Portrait von Imelda Marrufo, Trägerin des dritten Anne-Klein-Frauenpreises

von
imelda marrufo

Imelda Marrufo ist eine fröhliche Frau. Manchmal wirkt ihr Lachen trotzig – als erklinge es den Umständen, den himmelschreienden Ungerechtigkeiten, der Gewalt, dem Tod zum Trotz. Sogar wenn sie über die Frauen- und Mädchenmorde in ihrer Heimatstadt Ciudad Juárez spricht, ist Platz für ein Lachen: „Wir sind so was von stark! Darum lassen wir uns auch nicht davon frustrieren, dass die Morde weitergehen.“

„Wir“, das sind die Frauen, mit denen Imelda Marrufo in der Organisation „Red Mesa de Mujeres“ zusammenarbeitet. Sie setzen sich ein für Frauenrechte, Gleichberechtigung und gegen Gewalt gegen Frauen. Dieses „Wir“ ist Imelda Marrufo wichtig, es gehört zu ihrer Philosophie, selten spricht sie nur von sich allein. Und das „Wir“ ist für Frauen wie Imelda auch ein Schutzschild in der Grenzstadt, die von Verbrechen und Gewalt zersetzt ist – einer Gewalt, die sich häufig gegen Frauen richtet, weil sie Frauen sind.

Imelda Marrufo und ihre Arbeit versteht man nur vor dem Hintergrund ihrer Heimatstadt:Ciudad Juárez ist eine heiße und staubige Wüstenstadt direkt an der Grenze zum US-Bundesstaat Texas. Die Sonne brennt so heiß, dass man in Imeldas Büro nur dank einer Klimaanlage klare Gedanken fassen kann. Imelda liebt Ciudad Juárez. Die Stadt expandierte  ohne Plan, als chaotische Anhäufung von Siedlungen zufällig an dieser Stelle in der menschenfeindlichen Wüste, heute mit 1,3 Millionen Einwohnern. Eine Schleusermetropole, Magnet für Drogenbarone und Kriminelle aller Art, eine seelenlose Durchgangsstadt, in der viele gar nicht bleiben wollten, aber hängen geblieben sind und nun für Hungerlöhne in den Billiglohnfabriken, den "maquiladoras", schuften. Ciudad Juárez hat nichts Schönes zu bieten, keine Sehenswürdigkeit, die Imelda Besuchern zeigen könnte. Zu sehen ist nur, von überall, die glitzernde Skyline von El Paso, der texanischen Schwesterstadt auf der US-amerikanischen Seite des Rio Grande, der hier Rio Bravo genannt wird.

Imelda Marrufo geht oft auf Reisen in andere mexikanische Städte, repräsentiert dort „Red Mesa de Mujeres“, deren Gründerin und Präsidentin sie ist. Und dann freut sie sich jedes Mal über die erfrischende Luft, das satte Grün und die vielen Bäume. Aber sie kommt immer wieder gern nach Ciudad Juárez zurück. In die Stadt mit ihren Armenvierteln, die wie Krebsgeschwüre in alle Richtungen wuchern, mit einem Rotlichtviertel, in dem sich am helllichten Tage siebenjährige Mädchen prostituieren, mit entvölkerten Amüsiermeilen, gähnend leeren Bars und Clubs, weil kein "gringo", kein US-Amerikaner, mehr über die Grenze zum Feiern kommt – aus Angst vor der Gewalt. Die vielen Einschusslöcher in den Häuserwänden zeugen vom Drogenkrieg, der in keiner anderen mexikanischen Stadt so heftig getobt hat, wie hier. Ciudad Juárez war noch vor einigen Monaten gefährlicher als der Irak, mit Tiefpunkt im Jahr 2010, als etwa 3100 Menschen ermordet wurden. Die Regierung schickte Soldaten, die den Kampf zwischen zwei verfeindeten Drogen-Kartellen beenden sollten - ihn aber nur noch mehr anfachten. Inzwischen sterben etwas weniger Menschen im Drogenkrieg, weil ein Kartell das andere besiegt hat. Das gibt den Blick wieder frei auf die größte Schande dieser Stadt: Die Morde an Frauen und Mädchen.

Seit den 1990er Jahren verschwinden in Ciudad Juárez Frauen und Mädchen zunächst spurlos. Oft tauchen ihre Knochen erst Jahre später irgendwo in der Wüste außerhalb der Stadt wieder auf. Andere bleiben für immer verschwunden.

Die Juristin, Feministin und Menschenrechtsaktivistin Imelda Marrufo hat 2001 das Netzwerk von Frauenorganisationen „Red Mesa de Mujeres“ gegründet, das den Familien der Opfer hilft und Ermittlungsarbeit einfordert. Denn das tut sonst niemand. Der Staat schert sich weder um Opfer noch um Täter. Rechtsstaatlichkeit bedeutet in Mexiko: 98 Prozent der Straftaten werden nie aufgeklärt. „La impunidad“ - die Straflosigkeit - das ist für Menschenrechtlerinnen wie Imelda Marrufo ein Kernproblem der mexikanischen Gesellschaft, ein Schlüsselbegriff. Die getöteten Frauen und Mädchen stammen wie sie aus einfachen Verhältnissen. Meist lebten sie in den typischen grauen, unverputzten Häuschen, die die Armenviertel bilden. Ihre Angehörigen haben keine Kontakte zu den Mächtigen, kein Geld und damit keinen Zugang zum schwachen Rechtssystem, das geprägt ist von Korruption.

Schon seit zwei Jahrzehnten werden Frauen und Mädchen brutal ermordet. Imelda Marrufo kennt ihre Geschichten von Anfang an. Als die ersten Mädchenleichen in einem trockenen Graben zwischen Abfall gefunden wurden, war sie 18 Jahre alt, Jura-Studentin. Sie verschlang alles, was über diesen Fall in den Zeitungen stand. „Dieses Bild vor Augen erzeugt heute immer noch eine Art Kurzschluss in mir. So etwas Grausames hatte ich bis dahin noch nie gehört und gesehen.“ Die Mädchen waren vor ihrem Tod gefoltert worden. Ihre Mörder hatten ihnen die Brustwarzen herausgerissen. Imelda war schockiert, aber nicht verängstigt. Auch nicht, als mehr Fälle bekannt wurden.

Aber die junge Frau wurde vorsichtiger auf ihren Wegen durch die Stadt. Wenn sie erst spät am Abend aus der Universität kam, organisierte sie Gruppen mit anderen Frauen, damit keine allein unterwegs sein musste. Damals, zu Beginn ihres Studiums, ahnte Imelda noch nicht, dass sie später zur Expertin für das Thema werden und hauptberuflich Angehörigen toter oder verschwundener Mädchen und Frauen helfen würde. Das war 1993, als das Morden gerade erst begonnen hatte und die Menschen in Ciudad Juárez noch hofften, der Albtraum würde schnell enden und die Täter würden gefasst.

Aber so wie auch in hunderten ähnlichen Fällen der folgenden Jahre wurden die Mörder nicht ermittelt. Nur einige wenige unbedeutende Handlanger landeten vor Gericht, die Hintermänner jedoch, die im organisierten Verbrechen vermutet werden, blieben bis heute unentdeckt. In diesem Klima der Straflosigkeit können die Mörder ungehindert wüten: Sie entführen ihre Opfer auf dem Weg zur Schule oder von der Arbeit in einer der "maquiladoras", bedrohen und erpressen sie, zwingen sie zur Prostitution oder lassen sie im herunter gekommenen Zentrum von Ciudad Juárez Drogen verkaufen, berichtet Imelda Marrufo. Wenn sie ausgedient haben, nutzlos geworden sind, dann werden sie häufig zu Tode gequält und wie Müll in die Wüste geworfen. Viele werden auch an Ort und Stelle vergewaltigt und getötet. Schon lange fordert die Juristin Marrufo, diese Art von Feminiziden in ihrem Bundesstaat Chihuahua als eigenen Straftatbestand anzuerkennen.

Diese Fälle bestimmen den Arbeitsalltag der Menschenrechtsaktivistin Marrufo, seit sie „Red Mesa de Mujeres“ im Jahr 2001 gegründet hat. Das sind fast 13 Jahre allgegenwärtiger Tod. Und etwas, das für viele Betroffene noch unerträglicher sei, erzählt Marrufo: die quälende Ungewissheit über das Schicksal von Angehörigen. Ständig melden sich Eltern verschwundener Mädchen bei „Red Mesa de Mujeres“. Die Präsidentin Marrufo kennt all diese Menschen persönlich. Auch wenn es ihre Hauptaufgabe ist, die Organisation zu repräsentieren, Lobby- und Kampagnenarbeit zu machen, Gelder aufzutreiben, Kontakte zu staatlichen Institutionen zu pflegen – die Opfer der Gewalt und ihre Geschichten sind ihr trotzdem ganz nah.

So wie die von Norma Laguna, deren bildhübsche Tochter Idaly auf dem Heimweg spurlos verschwand. „Red Mesa de Mujeres“ half bei der Suche nach der 19-Jährigen, Imelda stand Norma persönlich bei, vor allem nach einem Besuch der Polizei: Mehrere Pickups hielten eines Tages ohne Vorwarnung vor dem ärmlichen Häuschen, bewaffnete Beamte sprangen ab, klopften und überbrachten der seit Jahren erfolglos suchenden Mutter kurz angebunden die Nachricht, man habe bei DNA-Analysen zweifelsfrei Idaly identifiziert. In der Wüste waren Knochen von mindestens 16 Frauen gefunden worden.

Norma Laguna, die seit dem Verschwinden ihrer Tochter an einer Depression leidet, brach völlig zusammen. Sie verlor den letzten restlichen Lebensmut und konnte sich lange Zeit kaum um sich oder um ihre sieben Kinder kümmern.

„Es geht bei unserer Arbeit nicht nur um das Recht, das wir für die Opfer einklagen oder um politische Strategien“, sagt Imelda Marrufo. Auch die Gesundheit und Unversehrtheit der Angehörigen stehe im Fokus. Imelda und ihre Kolleginnen halfen der Frau aus der Krise. Norma Laguna will den Behörden, die sie bei ihrer Suche nach der Tochter allein gelassen hatten, ihre DNA-Analyse-Ergebnisse einfach nicht glauben. Vertrauen schenkt sie nur Imelda Marrufo von „Red Mesa de Mujeres“.

Nah ist Marrufo auch der Fall eines befreundeten Paares gegangen, deren Tochter auf dem Heimweg aus der Uni verschwand. Als sie darüber spricht, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. Jahrelang hatte sie die Eltern bei ihrer Suche unterstützt, mit Behörden gesprochen, Klinken geputzt, Abfuhren kassiert, nicht aufgegeben. In der ganzen Stadt hängen Fotos des Mädchens - neben denen etlicher anderer Verschwundener. Erst vor kurzem erfuhren die Eltern, dass auch die Knochen ihrer Tochter in der Wüste gefunden wurden.

Gewalt gegen Frauen ist in Ciudad Juárez an der Tagesordnung. Häusliche Gewalt gehört dazu und die unsichtbare Gewalt, die nicht schlägt und mordet. Eine besonders machistische Gesellschaft lebe in dieser Stadt, in der allein Männer die Entscheidungen träfen und Frauen sich unterordneten, erklärt Imelda Marrufo. Sogar sie selbst, eine kämpferische, selbstbewusste Feministin, fühle sich bisweilen diskriminiert. Wenn etwa über öffentliche Sicherheit debattiert werde und Lokalpolitiker als Gesprächspartner aus der Zivilgesellschaft nur zwei Vertreter einladen – Männer, die noch dazu einflussreiche Unternehmer sind. Wenn sie nach so vielen Jahren engagierter Arbeit im Raum zwischen Politik und Zivilgesellschaft immer noch ausgeschlossen wird, ist sie enttäuscht. Das zu verstehen fällt Imelda Marrufo nicht leicht, denn ihre Art zu denken und zu handeln ist anders, sie nennt sie „feministisch“.

Marrufo ist überzeugt, dass es sich immer lohnt, möglichst viele Interessensgruppen einzubeziehen und mit allen zu sprechen, um Übereinkünfte zu erzielen: „Meine Berufung ist das Reden, nie zu verstummen - zu keiner Zeit.“ Der Austausch mit anderen, auch mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, sei wie eine „Stärke-Impfung“, meint Imelda. Weil ihr die Kommunikation mit anderen leicht fällt, kann sie Probleme beim Namen nennen und andere für ihre Ideen begeistern. Vielleicht macht sie das zu der „genialen Netzwerkerin“, wie sie häufig genannt wird. Sie konferiert, sie twittert, sie verabredet sich, sie postet auf Facebook, gibt Auskunft und hält Reden, ihr Handy-Akku ist schnell leer.

Aber Imeldas eigener Akku scheint nie leer zu sein, auch deshalb ist „Red Mesa de Mujeres“ Ansprechpartner Nummer Eins in Ciudad Juárez, wenn es um Menschenrechts-Fragen und Gewalt gegen Frauen geht.

Zum Beispiel wenden sich Medienvertreter aus der ganzen Welt an die Organisation und deren Präsidentin Marrufo, die schon zahllose Interviews gegeben hat. Ohne „Red Mesa de Mujeres“, ohne diese gebündelte Kraft wären die Fälle der Frauenmorde weltweit nicht so bekannt geworden. Hier werden sie akribisch dokumentiert, während sie in staatlichen Behörden unbeachtet bleiben. Imelda und ihre Kolleginnen sehen sich jeden Fall genau an und untersuchen, ob es sich um genderbasierte Gewalt gehandelt hat, während Polizei und Staatsanwälte toten Frauen gern das Etikett „Drogenkrieg“ geben und sich nicht die Mühe machen wollen oder können, die genauen Hintergründe zu klären. Die Organisation übernimmt Aufgaben des Staates, was anfangs dazu führte, dass sich Behörden durch die Frauen bedroht fühlten. „Sie brauchten einige Zeit um zu verstehen, dass unsere Kritik nützlich für sie ist“, erklärt Imelda Marrufo und lacht ihr trotziges Lachen:„Inzwischen behandeln sie uns sogar schon etwas herzlicher“.

Gäbe es die Arbeit von „Red Mesa de Mujeres“ nicht, wäre Hollywood nicht auf die Frauenmorde aufmerksam geworden, wären nicht Filme wie „Bordertown“ mit Jennifer López entstanden, dann hätten sich nicht etliche Romanautoren an dem Thema abgearbeitet, wie z. B. Roberto Bolaño in „2666“, und versucht zu erklären, was hier geschieht. Imelda Marrufo allerdings sieht sich weder diese Filme an, noch liest sie die Romane, weil sie all das nicht weiterbringe, sagt sie. Außerdem kennt sie die Fälle und ihre Tragik nur zu gut. Sie weiß genau, dass die Morde kein isoliertes Phänomen sind, beschränkt auf diese finstere Stadt im Norden, sondern dass Frauen auch in anderen Regionen Mexikos äußerst brutaler Gewalt ausgesetzt sind.

Aber die Welt schaut auf Ciudad Juárez, weil ein Zusammenschluss von Frauenorganisationen unermüdlich und laut Alarm geschlagen hat – mit Imelda Marrufo an der Spitze. Wie hat sie das ausgehalten, über Jahre mit Tod und Verzweiflung konfrontiert? Imelda Marrufo hat dafür eine einfache Formel: „Nie allein, nur in der Gruppe.“ Da ist es wieder, das wichtige „Wir“. Wenn es einer Mitstreiterin schlecht gehe, ihre Batterien leer seien, fange die Gruppe sie auf. Imelda sagt von sich, sie vermeide das Jammern und Klagen, sondern frage sich immer: Was folgt daraus? Was kann man tun? Das sei ihr Motor. So hat sie schon weite Strecken zurückgelegt. Sollte es in dieser starken, leidenschaftlichen Frau eine Spur von Angst geben, dann bekommt die wenig Gelegenheit, sich zu zeigen.

Dabei wäre Angst berechtigt, denn schon mehrere Aktivistinnen wurden in den vergangenen Jahren ermordet. Aber einschüchtern lässt sich Imelda Marrufo von nichts und niemand. Das haben die Behörden ihrer Stadt schon vor einiger Zeit begriffen: 2002 versuchte die Regierung des Bundesstaates Chihuahua, in dem Ciudad Juárez liegt, die damals noch junge Organisation „Red Mesa de Mujeres“ zu schwächen und die Mitglieder gegeneinander auszuspielen. Aber Imelda wehrte die Angriffe erfolgreich ab und holte alle Zweifler zurück ins Boot.

Sie sähe gern mehr Gruppen in der Stadt, mehr Frauen, die sich gegen Gewalt und Diskriminierung engagieren, damit das Netzwerk weiter wächst. Ihr großer Traum ist eine Schule für Frauen im ärmsten Viertel der Stadt. Eine Schule, in der sie lernen, welche Rechte sie haben und wie sie sich verteidigen können. Damit es irgendwann mehr Feministinnen gäbe, „die sich genau so stolz wie ich auch als solche bezeichnen“. Und dann ertönt es wieder: dieses kräftige Imelda-Lachen, das aus der Tiefe kommt.

 

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