Endzeit oder Gründerzeit? Europa als Vorreiter der grünen Revolution

Endzeit oder Gründerzeit? Europa als Vorreiter der grünen Revolution

Endzeit oder Gründerzeit? Europa als Vorreiter der grünen Revolution

Windräder
Windräder erzeugen bereits heute saubere Energie. Foto: baerchen57, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0, Original: flickr.com

6. Juni 2013
Ralf Fücks
Die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts waren eine Zeit des historischen Optimismus. Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg zu Ende. Die Demokratie war auf dem Siegeszug. Die digitale Revolution öffnete scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Inzwischen ist die Stimmung gekippt. Die Welt ist krisenhafter geworden. Europa steckt im Schuldensumpf. Zuversicht weicht bürgerlichem Selbstzweifel. Die Mehrheit der Deutschen glaubt nicht mehr, dass es ihren Kindern besser gehen wird. Angesichts einer Erwerbslosigkeit von 50 Prozent der jungen Leute in Griechenland oder Spanien sprechen viele schon von einer „verlorenen Generation“. Der Aufstieg Chinas und die Verschiebung des wirtschaftlichen Kraftzentrums in den pazifischen Raum verstärken das Gefühl, dass Europa über seinen Zenit hinaus ist. 

Auch in ökologischen Fragen ist Katzenjammer eingekehrt. Die Klimadiplomatie steckt in einer Sackgasse, die Emissionen steigen, die Artenvielfalt schrumpft. Während Milliarden Menschen gerade auf dem Weg in die industrielle Moderne sind, macht sich bei uns eine fatalistische Sicht breit: Die Ressourcen gehen zur Neige. Die Party ist vorbei. Wir müssen uns radikal einschränken, andernfalls wird eine Serie von Katastrophen die Zivilisation auf ein naturverträgliches Maß zurechtstutzen. Selbst die Erfolgsgeschichte der erneuerbaren Energien in Deutschland wird neuerdings zum Schreckgespenst umgedeutet. Umweltminister Altmaier tritt auf die Stotterbremse, während China, Indien und die Golfstaaten gerade zum Überholmanöver ansetzen.

Seit ein Wissenschaftlerteam um Denis Meadows im Jahr 1972 die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht hat, hat sich unser Blick auf wirtschaftliches Wachstum gründlich verändert. Was lange als Vehikel für sozialen Fortschritt galt, wird jetzt mit Gier, Umweltzerstörung und sozialer Ungleichheit verbunden. Allerdings leidet die aktuelle Wachstumskritik an akuter Schizophrenie: Während der Ruf nach „Abschied vom Wachstumswahn“ ertönt, schreit zugleich ganz Europa nach Wachstum, um den Teufelskreis aus Schulden und Arbeitslosigkeit zu durchbrechen. Selbst die Grünen geißeln die Austeritätspolitik der deutschen Kanzlerin, weil sie keine Perspektive für nachhaltiges Wachstum eröffnet. 

Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung mit all ihren Nöten, Wünschen und Ambitionen ist ein Ende des Wachstums nicht in Sicht. Nicht ob, sondern wie die Weltwirtschaft weiter wächst, ist die entscheidende Frage der kommenden Jahrzehnte. Es mag dem alten Europa verlockend erscheinen, in einen Zustand selbstgenügsamer Beschaulichkeit einzutreten. In den Augen der restlichen Welt wäre das der Abschied in die Bedeutungslosigkeit. Griechenland und Spanien exerzieren gerade durch, was eine schrumpfende Volkswirtschaft bedeutet. Man möchte darin lieber kein Modell für Europas Zukunft sehen. Richtig bleibt: Wir können nicht zurück zum ressourcenfressenden, energieintensiven Wachstum des letzten Jahrhunderts. Klimawandel, fortschreitender Verlust fruchtbarer Böden und die Wasserknappheit in bevölkerungsreichen Regionen sind Warnzeichen, dass unsere bisherige Wirtschaftsweise ihre Existenzgrundlagen zerstört. Wenn also „weiter so“ ein Verbrechen an den Lebenschancen künftiger Generationen ist und bloße Verzichtsappelle ins Leere gehen, was ist dann die Alternative?

Die gegenwärtige Krise ist weder das Endspiel des Kapitalismus noch der Abgesang auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Sie markiert vielmehr den Übergang vom fossilen Industriezeitalter zu einer ökologischen Produktionsweise, deren Konturen bereits sichtbar werden. Ihre Energie bezieht sie aus Sonnenlicht, Wind, Erdwärme und der Kraft des Meeres. Zu den schon vertrauten erneuerbaren Energien kommt die künstliche Photosynthese: die Umwandlung von Wasser und Kohlendioxyd in chemische Energie. Bioreaktoren verwandeln organische Abfälle und Algen in Kraftstoffe und Chemikalien. Elektromobilität und Stromerzeugung bilden ein vernetztes System. Gebäude werden zu Kraftwerken, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen. Miniaturisierung reduziert den Materialverbrauch: Computer, Maschinen und Motoren werden kleiner, leichter und leistungsfähiger. Reststoffe fließen in den biologischen oder technischen Kreislauf zurück. Permanente Innovation treibt die Energie- und Ressourceneffizienz voran. Ultrafiltrationsanlagen verwandeln Abwasser in Trinkwasser. Die Nahrungsmittelproduktion kehrt in die Stadt zurück. In alten Fabriken, Dachfarmen und energieautarken Hochhäusern werden zu allen Jahreszeiten Gemüse, Obst und Pilze angebaut. Die Rekultivierung ausgelaugter Böden, Kreislaufwirtschaft und moderne Pflanzenzucht erlauben die nachhaltige Steigerung landwirtschaftlicher Erträge. Biotechnologie - die technische Nutzung biologischer Prozesse und Ressourcen – wird zur neuen Leitwissenschaft. Die Erde ist kein eng begrenzter Lebensraum, sondern ein dynamisches System voller unentdeckter Möglichkeiten.  Intelligentes Wachstum heißt Wachsen mit der Natur.

Solche Zuversicht, dass die Krise der Moderne mit kreativen Lösungen bewältigt werden kann, fängt sich schnell den Vorwurf der „Technikgläubigkeit“ ein. Dabei zeigt ein nüchterner Blick auf die globale Wachstumsdynamik, dass der Appell zu mehr Bescheidenheit, Maß und Mitte hilflos bleibt, wenn er nicht von einer neuen industriellen Revolution flankiert wird. Es ist gut und richtig, weniger Fleisch zu essen, mehr Rad zu fahren und keine Produkte zu kaufen, für die Menschen geschunden oder Regenwälder abgeholzt werden. Aber ohne Effizienzrevolution und den zügigen Übergang zu erneuerbaren Energien werden wir den Wettlauf mit dem Klimawandel nicht gewinnen.

Das Welt-Sozialprodukt wird sich in den kommenden 20 bis 25 Jahren verdoppeln. Dafür sorgen Milliarden Menschen, die auf der Schwelle zur industriellen Moderne stehen und vor allem ein Ziel vor Augen haben: ihren Lebensstandard zu verbessern. Letztlich sind es die Bedürfnisse und Träume dieser Menschen, die das Wirtschaftswachstum vorantreiben, ihre Kreativität und ihr Unternehmergeist. Während das alte Europa an sich zweifelt, streben sie nach den Errungenschaften des modernen Lebens, die uns längst selbstverständlich geworden sind. Statt ihnen Enthaltsamkeit zu predigen, sollten wir sie unterstützen, das fossile Zeitalter zu überspringen. Das erfordert Transfer von Technik und know how. Gleichzeitig müssen die alten Industrieländer auf dem Weg in eine ökologische Produktionsweise vorangehen. Zügeln müssen wir unseren Naturverbrauch, nicht unsere Lebenslust.

Tatsächlich stehen wir schon mitten in einer grünen Revolution. An ihr sind bereits viele  Millionen Menschen beteiligt – Forscher und Ingenieure, Architekten und Stadtplaner, Unternehmer und Investoren, Umweltaktivisten und kritische Verbraucher, Journalisten und Künstler. Seit den 70er Jahren hat sich die Umweltqualität in weiten Teilen Europas erheblich gebessert. Flüsse und Wälder erholten sich, der Smog über den Städten hat sich gelichtet. Damit wir weiter vorankommen, brauchen wir eine kraftvolle ökologische Ordnungspolitik auf nationaler und internationaler Ebene. Die Politik muss den Märkten Ziele und Regeln vorgeben, damit die Entkopplung wirtschaftlicher Wertschöpfung und Naturverbrauch gelingt. Sage niemand, das sei nicht möglich. Die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik ist seit dem Fall der Mauer um rund ein Drittel gewachsen. Gleichzeitig gingen die Treibhausgas-Emissionen um 25 Prozent zurück. Diesen Weg müssen wir fortsetzen.

Unser Kontinent kann zum Vorreiter der neuen industriellen Revolution werden. Dafür brauchen wir eine kraftvolle europäische Politik, die eine Vision von der wirtschaftlichen Zukunft Europas formuliert und den Märkten ökologische Leitplanken vorgibt. Mit einem Wort: Wir brauchen einen „European Green New Deal“, ein transnationales Innovations- und Investitionsprogramm, das Europa aus der Abwärtsspirale zieht: Ausbau der europäischen Stromnetze, um einen Binnenmarkt für erneuerbare Energien zu schaffen, Modernisierung des Schienenverkehrs, Aufbau der Infrastruktur für Elektromobilität, ökologische Modernisierung unserer Städte, verstärkte Investitionen in Bildung, Wissenschaft und Forschung. Damit leisten wir nicht nur unseren Beitrag zum Klimaschutz, sondern legen das Fundament für nachhaltiges Wachstum und geben der jungen Generation wieder eine Zukunftsperspektive.

 

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

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