An später denken wir später - Die Folgen von Minijobs & Co im Überblick

An später denken wir später - Die Folgen von Minijobs & Co im Überblick

An später denken wir später - Die Folgen von Minijobs & Co im Überblick

Minijobs wirken sich negativ auf die Rentenansprüche aus. Bild: gynti_46 Original: flickr.com Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

5. Juli 2013
Heide Oestreich
Steuern steuern – Das Ehegattensplitting

Klaus und Andrea wollen eigentlich gleichberechtigt leben. Nur jetzt, wo Andrea die kleinen Kinder hat, da lassen sie es ruhiger angehen. Und dank des Ehegattensplittings ist die finanzielle Einbuße gar nicht so groß. Wenn Klaus viel verdient und Andrea wenig, dann braucht Klaus nicht den hohen Steuersatz für sein hohes Einkommen zu zahlen. Denn der Staat addiert die beiden Einkommen und teilt sie dann durch zwei: Schon sind die Steuersätze niedriger. Und dies gilt auch bei Paaren ohne Kinder im Haushalt, das sind immerhin 43 Prozent aller Ehepaare. 20 Milliarden Euro kostet das Splitting jährlich. Je höher die Gehaltsstufen, in die Klaus vordringt, und je größer die Differenz zu Andrea, desto größer der Splittingvorteil. Umgekehrt heißt das: Wenn der Einkommensabstand kleiner wird, schrumpft auch der Splittingvorteil. Andrea hat es also nicht so eilig, wieder in den Job zu kommen. Vielleicht erst mal einen Minijob? Der muss in der Steuererklärung nicht berücksichtigt werden.

An später denken wir später. An die Lücken im Lebenslauf, die Dequalifikation für die spätere Jobsuche und die mangelnde Rente.

Der Arbeitsmarkt - Dazuverdienen mit Minijobs

Andrea bringt die Kinder in die Kita und überlegt: Sie könnte eigentlich so 15 Stunden die Woche arbeiten, dann hätten sie etwas mehr Geld,  und sie hätte immer noch genug Zeit für die Kinder. Einen Minijob, da hat man gleich was auf der Hand und muss keine Steuern und Sozialbeiträge zahlen. Und Ehegattensplitting und Krankenversicherung bleiben bestehen. Endlich mal etwas, das sich lohnt. Natürlich findet sich da kein sehr qualifizierter Job, längst nichts, was ihrer Ausbildung entspricht. Und dass da kaum Rentenbeiträge fließen? Egal. Andrea hat mal gehört, dass man die Rentenbeiträge selbst aufstocken kann. Aber auch dabei käme eine lächerlich geringe Rente heraus. Es ist doch nur ein vorübergehender Job. An später denken wir später. Die Lücke im Lebenslauf, die nun noch größer wird. Die Dequalifikation – wird schon nicht so schlimm sein. Die Rente – ach, weit weg.

Die Angehörigen  - Die Familienversicherung in der Krankenkasse

Eigentlich eine schöne Sache. Die Familie ist bei Klaus mitversichert. Nur er zahlt Beiträge, alle anderen kommen trotzdem in den Genuss medizinischer Leistungen. Und wer sich die happigen Kassenbeiträge ansieht, dankt für die Familienversicherung. Doch sparen hier wieder Ehepaare viel Geld auf Kosten der Allgemeinheit. Denn wir subventionieren nicht nur die Kinder, sondern auch Andrea. Die wiederum hat sich ausgerechnet, dass sie mit ihrem Minijob besser fährt: Es bleibt bei den steuerlichen Vorteilen des Ehegattensplittings und sie kann beitragsfrei mitversichert bleiben. Nähme sie auch nur eine Halbtagsstelle an, dann müsste sie sich selbst versichern: Und schon wären von ihrem neuen Einkommen um die 200 Euro verschwunden. Die Finanzberaterin Heide Härtel-Herrmann hat einmal für die SPD durchgerechnet, was das Leben einer durchschnittlichen Hausfrau die Allgemeinheit kostet: Dank Mitversicherung, Ehegattensplitting und subventionierter Witwenrente kostet es im Schnitt 536.844 Euro. Einen Großteil davon könnte Andrea selbst verdienen. Wenn die Hürden zwischen ihrem Minijob und einer regulären Beschäftigung nicht so verdammt hoch wären. Und es geht ja auch so. An später denken wir später.

Mann zahlt  - Die Bedarfsgemeinschaft im Arbeitslosengeld 2

Andrea hat ihren Minijob verloren. Jetzt ist das Geld doch etwas knapp. Sie geht zum Jobcenter und schaut, wie sie über die Runden kommen soll. Hartz IV beantragen? Nein, sagt die freundliche Auskunftsperson, dafür verdient Ihr Mann zu viel. Sie sind zusammen eine Bedarfsgemeinschaft. Und ob sie denn dann für eine reguläre Tätigkeit qualifiziert werden könne, fragt Andrea. Aber da kann die Bearbeiterin ihr gerade so gar nichts anbieten. Die Teilzeitlehrgänge für Berufsrückkehrerinnen wurden gestrichen, die dauerten einfach zu lang. Mütter sind – weil zeitlich nicht unbegrenzt verfügbar – komplizierte Klientinnen. Zugleich sind sie – weil sie kein Geld von der Agentur bekommen – billige Klientinnen für Arbeitsvermittler. Die sehen also zu, dass sie ihre Vermittlungsquoten mit den teuren und einfachen Fällen in die Höhe treiben, die kann man schnell wegvermitteln. Andrea geht stundenweise ins Callcenter. Geht ja auch so. Und an später denken wir später.

Das dicke Ende - Das neue Unterhaltsrecht

Andreas Existenz ist zusammengebrochen. Klaus hat eine neue Freundin und zieht aus. Er will die Scheidung. Andrea ist am Boden zerstört. Und ihr wird plötzlich klar, dass sie von dem Callcenterjob nicht wird leben können. Denn Klaus zahlt nach der Scheidung zwar Unterhalt für die Kinder, aber nicht für Andrea. Seit der Änderung des Unterhaltsrechts im Jahr 2008 müssen die Expartner/innen schneller wieder berufstätig werden und sich selbst versorgen. Andrea aber hat nun jahrelang in Minijobs und prekären Teilzeitjobs gearbeitet. Ihr Chef will die Teilzeitstelle nicht aufstocken. In der Arbeitsagentur guckt die Beraterin kritisch auf Andreas Magistra in Germanistik. In diesem Feld hat Andrea nie gearbeitet. Also bleibt sie erst mal bei der Teilzeitstelle. Aber als dann die Rentenberechnung ins Haus flattert, kommt der nächste Schock: Sie bekommt zwar einen Anteil der Rentenpunkte, die ihr Mann während der Ehe gesammelt hat. Aber sie ist erst 40, und das, was ihr Teilzeitjob an Rentenpunkten bringt, ist lächerlich. Wenn Andrea jetzt an später denkt, dann wird ihr schwindelig.

Heide Oestreich

Heide Oestreich ist Redakteurin für Geschlechterpolitik der taz. 2004 erschien von ihr: "Der Kopftuch-Streit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 erhielt sie den Berliner Journalistenpreis "Der lange Atem" für ihre langjährige Berichterstattung über Geschlechterstereotype.

Böll.Thema 2/2013

Wie frei bin ich? Schwerpunkt: Lebensentwürfe in Bewegung

Unser aktuelles Magazin liefert Analysen, Denkanstöße und praktische Vorschläge, wie für die eigenständige Existenzsicherung politische und gesetzliche Weichen gestellt werden können. Mit Beiträgen von Barbara Unmüßig & Susanne Diehr, Uta Meier-Gräwe, Heide Oestreich, Astrid Rothe-Beinlich, Götz Aly, Julia Friedrichs, Chris Köver, Ulrike Baureithel u.v.a.

Neuen Kommentar schreiben