Burkina Faso - Versagen und Verschwendung

Burkina Faso - Versagen und Verschwendung

Burkina Faso - Versagen und Verschwendung

Alfred Yambangba Sawadogo
Alfred Yambangba Sawadogo ist Soziologe, Autor und Verwaltungsratsvorsitzender der internationalen Organisation S.O.S Sahel. Foto: privat.

Von Alfred Sawadogo
Was lässt sich über 50 Jahre Unabhängigkeit in Burkina Faso sagen? Tausende Frauen laufen immer noch barfuss; viele Familien leiden noch an Hunger; 46 % der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze; weniger als die Hälfte aller Kinder im Schulalter besuchen eine Schule; fast 87 % der Erwachsenen, Männer wie Frauen, sind Analphabeten. Die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit können also nur symbolisch sein wenn sie die bescheidene Bilanz der letzten 50 Jahre widerspiegeln sollen. Stattdessen wird das Gold der Paläste für die Regierenden glänzen, während die Armen den ganzen Prunk nur von weitem beobachten. 50 Jahre Unabhängigkeit waren also 50 Jahre des Versagens und der Verschwendung.  
 
Die politische Führung, vor allem geprägt durch Militärregime, fällt nicht besser aus. Die Erste Republik hatte sich schnell festgefahren: die Einheitspartei ließ lediglich die Wahl zwischen einheitlichem Denken oder Exil. Diese dürftige Regierungsleistung endet am 3. Januar 1966 mit einem Volksaufstand. Die Armee wird zu Hilfe gerufen, und hat sich damit endgültig an der Spitze der Macht festgesetzt, mit mehr oder weniger positiven Folgen.

General Sangoulé Lamizana, 1966-80: die Gewerkschaften genießen uneingeschränkte Freiheiten. Die kurze Öffnung hin zu einem Mehrparteiensystems wird allerdings schnell zugunsten einer Einheitspartei à la Mobutu aufgegeben. Nachdem Lamizana damit scheitert, findet ein Referendum statt, das die Dritte Republik ins Leben ruft. Bei den nächsten Wahlen werden nur die Stimmen der drei ersten Parteien berücksichtigt, eine originelle Idee, die dem Wuchern politischer Parteien – oft fatal für die Entwicklung einer gesunden Demokratie – entgegenwirken soll.

Am 20. November 1980 wird Lamizana von Oberst Saye Zerbo gestürzt. Er etabliert das sehr kurzlebige Comité Militaire de Redressement pour le Progrès National (CMRPN, „Militärkomitee des Wiederaufbaus für den Nationalen Fortschritt“). Ihm bleibt lediglich die Zeit den Bau der Eisenbahn von Ouagadougou nach Tambao in Gang zu bringen, die das dort abgebaute Mangan abtransportieren soll. Er versucht außerdem, den Beamten das Trinken von Bier und Essen von Fleischspießen auf der Arbeit zu untersagen: vergebens.

Am 7. November 1982 setzt eine Junta junger Offiziere den Oberst und sein CMRPN ab. Major Jean Baptiste Ouédraogo wird zum Vorsitzenden des Militärrats Comité du Salut du Peuple (CSP, „Ausschuss für das Heil des Volkes“) ernannt. Daraufhin kommt es zu ideologischen Auseinandersetzungen: Premierminister Thomas Sankara wird entlassen und inhaftiert. Jedoch nur für kurze Zeit.

Die Revolution vom 4. August 1983 stürzte das Regime des CSP. Hauptmann Thomas Sankara wird zum Vorsitzenden des Conseil National de la Révolution (CNR, “Nationaler Revolutionsrat“) ernannt. Der CNR überlebt vier Jahre, die der Bevölkerung harte Arbeit abverlangen, als müsse man jede Sekunde der verlorenen Zeit aufholen: es werden Stauwerke für die Bewässerung gebaut; die Küstenstreifen für den Anbau von Reis und Gemüse aufbereitet; große Alphabetisierungskampagnen in den nationalen Sprachen durchgeführt; und unzählige Schulen und Krankenstationen errichtet. Vor allem aber wusste Präsident Sankara, wie man die Überzeugung, dass die Armut in Burkina Faso durch die gemeinsame Arbeitskraft und den Verstand aller besiegt werden könne, in das Bewusstsein der Massen einpflanzt. Er verbreitete den Geist der Integrität und der Transparenz in allen Regierungsangelegenheiten. Vom Präsidenten ging eine Dynamik aus, die das ganze Land ansteckte. Nichtsdestotrotz war die Revolution kein Vorbild in Sachen Meinungsfreiheit und Menschenrechte.   

Am 15. Oktober 1987 wird Thomas Sankara während eines Putsches ermordet, und Hauptmann Blaise Compaoré übernimmt die Macht. Er öffnet das Land für die Demokratie und ein Mehrparteiensystem, lässt Präsidentschafts-, Legislativ- und Kommunalwahlen durchführen: alles wünschenswerte Zutaten einer Demokratie, und doch bleibt sie unvollendet. Die politische Landschaft zersplittert sich in fast 160 Parteien. Tatsächlich ist Präsident Compaoré nun seit 23 Jahre im Amt, zweimal hat er bereits die Verfassung ändern lassen, um an der Macht bleiben zu können. In dieser Hinsicht ist keine Veränderung in Sicht. Pech also für alle, die auf Wandel hoffen!


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Alfred Yambangba Sawadogo (*1944 in Tikaré, Burkina Faso) ist Soziologe und hat viele Jahre als Ausbilder von jungen Landwirten in seiner Heimat gearbeitet. Er war in den 70er Jahren Generalsekretär der Gewerkschaft der Landwirte. Von 1984 bis 1987 war er im Büro des Präsidenten Burkina Fasos tätig. Derzeit ist er Verwaltungsratsvorsitzender der internationalen Organisation S.O.S Sahel.
Zu seinen Büchern, die alle in Paris bei L’Harmattan veröffentlicht wurden, gehören ein Porträt des Präsidenten Sankara (2001), eine Erinnerung an seine Schulzeit (2003), Essays über AIDS (2004) und die Polygamie (2006), sowie der Band Afrique: la démocratie n’a pas eu lieu (2008, „Afrika: die Demokratie hat nicht stattgefunden“)



Dossier

50 Jahre Unabhängigkeit in Afrika

Das Jahr 1960 war für viele Afrikaner/innen ein Jahr der Hoffnungen. 17 Länder erlangten die Unabhängigkeit von den kolonialen Mächten. Das Dossier soll „Blitzlichter“ auf die Länder werfen, die 1960 unabhängig wurden: mit ganz persönlichen Beiträgen. Daneben gibt es Hintergrundartikel von renommierten Autoren aus Deutschland und verschiedenen Ländern Afrikas sowie Auszüge aus den Reden, Schriften und Kurzporträts, die die Aufbruchstimmung von 1960 deutlich machen.

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