Aufklärung
Wie aufgeklärt wir doch heute sind!
Wie aufgeklärt wir doch heute sind! Den Muff von 1000 Jahren haben wir längst gelüftet. Revanchismus ist ein Phänomen von gestern. Und fast jedes Kind weiß heute, was gegen Aids oder gegen den Klimawandel getan werden kann. Und dann hat die informationsüberflutete Gesellschaft ja auch noch das Internet, das scheinbar jede Frage beantwortet.
Nach dem Gewissen handeln
Immanuel Kant, einer der wichtigsten Philosophen des 18. Jahrhunderts, hinterließ den Kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Und die großen Aufklärer forderten, sich seines eigenen Verstandes, der eigenen Vernunft bewusst zu werden und danach – entsprechend dem Kategorischen Imperativ – zu handeln. Aber was hat das alles mit unserem Leben heute zu tun hat?
Umweltschutz kann Spaß machen
Dazu zwei Beispiele: Der Klimawandel hat monatelang die Medien beschäftigt und es sogar bis an die Stammtische geschafft. Klar, die Folgen der Klimawandels sind immer schwerer zu übersehen und die Warnungen mittlerweile auch eindeutig. Genauso eindeutig wie die Warnungen vor einer dramatisch schwindenden Artenvielfalt. Die Zerstörung von Lebensräumen, Umweltschäden, die Verschwendung natürlicher Ressourcen – Regenwald, Öl, Kohle – und der unkontrollierte CO2-Ausstoß, das alles passiert vor unseren Augen. Wir wissen das, wir sind ja aufgeklärt. Aber ändert das was?
Ein umweltbewusster Lebensstil ist mittlerweile angekommen „in der Mitte der Gesellschaft“. Ein Massenphänomen ist er aber noch nicht. Dabei kann gerade hier Wissen zu Macht werden, zu Gestaltungsmacht. Egal, ob beim Einkaufen, mit dem tier- und umweltgerechtes Land-Wirtschaften gefördert werden kann. Oder in der Freizeit, wo das Fahrrad wieder aus dem Keller geholt wird. Wissen und Handeln müssen keine verschiedenen Paar Schuhe sein. Das Schöne daran ist, dass vernunftgeleitetes Handeln keineswegs so spaßfrei sein muss, wie es im ersten Moment vielleicht klingt. Wer es ausprobiert, ist klar im Vorteil.
In der Demokratie streiten
Das andere Beispiel: Spätestens am Wahlabend sind sie wieder zu hören, die Klagen über die schlechte Wahlbeteiligung und über die Politikverdrossenheit, vor allem im Osten. Haben die denn da nichts gelernt in zwanzig Jahren deutscher Einheit? Wie oft soll das mit der Demokratie denn noch erklärt werden? Vielleicht sind das nur die falschen Fragen. Natürlich gilt es, jeden Tag zu lernen, wie Demokratie funktioniert und für unser demokratisches Zusammenleben zu werben. Doch es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Das ist kein aufklärerisches Philosophenzitat, sondern Erich Kästners weise Erkenntnis. Weil Spaß an und Lust auf Demokratie nur durch demokratisches Handelns entsteht. Es ist richtig, in Schulen und Bildungseinrichtungen jeder Coleur über die Wirkungsweise der Demokratie zu informieren. Wir brauchen mehr demokratische Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten für demokratische Prozesse und Institutionen. Das fängt in der Schule an und hört im Jugendclub oder Verein nicht auf.
Aber mehr Demokratie, das kann auch Streit bedeuten. Streit ist ein Wesensmerkmal von Demokratie. Streit, demokratisch geführt, ist das Ringen um Argumente, das ist Überzeugungsarbeit, manchmal auch Kernerarbeit. Nicht immer kommt dabei eine Entscheidung heraus, die man gut findet. Doch selbst in einem solchen Fall bleibt die Aufklärung darüber, dass es Gründe für diese Entscheidung gibt.
Katrin Göring-Eckardt, geboren 1966 in Friedrichsroda, ist seit 2005 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Darüber hinaus wurde sie 2009 als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Sie studierte Theologie in Leipzig und war 1989 Gründungsmitglied von „Demokratie Jetzt“ und „Bündnis 90“. Bis 1994 war sie Mitarbeiterin der ersten bündnisgrünen Landtagsfraktion, anschließend vier Jahre lang Landessprecherin der Thüringer Grünen. Seit 1998 ist sie im Bundestag, sie war zunächst Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion und später Fraktionsvorsitzende.



