber keinen Kredit bekommen. Daher ist es umso wichtiger, heute zu beginnen, denn uns droht die Klima-Insolvenz, und uns gibt niemand einen Kredit. Die Finanzkrise ist unser letzter Weckruf. Wir haben zehn Jahre Zeit, um die Innovationen und Technologien auf den Markt zu bringen. Klimaschutz ist der Weg aus der Krise. Klimaschutz ist der Wirtschaftsmotor und schafft Arbeitsplätze. Dann kommen wir auch mit dem uns zugedachten Emissionsbudget aus. Der Klimaschutz ist unsere Chance, vielleicht unsere letzte.

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Claudia Kemfert ist seit 2004 Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Sie ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin und Beraterin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zu Fragen von Energie und Klimawandel. Ihre jüngste Veröffentlichung: "Jetzt die Krise nutzen", Murmann 2009.

Sächsische Energiespargemeinden
"Energiespargemeinde" nennt sich seit 2007 die Einheitsgemeinde Zschadraß in Sachsen. Das Prädikat wurde insgesamt vier sächsischen Kommunen durch die Sächsische Energieagentur – SAENA GmbH für drei Jahre verliehen. Seitdem versuchen über zwanzig Städte und Gemeinden, den Energieverbrauch zu optimieren. Weitere Kommunen stehen vor der Entscheidung zur Teilnahme.
"In Zschadraß dachten wir bereits 2000 darüber nach, wie wir durch eine effizientere Energienutzung die chronisch klamme Gemeindekasse entlasten können. Unser Konzept", so Hauptamtsleiter Hans-Peter Kiesel, "sieht vor, bis 2050 den gesamten Energiebedarf für alle öffentlichen und privaten Gebäude aus regenerativen Quellen zu gewinnen". Seitdem geht Zschadraß systematisch Schritt für Schritt: Von ein bis vier Uhr nachts werden die städtischen Laternen ausgeschaltet, die Turnhalle wird CO2-neutral geheizt, Photovoltaik-Anlagen stehen auf den Gebäuden der Gemeinde … und die Privatleute ziehen nach.

Green New Deal / Great Transformation