Der Traum japanischer Demographen: Verkuppelt, verheiratet – und viele Kinder

Der Traum japanischer Demographen: Verkuppelt, verheiratet – und viele Kinder

Der Traum japanischer Demographen: Verkuppelt, verheiratet – und viele Kinder

27. August 2013
Der demographische Wandel in der nordjapanischen Präfektur Akita, deren Bevölkerung so schnell schrumpft und überaltert wie nirgends sonst in Japan, spiegelt im Kleinen wieder, vor welchen Herausforderungen die gesamte Gesellschaft steht. Es mangelt nicht an originellen Gegenmaßnahmen sowie an Absichtserklärungen, das Sozialsystem an die überalternde Gesellschaft anzupassen. Doch bisher fehlt es an politischem Mut für einschneidende Reformen.


Hiroshi Horii und seine Frau Kayoko hätten sich im normalen Leben nie kennengelernt. Er, der Schüchterne aus der nordjapanischen Stadt Akita, der gerne Rockmusik auf der Gitarre spielt oder sich Autorennen im Fernsehen anschaut – sie, die Klassikliebhaberin, die Keyboard spielt und in Yokote, einer Kleinstadt 75 Kilometer weiter, als Verkäuferin arbeitete – sie wohnten noch bei ihren Eltern, sahen tagein, tagaus immer die gleichen Leute. Als sie die 30 überschritten, spürten beide immer mehr den Druck ihrer Umgebung, endlich unter die Haube zu kommen. Horii, der am Flughafen Akita arbeitet, sagt, erst nach dem Ringtausch hätten ihn seine Kollegen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert. Doch bis es soweit kam, musste Amor etwas nachhelfen. Horii ließ sich in einer 2011 von der Präfektur Akita eingerichteten Datenbank für Heiratswillige eintragen, als einer der ersten. Entdeckt hat sie ihn, eingeladen auch. Als sie sich trafen, war die quirlige 32-Jährige so nervös, dass ihr die Tränen herunterliefen. Doch der 34-Jährige konnte ihr mit seiner ruhigen Art bald die Aufregung nehmen.

Erfolgreiches Rendezvous – mit den Heiratsvermittlern hinterm Paravent
Ihr erstes Rendezvous war ein Erfolg – und das, obwohl sie nur Paravents von den Angestellten der Heiratsvermittlung trennten, die im gleichen Raum saßen. Ein Jahr später wurde geheiratet, neun Monate später freuten sie sich über ihre erste Tochter, Manami – und die Präfektur Akita gleich mit! Denn sie schrumpft so schnell wie keine andere der 47 Präfekturen der ostasiatischen Inselnation.
Das Forschungsinstitut „National Institute of Population and Social Security Research” schätzt in seinem Bericht vom März 2013, dass bis 2040 in Akita 43,8 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein werden. Setzt man den Wert für 2010 auf 100, wird der Bevölkerungsindex in Akita 2040 auf 64,4 fallen. Lag 2010 in keiner Präfektur der Anteil der über 65-Jährigen bei über 30 Prozent, wird dies 2040 überall so sein. Besonders zu kämpfen haben Präfekturen an der japanischen See, von Nordjapan bis Tottori im Westen, die Insel Shikoku in der Mitte und Teile von Kyushu im Süden. In den meisten dieser Landeteile gibt es hauptsächlich Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft. Doch für junge Leute, die studiert haben, bieten sie kaum Zukunftschancen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Japans Wirtschaft seit 20 Jahren stagniert. Die „Heisei-Generation“, geboren frühestens 1989 und benannt nach dem Motto des Kaisers Akihito („Heisei“ – „Frieden überall“) bei seiner Thronbesteigung, kennt ihr Heimatland nur in der Krise. Dass sie einmal einen neuen „Baby-Boom“ auslösen, bezweifeln Demographen. Entsprechend pessimistisch sind die Voraussagen. Dem vorgenannten Institut zufolge werden in Japan 2040 nur noch 107 Millionen leben, über 20 Millionen weniger als 2010. Um das aktuelle Niveau zu halten, müsste jede Japanerin in ihrem Leben im Durchschnitt über zwei Kinder bekommen. Doch de facto beträgt die Fruchtbarkeitsrate seit Jahren nicht mehr als zwischen 1,3 und 1,4 Kindern. Nur 2012 sprang die Zahl kurz um 0,02 Punkte auf 1,41 nach oben - wohl infolge der Tsunamikatastrophe 2011, die bei vielen eine Rückbesinnung auf die Familie ausgelöst hatte.

Ohne Ehe keine Kinder
In Deutschland ist die Fertilitätsrate ähnlich niedrig. Etwas aufgehalten wird der Rückgang dort jedoch durch Immigration sowie Immigrantenfamilien, die im Durchschnitt mehr Kinder haben. Diese Option steht Japan, das sich dem Ausland gegenüber weiter verschließt und auf der Homogenität seiner Bevölkerung beharrt, auf absehbare Zeit nicht offen.
Anders als in Deutschland, wo unverheiratete Paare mit Kindern inzwischen recht üblich sind, werden in Japan über 90 Prozent der Kinder in der Ehe geboren. Das bedeutet für Alleinstehende mit Kinderwunsch: ohne Trauschein kein Nachwuchs! Doch immer weniger Japaner schaffen es zum Standesamt. Professor Shigeki Matsuda, Familiensoziologe der Universität Chukyo, sagte der Zeitung „Asahi Shimbun“: „Der Schlüsselfaktor für die niedrige Geburtenrate ist, dass immer mehr junge Leute, vor allem solche in Teilzeit- und zeitlich begrenzten Beschäftigungsverhältnissen, Schwierigkeiten haben, zu heiraten.“ Denn wer als Mann wenig verdient und noch dazu auf dem Land lebt, hat auf dem Heiratsmarkt schlechte Karten. Japanische Frauen erwarten, dass der Mann deutlich mehr verdient als sie und später die Familie alleine ernährt. Aber eine gut bezahlte Anstellung bis zur Rente, für die Japan so bekannt ist, hat nur noch ein Drittel der Bevölkerung.

Viele ältere Menschen – ein Herausforderung für die Dorfgemeinschaft
Mehrgenerationenhaushalte werden in beiden Ländern immer seltener, sind höchstens auf dem Land noch zu finden. So stehen entgegen dem Japan-Klischee vom mangelnden Wohnraum in der Provinz riesige Häuser leer oder werden nur noch von einer Person bewohnt. Das stellt eine Dorfgemeinschaft vor viele Herausforderungen, gerade im extrem schneereichen Akita. Immer wieder verletzen sich oder sterben dort 70-Jährige, 80-Jährige, weil sie beim Schneeschaufeln vom Dach stürzen. Wird er aber nicht entfernt, drohen ihre Häuser unter der Last zusammenzubrechen. Ein weiteres Problem ist, dass der nächste Arzt, das nächste Krankenhaus oft über eine Stunde Fahrt entfernt sind – aber viele ältere Frauen haben keinen Führerschein.
Um solche Infrastruktur-Probleme zu lösen, wurde vor einigen Jahren ein Programm eingeführt, das junge Leute drei Jahre lang in abgelegene Regionen Japans schickt. Dort helfen sie Senioren beim Einkaufen, beim Schneeschippen, sie kutschieren sie zum Arzt oder zum Amt. Die Präfektur Akita hat damit bereits gute Erfahrungen gemacht. In Kamikoani, der kleinsten und „ältesten“ Gemeinde Akitas, fing im Juli die dritte Freiwillige an. Sie bekommt ein kleines Gehalt und lebt in einer von der Gemeinde gestellten Wohnung. Jetzt wird sie von ihren beiden Vorgängern angelernt, die auf eigenen Wunsch verlängerten. Doch mehr als ein paar Jahre wird das nicht gehen. Und danach stehen sie wieder vor der Entscheidung – Dorf oder Stadt? 

Zu wenig Arbeitsplätze und zu wenig Arbeitskräfte
Für die wenigen jungen Leute am Ort ist die Entscheidung klar. Nur ein Zehntel bleibt, beobachtete der Rektor der örtlichen Mittelschule, in die vor einigen Jahren mangels Schülern auch die Grundschule integriert wurde. Das Problem wie so häufig: Es fehlen qualifizierte Arbeitsplätze.

Gleichzeitig führen immer weniger Kinder dazu, dass Arbeitskräfte auf dem gesamten japanischen Arbeitsmarkt fehlen. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter bis 2050 um fast 40 Prozent fallen wird. Dabei mangelt es der Industrienation nicht an hervorragend ausgebildeten Kräften, vor allem unter den Frauen. Nur spiegelt sich dies bisher im Berufsleben nicht wieder. Wenige haben Führungspositionen, ihre Bezahlung liegt zum Teil 70 Prozent unter der der Männer und „Karriere-Laufbahnen“ bleiben Frauen häufig verschlossen. Das erklärt, warum Japan laut „Gender Gap Report“ des World Economic Forum gerade Platz 101 von 135 untersuchten Ländern belegt. Bekämen Frauen im Berufsleben die gleichen Bedingungen, könnte Japan acht Millionen Arbeitskräfte gewinnen und sein Bruttoinlandsprodukt um 14 Prozent steigern.

Japanisches Sozialsystem noch nicht auf den demographischen Wandel eingestellt
Um die Belastung der Sozialkassen zu reduzieren, diskutieren Politiker schon lange über Reformen – bisher jedoch ohne sich zu einschneidenden Veränderungen durchringen zu können. In einem Report, den das vor einem Jahr gegründete interparteiliche Forum „National Council on Social Security System Reform“ Anfang August an die Regierung übergab, empfahl es zwar, Besserverdienende und Rentner stärker zur Kasse zu bitten. So sollen Senioren zwischen 70 und 74, die bisher beim Arzt nur 10 Prozent Selbstbeteiligung bezahlen mussten – für alle anderen sind es 30 Prozent – womöglich schon ab April 2014 20 Prozent bezahlen. Doch davor, alle Japaner stärker an den Kosten zu beteiligen, schreckte das Forum zurück, wie die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ kritisierte. Zudem fehle ein klarer Zeithorizont. Daher bestehe die Gefahr, dass die Regierung die unpopuläre Umsetzung wieder einmal aufschiebe.

Allen Anstrengungen zum Trotz ist Besserung weiter nicht in Sicht. Japans demographische Uhr tickt, und nirgends so laut wie in Akita. Kleine Erfolge werden daher gebührend gefeiert. „Das 100. Paar hat ein Kind bekommen!“ vermeldete das „Heiratsunterstützungszentrum“ Mitte August auf seiner Website. Das Paar wurde sogar eingeladen und vom Vize-Gouverneur mit einem Geschenk bedacht. Ob es die jungen Eltern so hielten, wie es ein Autor in einer Imagebroschüre der Präfektur beschreibt, bleibt ihr Geheimnis: „Im Frühling sperren sich die jungverheirateten Paare in Holzhütten ein und machen Holzkohle, während sie auf die nächste Generation von Akita-Bewohnern hinarbeiten. Der Frühling in Akita ist die Jahreszeit der Träume und der Erschaffung.“

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Sonja Blaschke ist Journalistin und Korrespondentin in Tokio

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