Schriften zu Bildung und Kultur, Band 3

Bildungsgerechtigkeit im Lebenslauf

3. November 2009

Rund 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler verlassen in Deutschland die Schule mit erheblichen Bildungsdefiziten. Sie haben Probleme im Arbeitsleben und können an Politik und Kultur nur eingeschränkt teilhaben. Insgesamt geht es um rund zwei Millionen Jugendliche - häufig sind sie männlich und haben einen Migrationshintergrund. Ihnen drohen Arbeitslosigkeit und sozialer Ausschluss. Diese Bildungsarmut ist nicht nur ein Makel für die Betroffenen, sie ist auch für Staat und Gesellschaft ein Problem.

Bei allen Verbesserungsbemühungen im Bildungssystem werden die Lern- und Lebenschancen von bildungsarmen Kindern und Jugendlichen immer noch zu wenig beachtet.

Aus diesem Befund zieht die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung in ihrer Empfehlung einen radikalen Schluss: Sie stellt die sogenannte "Risikogruppe" ins Zentrum der Bildungsreform. Hier geht es um die Verbesserung der Förderfähigkeit der Schulen insgesamt. Die Schulkommission plädiert für eine nicht diskriminierende Leistungsorientierung. Sie rückt die individuelle Förderung und die Durchlässigkeit des Bildungssystems in den Mittelpunkt.

"Die Kommission verdient ein großes Kompliment: Das Ergebnis ihrer Arbeit ist die beste Empfehlung zu Fragen der Bildungsgerechtigkeit, die mir bekannt ist." Prof. Jürgen Baumert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.


Wie Bildungsarmut nicht weiter vererbt wird -
Bildungsgerechtigkeit im Lebenslauf
   
Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung
Erscheinungsort Berlin
Erscheinungsdatum November 2009
Seiten 60
ISBN 978-3-86928-017-2
Bereitstellungs-
pauschale
kostenlos


Reaktionen (4)

1_ Manfred Michael Schwirske
11. März 2010, 03:04 Uhr

Die Studie ist hochproblematisch in einer zentralen Hinsicht und darum auch im Ganzen: sie führt ihren Gegenstand ohne Reflexion ein: die "Risikogruppe".

Ohne tiefer auf den Begriff Risiko einzugehen, kann bereits gesagt werden, dass ein Bildungsrisiko nicht ererbt und vererbt ist, also nicht als Eigenschaft oder Besitz identifizierbarer Personen vorhanden ist, sondern dass dieses Risiko des Scheiterns von Personen im Bildungsprozess erst erzeugt wird.

Man stelle sich dieselben Menschen in einem reformierten oder schlicht in einem anderem Schulsystem vor (wie es - nur beispielsweise - in Finland besteht: es gäbe dort keine Möglichkeit dieselben Menschen ein und derselben Kategorie möglichen Scheitern zuzuordnen. Merke: wer scheitert, ist abhängig vom System.

Die sinnvollere Vorstellung wäre also, von Risikofaktoren im Bildungssystem zu sprechen, statt das Risiko den scheiternden Menschen vorgängig als Stigma anzuheften.

Ein Kardinalfehler dieser Studie.

Manfred Michael Schwirske
Dipl.Soz.Wiss.
Wiesenstraße.18
45699 Herten
Tel. 02366/39742
schwirske@versanet.de



2_ Kristian Mair
19. Juli 2010, 11:53 Uhr

Die Studie zeigt gerade vor dem Hintergrund des Volksbegehren in Hamburg, dass Bildungsgerchtigkeit wichtiger denn je ist.
3_ Stephan Ertner
29. Juli 2010, 11:45 Uhr

Sehr geehrter Herr Schwirske,

Sie haben recht, wenn Sie schreiben, dass Risiko keine persönliche Eigenschaft von Schülerinnen und Schülern ist und auch nicht vererbt werden kann.

Die Schulkommission verwendet den Begriff der Risikogruppe auch nicht in diesem Sinne. Zur Risikogruppe zählt sie Kinder und Jugendliche, die besonderen Risikolagen ausgesetzt sind. Um es mit dem Kommissionsmitglied Heinz-Elmar Tenorth zu sagen: Risikogruppe, „das ist nicht eine Gruppe von Heranwachsenden, die ein Risiko darstellen, sondern die unter Bedingungen des Risikos aufwachsen: in einer Situation also, in der die Gefahren vielleicht noch benennbar, aber unkalkulierbar zahlreich und individuell nicht mehr beherrschbar sind.“ („Die Risikogruppe in den Mittelpunkt rücken“, S. 38).

Die Schulkommission schlägt vor, die Priorität auf den Abbau sozioökonomischer und soziokultureller Benachteiligungen im Bildungssystem zu legen und ist der Auffassung, dass Schulreformen daran zu messen sind, in wieweit sie zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen.

Stephan Ertner, Heinrich-Böll-Stiftung

4_ Manfred Michael Schwirske
14. Oktober 2010, 02:51 Uhr

Sehr geehrter Herr Ertner,
gut, wenn hier eine andere nicht diskriminierrende Interpretation gewünscht ist. Es scheint mir aber klar zu sein, dass der öffentliche Diskurs einem individualisierenden Risikoverständnis Vorschub leistet oder diesem sogar folgt. Immerhin verwendet auch die Studie die Metapher "Vererbung".

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