„Für Pakistan ist das eine sehr gefährliche Situation“

Zeitungsausschnitt der kanadischen Zeitung "The Globe and Mail" in einem Cafe in Vancouver. Foto: Rommy Ghaly Lizenz: CC-BY Quelle: Flickr

3. Mai 2011
Annette Maennel
Interview mit Britta Petersen, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Pakistan, über die Tötung Osama Bin Ladens, die Rolle des pakistanischen Militärs und die Folgen für die Region.

Wie wurde die Todesnachricht in Pakistan aufgenommen?


Britta Petersen: Sehr gemischt, wie zu erwarten in einer Gesellschaft, in der das Meinungsspektrum derart breit ist. Bei den liberalen Kräften, etwa unseren Partnern, mit einer Mischung aus Freude und Erleichterung. Islamistische Kreise verurteilen die Militäroperation der USA. Die Taliban haben Racheakte angekündigt. Auffällig ist das totale Schweigen des Militärs.


Welche Rolle hat das pakistanische Militär dabei gespielt?

Pakistans Regierung und besonders das Militär stecken in der Zwickmühle. Es gibt hier sehr viele Leute, die nicht davon begeistert sind, dass Osama bin Laden tot ist.  Entweder man macht sich unbeliebt, indem man zugibt, den USA zugearbeitet zu haben, oder man steht als unfähig da, weil der meistgesuchte Terrorist der Welt sich direkt vor der Nase des Militärs in Abottabad verstecken konnte.


Und ist die Tötung mit dem Völkerrecht vereinbar?

Ich bin keine Juristin. Fakt ist, dass Osama Bin Laden ein international gesuchter Massenmörder war. Nicht besonders geschickt scheint es mir in diesem Zusammenhang, dass Washington die Leiche so schnell hat verschwinden lassen. Das verhindert eine unabhängige Untersuchung und öffnet Verschwörungstheorien Tür und Tor. Osama dürfte nun unsterblich sein.


Wird durch den Tod Bin Ladens die politische Lösung des Afghanistankonflikts leichter und auch Pakistan zu einer größeren Stabilität finden?

Das hängt davon ab, inwieweit Pakistan an der Militäraktion in Abottabad beteiligt war. Falls es eine Übereinkunft gibt, deutet dies auf eine engere Zusammenarbeit hin. Falls nicht, wird der Flügel im Pentagon gestärkt werden, der seit jeher argumentiert, man müsse Taliban und Al-Kaida nur lange genug in Afghanistan bekämpfen, um Erfolge zeitigen zu können. Das ändert natürlich nichts an den lokalen Ursachen für den Aufstand, ist aber für den militärischen Teil des Afghanistaneinsatzes ein Erfolg.
Was Pakistan angeht, so ist das jetzt eine sehr gefährliche Situation. Das kommunikative Dilemma unterminiert die Glaubwürdigkeit der Institutionen weiter. Wenn das Militär nicht eine plausible Erklärung präsentieren kann, geht das Land geschwächt aus der Angelegenheit hervor. Das kann auch nicht im Interesse der USA sein. Momentan ist der Überraschungsfaktor noch so groß, dass niemand eine Kommunikationsstrategie zu haben scheint, auch nicht die radikalen Kräfte. Das wird sich bald ändern, und es ist unklar, wer dabei die Oberhand gewinnt.

.....
Das Interview führte Annette Maennel.
Dieser Text steht unter einer Creative Commons-Lizenz.