(E)Mission Fußballweltmeisterschaft 2014

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Das Stadion Mané GarrinchaDie Baustelle am Stadion Mané Garrincha in Brasilia mit dem Graffiti "Eine Eintrittskarte für jeden Bauarbeiter". Urheber: Jean Marconi. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Firma "Personal CO2 Zero" schätzt in einer Studie, dass für Vorbereitung und Durchführung der WM in Brasilien knapp 14,2 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen werden [1]. Der Ausbau der Infrastruktur, die internationalen An- und Abreisen und der Verkehr zwischen den Austragungsorten verursachen hierbei die größte Menge. Von den geschätzten 14,2 Millionen Tonnen werden laut derselben Studie 44,3 Prozent durch Bau bzw. Sanierung der Stadien und andere Infrastrukturprojekte sowie 46,8 Prozent durch nationalen und internationalen Transport entstehen. Bei der WM 2014 werden rund 3,6 Millionen Besucherinnen und Besucher erwartet, darunter 600.000 ausländische Gäste. Die Entfernungen, die Tourist/innen und Mannschaften zwischen den Spielorten bewältigen müssen, sind größer als die, mit denen 2018 in Russland zu rechnen ist: Sie liegen zwischen 250 und 3.100 Kilometern.  

Die "Agenda für eine nachhaltige Fußballweltmeisterschaft" definiert Nachhaltigkeit vor allem als Kohlenstoffneutralität: Die mit der WM entstehenden Treibhausgase sollen erst verringert und dann "neutralisiert" werden. Ein Gesetzentwurf des brasilianischen Parlaments sieht sogar eine Pflicht zur Neutralisierung der WM-Treibhausgasemissionen vor.

Kohlenstoffneutralität bedeutet: CO2-Emissionen werden geschätzt, nach Möglichkeit verringert und dann neutralisiert, indem die Verursacher/innen Emissionszertifikate in entsprechender Höhe erwerben [2]. Die Rechnung geht zum Beispiel so: Zwischen April 2010 und November 2011 verbrauchte das für den Bau der Pantanal-Arena in Cuiabá zuständige Unternehmen für das neue Stadion 564.000 Liter Diesel und 410.000 Kilowattstunden Strom. Expertinnen und Experten berechneten, dass das Unternehmen so rund 23.819 Tonnen CO2-Äquivalent freisetzte. Diese Emissionen wurden durch ein Aufforstungsprojekt mit Anrainern des Pantanal-Flusses im Bezirk Santo Antônio ausgeglichen. Die Flussanwohner pflanzten 171.504 Bäume. Für jeden Baum wurde ein Betrag von 0,138 Tonnen CO2-Äquivalent gutgeschrieben, der in den kommenden 30 Jahren durch die Bäume gebunden werden soll. Dieser CO2-Betrag wurde in Form von Emissionszertifikaten festgehalten, die die Verantwortlichen für den Bau der Arena den Beteiligten des Pflanzprojektes abkauften. Somit setzen sie die Emissionen aus dem Stadionbau auf "null". Der Trend, Großveranstaltungen als kohlenstoffneutral bzw. -frei zu bezeichnen, ist nicht neu: Die Olympischen und die Paraolympischen Spiele in London 2012 gelten als die größten grünen sportlichen Veranstaltungen, die je durchgeführt wurden. Die "Copa Verde" orientiert sich vor allem an dem "Green Goal"-Programm der FIFA. Dies gibt es seit der WM 2006 in Deutschland. [3]

Vorbild "Green Goal" bei den letzten beiden Fußballweltmeisterschaften   

Bei der WM 2006 fielen insgesamt etwa 92.000 Tonnen Kohlendioxid an. Damit blieb Deutschland knapp unter den erwarteten 100.000 Tonnen. Den Ausrichter/innen gelang es, den Trinkwasserverbrauch sowie Abfallmengen während der WM zu verringern. Alle entstandenen Emissionen, etwa aus den Reisen der Gäste zwischen den WM-Austragungsorten, konnten die Veranstalter/innen jedoch nicht bis zur letzten Tonne reduzieren; daher kauften sie Zertifikate, um verbleibende Emissionen zu egalisieren. In Südafrika verursachte die WM 2010 fast die neunfache Menge, nämlich 896.662 Tonnen Treibhausgase. Die Gründe dafür erinnern stark an Brasilien: Die benötigten Stadien wurden zum Teil erst gebaut, und die großen Entfernungen zwischen den Austragungsorten erhöhten die Abhängigkeit vom Luftverkehr.

Im Gegensatz zur deutschen Statistik berechnete Südafrika zusätzlich die Emissionen, die durch internationale An- und Abreisen entstanden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzten, dass so weitere 1.856.589 Tonnen Emissionen hinzu gekommen wären, also insgesamt über 2,75 Millionen Tonnen CO2[4]. Das Ziel der Kohlenstoffneutralität erreichten die Südafrikaner 2010 nicht. Vertreterinnen und Vertreter des an der Umsetzung der grünen Strategie beteiligten Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) empfahlen im Anschluss an die südafrikanische WM der FIFA und der brasilianischen Regierung, die WM 2014 frühzeitig nachhaltig zu planen und verbindliche Umweltrichtlinien in den Städten durchzusetzen.

Die Idee der Emissionsminderung stammt aus den internationalen Klimaverhandlungen. Im Kyoto-Protokoll zur UN-Klimarahmenkonvention, das 1997 verabschiedet wurde und seit 2005 in Kraft ist, verpflichtete sich die Mehrheit der Industrienationen zu nationalen Emissionsminderungen. Als Schwellenland ist Brasilien nicht zu Emissionsminderungen verpflichtet, versprach jedoch kurz vor der Vertragsstaatenkonferenz 2009 in Kopenhagen freiwillige Reduzierungen. Um Emissionen zu reduzieren und zu kompensieren, steht die brasilianische Regierung marktbasierten Instrumenten für den Klimaschutz immer offener gegenüber. Die "Grüne Ökonomie" will Umweltschutz mit ökonomischen Anreizen verbinden. Daran üben zivilgesellschaftliche Organisationen in Brasilien zunehmend Kritik. Sie lehnen beispielsweise die finanzielle Inwertsetzung der Natur und den Kauf sowie Verkauf von Emissionszertifikaten ab. Zur Zeit werden in den Parlamenten Gesetzentwürfe zum klimapolitischen Mechanismus REDD+ und zu Zahlungen für Umweltdienstleistungen ("Pagamentos por Serviços Ambientais", PSA) verhandelt. Beide Mechanismen beruhen auf der Berechnung von CO2-Emissionen. Der Maßnahmenplan des "Green Goal"-Pilotprojektes in Minas Gerais sieht u.a. die Verwendung von Zertifikaten aus REDD- und PSA-Projekten vor, um Treibhausgasemissionen der WM zu kompensieren.

Aus zivilgesellschaftlicher Perspektive erhandeln sich Länder oder Institutionen auf Emissionsmärkten an erster Stelle Berechtigungen, weiter die Umwelt zu verschmutzen. Zu bedeutsamen Einsparungen an Treibhausgasen käme es hingegen nicht. Kritikerinnen und Kritiker befürchten, dass die grüne Rhetorik der WM von den negativen sozialen Auswirkungen der Großveranstaltung ablenkt.

Wie will Brasilien das "Green Goal" erreichen?

Um eigene Handlungsfelder für das "Grüne Ziel" definieren zu können, verglich das brasilianische Umweltministerium[5], welche Treibhausgasquellen bei früheren Großveranstaltungen berücksichtigt und in welchen Bereichen Emissionsminderungen umgesetzt wurden[5]. In Brasilien sind die Städte u.a. darin bemüht, den Bau nachhaltiger und energieeffizienter Stadien zu fördern. Zertifizierte Baumaterialien und moderne Technologien sollen die Emissionen bei Bau und der späteren Nutzung verringern. Da vier Stadien neu gebaut und weitere acht renoviert oder umgebaut werden, ergeben sich einige Spielräume. Der Neu- und Umbau erfolgt bei den meisten Stadien nach den Kriterien des LEED-Zertifikats. LEED steht für "Leadership in Energy and Environmental Design" und ist ein international anerkannter Umweltstandard für Gebäude. Brasílias Stadion Mané Garrincha gilt als Paradebeispiel der Nachhaltigkeit: Solaranlage, Regenauffang- und ein natürliches Belüftungssystem sowie die Verwendung recycelter Materialien aus dem Abriss des alten Stadions brachten die Platinum-LEED-Zertifizierung, die höchste Stufe des Standards.

Ein weiteres Handlungsfeld: die Verkehrsstrukturen und somit die urbane Mobilität zu verbessern. Alle WM-Städte modernisieren die städtischen Straßennetze und erweitern die Kapazitäten ihrer Flughäfen, mit Ausnahme von Recife. Fortaleza, Manaus, Natal, Recife, Salvador und São Paulo (Santos) vergrößern ihre Hafenanlagen, die u.a. für den Tourismus genutzt werden sollen. In Belo Horizonte und Fortaleza können die WM-Gäste auf neuen Rad- und Fußwegen in die Stadien strömen. Neue Bussysteme, die sogenannten "Bus Rapid Transit"-Systeme (BRT), die sich durch wenige Haltestationen auszeichnen, sowie exklusive Busspuren für bereits existierende Linien bringen die Fahrgäste zukünftig in Belo Horizonte, Curitiba, Fortaleza, Recife und Rio de Janeiro schneller von A nach B. Pünktlich zur WM sollen durch Natal und Fortaleza "Leichtbahnfahrzeuge" (VLT) genannte moderne Straßenbahnen fahren. Städteplanerinnen und Städteplaner kündigten an, ein solches VLT-Netz bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiros altem Hafenviertel zu eröffnen.

Hingegen kam das teuerste, aber verkehrstechnisch und ökologisch beste Verkehrsmittel, die Metro, in den Planungen kaum zum Zuge; nur in Recife gelangten Fans bereits während des Confederations Cup 2013 über neue Metrolinien zum Stadion. Auf den Langzeitbaustellen der Metro in São Paulo und Salvador bleibt unklar, ob bis zur WM neue Stationen übergeben werden können. Fortaleza weihte hingegen eine neue Metrolinie und weitere Stationen auf anderen Linien schon vor der WM ein. Rio de Janeiro erweitert bis 2016 sein Metronetz um vier Kilometer. Diese Investitionen kommen nicht nur den Touristinnen und Touristen zugute, sondern sollen langfristig das Verkehrsnetz optimieren und werden daher zum "Vermächtnis" der WM gezählt.

Die "Copa Verde" fasst Nachhaltigkeit also vor allem als Kompensation von Treibhausgas-Emissionen. Die Methoden und der Umfang mit denen die einzelnen Bundesstaaten Emissionen schätzen und messen sind jedoch sehr unterschiedlich. Ein einheitliches Vorgehen ist nicht erkennbar. Der Bundesstaat Minas Gerais und seine Hauptstadt Belo Horizonte berechneten in einem Pilotprojekt die Treibhausgase aus dem FIFA Confederations Cup 2013 und die erwarteten Emissionen für die WM 2014. Dieses Emissionsinventar mit seinen Messmethoden, ein Maßnahmenplan zur Emissionsreduzierung und die möglichen Kompensationsprojekte für Minas Gerais sollen auf andere Bundesstaaten und auf die nationale Ebene übertragen werden. Der Plan blieb bisher Papier; u.a. steht die Studie über erwartete bundesweite Emissionen, die bis Februar 2014 durch das Umweltministerium in Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen veröffentlicht werden sollte, noch aus.

Nachhaltigkeit zum Vorteil der Bevölkerung?

Über die spezifischen Emissionsmengen hinaus ist es viel bedeutsamer für eine nachhaltige WM 2014, dass die Bevölkerungsmehrheit einen dauerhaften Nutzen von den Maßnahmen hat und dass zugleich negative soziale und ökologische Auswirkungen minimiert werden. Nachhaltigkeit bedeutet zudem, Chancengleichheit und Wohlstand zu ermöglichen. Die genannten Veränderungen im städtischen Verkehrsnetz und die Umgestaltung der Umgebung des Stadions Maracanã in Rio de Janeiro beispielsweise haben aber zur (Zwangs-)Umsiedelung von zahlreichen Familien geführt. Das Volkskomitee WM und Olympia Rio hat in einer Untersuchung ("Megaeventos e Violações dos Direitos Humanos no Rio", 2013) darauf hingewiesen, dass WM und Olympiade zwar als umweltfreundlich gepriesen werden, die Städte aber gleichzeitig für die Infrastrukturprojekte zur WM Umweltgesetze umgehen. Für die 13 Kilometer der Busschnellstrecke BRT Transolímpica legten die Verantwortlichen den vorgeschriebenen umfangreichen Umweltbericht vor, der Prüfungen der sozialen und ökologischen Auswirkungen und Alternativen für die Baumaßnahmen untersucht. Für den Bau der 26 Kilometer längeren BRT Transcarioca in Rio de Janeiro existiert dagegen nur ein vereinfachter Umweltbericht mit niedrigeren Schutzanforderungen. Die Transcarioca soll bis zur WM 2014 zu einem Großteil fertig sein, für die Transolímpica bleibt noch bis zu den Olympischen Spielen 2016 Zeit.

Das "Green Goal"-Programm wirft also einige Fragen der nachhaltigen Umsetzung von Großveranstaltungen auf. Es gibt berechtigte Zweifel, ob die Investitionen, die Brasilien jetzt in den Bau von modernen, technisch-nachhaltigen Stadien steckt, wirklich gerechtfertigt und im Interesse der Bevölkerung sind. Auch wenn Fußball die populärste Sportart in Brasilien ist, steht nicht bei allen Stadien fest, wie diese später weitergenutzt und unterhalten werden können. Für die WM ist der Blick in erster Linie jedoch auf den Beitrag der Städte zum Klimawandel gelenkt. 85 Prozent der brasilianischen Bevölkerung leben in urbanen Räumen. Für die "Copa Verde" diskutiert Brasilien darüber, wie Veranstalter/innen und Besucher/innen Energie effizient nutzen, Abfälle reduzieren und verwerten können und wie der Bau- und Transportsektor das Klima beeinflussen kann. Das "Green Goal"-Programm will daher zentral Emissionen messen, verringern und kompensieren.

Auch für die Olympischen Spiele 2016 erarbeitet der Bundesstaat Rio de Janeiro bereits Strategien, die u.a. die Kohlenstoffneutralität der Spiele garantieren sollen. Die grüne Strategie berücksichtigt aber nicht, wie sich zivilgesellschaftliche Akteure und Akteurinnen demokratisch in die Zielfestlegungen nachhaltiger Großveranstaltungen einbringen können. So bleibt die Nachhaltigkeitsstrategie nur Rhetorik, um Veränderungen in den Strukturen der Städte zu legitimieren, die langfristig keinen Nutzen für die Mehrheit der Bevölkerung haben. Sie sollte beispielsweise mit entscheiden, ob sie den Vorschlag der brasilianischen Architektin und Städteplanerin Bezerra annimmt, die für die WM in Umlauf gebrachten Emissionszertifikate nicht zur Neutralisierung zu verwenden, sondern diese zu handeln und die Gewinne in Bildung und Gesundheit zu investieren. Auch ein Austausch über Alternativen zu Emissionsmärkten sollte innerhalb der Debatte Platz haben, damit die Bevölkerung die Fußballweltmeisterschaft nach ihren Interessen gestalten kann.

Referenzen

[1] Die FIFA geht von 2,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus, die während des Confed Cups 2013 und bei der WM 2014 in Brasilien ausgestoßen werden. Davon werden 83,2 Prozent durch den internationalen und nationalen Personen- und Güterverkehr verursacht.

[2] Als Maßeinheit wird mit der metrischen Tonne Kohlendioxidäquivalent (tCO2e) gerechnet, die einer Tonne Kohlenstoffdioxid entspricht oder die ihrem Einfluss auf die Atmosphäre gleichwertige Tonne eines anderen Treibhausgases wie Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O), Teilhalogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (H-FKW/HFC), Perfluorierter Kohlenwasserstoff (FKW/PFC) und Schwefelhexafluorid (SF6). In diesem Beitrag wird vereinfacht von CO2-Tonnen gesprochen.

[3] Insgesamt kompensierten sie durch die finanzielle Unterstützung von drei Klimaprojekten in Südafrika und Südostindien 100.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid. Die dafür notwendigen 1,2 Millionen Euro zahlten der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die FIFA und weitere Partner.

[4] Dem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen zu Folge waren es nur 1,16 Millionen Tonnen für den internationalen Transport, und insgesamt nicht 2,75, sondern 1,65 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

[5]  Projeto Gestão das Emissões de GEE da Copa

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