Afghanistan: „Mädchen und Frauen müssen an der Demokratie teilhaben“

Simia Ramish, eine 27-jährige Bürgerrechtlerin, stammt aus Herat und hat an der dortigen Universität studiert. Die Lyrikerin und Journalistin tritt bei den Wahlen zum Provinzrat von Herat an und hofft, eines Tages aktiv Politik machen zu können. Wir sprachen mit der Nachwuchspolitikerin.


Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich versuche stets mir treu zu bleiben – und bin fest entschlossen, meine Ziele zu erreichen.


Welche Ziele haben Sie?

Mein größtes Ziel ist, ein anständiges Leben zu führen – als Mitglied einer bürgerlichen Gesellschaft. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die Menschenrechte achtet und in der es Geschlechtergerechtigkeit gibt.
 

Ist es einfach, solch ein Ziel zu verfolgen?

Einfach ist das nicht. Es braucht viel Ausdauer, viel Antriebskraft. Das ist ein langer Weg. In der Menschheitsgeschichte war das immer ein Ziel. Der Weg ist schwierig, es gibt viele Hindernisse. Aber man muss es wieder und wieder versuchen. Anfangen muss man bei sich selbst als Einzelperson und von da aus dann die gesellschaftlichen Fragen angehen. Am schnellsten lässt sich dieses Ziel erreichen, wenn sich die Einzelnen ändern.
 

Wenn eine Einzelne sich ändert, wie kann das dazu beitragen, dass sich die Gesellschaft als Ganzes verändert?

Die Gesellschaft besteht aus Einzelpersonen – und jeder und jede davon ist für sich selbst verantwortlich. Die Gedanken einer Einzelnen können die Gesellschaft verändern. Es wäre blauäugig zu glauben, die Gesellschaft verändere sich von allein. Wenn man meint, andere werden die Ziele erkämpfen, die man sich selbst gesetzt hat, ist das ein schwerer Fehler.


Wie sehr, denken Sie, haben Sie Ihr eigenes Schicksal in der Hand?

Mein Schicksal habe ich immer selbst bestimmt. So weit ich zurückdenken kann, habe ich nie darauf gewartet, dass andere etwas tun – ich habe es immer selbst versucht.


Wie lebt es sich als politisch aktive Frau in Herat?

Niemand kann leugnen, dass Frauen ein aktiver Teil der Gesellschaft sind. In Herat hat man das eingesehen. Zwar haben Frauen mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, aber wir versuchen, die Art, wie man traditionell mit Frauen umgeht, zu verändern. Wir versuchen, gesellschaftlich und politisch so in Erscheinung zu treten, wie uns das richtig scheint.
 

Sie schreiben Lyrik und kandidieren außerdem bei den Provinzratswahlen. Wie kommt es, dass eine Dichterin in die Politik geht?

In Afghanistan hängt fast alles mit der Politik zusammen, sei es direkt oder indirekt. Geht man auf einer vom Westen gebauten Straße, schaltet man eine Lampe ein, die aus Fernost kommt, dann hat das auch Auswirkungen auf die Literatur. Sowie wir zu schreiben beginnen wird, absichtlich oder unabsichtlich, unsere Umwelt politisch. Auf die eine oder andere Art wird, was wir über Frieden, Krieg, Waffen und Frauen denken immer politisch werden. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, direkt in die Politik einzusteigen.


Was macht, Ihrer Meinung nach, gutes Regieren aus?

Politik hat immer eine menschliche Seite. Es ist schwer zu sagen, was genau gutes Regieren ist. Die Politik sollte sich aber stets nach den Bedürfnissen und Ansprüchen der Menschen richten.


Inwiefern werden demokratische Werte dadurch gestärkt, dass Frauen an den Wahlen teilnehmen?

Ziel von Demokratie ist es, die Menschen zu ermächtigen. Die Menschen sind die Grundlage jedes demokratischen Regierungssystems. Mädchen und Frauen müssen an diesem System teilhaben und sie müssen dabei in Erscheinung treten – andernfalls wird es uns nicht gelingen, die Demokratie zu institutionalisieren.


Wie ist es in Herat um die Gleichheit der Geschlechter bestellt?

Die Frauen in Herat haben begriffen, dass sie die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen, anstatt darauf zu warten, dass andere dies für sie tun. Herat ist eine zivilisierte Stadt. Verglichen mit anderen Teilen des Landes haben Frauen hier vergleichsweise gute Berufschancen.


Keine Frage, Herat ist eine zivilisierte Stadt mit zivilisierten Bürgerinnen und Bürgern. Es hat dort jedoch Fälle gegeben, in den sich Frauen selbst verbrannt haben. Was steckt dahinter?

Das sich Frauen in Herat anzünden und so umbringen hat, denke ich, viel mit ihrem Selbstwertgefühl zu tun. Die Frauen in Herat wissen, dass sie Gewalt nicht einfach hinnehmen dürfen, und hier handelt es sich um eine Art von Protest – nur leider um die falsche Art. Gewalt ist unglücklicherweise Teil unserer Gesellschaft. Alle wollen etwas dagegen tun, nur manche tun es auf die falsche Art.


Wie können junge Politikerinnen und Politiker heute dazu beitragen, das Land zu befrieden und zu stabilisieren?

Das politische Bewusstsein der jungen Menschen ist heute sehr viel stärker ausgeprägt als in der Vergangenheit. Das ist sehr gut so. Sie sind dadurch in der Lage, unser vom Krieg zerrissenes Land in Richtung Frieden und Wohlstand zu führen. In allen Teilen des Landes sehen wir, dass sich junge Menschen engagieren. Ich glaube, es ist wichtig, dass junge Menschen unser Land führen. Sie müssen diese Chance ergreifen, das heißt, wir müssen uns entschlossen und tätig in alle Bereiche des Lebens einmischen.


Was macht Sie zur besseren Bürgerin – Gedichte schreiben oder als Mitglied des Provinzrates Entscheidungen treffen?

In erster Linie bin ich Bürgerin – eine Bürgerin, die ihre gesellschaftlichen Rechte und Pflichten kennt. Ich will keine Sonderstellung einnehmen oder bloß Zuschauerin sein. Als Bürgerin kenne ich meine Rechte, und ich werde für sie kämpfen. Ansonsten muss ich meinen Pflichten und Aufgaben so nachkommen, wie mir das richtig erscheint.


Jetzt, da Sie sich in die Politik begeben haben, streben Sie da auch eine Führungsrolle an?

Im Moment befinde ich mich ganz am Anfang einer sehr langen Reise. Was die Zukunft angeht, bin ich sehr zuversichtlich.


Was haben Sie bislang gearbeitet?

Vor etwa zehn Jahren habe ich begonnen, für die Medien zu arbeiten. Ich habe für Lokalzeitungen geschrieben, dann wurde ich Redakteurin der Frauenseite bei der Tageszeitung Etifaq-e Islam. Gleichzeitig habe ich mich auch gesellschaftlich und literarisch betätigt. Seit fünf Jahren stehe ich der Stiftung Nawandeshan vor. Ich habe in Herat einen Radiosender für Mädchen gegründet und drei Bücher veröffentlicht. Außerdem gehöre ich in Herat einer Bürger- und Menschenrechtsgesellschaft an.


Worum geht es in Ihren Büchern?

Die ersten beiden waren Lyrikbände. Beim dritten handelt es sich um Interviews mit angesehenen Personen aus Literatur und Kultur.


Sie tragen häufig violett. Was ist der Grund dafür?

Die Farbe violett steht für Wissen und Freiheit. Das passt zu dem, was ich denke, was ich tue. Die Farbe steht außerdem für Gewaltlosigkeit – und es ist die Farbe, unter der ich Wahlkampf mache.


Wie hängt diese Farbe mit dem Feninismus zusammen?

Feministische Gruppen verwenden diese Farbe, weil sie für Gewaltlosigkeit und Gleichheit steht.


Wie alt sind Sie

Ich bin 27.


Gibt es etwas, das Sie abschließend sagen möchten?

Lasst uns an eine bessere Zukunft glauben.

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