Leben an der Grenze - Feminizide

von
Ni una más - Keine einzige mehr!"Ni una más" - "Keine einzige mehr!", so der Slogan einer Initiative zur Sichtbarmachung der Gewalt gegen Frauen. Urheber/in: Diego Enrique Hernández González. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In den vergangenen Jahren ist der sogenannte Drogenkrieg in Mexiko eskaliert. An der Nordgrenze zu den USA ist drastische Gewalt jedoch kein neues Phänomen. Ciudad Juárez etwa erlangte in den 1990er Jahren durch eine Serie von Frauenmorden traurige Berühmtheit. Die neue Südlink-Kolumnistin Lourdes Cárdenas berichtet in den nächsten Ausgaben vom Leben an der US-mexikanischen Grenze. Ihr erster Beitrag widmet sich der Gewalt gegen Frauen, die durch die allgemeine Straffreiheit in Mexiko noch gefördert wird.

Am 28. August dieses Jahres stieg eine Frau an einer viel befahrenden Straße im mexikanischen Ciudad Juárez in einen öffentlichen Bus. Ohne jegliche Warnung erschoss sie aus nächster Nähe den Fahrer. Am darauf folgenden Tag wiederholte sie ihr Vorgehen und tötete einen weiteren Busfahrer. Das kollektive Gedächtnis taufte die Frau umgehend „Diana, die Jägerin der Busfahrer”. Innerhalb von Stunden verwandelte sich die Frau in einen Mythos, der nicht nur die mexikanische Presse, sondern auch einige internationale Medien beeindruckte. Die Frau hatte mutmaßlich Botschaften per E-Mail an Redaktionen geschickt, in denen sie sich selbst als „Instrument der Rache” der in Ciudad Juárez angegriffenen und ermordeten Frauen bezeichnete. Dabei bezog sie sich speziell auf die Opfer der Busfahrer. Die Staatsanwaltschaft bestritt die Echtheit der E-Mails und veröffentlichte ein Phantombild der Angreiferin, die bis heute frei herumläuft – ohne erneut gemordet zu haben. Unabhängig davon, ob die Botschaften echt sind und die vermeintliche „Rächerin” existiert, spiegelt der Mythos Diana die derzeitige Situation der Frauen in dieser Grenzstadt zum US-Staat Texas wider. Ciudad Juárez ist eines der wichtigsten Einfallstore für Marihuana, Kokain und Crystal Meth. In den 1990er Jahren erlangte die Stadt als internationale Hauptstadt der Frauenmorde traurige Berühmtheit. Mehr als 350 Frauen wurden äußerst gewalttätig ermordet.

Die in jenem Jahrzehnt ermordeten Frauen hatten fast alle dunkle Haut und waren zwischen 15 und 25 Jahren alt. Sie stammten überwiegend aus ärmlichen Verhältnissen und arbeiteten in Maquilas, den Montagehallen der Serienfertigung. 1995 und 1996 beschuldigte und inhaftierte die Regierung zahlreiche Personen, darunter Abdel Latif Shariff („den Ägypter”) sowie eine Bande von Busfahrern. Doch die Zweifel an den Gerichtsverfahren und der Schuld der Angeklagten blieben, vor allem weil die Morde weitergingen. Es kursieren zahlreiche Hypothesen über mögliche Täter, viele verweisen auf die Komplizenschaft von Staatsbeamten, Polizisten und sogar Unternehmern in einem Netz von Frauenhandel.

Irgendwann war die Gewalt gegen Frauen kein Thema in den Medien mehr

Später begann die Bundesregierung den Krieg gegen die Drogen, und die Kartelle kämpften um die Kontrolle dieses Drogenkorridors. Der Krieg brachte tausende Tote mit sich, alleine zwischen 2008 und 2012 wurden in Ciudad Juárez mehr als 10.000 Menschen ermordet. Die Gewalt des sogenannten organisierten Verbrechens war derart groß und betraf beinahe die gesamte Gesellschaft gleichermaßen, dass die geschlechtsspezifische Gewalt aufhörte, eine Nachricht zu sein. Doch verschwunden ist sie nie.

Anfang 2013 wurden im Valle de Juárez, einem Vorstadtgebiet etwa 20 Meilen von der Grenze zu den USA entfernt, die verstreuten Überreste von zwölf Leichen gefunden. Durch DNA-Analysen stellte sich heraus, dass es sich bei elf von ihnen um Frauen handelte, die zwischen 2009 und 2011 verschwanden. Es waren überwiegend Jugendliche, die das letzte Mal im Stadtzentrum gesehen wurden, als sie sich auf der Suche nach Arbeit befanden. Einige Monate nach dem Fund verkündete die Staatsanwaltschaft die Verhaftung von 17 Personen, die mutmaßlich in Frauenhandel verstrickt seien. Die Bande habe die Jugendlichen verschleppt, zur Prostitution gezwungen und schließlich ermordet. Zweifel an der Art und Weise, wie die Beschuldigten verhaftet wurden und ausgesagt haben, überschatteten den Prozess.

In Ciudad Juárez sind die Frauen tagtäglich großen Gefahren ausgesetzt. Und dies nicht nur aufgrund des organisierten Verbrechens (Entführungen, Verschwindenlassen, Frauenhandel, Mord), sondern auch durch häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch. Wie erlebt eine Jugendliche aus einem der marginalisiertesten Viertel der Stadt diese Situation? „Ich weiß, dass die Stadt gefährlich ist, aber das einzige, was ich machen kann, ist aufzupassen”, sagt Perla Jasmine Delgado. Die 19-Jährige macht einen Vorbereitungskurs für die Hochschule und arbeitet ehrenamtlich in einem Gemeindezentrum in Rancho Anapra, einem Ort ohne asphaltierte Straßen und Grundversorgung, wo auch bereits Frauen verschwunden sind. „Ich gehe nachts nicht alleine raus, gehe nicht auf Parties. Mehr kann ich nicht tun.”

Der Fatalismus in ihren Worten scheint die Bedingungen widerzuspiegeln, unter denen viele junge Frauen wie sie leben: Armut, keine Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten, früher Kontakt mit Gewalt und ein Kreislauf aus abwesender Regierung, Korruption, Fahrlässigkeit und Straflosigkeit. Dutzende von Organisationen aus der Zivilgesellschaft versuchen diesen Kreislauf zu durchbrechen. Das Netzwerk Mesa de Mujeres de Ciudad Juárez (Tisch der Frauen von Ciudad Juárez) umfasst zehn Organisationen, die in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Gemeindeentwicklung, Arbeitsrechte, Menschenrechte und Betreuung von gefährdeten Frauen arbeiten. Andere Gruppen versuchen durch mühevolle Basisarbeit, die Ursachen der Gewalt gegen Frauen an der Wurzel zu packen. Doch die umfassende Straflosigkeit nährt den Kreislauf aus Kriminalität und Gewalt. Laut Schätzungen des Tisches der Frauen werden nur zwei Prozent der Verbrechen in Ciudad Juárez aufgeklärt.

Diese stetige Arbeit lässt sich nur schwer messen und wird kaum sichtbar. So macht sich die Gesellschaft eine Figur wie „Diana, die Jägerin der Busfahrer” zu eigen. Denn trotz der generellen Ablehnung jeglicher Selbstjustiz drückt die Figur besser als jede andere den Wunsch nach Gerechtigkeit in einer Gesellschaft aus, die den Glauben in ihre Institutionen verloren hat.

--

Aus dem Spanischen von Tobias Lambert.

Diese Kolumne erscheint in Zusammenarbeit mit dem Nord-Süd-Magazin Südlink (Herausgeber: INKOTA netzwerk)

All rights reserved.
Weiterführende Links

Neuen Kommentar schreiben