Die Krise in der Krise: Schweinegrippe in Mexiko

Ingrid Spiller ist Leiterin des Regionalbüros Mittelamerika/Mexiko/Karibik (Sitz Mexiko-Stadt) der Heinrich-Böll-Stiftung.

22. Mai 2009
Von Ingrid Spiller
Von Ingrid Spiller

Mehrere Tage lang herrschte Anfang Mai in der sonst so trubeligen und lauten Hauptstadt Mexikos tiefe Grabesruhe, nur ab und zu gestört von einigen verunsicherten Passanten, die - ganz korrekt mit Mundschutz – nach den Augen der anderen suchten, die ihren Weg kreuzten. Nachdem Präsident Felipe Calderón den Ausnahmezustand verkündet hatte, herrschten, von einigen Ausnahmen abgesehen, vor allem in den ersten Tagen soziale Ordnung und Gehorsam vor. Die Menschen reagierten in einer Mischung aus Angst, Verunsicherung und Verantwortungsbewusstsein auf den späten Alarm der Autoritäten um zu versuchen, den Infektionskreislauf der Epidemie zu durchbrechen.

Eingeschlossen in ihre Wohnungen entwickelten sie einen Heißhunger auf Informationen über das Übel mit dem Namen A/H1N1, das ihnen ihre Bewegungsfreiheit nahm. Schulen, Arbeitsstätten und Vergnügungsorte blieben geschlossen, eine Maßnahme, die es seit dem verheerenden Erdbeben von 1985 nicht mehr gegeben hatte. In Ermanglung von Alternativen, der einsetzenden Langeweile zu entgehen, hatten die Medien leichte Beute und nutzen ihre Chance, ihr vor allem in den letzten Jahren angeschlagenes Image aufzupolieren. Man verbrachte Stunden vor dem Fernsehapparat, um gierig jede Information über die neue Situation aufzusaugen. Sondersendungen informierten über die Auswirkungen der Schweinegrippe und andere Pandemien in früheren Jahren, Experten beantworteten Fragen zur Ansteckungsgefahr und wie man sich schützen kann, und als Höhepunkt erklärte der krawattenlose Gesundheitsminister José Angel Cordova (“die Krawatte ist ein besonderer Infektionsherd, da sie so selten gereinigt wird”) zweimal täglich in einer live übertragenen Pressekonferenz Ursachen und Folgen dieses neuen Szenariums. Die letzte Instanz aber war der Präsident, der Sicherheit und Handlungsvermögen ausstrahlte, und dem Volk zeigte, dass er diese virulente Bedrohung letztlich gebändigt hat.

Nebelvorhang

Dieses Szenario konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich trotz der Vielfalt der Informationen nicht wirklich informiert fühlte und fühlt. Das tief sitzende Misstrauen gegenüber den staatlichen Autoritäten - und damit eine Bankrotterklärung an ein demokratisches Regierungssystem - stellte sich schnell wieder ein, geteilt in zwei Lager: die einen, die glaubten, es wäre alles noch viel schlimmer als offiziell mitgeteilt, und die anderen, die alles für eine finstere Übertreibung der staatlichen Autoritäten hielten, um von den wirklichen Problemen, wie z.B. der schweren Wirtschaftskrise, abzulenken. Eine Strategie, die in Mexiko hinlänglich unter dem Namen „Nebelvorhang“ bekannt ist.

Solche Zweifel wurden weiter genährt durch die Tatsache, dass Mundschutz und Desinfektionsmittel schon nach kürzester Zeit Mangelware waren, obwohl sie zu den wichtigsten Mitteln gegen die Infektionsgefahr erklärt wurden. Warum war ein so entwickeltes Land wie Mexiko nicht dazu in der Lage, innerhalb von kürzester Zeit solch einfache Dinge wie etwas Stoff zwischen zwei Gummibändern zu produzieren? War es wirklich Unvermögen oder war der Nutzen erwiesenermaßen doch nicht so groß (wie man seriösen ausländischen Informationsquellen entnehmen konnte)? In einem Artikel in El País vom 2. Mai war zu lesen, dass vom Portier bis zu führenden Funktionären niemand im Gesundheitsministerium Mundschutz trug, weil man über den begrenzten Nutzen durchaus wusste. Den strikten Gebrauch hatte man nur verordnet, weil dies “eine Forderung der Leute ist. Sie fühlen sich sicherer und ruhiger, wenn sie ihn tragen, und es richtet keinen Schaden an”. (Miguel Ángel Lezana, Direktor des Nationalen Zentrums für Seuchenüberwachung und Krankheitskontrolle)

Die Menschen gingen damit letztlich auf die mexikanische Art um. Nach dem ersten Schock ließ das Tragen dieses neuen Accessoires nach, das schon bald bei einigen eher an ein modisches Accessoire als ein notwendiges Schutzmittel erinnerte, mal bunt bemalt, mal lässig um den Hals baumelnd. Ernster war die Lage allerdings in Krankenhäusern und Praxen, wo das medizinische Personal bittere Anklagen wegen der fehlenden Versorgung mit diesen für sie ungleich wichtigeren Schutzmitteln erhob.

Doch ob „Nebelvorhang“ oder nicht, ihren Nutzen konnten viele aus der Situation zu ziehen:

  • Präsident Felipe Calderón, der sich (und indirekt auch seine Partei PAN) durch seine landesweiten Ansprachen profilieren konnte, während die geplanten Massenveranstaltungen der Parteien zum Wahlkampfauftakt für die Parlamentswahlen am 5. Juli ausfallen mussten, als Folge des präsidial verordneten Ausnahmezustands.
  • Der Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Marcelo Ebrard, der sich ebenfalls als Mann der Tat in dieser prekären Situation präsentieren konnte, was seinen Aussichten, als Kandidat der oppositionellen PRD bei den nächsten Präsidentschaftswahlen aufgestellt zu werden, sicherlich gut tun dürfte.
  • Ähnlich der Gouverneur vom Estado de México, Enrique Peña Nieto, der als nächster Präsidentschaftskandidat der oppositionellen Partei PRI gehandelt wird.
  • Die Armee, die durch die Verteilung von Mundschutz und Desinfektionsmitteln ihr langsam bröckelndes positives Image wieder etwas aufpolieren konnte. Seit sie von Präsident Calderón im Kampf gegen die Drogenmafia im eigenen Land eingesetzt wird, wachsen die Zweifel an der Integrität dieser Institution, der immer mehr letztlich ungeahndete Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Auf dem Höhepunkt der Grippeepidemie Ende April hat die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Mexiko-Stadt einen Bericht vorgestellt, der aufzeigt, dass die Nationalregierung kein Interesse an der Aufklärung und Ahndung der von Militärs begangenen Menschenrechtsverletzungen hat.
  • Die Politiker (fast aller Parteien), die im Vorwahlkampf Mundschutz und Desinfektionsmittel verteilten, obwohl diese schon nach kürzester Zeit Mangelware waren und in Supermärkten, Apotheken und anderen Einrichtungen nicht mehr zu bekommen waren;
  • und schließlich die unvermeidlichen Profiteure von Korruption und Schwarzmarkt, die die begehrten Schutzmittel zum Preis von 50 Pesos das Stück (knapp 3 Euro!) im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt feilboten.

Interessanterweise gab es kaum nennenswerte politische Auseinandersetzungen um den Umgang mit der Grippewelle. Während die politische Klasse sonst oft nur mühsam einen Kompromiss erringt und Mehrheitsverhältnisse zustande bringt, waren parteipolitische Differenzen kaum spürbar. Die schwierigen politischen Verhältnisse, in denen sich Mexiko seit den Präsidentschaftswahlen 2006 und dem äußerst knappen und umstrittenen Wahlsieg Präsident Calderóns befindet, waren kaum wahrnehmbar. Offensichtlich konnte jede der drei großen Parteien PAN, PRD und PRI, die alle in verschiedenen Bundesstaaten an der Regierung sind, aus der Krise ihren eigenen Nutzen ziehen.

Strukturdefizite

Auch wenn Mexiko inzwischen international dafür gelobt wird, wie das Land mit der Krise umgegangen ist, sind die strukturellen Defizite deutlich geworden. Vor allem das staatliche Gesundheitssystem, einst ein Vorzeigeprojekt auf dem amerikanischen Kontinent, leidet darunter, dass es in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt wurde. Deshalb war und ist das Land nur sehr unzureichend auf das Auftreten einer solchen Epidemie vorbereitet. Erst mit erheblicher Verspätung wurde die Infrastruktur dafür geschaffen, Verdachtsfälle auf den Virus auch im eigenen Land untersuchen zu können. Zuvor waren alle Proben in die USA und nach Kanada geschickt worden. Das führte unter anderem offensichtlich zur Verwirrung darüber, wie viele Menschen erwiesenermaßen an den Folgen der Schweinegrippe gestorben waren, und bei wie vielen es sich nur um einen Verdacht handelte. Der Gesundheitsminister musste wenige Tage nach der offiziellen Bekanntgabe des Ausbruchs der Schweinegrippe die Zahl der Toten deutlich nach unten korrigieren: von 159 auf 20 erwiesene Fälle. (Inzwischen liegt die Zahl der bestätigten Toten mehr als dreimal so hoch.)

Die WHO hatte bereits seit 1999 gefordert, dass Mexiko entsprechende Laboratorien einrichten sollte, doch bis zum Ausbruch der Schweinegrippe stand dieses Ansinnen nicht auf der Prioritätenliste. Außerdem gibt es kein nationales Gesundheitsregister, das ermöglichen würde, entsprechende Daten landesweit zu erstellen und damit die Ausbreitung des Virus national zu verfolgen und gezielte Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Frauengruppen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen beklagen schon seit langem das Fehlen einer solchen statistischen Einrichtung, etwa um genauere Angaben zur HIV-Infektion zu erfassen.

In Mexiko und im Ausland fragt man sich, warum so viele Menschen sterben mussten an einer Grippe, die inzwischen von der WHO und führenden Virologen als nicht tödlich klassifiziert wurde. Die Angaben sind spärlich (und können zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikel schon überholt sein): Die meisten Toten waren zwischen 20 und 39 Jahren alt, von einigen wurde bekannt, dass sie bereits unter chronischen Krankheiten litten wie Diabetes oder sehr starkem Übergewicht. Die meisten lebten in Mexiko-Stadt und im Estado de México, und die Mehrheit (aber nicht alle) war über das öffentliche Gesundheitssystem versichert. Nicht bekannt wurde bislang, wo sie sich infiziert haben, ob und wann sie medizinisch versorgt wurden, aus welchem sozialen Umfeld sie stammen, was mit ihren Angehörigen ist, d.h. ob diese auch infiziert wurden etc. Ob diese Angaben wirklich nicht vorliegen, oder ob die mexikanischen Behörden sie nicht preisgeben wollen, ist unklar. Ähnliches gilt übrigens generell für Angaben zu den Infizierten. Mal heißt es, man wisse die Details nicht, mal heißt es, man wolle die Identität und Privatsphäre der Menschen und ihrer Angehörigen schützen.

Erschreckend ist die Tatsache, dass es sich bei etwa zwei Drittel der Verstorbenen um Frauen handelt, während die Infektionsrate bei Frauen und Männern ungefähr gleich ist. Der Gesundheitsminister erklärte auf einer Pressekonferenz, dass die Todesrate wohl darauf zurückzuführen sei, dass das Gesundheitssystem nicht so entwickelt sei wie z.B. in den USA, und dass ja bekanntermaßen gerade Frauen ihre eigenen Nöte und Krankheiten häufig zurückstellen und als letzte aus der Familie zum Arzt gingen. Das kann stimmen, bewiesen ist es im konkreten Fall aber nicht.

Defizitäres Gesundheitssystem

Festzuhalten bleibt jedoch: Auch wenn Mexiko insgesamt ein reiches und entwickeltes Land ist, sind die strukturellen Schwächen offensichtlich. Etwa 40% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze (EU-Länderstrategiepapier 2007-2013), etwa ein Drittel der Bevölkerung sogar in absoluter Armut, d.h. von weniger als einem Dollar am Tag (CEPAL 2006).

Das mexikanische Gesundheitssystem weist große Schwächen auf. Es wurde 1944 als Teil eines umfassenden Sozialversicherungssystems unter maßgeblicher Beteiligung des vor den Nazis ins mexikanische Exil geflüchteten Hamburger Arztes Max Frenck gegründet. Grundlage bildete und bildet das Solidarprinzip nach Bismarckschem Modell: Im Rahmen einer Pflichtversicherung werden die Beiträge von den Löhnen der im formellen Sektor Beschäftigten einbehalten, so dass das individuelle Gesundheitsrisiko nicht mehr der Einzelne, sondern die Gemeinschaft der Versicherten trägt. Nach der großen Kapital- und Wirtschaftskrise Anfang der 90er Jahre fanden noch unter der Regierung von Ernesto Zedillo die ersten grundlegenden Veränderungen im Bereich der sozialen Sicherung statt, wobei u.a. das System der Krankenversicherung von anderen sozialen Leistungen wie Altersversorgung oder Kinderbetreuung für berufstätige Frauen getrennt wurde. Später erfolgte die Dezentralisierung und Teilprivatisierung. Für die vielen Menschen ohne Arbeitsverträge, die damit auch über keine Versicherung verfügen, wurde unter Präsident Fox eine „Volksversicherung“ gegründet, der man freiwillig beitreten kann. Wer sich auch das nicht leisten kann, kann im Krankheitsfall von bestimmten Kliniken der jeweiligen Landesregierung versorgt werden, denn das Recht auf Gesundheit ist in der Verfassung verankert.

Was auf dem Papier gut aussieht, hält dem Praxistest jedoch nur schlecht stand, denn das öffentliche Gesundheitssystem ist den Anforderungen nicht gewachsen. Die Beiträge, die aufgrund einer relativ geringen Beschäftigungsrate und niedriger Löhne die anfallenden Kosten nicht decken können, werden nur unzureichend mit öffentlichen Mitteln aufgestockt, was auf Kosten der medizinischen Qualität geht: zu wenig Personal, eine unzureichende Ausstattung mit Medikamenten, Verbandsmaterial und anderen notwendigen Materialien. Wer es sich leisten kann, schließt deshalb zusätzlich zur staatlichen Pflichtversicherung eine private Krankenversicherung ab, um im Ernstfall besser versorgt zu sein.

Es gibt nur wenige, meist exemplarische Untersuchungen zur Situation im Gesundheitsbereich. Danach wird geschätzt, dass die Patienten über die Pflichtversicherung hinaus etwa 52% der Ausgaben im Gesundheitsbereich aus eigener Tasche bezahlen. Nach konservativen Schätzungen müssen jährlich 2-3 Millionen Haushalte mehr als ein Drittel ihres verfügbaren Einkommens für medizinische Ausgaben verwenden und geraten deshalb in Not. Kein Wunder also, dass etwa 2 von 10 Personen den Arztbesuch mindestens einmal im Jahr verschieben, weil ihnen die dafür notwendigen Ressourcen fehlen.

Doch auch wer das öffentliche Gesundheitssystem aufsuchen möchte, muss im Durchschnitt 4,5 Tage auf einen ersten Untersuchungstermin warten und weitere 9,5 Tage, um gegebenenfalls danach einen Spezialisten sehen. Etwa 60% erhalten keine Operation oder keine sofortige medizinische Hilfe, wenn sie dies benötigen. (alle Angaben El Almanaque Méxicano 2007)

Es verwundert daher nicht, dass aufgrund konkreter Erfahrungen das Vertrauen der Menschen in das mexikanische Gesundheitssystem nicht allzu groß ist.

Deshalb ist zu vermuten (und einzelne Berichte weisen darauf hin), dass, auch wenn Präsident Calderón in seinen Fernsehansprachen darauf hingewiesen hat, die Leute bei ernsten Symptomen der Schweinegrippe die Gesundheitszentren aufsuchen sollen, und die medizinische Versorgung kostenlos ist, viele diesem Ratschlag nicht gefolgt sind. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum in Mexiko so viele Menschen an der Schweinegrippe gestorben sind.

Mitten im Rätseln über die im internationalen Vergleich hohen Todesraten in Mexiko kam für Präsident Calderón die Nachricht wohl wie gerufen, dass es erstmalig gelungen ist, die genetische Zusammensetzung der Mexikaner (den Human Genom Index) zu entschlüsseln. Danach verfügen die Mexikaner über eine eigene genomische Struktur, die sich vor allem aus europäischen und amerindischen Elementen zusammensetzt. Präsident und Wissenschaftler feierten diese Entdeckung als wichtigen Meilenstein für die Entwicklung von maßgeschneiderten Medikamenten, vielleicht sogar gegen die Schweinegrippe. So schafft man Zuversicht!

Finanzielle Lungenentzündung

Die drastischen Maßnahmen, zu denen Calderón und Ebrard gegriffen haben, um die Ausbreitung der Infektion mit dem A H1N1 Virus einzudämmen, waren sicherlich eine Lektion, die man aus der SARS-Epidemie in China gelernt hat. Der Erfolg hat ihnen letztlich Recht gegeben, auch wenn einige Juristen inzwischen prüfen, Klage einzureichen, weil der Präsident vor Ausrufen des nationalen Gesundheitsnotstands das Parlament nicht einbezogen hat.

Die ökonomischen Auswirkungen der Grippe-Epidemie in Zeiten, in denen das Land ohnehin in einer schweren Wirtschaftskrise steckt, sind erheblich. Am 7. Mai musste schließlich auch Finanzminister Augustín Carstens öffentlich zugeben: „Wir stecken in einer Rezession.“ Wie schwer ihm dieser Schritt gefallen sein muss, lässt sich daraus erahnen, dass er schon im letzten Jahr allen Vorhersagen und Analysen zum Trotz lange Zeit hartnäckig geleugnet hatte, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise, die ihren Ursprung im Nachbarland USA hatte und dann einer Epidemie gleich die Volkswirtschaften auf der ganzen Welt ansteckte, auch Mexiko hart treffen könnte. Während die mexikanischen Kommentatoren es sich nicht verkneifen konnten, in Anspielung auf das enge Verhältnis der beiden Staaten das bekannte Sprichwort zu zitieren: „Wenn die Vereinigten Staaten niesen, bekommt Mexiko eine Erkältung.“, hatte Carstens seine eigene Version: „Für Mexiko kommt dabei nicht mehr als ein kleiner Schnupfen heraus.“ Wie groß der Schnupfen schließlich wurde, zeigen die negativen Wachstumsraten der letzten Quartale. Im letzten Vierteljahr 2008 betrug das Wirtschaftswachstum -1,6%, im ersten Quartal 2009 lag es sogar zwischen -7% und -8%.

Die Gesundheitskrise traf Mexiko also zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Für Mexiko-Stadt werden die wirtschaftlichen Verluste seit Beginn des Ausnahmezustands am 26.4. bis zur schrittweisen Normalisierung am 5. Mai auf etwa 55 Millionen Pesos täglich (ca. 3 Mio. Euro) geschätzt. Die Konföderation der nationalen Kammern für Handel, Dienstleistungen und Tourismus schätzen die Verluste in ihren Sektoren im ganzen Land auf 12.645 Mio. Pesos (ca. 700 Mio. Euro), was 0,7% des Bruttoinlandsproduktes entspricht, und der (fast immer) optimistische Finanzminister Carstens rechnet mit einem allein durch die Schweinegrippe hervorgerufenen Negativwachstum des Bruttoinlandsproduktes von 0,3-0,5% des Bruttoinlandsproduktes. Besonders hart getroffen ist der ohnehin schon gebeutelte Tourismussektor, da in diesen Wochen kaum einer Lust hatte, in Mexiko unbeschwerten Badeurlaub zu machen. Doch schon verbreitet Finanzminister Carstens wieder Optimismus und prognostiziert einen leichten wirtschaftlichen Aufschwung ab dem dritten Quartal dieses Jahres und ein Ende der Rezession spätestens ab dem ersten Quartal 2010.

So viel Optimismus wünscht man sich auch für die Aussichten auf ein nachhaltiges Ende der Schweinegrippe.