Nachruf Yoram Kaniuk (1930 - 2013)

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Yoram Kaniuk

Nachruf Yoram Kaniuk (1930 - 2013)

19. Juni 2013
Marianne Zepp

Am Ende seines Lebens war er einer der streitbarsten und zugleich bekanntesten Intellektuellen Israels. Davon legt sein letzter öffentlicher Akt der Auflehnung Zeugnis ab: Yoram Kaniuk erstritt vor Gericht, dass er und sein neugeborener Enkel offiziell als religionslos registriert werden konnten.

Diesem Streit liegt mehr als nur ein symbolhaftes Bekenntnis zur eigenen Weltanschauung zugrunde, es ist zu lesen als die kompromisslose Kritik an einem religiösen Establishment, das sich immer mehr den Einflüssen der Ultra-Orthodoxen ergibt und damit die Liberalität einer modernen Demokratie preisgibt. Bereits 1996 hatte er dafür plädiert, das Land zu teilen und Judäa und Samaria abzutrennen, „denn es gibt keinen Weg, die Differenzen zwischen einer dogmatischen Religion und der Demokratie zu überbrücken“. Provokationen dieser Art zeichneten ihn aus.
 
Am 3. Mai 1930 in Tel Aviv geboren, gehörte Yoram Kaniuk zu einer Generation, die im Untergrund und später im Unabhängigkeitskrieg für einen jüdischen Staat gekämpft hatte. Für einen jüdischen Staat, den er in den letzten Jahren mit so deutlichen Worten kritisierte wie kaum ein anderer. In seinem Lebenswerk spiegelt sich nicht nur die Geschichte Israels, sie ist auch autobiographisch unterlegt: mit Erinnerungen, für die der Autor einen subjektiven, seinen Deutungen ausgelieferten Wahrheitsgehalt beanspruchte.  

Aus einer Familie aus Galizien und Russland stammend, die bereits während der Mandatszeit in Palästina ihren Platz gefunden hatte und einem Vater, der der erste Direktor des Tel Aviv Museums war, schließt Kaniuk sich mit 17 Jahren der Untergrundarmee Palmach an. Seine Begegnungen mit den ankommenden Holocaust-Überlebenden, die er auf einem vor der Küste liegenden Schiffe betreute, prägten ihn ebenso wie die Grausamkeiten der Kämpfe im Unabhängigkeitskrieg.

Sein bekanntestes Buch "Adam Hundesohn" (Adam Ben Kelev), 1998 verfilmt unter dem Titel "Ein Leben für ein Leben", ist die Geschichte eines dieser Überlebenden. Er ist zugleich eine Parabel für den Staat Israel selbst, seine inhärenten Versprechen an die Überlebenden und zugleich die Widersprüche, die in den Verdrängungen und in der Konstruktion eines starken, wehrhaften „neuen Hebräers“ lagen. In seiner Autobiographie "1948", die er mit 82 Jahren verfasst, gibt er dem Andenken der Holocaust-Überlebenden einen eigenen Platz in den Anfängen des Landes. Wer die Widersprüche und Katastrophen, die Gewalt dieses ersten Krieges des neuen Staates und die Verzweiflung der Ankommenden, erahnen will - die wie er in einem Interview formulierte, „aus dem Mülleimer der Geschichte kamen“ - wird in diesem Buch fündig.
 
Den Deutschen hat er es nicht leicht gemacht. Er diente nicht als Spiegel einer gelungenen "Wiedergutmachung" oder eines gesitteten, die Abgründe umtänzelnden Dialogs. Bekannt wurde er einem größeren Kreis, als er während der Endphase des Zweiten Golfkrieges mit Günter Grass öffentlich diskutierte. Er warf der deutschen Linken Ignoranz gegenüber der Bedrohung Israels durch den Gasangriff Saddams vor: moralisch und polemisch aufgeladen mit "der entliehenen Maske des Überlebenden", auch vor einem Auschwitz-Vergleich nicht Halt machend und in einer Mischung aus "überbordenden Emotionen, differenzierten Einsichten und pauschalisierenden Urteilen" (Zuckermann 1999, 147).

In einem in Deutschland nicht rezipierten Artikel beschreibt er diese Begegnung, die als ein Zusammentreffen zweier Friedenskämpfer begann und "sich in eine Konfrontation zwischen dem Juden und dem Deutschen" verwandelte. Er, der Sabre, war durch die Eltern mit der deutschen Kultur infiziert, er bezeichnete sie als "die Wiege meiner Kindheit". Als er spät, Ende der 1980er Jahre, begann Deutschland zu bereisen, war dies seinen eigenen Worten zufolge "eine wütende, gierige und schmerzliche, vielleicht auch lächerliche Tournee durch Deutschland, dem Land, aus dem einige von denen, die entkommen waren,… sich immer noch sehnten." 

In seinem Buch "Der letzte Berliner", das zuerst auf Deutsch erschien, kehrt er dahin zurück, wo er sich etwas ersehnte, was er sich wohl selbst nicht eingestehen konnte, Anerkennung und die Wahrnehmung als einer, der eine Geschichte zu erzählen hat, die die deutsche Mehrheitsgesellschaft bis heute nicht wirklich hören will, die Geschichte der jüdischen Opfer  als die andere Erzählung, die gleichwertig neben der Nachkriegsdeutschlands steht. Oder in seinen eigenen Worten: "Ich habe immer davon geträumt, einen deutschen Schriftsteller zu treffen, der mir sagt: Mein Vater war Nazi, und jetzt erzähle ich dir meine Geschichte, und wir versuchen gemeinsam, auf den Grund der Dinge zu gehen und zu verstehen, wie es geschehen konnte. Aber die deutschen Schriftsteller schreiben nicht über uns, Juden tauchen in der deutschen Literatur nicht auf."  Für die deutschen Schriftsteller seiner Generation, die die ersten Jahrzehnte der Literatur im Nachkriegsdeutschland prägten, trifft das sicher zu.

Er wird fehlen, gerade denen, die dahingehen, wo es wehtut im deutsch-israelischen Verhältnis.

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