Dokumentation: Die Schule im Dorf lassen? Zukunft der Bildung im ländlichen Raum

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Ute Erdsiek-Rave (Vorsitzende der Demografie-Kommission, Bildungsministerin a.D.). Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Wie viele Schülerinnen und Schüler muss eine Schule haben, damit sie nicht geschlossen wird? Wie kann man in Regionen mit schrumpfender Bevölkerung dafür sorgen, dass es in der Nähe noch eine Grundschule gibt, die für die Kinder erreichbar ist? Wie sieht eine vorausschauende Bildungspolitik auf dem Lande aus?  Diese Fragen wurden unter dem provozierenden Titel „Die Schule im Dorf lassen? Zukunft der Bildung im ländlichen Raum“ am 4. Dezember 2013 in der Heinrich-Böll-Stiftung diskutiert. Anlass waren die Empfehlungen der Demografie-Kommission, die sich unter dem Vorsitz der früheren schleswig-holsteinischen Bildungsministerin, Ute Erdsiek-Rave, mit Entwicklungsperspektiven von Grundschulen im ländlichen Raum beschäftigt und ihre Ergebnisse am 18. November 2013 der Landesregierung Brandenburg übergeben hat.

Ute Erdsiek-Rave skizzierte einleitend den demografisch erzeugten Problemdruck für das brandenburgische Grundschulnetz. Alleine diese Zahlen lassen das Problem erkennen: Zum Ende der DDR lag die Zahl der Geburten bei rund 36.000. Sie fiel auf 12.400 im Jahre 1993 und stieg bis 2000 wieder auf 19.000 Geburten an. Seitdem pendeln die Geburten auf etwa diesem Niveau. In den nächsten Jahren wird aber ein so genanntes „demografisches Echo“ einsetzen: Als Folge der niedrigen Geburten zu Beginn der 1990er und Abwanderung insbesondere junger Frauen wird die Geburtenrate bis 2030 wieder auf Nachwende-Niveau sinken. Erwartungsgemäß wird sich der Geburtenrückgang in Teilen Brandenburgs höchst unterschiedlich entwickeln, dem Bericht zufolge wird der Rückgang im Berliner Umland bei 32% liegen, im weiteren Metropolenraum um 58%.

„Die Lage in den ländlichen Gebieten ist dramatisch“

Zu gut zwei Dritteln ist der Bericht der Demografie-Kommission eine mit Zahlen und Statistiken unterlegte Bestandsaufnahme. Alleine deswegen schon ist der Bericht eine interessante, aufrüttelnde Lektüre. „Die Lage in den ländlichen Gebieten ist dramatisch“, resümierte Ute Erdsiek-Rave. Marie-Luise von Halem, bildungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen in Brandenburg, sprach von „großen Existenzängsten der ländlichen Bevölkerung“, die auch von den bereits vorgenommenen Schließungen von 200 Grundschulen seit den 1990er Jahren herrührten. Während sich Eltern und Bezirksvertretungen in den Städten und im Berliner Umland über zu große Klassen beschwerten und neue Schulen gebaut würden, dünne der ländliche Raum zusehends aus. Wolfgang Seelbach, Sprecher des Landesrat der Eltern in Brandenburg berichtet über die Ängste von Eltern im ländlichen Raum, dass ihre Kinder schulisch abgehängt werden und damit Zukunftschancen verbaut würden. „Das ist ein Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, das haben wir auch deutlich in der Kommissions-Arbeit gespürt“, so Marie Luise von Halem.

 

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Ländliche Grundschulen dürfen qualitativ nicht abgehängt werden

Neben diesen externen Spannungen habe die Kommission inhaltlich „eigentlich einen gordischen Knoten“ lösen müssen, meinte Ute Erdsiek-Rave. Die Lösungsvorschläge sollten zuvorderst pädagogische und fachliche Qualität garantieren. Zudem sollten sie weder für Schüler/innen und Eltern noch fürLehrer/innen zu weiten Fahrwege führen und die Schule als Teil des kommunalen Sozialgefüges erhalten. Schließlich sollte sich die Entwicklung des Grundschulnetzes am Prinzip der Wirtschaftlichkeit orientieren.

Die Demografie-Kommission fing bei ihrer Lösungssuche nicht bei null an, sondern konnte sich auf Modelle und Erfahrungen aus Brandenburg selbst, aus Nordrhein-Westfalen, aus Schleswig-Holstein und aus dem Pustertal (Südtirol) stützen.

„Wir wollten keine Revolution anzetteln“

Als zentrale Empfehlung schlägt die Kommission für das brandenburgische Grundschulnetz eine Filialstruktur vor. Prinzipiell sollen in Orten mit mehreren Grundschulen diejenigen, die unter die Grenze von 90 Schüler/innen sinken, als Filiale eines Hauptstandortes mit den Jahrgangsstufen 1 bis 4 erhalten werden. Die Jahrgangsstufen 5 und 6 sollen am Hauptstandort zusammengeführt werden. Einige kleine Grundschulen müssen geschlossen werden.

Ute Erdsiek-Rave und Marie Luise van Halem sehen in der empfohlenen Lösungsvariante einen tragfähigen Kompromiss. Ute Erdsiek-Rave erklärte, dass die Kommission eben keine „Schul-Revolution“ hätte anzetteln wollen. Den Vorwurf, die Empfehlungen gingen nicht weit genug, entgegnete sie, dass man sich nur um das Grundschulnetz kümmern sollte (nicht um vorschulische Angebote und weiterführende Schulen). Zudem müssten die Empfehlungen anschlussfähig an die bestehende Schulpraxis und -kultur in den ländlichen Regionen bleiben. Der erarbeitete Vorschlag sei gut, weil mit seiner Umsetzung schon unter den bestehen gesetzlichen Rahmenbedingungen begonnen werden können. Von Seiten der Landesregierung müsse jetzt eine Kommunikations-Kampagne gestartet werden, das Konzept der Filialschule müsse Schulleitungen, Eltern und Schülern praktisch nahegebracht und erklärt werden.

In Brandenburg stehen nächstes Jahr Kommunalwahlen (Mai) und Landtagswahlen (September) an. Wolfgang Seelbach ermutigte Eltern und Öffentlichkeit die Grundschulversorgung zum Thema zu machen: „Der Trend geht pro Bildung. Da soll noch Geld locker gemacht werden. Die Eltern sind an pragmatischen Lösungen interessiert. Ideologie spielt keine Rolle.“

 

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Die seit Jahren mit erlebbare Diskussion um Bildung leidet unter den Scheuklappen (den eingeschränkten Blickweiten und festgezurrten Blickrichtungen) der für ihr eigenes Leben um Veränderungen fürchtenden. Dabei wird, wie von Zauberhand gesteuert, das heraus gehalten, was in einer Demokratie eigentlich die Bildung für alle Menschen bewirken sollte. In dem System unserer Zivilisation läuft vieles nicht zum Wohle aller Menschen und der Gemeinschaft. Aus diesem Blickwinkel müsste die Diskussion um Bildung erheblich erweitert und bereichert werden. Daraus lassen sich inhaltliche Aufgaben und passende Strukturen herausarbeiten. Zu einer lebendigen Gesellschaft gehören unabdingbar auch sich wandelnde Strukturen. Es bringt aber nichts, wenn nur über einen Teil eines Gesamtsystems gesprochen wird. Bildung bleibt immer eine Aufgabe von der Geburt eines Menschen bis zu seinem Erwachsenendasein, mit der Vielfalt, die sich aus den unterschiedlichen Lebensbedingungen stellen. - 'Non schola, sed vita discimus.' sollte nicht nur für den Lernenden gelten sondern auch für das dieses Lernen reglementierende System. -'Mit der Denke, die ein Problem geschaffen hat, lässt sich das Problem nicht beheben!'

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