Der Ungarn-Aufstand als Bruch zwischen Ost und West

Der Ungarn-Aufstand als Bruch zwischen Ost und West

Auszug aus der Zeitung "Neues Deutschland" vom 26. Oktober 1956Der Ungarnaufstand von 1956 als Konterrevolution in der DDR-Zeitung "Neues Deutschland" vom 26. Oktober 1956. Creator: Neues Deutschland. All rights reserved.

Der Ungarn-Aufstand von 1956 wurde vor 1989 im Osten und Westen Deutschlands aus verschiedenen Sichtweisen verfolgt. Wie wurde der Aufstand in der DDR wahrgenommen, wie in der BRD und wie hat sich das im Vergleich zu heute verändert?

Zwei gegensätzliche politische und militärische Bündnisse sind verantwortlich für die unterschiedliche Rezeption des Ungarnaufstandes von 1956: die NATO und der am 14. Mai 1955 gegründeten Warschauer Pakt. In der westlichen Welt wurde der Ungarnaufstand in den Schlagzeilen als Erfolg des Westens im Rahmen des Kalten Krieges bejubelt – obwohl klar war, dass der Westen sich nicht einmischen würde. In der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten wurde die Massenbewegung als Konterrevolution angeprangert.

Rezeption in der DDR

Auch wenn Chruschtschow in seiner Geheimrede im Februar 1956 über eine Entstalinisierung sprach, durfte laut der offiziellen Doktrin der DDR an der Stabilität des Ostblocks nicht gerüttelt werden. In der DDR herrschte außerdem die Angst, dass sich der Aufstand vom 17. Juni 1953 wiederholen könnte.

„Ungarn schlägt Konterrevolution nieder“ titelte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ (ND) in der Ausgabe vom 25.10.1956. Die Zeitung berichtete von „konterrevolutionären Banden“ und „faschistischen Umtrieben“ in der Ungarischen Volksrepublik, von Horthy-Faschisten und Pfeilkreuzlern – unterstützt von der „imperialistischen Weltreaktion“.

„Der Versuch, in Ungarn eine neue faschistische Herrschaft zu errichten, war nicht nur eine große Bedrohung für die Werktätigen Ungarns, sondern zugleich eine unmittelbare Gefahr für den Frieden und die Sicherheit in Europa“, äußerte Wilhelm Pieck, der Präsident der DDR, auf der Titelseite des ND am 6. November 1956. Die Zeitung kommentierte weiter: „Vielleicht hatten in Ungarn und außerhalb Ungarns manche vergessen, was es heißt: faschistische Bestialität. Jetzt wissen sie es wieder. (...) Die imperialistische Presse – raffiniert, verlogen und letzten Endes dumm – hat triumphierend die Berichte und Bilder von ihren Bestialitäten in die Welt getragen.“

Der Volksmund jedoch reagierte ganz anders. In den 50er Jahren gab es in der DDR die Zigaretten-Marke TURF. Ein Name, der immer wieder auch als Abkürzung benutzt wurde, beispielsweise für „Thüringen unter russischer Fuchtel“ oder eben „Tausend Ungarn rufen Freiheit!“ wie sich ein damals 12jähriger Thüringer Schüler erinnert:

„Wir unterhielten uns auf dem Schulhof über ungarische Jugendliche, die sich mit Maschinengewehren gegen Russen verteidigt hatten und sahen sie heimlich als Helden. Ich war politisch schon interessiert, aber in der Schule war das nie ein Thema. Die Russen waren in Ungarn einmarschiert, aber die näheren Umstände kannten wir nicht. Natürlich waren wir alle gegen die Besatzungsmacht. Erst jetzt habe ich erfahren, dass Imre Nagy den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt verkündet hatte. Das war damals undenkbar! Nicht einmal Dubček ist 1968 so weit gegangen.“

Die Hoffnung der Ungarn, aus dem Warschauer Pakt auszutreten, wurde schnell zerschlagen. Im ND konnte man dazu am 6.11.1956 folgende Erklärung nachlesen:

„Die Aktion internationaler Solidarität für die ungarische Arbeiterklasse musste zunächst allein von den sowjetischen Arbeitern und Bauern im Soldatenrock getragen werden, [gemäß des Warschauer Vertrages waren dauerhaft sowjetische Streitkräfte in Ungarn stationiert]. (...) So erwies sich der Warschauer Vertrag als Instrument des proletarischen Internationalismus. (...) Kein Wunder, dass die schwärzesten Reaktionäre wie Adenauer und die imperialistischen Kreise Westdeutschlands, besonders laut heulen.“

Rezeption in der BRD

Adenauer forderte von seinem Kabinett eine deutliche Stellungnahme zum „Kampf gegen fremde Willkür und Unterdrückung und für eine Wiederherstellung der Freiheit im Sinne der Menschenrechte“. Die Öffentlichkeit sollte damit besänftigt werden. So hatten die Menschen vielfach das Gefühl, die Suezkrise – der israelisch-britisch-französische Überfall auf Ägypten – habe die politische Atmosphäre und damit die Voraussetzungen für einen Aufstand der Ungarn verschlechtert.

Der Bundesminister der Justiz warnte, dass es notwendig sei, die publizistischen Mittel der Bundesregierung klug einzusetzen, damit sich eine etwaige antiwestliche Stimmung nicht gegen die Bündnispolitik der Bundesregierung und damit gegen die Regierung selbst wende. Dem Bundeskanzler missfiel die Nichteinmischung der USA. In der Sondersitzung der Bundesregierung am 30. Oktober 1956 wurde erwogen, ob der westdeutsche Außenminister über Botschafter Conant die USA auffordern solle, ihre Verpflichtungen als Führer der Freien Welt zu erfüllen.

Die Bundesregierung stellte 1 Million DM sowie eine Anzahl weiterer materieller Hilfsmaßnahmen für Ungarn zur Verfügung und bewilligte etwa die Aufnahme von „vorerst 3000" Flüchtlingen. Alle vorgesehenen Gelder würden über das Rote Kreuz zu ihrem Bestimmungsort vermittelt werden. Ironischerweise wurde in der DDR gleichzeitig für Ungarn gesammelt: Am 6. November 1956 berichtete das ND über „Solidarität mit Ungarn und Ägypten“ und über ein über Nacht gegründetes Ungarnhilfskomitee, das das Ziel hatte „die durch den faschistischen Putsch hervorgerufene Zerstörung schnell zu überwinden“.

In der Sondersitzung der Bundesregierung am 5. November beschloss das Kabinett hinsichtlich der Ereignisse in Ungarn den Empfang des sowjetischen Botschafters Smirnow am 7. November 1956 zum Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917 zu boykottieren. Die CDU/CSU-Fraktion wurde ersucht, eine Reise nach Moskau abzusagen. Und dem Deutschen Fußballbund wurde nahegelegt, das Spiel gegen Dynamo Moskau in Frankfurt abzusetzen.

Der Ungarnaufstand rückte in den Fokus der westlichen deutschsprachigen Medien wie der NZZ, der WELT oder des SPIEGELS, noch bevor die heraufziehende Suezkrise die Revolution aus den Schlagzeilen verdrängte. Die ungarischen Ereignisse wurden laut der Analysen des Hungarologen Dr. Holger Fischer in den westdeutschen Medien mit einer ganzen Bandbreite von Begriffen beschrieben: Umsturzversuch, Bürgerkrieg, Aufstand, Freiheitskampf, Volksrevolution; und die Beteiligten als Aufständische, Rebellen, Befreiungstruppen, aufständische Freiheitskämpfer oder auch Nationalisten.

Typisch für viele Berichte der Sonderkorrespondenten sei ein heroischer Tonfall, etwa in der folgenden Meldung aus der WELT vom 31. Oktober: „Budapest ist seit Dienstagabend die Hauptstadt eines freien Staates ... Einem kleinen, tapferen Volk ist es gelungen, nach blutigen Kämpfen gegen die Truppen der sowjetischen Großmacht Sieger zu bleiben. Am Dienstag streifte Ungarn endgültig seine Fesseln ab.“

Doch im Gegensatz zu den von Radio Freies Europa suggerierten und geschürten Hoffnungen der Aufständischen waren die Westmächte vornehmlich an einer Beibehaltung des Status quo interessiert. Aus dem Kalten Krieg sollte kein Krieg werden. Besonders dramatisch wird die Täuschung der Ungarn im SPIEGEL von Dr. Hans Germani beschrieben, der die blutigen Tage in Budapest miterlebt hat. In seiner Reportage vom 21.11.1956 schreibt er:

„Immer wieder werde ich gefragt: Wann kommt Adenauer mit seiner Armee? - Wann kommt die österreichische Armee? - Radio Freies Europa hat doch immer gesagt, daß wir in unserem Kampf nicht allein sein werden. Oder es heißt: Ich habe gehört, daß die Uno-Armee schon in Österreich steht. Sogar ein Chefarzt, ein netter, kluger Mann, fragt mit voller Überzeugung: "Bitteschön, wann, glauben Sie, kommen die ENSZ (Uno)-Kameraden? Es ist furchtbar! Man muß diese Menschen trösten, und kann sie nur trösten, wenn man lügt.“

In seinem Geschichtsbuch „1956. Der Aufstand in Ungarn“ erinnert György Dalos an seinen ehemaligen Geschichtslehrer, der über den Freiheitskampf des Fürsten Ferenc Rákóczi gegen die Habsburger vielsagend bemerkte: „Die Ungarn wurden bei ihren Freiheitskämpfen vom Westen nie unterstützt.“ Die Solidarität der deutschen Bevölkerung zeigte sich in der großzügigen Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn. Die Spendensammlung des Deutschen Roten Kreuzes für Ungarn betrug bis Mitte November 1956 fünfeinhalb Millionen DM, eine auch im internationalen Vergleich beeindruckende Zahl. In der DDR blieb derweil bis 1989 die offizielle Position bestehen, in Ungarn habe sich damals eine Konterrevolution zugetragen.

Ungarnaufstand – Wahrnehmung in Deutschland heute

Heute habe Ungarn im Westen Europas keinen guten Ruf, konstatierte die WELT am 31.10.2016. Gründe dafür seien der autoritäre Regierungsstil des Premiers Viktor Orbán, die Einschränkung der Pressefreiheit und die zu beobachtenden nationalistischen und rechtsradikalen Tendenzen. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG merkte am 18.9.2015 an, der vehemente Widerstand Orbáns gegen die Aufnahme von ein- bis zweitausend Flüchtlingen würde aus Deutschland mit Unverständnis und Empörung betrachtet, vor allem im Licht der großen Aufnahmebereitschaft, mit welcher die fast 200.000 Ungarnflüchtlingen von 1956 in der BRD und anderen westlichen Staaten empfangen wurden. Damals durften die Ungarinnen und Ungarn in Österreich frei wählen, in welches Land sie weiterreisen wollten – eine aus heutiger Sicht verblüffende Tatsache.

Auch die ungarische Regierung zieht einen Vergleich zwischen 1956 und heute – jedoch aus einer anderen Perspektive. Das jüngste Referendum zur Ablehnung der EU-Flüchtlingsquote gehörte zu Orbáns systematischem Kreuzzug gegen Brüssel und das liberale Europa. Wie 1956 kämpfe Ungarn auch heute für die Demokratie, so das Regierungs-Bonmot. Wie damals müsse Ungarn sich alleine verteidigen. Heroisch sieht sich Ungarn als Verteidiger nicht nur seiner eigenen Grenzen, sondern auch jener der EU, da die im Süden Ungarns verlaufende und heute mit einem Zaun gesicherte Grenze gleichzeitig Außengrenze des Schengenraums ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei Ungarn Opfer großstaatlicher Machtspiele gewesen, auch heute wäre es nicht anders.

Der Tagesspiegel kommentierte den Ungarnaufstand von 1956 am 23.10.2016 mit dem Titel „Wo die Freiheit heute auf Abwegen ist“ und schreibt von einer neuen europäischen Achse der sogenannten Visegrád-Staaten Ungarn, Polen, Tschechien und Slowakei, die sich zur Verteidigung ihrer regionalen Interessen insbesondere bei der Flüchtlingsfrage zusammenschlössen.

Hat sich das Verhältnis der Ungarinnen und Ungarn zur Freiheit verändert oder ist der Blick Deutschlands kritischer geworden? Vor 1989 war das Ungarn-Bild in beiden Teilen Deutschlands mit einem gewissen romantischen Schleier verhangen – der 1955 in den deutschen Kinos erfolgreiche Film „Ich denke oft an Piroschka“ mit Lilo Pulver im Westen oder das spätere Image Ungarns als der „lustigsten Baracke des Ostens“ in der DDR zeugen davon. Doch die Zeit nach 1956 war in Ungarn von Angst bestimmt, von Repression, Hinrichtungen und Internierungen. György Dalos schreibt von Menschen, die „mit einem Geheimnis in der Seele“ lebten.

Es bleibt die Aufgabe der kommenden Generationen, sich mit dieser Zeit weiter auseinanderzusetzen: Wenn diese das Erbe verstehen, mit dem sie heute in Ungarn leben, könnte eine Heilung einsetzten.

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