Die Anziehungskraft von Fragen, auf die wir keine Antwort wissen

Die Anziehungskraft von Fragen, auf die wir keine Antwort wissen

Die Anziehungskraft von Fragen, auf die wir keine Antwort wissen

Grasendes Zebra
Selbstkühlend: Der kleine Temperaturunterschied über den weißen und schwarzen Streifen verursacht eine leichte Luftbewegung über dem Fell des Zebras. Foto: jschinker, Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

11. Mai 2011
Gunter Pauli
Gunter Pauli

Wie ist es möglich, dass das Zebra ein Fell mit schwarzen und weißen Streifen ausgebildet hat, bei dem wegen der Luftdruck-Unterschiede über den weißen und schwarzen Streifen (verursacht durch höhere Temperatur über den schwarzen Streifen) minimale Windböen erzeugt werden und für Kühlung sorgen? Wie konnte die intelligente Lösung einer eigenen Oberflächenbelüftung – eine der wirksamsten Kühlungsmethoden überhaupt – in eine derart raffinierte Fellzeichnung übertragen werden? Wie war es möglich, das Brennen der Hitze durch eine spezielle Fettschicht direkt unter den schwarzen Streifen zu lindern?

(…) Wie ist es möglich, dass Termiten in ihrem Hügel eine konstante Temperatur von 27 Grad Celsius aufrechterhalten, indem sie Kamine bauen, die automatisch sowohl die Temperatur als auch die Luftfeuchtigkeit regeln? Sie beweisen damit ein meisterhaftes Verständnis der Mikro-Meteorologie und wenden die nichtlineare Mathematik gekonnt an.

Wie haben Mücken herausgefunden, dass ihr winziger Saugrüssel eine konische und nicht eine zylindrische Form haben muss, damit sie heimlich Blut saugen können? Warum haben wir beim Arzt jahrzehntelang Einstiche mit Schmerz verursachenden Kanülen ertragen müssen, bis die Firma Terumo schließlich konische Kanülen auf den Markt brachte? Diese Nadeln (…) erfreuen sich besonderer Beliebtheit bei Diabetikern.

Wenn man die Wunder hinter dieser perfekten Ausnutzung von Energie und Materie betrachtet, die bemerkenswerte Formgebung, die adäquate Materialauswahl, den Selbstbau der Bestandteile – dann kann man nur beeindruckt sein von dem hohen Maß an Intelligenz in den natürlichen Systemen, die das Leben überall auf unserer blauen Erde ausmachen. Diese Lebewesen haben die Fähigkeit, das Beste aus der Physik, Chemie und Biologie herauszuholen und die Beziehungen zwischen diesen Fachgebieten zu ihrem Vorteil zu nutzen. Jedes einzelne der genannten Bespiele zeigt, dass sie die Verbindungen zwischen verschiedenen Phänomenen entdeckt haben (Luftdruck und Kühlung oder Geometrie und Antrieb).

Wie kann es sein, dass der Mensch in einer solch uneinsichtigen Art und Weise handelt? Wieso nimmt sich der Mensch nicht einmal die Zeit, die Zusammenhänge zu entdecken? Schlimmer noch: Wie kommt es, dass wir (unabsichtlich) alle möglichen Anstrengungen zu unternehmen scheinen, die Wunder um uns herum zu zerstören? (…) Das Ziel unserer Fragen ist, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen bezüglich der Entstehung des Lebens und dazu, wie es sich über Jahrmilliarden hinweg entwickelte und weiter entwickelt und dazu, wie wir in unserem realen Leben anwenden, was wir aus Einsteins Relativitätstheorie gelernt haben. Das sollte uns motivieren, uns mehr auf Innovationen einzulassen, unsere Welt neu zu überdenken, neue Wirtschaftsmodelle zu entwerfen, eine gesündere Gesellschaft anzustreben und Verbindungen zwischen unseren Körpern und Seelen herzustellen.

Hinweis Wir entnahmen diese Auszüge mit freundlicher Genehmigung Gunter Paulis Buch « Zen and the Art of Blue. Die Verbindung der eigenen Lebensqualität mit dem Blauen Planeten Erde », Konvergenta Publishing, Berlin 2010.
 

Böll.Thema 2/2011

Grenzen des Wachstums. Wachstum der Grenzen.

Dieses Heft erörtert die Utopie einer „ökologischen“ Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven. Peter Sloterdijk z.B. diskutiert die Alternativen eines auf Selbstbeschränkung zielenden grünen Puritanismus und einer Erweiterung der Grenzen der Natur durch eine Verschmelzung der Biosphäre mit der Technosphäre. Weitere Beiträge beziehen sich auf die weltweite Jagd nach Rohstoffen, die Lektionen aus der atomaren Katastrophe in Japan und auf die Diskussion um Wachstumsverzicht.
Cover: Wohlstand ohne Wachstum

Buch

Wohlstand ohne Wachstum: Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt

Der britische Ökonom Tim Jackson skizziert in seinem Buch die Vision einer Postwachstumsökonomie, in der die Quellen für Wohlergehen und bleibenden Wohlstand erneuert und gestärkt werden.

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