Wirtschaft, Wohlstand und Wachstum

Wirtschaft, Wohlstand und Wachstum

Wirtschaft, Wohlstand und Wachstum

15. Juli 2010
Von Damian Ludewig

Von Damian Ludewig

Die heutige Politik ist stark wachstumsorientiert. Andere gesellschaftliche Fragen drohen immer wieder der Wachstumsfrage untergeordnet zu werden. Wenn Ökonomen der Politik Maßnahmen zur Steigerung des Wachstum empfehlen, scheinen sie keine besonders starke Annahme zu treffen: „Mehr ist besser“ – das Gegenteil scheint ja auch absurd, warum sollte jemand weniger Güter haben wollen? So lässt der stete technische Fortschritt bisher kein Ende der Nachfrage nach neuen Gütern absehen: Immer neue, bessere Datenträger für Musik (wer hat heute noch die Geduld eine Kassette bis zum gewünschten Titel zu spulen und will dann das Leiern alter Bänder ertragen?), immer leistungsstärkere Computer, neue Internetanwendungen, der Einzug der mobilen Kommunikation in das Alltagsverhalten und dann erst die dringend anstehende ökologische Modernisierung von Siedlungs- und Verkehrsstrukturen sorgen stetig für neue Wachstumspotentiale.

Dabei wachsen wir schon lange nicht mehr exponentiell. Die durchschnittlichen Wachstumsraten nehmen von 8,1 Prozent in den 1950er Jahren über 2,9 Prozent in den 1970er Jahren bis 0,8 Prozent im vergangenen Jahrzehnt kontinuierlich ab. Das ist auch kein Wunder – das Wachstum von 5,1 Prozent im Jahre 1991 (im alten Bundesgebiet) war in realen Zahlen fast so hoch wie ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung des Jahres 1950!

Doch Wachstum – egal ob zyklisch, exponentiell oder linear – hat auch seine Kehrseiten. Zunächst einmal meint Wachstum eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP), was nicht zwingend das Gleiche ist wie eine Zunahme des Wohlergehens der Bevölkerung. So werden in China laut Angaben des dortigen Umweltministeriums die Wohlfahrtsgewinne durch Wirtschaftswachstum komplett durch wachstumsbedingte Umweltschäden getilgt. Umweltschäden tauchen aber positiv in der Bilanz auf: Je mehr Kosten diese Umweltschäden verursachen, desto größer wird die Wirtschaftsleistung. Auch Unfälle lassen das BIP steigen – schließlich müssen Verletzungen behandelt, kaputte Autos repariert und die Leitplanke ersetzt werden. Ernstzunehmende Untersuchungen zeigen, dass auch in Deutschland der Wohlstand seit Jahren stagniert, sich das Wachstum also von der tatsächlichen Lebenslage der Menschen abgekoppelt hat. Wenn wir den tatsächlichen Wohlstand messen wollen, müssen wir vernichtetes Naturkapital vom gestiegenen ökonomischen Kapital abziehen und unbezahlte Arbeit mit einrechnen.

Ein neuer Wohlstandsindikator würde noch nicht bedeuten, dass es neue Anreize für Unternehmen und Verbraucher gäbe, anders zu produzieren oder zu konsumieren, da er ja nur eine andere Darstellung der Realität bedeutet. Aber er würde vermutlich dazu führen, dass die Politik ihre Prioritäten stärker am tatsächlichen Wohlstand und nicht nur an der Zunahme des BIP ausrichtet und somit Rahmenbedingungen setzt, die stärker auf ökologische Verträglichkeit und von Wachstum unabhängige Faktoren eines glücklichen Lebens setzt wie z.B. soziale Sicherheit, Arbeitszeitverteilung etc..

Es stellt sich aber die Frage, ob eine solche Politik mit unserem Wirtschaftssystem überhaupt vereinbar ist, oder wir zu immer weiterem Wachstum gezwungen sind.

(Warum) brauchen wir Wachstum?

Neben vermeintlichen zusätzlichen Konsumwünschen setzt vor allem die zunehmende Arbeitsproduktivität die Politik unter Wachstumsdruck. Sobald die Arbeitsproduktivität schneller steigt als das BIP, nimmt die Arbeitslosigkeit (bei gleich bleibenden Arbeitszeiten) zu. Eine Lösung würde hier nur die Umverteilung von Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung bieten, doch die ist bei der Wirtschaft aufgrund der damit einhergehenden höheren Kosten unbeliebt.

Vor einem ähnlichen Dilemma steht die Politik durch den technischen Fortschritt in der Medizin: Je mehr an medizinischer Behandlung möglich wird, desto stärker steigen die Kosten im Gesundheitsbereich. Wenn dies nicht mehr durch Wachstum finanziert werden kann, muss entweder auf den Einsatz fortschrittlicher Behandlungsmethoden aus Kostengründen verzichtet werden, oder es müssen in anderen Bereichen Kürzungen vorgenommen werden. Ähnlich verhält es sich bei den Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Finanzierung der Rentenversicherung. Auch hier wurde bisher das veränderte Verhältnis Menschen im erwerbsfähigen Alter zu Rentnern v.a. durch Produktivitätssteigerungen ausgeglichen.

Bisher lassen sich soziale Verteilungskonflikte weitgehend durch Wachstum kaschieren. So lange es immer mehr zu verteilen gibt, können die Reichen reicher werden ohne dass die Armen ärmer werden müssen und anders herum.

Auch die Staatsverschuldung setzt die Politik unter Druck: Steigende Staatsschulden können nur durch höhere Steuern, niedrigere Staatsausgaben oder eben durch Wachstum beglichen werden. Vor das gleiche Problem sind Unternehmen und Bevölkerung gestellt, wenn sie Kredite aufgenommen haben und Zinsen bedienen müssen.

Aber ist es denn überhaupt ein Problem, wenn wir wachsen?

(Warum) schadet Wachstum?

Unser bisheriges Wirtschaftswachstum hat zu einer immer stärkeren Ausbeutung der Natur in unserem eigenen Land, aber auch in anderen Ländern, deren Ressourcen wir mittelbar oder unmittelbar importieren, geführt. Über 70 Prozent unseres Energiebedarfs importieren wir aus dem Ausland. Auch Wasser importieren wir in großem Umfang als so genanntes „virtuelles Wasser“, das bei der Herstellung von Produkten verbraucht wurde, die eingeführt werden. So verursacht der Konsum einer Tasse Kaffee in den Anbaugebieten einen Verbrauch von 140 Litern Wasser, also der 700-fachen Menge. Der Großteil dieses virtuellen Wassers stammt aus Regionen, die unter Wasserknappheit leiden.

Am dramatischsten ist die Situation bezüglich des Klimawandels. Um die globale Erwärmung auf 2°C zu begrenzen, müssen die westlichen Industrienationen ihren Ausstoß an Treibhausgasen in den kommenden 40 Jahren auf nahezu Null reduzieren.

Durch die bestehende Wachstumsökonomie besteht also die Gefahr der Übernutzung der Natur durch überhöhte Freisetzung von Treibhausgasen, Schadstoffen aber auch Lärm sowie durch die Übernutzung endlicher (Kohle, Erdöl, Uran) und erneuerbarer (Wälder, Fischbestände, Süßwasservorkommen) Ressourcen. Dadurch kommt es zur Zerstörung von Naturräumen, Artensterben und letztlich auch zur Gefährdung der Lebensgrundlagen des Menschen.

Aus ökologischer Perspektive gesehen brauchen wir v.a. Schrumpfungsprozesse: Weniger Treibhausgasemissionen, weniger Flächenverbrauch, weniger Ressourcenverbrauch, weniger Wasserverbrauch, weniger Luftverschmutzung.

Dies kann entweder erreicht werden, indem die Bevölkerungszahl sinkt oder wenn die Ressourceneffizienz schneller zunimmt als das Bruttoinlandsprodukt.

Lösungsansätze

Das eigentliche Problem ist nicht das Wachstum an sich, sondern der damit bisher einhergehende Ressourcenverbrauch. Ob die Ressourceneffizienz dauerhaft deutlich stärker wachsen kann als die Wirtschaftsleistung ist umstritten und ein Knackpunkt in der Wachstumsdebatte.

Wachstums-Kritiker wenden ein, historische Beispiele für den Rückgang des CO2-Ausstoßes seien bisher nur der Zusammenbruch des Ostblocks und die aktuelle Weltwirtschaftskrise. Daraus folgern sie, dass auch künftig ein Rückgang von Treibhausgasemissionen nur durch Schrumpfung des BIP zu erreichen sei. Diese Sichtweise ignoriert aber, dass bisher auch nicht die richtigen Politiken für ein umweltverträgliches Wachstum umgesetzt wurden. Erste Ansätze, der Wirtschaft Anreize für mehr Ressourceneffizienz zu setzen, haben sehr wohl Emissionen senkende Wirkungen gehabt. So sank in Deutschland nach Umsetzung der Ökologischen Steuerreform der Treibstoffverbrauch erstmals mehrere Jahre in Folge. Technischer Fortschritt braucht die richtigen politischen Vorgaben durch die richtigen Preissignale. Er zeichnet sich ja aber gerade dadurch aus, dass er Dinge hervorbringt, die es vorher noch nicht gab – warum nicht auch eine deutlich erhöhte Ressourceneffizienz?

Als zentraler Anspruch von Wachstumskritikern wird formuliert, die „Ressourcen müssten im Boden bleiben“. Gerade Zertifikatelösungen können dies sehr effizient garantieren, da sie eine absolute Schranke entweder für die Entnahme von Ressourcen, oder für die Abgabe von Emissionen setzen. Linke Wachstumskritiker scheinen sich dazu verleitet zu sehen, dieses Instrument nur oder zumindest gerade deswegen abzulehnen, weil es in Deutschland als „Emissionshandel“ bezeichnet wird und als marktwirtschaftliches Instrument gilt. Sie fordern ein „cap“ ohne „trade“, also die Einführung von Emissionsgrenzen oder dass dabei Zertifikate gehandelt werden können. Dabei ist es ein großer Erfolg, dass durch die Betonung des „Handels“ auch die Wirtschaft mehr oder weniger für „caps“ gewonnen werden konnte. Wenn Zertifikate dann nicht versteigert werden sollen, müssen sie per Plan an die einzelnen Unternehmen zugeteilt werden. Dies ist wesentlich anfälliger für Einflussnahme von Lobbyisten (was ja gerade der europäische Emissionshandel gezeigt hat, bei dem dies anfangs genau so gehandhabt wurde). Wer diese Einflussnahme kritisiert, kann sich aber schlecht gleichzeitig gegen eine Versteigerung aussprechen. Auch den nachgelagerten Handel mit Emissionsrechten zu verbieten scheint nicht sinnvoll – wenn ein Unternehmen mehr Zertifikate braucht, ein anderes weniger, warum sollte das eine nicht dem anderen seine überschüssigen Zertifikate verkaufen dürfen?

Zentrale Herausforderung bleibt, ökologisch anspruchsvolle „caps“ durchzusetzen. Das müssen die Kritiker bei einem ausschließlichen „cap“ aber auch. Statt sich dafür zu engagieren wenden sie sich gegen den Emissionshandel an sich und spielen so im Zweifelsfall eher den Gegnern von Umwelt- und Klimaschutz in die Hände. Durchaus berechtigte Detailkritik darf nicht einfach darin resultieren, ein Instrument insgesamt abzulehnen, zumal wenn keine wenigstens halbwegs gangbare Alternativen aufgezeigt werden können.

Auch gegenüber der Idee ökonomischer Instrumente im Umweltschutz an sich, externe Kosten zu internalisieren, gibt es oftmals Vorbehalte. Die Natur werde so zur „kapitalistischen Ausbeutung freigeben“, Umweltsündern werde eine Art „Ablasshandel“ angeboten. Dabei wird ausgeblendet, dass die Natur auch heute schon ausgebeutet wird – gerade weil sie oft keinen oder einen viel zu geringen Preis hat. Die Kosten von Umweltschäden werden daher bisher oft von der Allgemeinheit statt von den Verursachern getragen. Ökonomische Instrumente wie Steuern oder Zertifikate führen dazu, dass der Wert von Natur auch in Bilanzen auftaucht und Unternehmen ihn „schätzen lernen“. Sie stellen also einen Anreiz dar, die Ausbeutung einzuschränken. Denn die Nutzung natürlicher Ressourcen komplett zu verbieten ist kein gangbarer Weg. Sie muss auf ein ökologisch verträgliches, nachhaltiges Maß zurückgeführt werden.

Unabhängig davon, wie sehr man an technischen Fortschritt, die Innovationskräfte des Marktes und damit an das Potential der dauerhaften Entkoppelung von wirtschaftlichem Wachstum und Ressourcenverbrauch glaubt – die Politik muss in jedem Fall entsprechende Rahmenbedingungen setzen, damit die ökologischen Grenzen eingehalten werden. Dies ist durch den Einsatz von Zertifikatelösungen oder Umweltsteuern auf effiziente Weise möglich. Bisherige Umweltsteuern müssen dazu auf natürliche Ressourcen generell ausgeweitet werden (Boden, Metalle, Kies etc.) und so weit angehoben werden, dass die Zuwachsrate der Ressourcenproduktivität über der Wachstumsrate der Wirtschaft liegt.

Wenn die Einnahmen aus Umweltsteuern und der Versteigerung von Zertifikaten zur Reduktion der Steuern und Abgaben auf Arbeit verwendet würden, würden nicht nur die Anreize zur Steigerung der Ressourcenproduktivitäten zunehmen, sondern auch dass die zur Steigerung der Arbeitsproduktivität sinken. Das macht Wachstum nicht nur ökologisch verträglicher sondern vermindert gleichzeitig den Wachstumsdruck.

Neben Effizienzstrategien zur Herstellung von Produkten unter weniger Ressourceneinsatz brauchen wir Substitutionsstrategien, also die Ersetzung von unökologischen Produkten wie fossilen Energien durch zukunftsfähige Produkte wie erneuerbaren Energien. Diese gesamtwirtschaftlichen Strategien sollten darüber hinaus durch individuelle Suffizienzstrategien ergänzt werden, also die Besinnung auf mehr Lebensqualität bei weniger Konsum.

Kurzfristig wird der massive ökologische Umbau unseres Wirtschaftens, der in den nächsten 40 Jahren ansteht, jedoch eher zu einem Wachstum des BIP führen. Energetische Sanierung der Häuser, Umbau von Siedlungsstrukturen, Ausbau von Bahn und ÖPNV, Elektromobilität, Modernisierung der Kanalisation – all das sind Maßnahmen, die ökologisch notwendig sind, aber auch großes Potential für Wachstum und Beschäftigung bieten. Auch die Bereiche Bildung, Gesundheit, Pflege sind allesamt wenig ressourcen- aber arbeitsintensiv und haben noch deutliche Wachstumspotentiale. Die Frage nach dem Schrumpfen unserer Wirtschaft wird sich also vorerst auf einzelne Wirtschaftsbereiche konzentrieren, aber nicht unmittelbar für die Wirtschaft als Ganzes stellen. Insofern haben wir für die Entwicklung von Konzepten für Schrumpfungsökonomien zumindest noch einige Zeit. Trotzdem sollte man sich auch darüber bereits heute Gedanken machen.

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