Europa und der "American Dream"

Der soziale Fahrstuhl ist stecken geblieben

17. November 2010
Von Naomi Buck

Was genau ist der deutsche Traum, und in welcher Beziehung steht er zum Mythos vom „American Dream”? Entspringt der sagenhafte Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär der Realität, oder ist er Teil der kollektiven Imagination? Wie schafft man eine Gesellschaft, in der Menschen nicht nur vorwärts kommen wollen, sondern dies auch können? Die Heinrich Böll Stiftung ist diesen Fragen zusammen mit ihren Partnern - der Vodafone Stiftung Deutschland und dem German Marshall Fund of the United States - im Rahmen einer Transatlantischen Konferenz nachgegangen. Zwar unterschieden sich die Experten in ihren Standpunkten und Herangehensweisen; sie waren sich jedoch darüber einig, dass die Antwort auf diese Fragen die Zukunft Deutschlands bestimmen wird.

Bezugspunkt der Diskussion war eine von der Heinrich Böll Stiftung in Auftrag gegebene Studie, die auf der Konferenz von ihrem Autor Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin vorgestellt wurde. Ihre Ergebnisse sind ernüchternd. Der Titel fasst sie bereits zusammen: „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“. Der „soziale Fahrstuhl“, von dem man sich einst erhoffte, er würde motiviertem, talentiertem Nachwuchs den Aufstieg auf der sozioökonomischen Leiter ermöglichen, ist in Deutschland so gut wie zum Erliegen gekommen. Deutschland bildet in punkto soziale Mobilität das Schlusslicht in Europa.

Das war nicht immer so. Für die deutsche Nachkriegsgeneration war Wachstum selbstverständlich. Es ging stetig bergauf, der Wohlstand nahm zu. Das heutige Klima ist ein ganz anderes; es entstand zwar nicht erst mit der jüngsten Finanzkrise, wird aber durch sie noch verschärft. Die Mittelschicht bröckelt, die Gesellschaft altert, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer, und der Wettbewerb um Arbeitsplätze ist global. Die junge Generation in Deutschland kann daher nicht auf eine bessere gesellschaftliche Position als ihre Eltern hoffen; viele werden darum kämpfen müssen, den Standard, mit dem sie aufgewachsen sind, zu erhalten. Pollaks Zahlen zufolge hat nur ein Drittel der jüngeren Generation in Westdeutschland heute die gesellschaftliche Position im Vergleich zu ihren Eltern verbessert; in Ostdeutschland ist sogar ein Drittel abgestiegen.

Dieser Rückgang bereitet in zweierlei Hinsicht Probleme. Zunächst stellt sich die Frage der Gerechtigkeit. Trevor Phillips, Vorsitzender der britischen Kommission für Gleichberechtigung und Menschenrechte, definierte soziale Mobilität als die Garantie, dass „Herkunft nicht das Schicksal bestimmt“ - eine wesentliche Prämisse der Demokratie. Die Mehrheit der Deutschen, die in Pollaks Studie befragt wurden, sind davon überzeugt, in einem Land zu leben, in dem dies der Fall ist: Hier bestimmen Bildung, Fleiß und Eigeninitiative den persönlichen Aufstieg – und nicht etwa Faktoren wie soziale Schicht, Alter, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit, die nicht beeinflussbar sind. Diese Auffassung steht im Widerspruch zur Realität. Tatsächlich bietet Deutschland die geringste Chancengleichheit in ganz Europa. Der Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir, behauptet daher, in Deutschland entscheide sich das Schicksal beinahe schon im Kreißsaal.

Deutschland als Abwanderungsland

Das zweite Problem ist die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Wer will in einem System leben, in dem Talent nicht zählt? Auch in diesem Punkt blendet Deutschland die Realität aus. Während viele sich den Kopf zerbrechen, ob Deutschland mehr Einwanderer_innen verträgt, sprechen die Zahlen eine ganz andere Sprache. Deutschland ist ein Abwanderungsland, und diejenigen, die es verlassen, zählen zu den am besten ausgebildeten und den am stärksten motivierten Menschen im Land. Armin Laschet, der ehemalige Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen, unterstrich diese Ironie: Noch in den 1980-er Jahren bot Deutschland Türken finanzielle Anreize, damit sie in die Türkei zurückkehrten. Nun sollte es die Gebildeten bezahlen, damit sie bleiben.

Deutschland ist nicht das einzige Land, das eine bessere Einwanderungspolitik braucht. Howard Duncan, der Vorsitzende von Metropolis, führte alarmierende Statistiken an: 90 Prozent der Weltbevölkerung unter 15 Jahren lebt in den Entwicklungsländern. „Das sind die zukünftigen Arbeitskräfte der Welt, unsere zukünftigen Arbeitskräfte”, so Duncan. Deutschland, das für Fremdenfeindlichkeit, soziale Unbeweglichkeit und das Elitedenken der alten Welt bekannt sei, könne es sich nicht leisten, qualifizierte Einwanderer durch so einen Ruf abzuschrecken. Laut Özdemir steht Deutschland vor zwei Aufgaben: Es muss sich erstens darüber klar werden, welche Zuwanderer es braucht, und zweitens, wie es sie anlocken kann. Daher plädiert er für die Einführung einer Variante des kanadischen Punktesystems.

Natürlich ist es sinnvoll, über den Zaun zu blicken, um zu sehen, wie Integration und soziale Mobilität in anderen Ländern funktionieren – oder zumindest zu funktionieren scheinen. Die USA haben den „American Dream“ zwar hervorgebracht, doch ist dieser laut Isabel Sawhill, Senior Fellow of Economic Studies am Brookings Institution in Washington, längst keine Realität mehr. Die Mehrzahl derjenigen, die aus dem unteren Fünftel der amerikanischen Gesellschaft stammten, bliebe auch dort. In den USA seien die Einkommensunterschiede heute größer als je zuvor in der hundertjährigen Geschichte ihrer Messung.

Der „American Dream“ wird allerdings jenseits seiner Grenzen gelebt. Innerhalb der industrialisierten Welt ist die soziale Mobilität in Nordeuropa und in Kanada am höchsten. Was machen diese Länder besser? Die Antwort scheint ein Mix aus einem großzügigen öffentlichen Sektor, einem starken Bildungssystem, aktiver Einwanderungspolitik, erfolgreichem Multikulturalismus und ungehindertem Zugang zur Staatsbürgerschaft zu sein. Die weitergehende Frage ist jedoch komplexer: Inwieweit lassen sich diese Modelle auf Deutschland übertragen?

Bildungssystem und Arbeitsmarkt in Deutschland müssen reformiert werden

Auf welche Gebiete sollte Deutschland sein Augenmerk richten? Die erste Antwort lautet: auf das Schulsystem. Wie die PISA-Studie gezeigt hat, tragen ein Mangel an Kindertagesstätten, Halbtagsschulen und die frühe Einteilung in Leistungsklassen in Deutschland zu einem System bei, das Klassenunterschiede verfestigt. Der Mannheimer Soziologe Walter Müller bezeichnete das deutsche Ausbildungssystem als ein zweischneidiges Schwert, da es einerseits die Möglichkeit biete, über seine Herkunft hinaus zu wachsen, andererseits aber die soziale Herkunft zementiere. Im Gegensatz zu weit verbreiteten Auffassungen schwächt sich der Zusammenhang zwischen Bildungsstand und familiärer Herkunft ab, insbesondere für Frauen. Doch dies ist nur zum Teil eine gute Nachricht. Mit größeren Bildungsmöglichkeiten, so Müller, schauten Arbeitgeber zunehmend auf „Soft Skills“ wie Habitus und persönliche Beziehungen, die wiederum häufig die soziale Schicht widerspiegelten. Wir befinden uns also wieder im Kreißsaal.

Dieser Teufelskreis hat Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt, auf dem nach Ansicht mancher Podiumsteilnehmer Veränderungen am dringendsten nötig sind. Bildungsabschluss und berufliche Karriere sind in Deutschland enger verknüpft als in anderen europäischen Ländern: Das Studienfach bestimmt den späteren Beruf. Der Arbeitsmarkt verlangt in allen Branchen und Berufen hohe Abschlüsse und ist voller bürokratischer Hürden – das alles steht sozialer Mobilität im Wege, so Tamar Jacoby, Präsidentin von ImmigrationWorks USA. Sie bezeichnet den Arbeitsmarkt als „die Feuerprobe der Integration“ in Amerika und erkennt in unternehmerisch tätigen Einwanderern den „unwiderstehlichen Weg zum Erfolg“. Unterdessen wird der türkische Gemüsehändler in Deutschland als Beispiel für gescheiterte Integration angeführt – eine Haltung, die der CDU-Politiker Laschet als „pervers“ bezeichnete.

Auch für Barbara John ist Beschäftigung der Schüssel für Integration und Mobilität. John, die auf eine zwanzigjährige Erfahrung als Ausländerbeauftragte des Berliner Senats zurückblickt, macht den allzu großzügigen deutschen Wohlfahrtsstaat dafür verantwortlich, Zugewanderte wie Deutsche vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. Allzu viele müssen sich zwischen schlecht bezahlter Arbeit und höherer Sozialhilfe entscheiden. Die Entscheidung fiele eindeutig aus, doch schaffe man so isolierte, entrechtete Menschen, die nicht an der Gesellschaft teilhätten. Indem Deutschland Flüchtlingen und nachgezogenen Familienmitgliedern keine Arbeitserlaubnis erteile, so John weiter, lasse der Staat nicht nur Talent und Arbeitskraft verkommen, sondern nehme Menschen auch ihr Selbstwertgefühl. Die verbalen Attacken auf Zuwanderer seien in Europa zwar politisch lukrativ, doch sprächen die Fakten eine eindeutige Sprache: Zuwanderer seien keine Last für den Sozialstaat, sondern der Sozialstaat sei eine Last für sie.

Integration und "nation-building" in Nordamerika

Insgesamt gab es in der Frage, welche Beziehung zwischen Sozialstaat und Mobilität besteht, keine Einigung. Ralf Fücks, der Vorstand der Heinrich Böll Stiftung, bestand auf einer direkten Korrelation zwischen sozialer Gerechtigkeit und Mobilität. Diesen Standpunkt teilte der Soziologe Jörg Althammer, dem zufolge der „American Dream” im Rahmen des kontinentaleuropäischen Sozialstaats durchaus erreichbar ist. Barbara John unterschied sich in ihrer Analyse von dieser Position ähnlich wie Tamar Jacoby, die auf einem flexiblen Arbeitsmarkt beharrte. Klar ist, dass es keine eindeutigen Antworten gibt. Als Barbara John Trevor Phillips fragte, wie Großbritannien das Gleichgewicht in den Griff bekomme, erwiderte dieser, dass Arbeit besser bezahlt sein müsse als Sozialhilfe. Doch auch das ist kein Patentrezept. Einer jüngsten Studie zufolge gibt es in der Fleischindustrie unterschiedliche Lohnstufen je nach ethnischer Zugehörigkeit: Arbeiter aus Litauen um 4h, Polen 8h usw. Ihre Arbeit ist zwar bezahlt, doch Integration erzielt man so noch lange nicht.

Zuwanderung scheint in Nordamerika tatsächlich am besten zu funktionieren. Laut Barbara Sawhill lebt der amerikanische Mythos dank der Erfahrungen von Einwanderern fort: der „American Dream“ sei größtenteils ein Einwanderertraum. In New York seien die mexikanischen Tellerwäscher von gestern die Café-Besitzer von heute. Mobilitätsstatistiken spiegelten diese Erfolgsgeschichten nicht wider, da nichts über die Eltern der Tellerwäscher bekannt sei. (Die europäischen Statistiken sind in dieser Hinsicht nicht besser; sowohl Pollak als auch Phillips forderten bessere statistische Messungen, um die Zielländer von Einwanderern zu erfassen.) Noch wichtiger als Zahlen sind allerdings ihre Geschichten. In den USA wird der mexikanische Café-Besitzer zu einem Teil des Mythos, dessen Versprechen vielleicht mehr Einfluss hat als die Realität.

An diesem Punkt kommt auch die nationale Identität ins Spiel. Sowohl Howard Duncan als auch Tamar Jacoby bezeichneten die Zuwanderung in ihren Ländern als Projekte des „nation building“; diese Position, die in der nordamerikanischen Siedlergeschichte wurzelt, ist dem deutschen Denken mit seinem ius sanguinis (Abstammungsprinzip) fremd. Der Erfolg amerikanischer Integration, so Jacoby, hänge vom Bindestrich ab. Ein Italo-Amerikaner könne privat Italiener sein, in der Öffentlichkeit jedoch ein Amerikaner; irgendwann verblasse das Italienische und er sei einfach ein Amerikaner. Amerika verlange von seinen Einwanderern, dass sie einem minimalen gemeinsamen Ethos zustimmten, zu dem Sprache, Gesetz und Grundwerte gehörten. Der Rest sei ihnen überlassen.

Phillips stimmte zu, dass nationale Identität der wichtigste Bestandteil innerhalb des Integrations-Kuchens sei. Minderheiten veränderten sich, wenn sie die Möglichkeit dazu erhielten, so Phillips; allerdings müssten sie wissen, wem oder was sie sich anpassten. „Was ist die Quintessenz des Deutsch-Seins?” fragte er ein schweigendes Publikum - womit man wieder beim Ausgangspunkt der Diskussion angelangt war.

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Videomitschnitte der Konferenz "Europa und der American Dream"