"Uns haben sie nicht eingeladen": Frauen und die Fußball-WM

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Frauen beim Seminar "World Cup 2014 – Welche Rolle spielen Frauen?" in Salvador (Bahia)Frauen beim Seminar "World Cup 2014 – Welche Rolle spielen Frauen?" in Salvador (Bahia). Urheber: Manoela Vianna, Heinrich-Böll-Stiftung Brasilien. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Eines Tages im Jahr 2011 bekam die 17 Jahre alte Tochter von Elisangela Sena unangekündigten Besuch von der Stadt: Techniker und der städtische Ordnungsdienst waren gekommen, um das Haus, in dem Mutter und Tochter lebten, abzureißen, da es sich in einem Gefahrengebiet befände. "Sie fragten mich, wem das Haus gehören würde, und ich erklärte, dass meine Mutter nicht zu Hause sei. Sie haben dann gesagt, dass sie mit dem Abriss direkt anfangen würden. Ich sagte nein, dass sie das nicht tun könnten, meine Mutter sei ja gar nicht da." Die Panik von Ângel war durchaus berechtigt. Als Elisangela nach Hause kam, war ihr Haus bereits teilweise zerstört. "Als ich hier ankam, war das Haus voller Wasser, sie hatten schon alle Wasserleitungen heraus gerissen. Überall standen Arbeiter von der Stadt mit Vorschlaghämmern. Ich habe dann versucht, eine Frist auszuhandeln. Um überhaupt Zeit zu haben, eine neue Unterkunft zu finden. Wir wussten ja nicht, wohin. Wo sollten wir den hin, etwa einfach auf die Straße? Einer sagte dann zu meiner Tochter: "Rede mit deiner Mutter, sie ist sehr dickköpfig. Sag ihr, sie soll das Haus verlassen, das ist besser, sonst wird sie noch verletzt. Da bekam ich dann große Angst, denn da war ja auch viel Polizei. Wenn ich nicht freiwillig ginge, dann würde ich mit Gewalt entfernt. Als sie das sagten, wurde mir klar, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging. Das war illegal."

"Als ich hier ankam, war das Haus voller Wasser"

Die Geschichte von Elisangela ist auch die vieler anderer Frauen, die als Familienoberhaupt in Favelas und in den Peripherien brasilianischer Städte leben und unter den Zwangsräumungen in Vorfeld der Fußball-WM leiden. Laut dem brasilianischen Statistikamt (IBGE) haben 37,4 Prozent der brasilianischen Familien eine Frau als Familienvorstand, also jene Person, die Autorität und Verantwortung für alle Geschäfte der Familie übernimmt und meist auch Hauptverdiener ist. In armen Gemeinden ist dieser Anteil noch höher. Studien über Lebensbedingungen von Frauen und Armut haben gezeigt, dass dort, wo niedrige schulische und berufliche Ausbildungsniveaus herrschen und die Lebensumstände prekär sind, verstärkt Frauen die Familien führen.[1]

Die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro bestreitet, dass die Zwangsräumungen etwas mit der Fußball-WM zu tun hätten. Angeblich seien sie Teil urbaner Reorganisationsprojekte oder dienten dazu, Bewohner aus Risikogebieten zu entfernen. Als einzige Ausnahme wird die Teilräumung der Siedlung Vila Autódromo im Westen Rios bezeichnet, neben der der Olympiapark gebaut wird. Die Stadt gibt die Anzahl der von 2009 bis heute umgesiedelten Familien mit 21.000 an – rund 100.000 Menschen. Wenn diese Familien dann in den ihnen zugewiesenen Wohnanlagen –  bis zu 60 Kilometer von ihrer alten Wohngegend entfernt – ankommen, wird ihnen klar, dass der Staat sie dort noch mehr vernachlässigt. Der Mangel an sanitärer Infrastruktur, das prekäre Angebot an öffentlichen Schulen, Transport und Gesundheitsfürsorge sowie der Umstand, dass sie nun weit entfernt von ihrem Arbeitsplatz wohnen, verändern die Lebensumstände der Umgesiedelten massiv. Die städtischen Dienstleistungen in den Neusiedlungsgebieten wurden weder neu organisiert noch ausgebaut, um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden. Dies bekommen am stärksten die Frauen und Kinder zu spüren. Die Fürsorge der Frauen muss die Auswirkungen dieser schlechten Lebensbedingungen auffangen.

Ihre Aufgabe wird dadurch erschwert, dass die Umsiedlung solidarische Netzwerke zwischen Müttern und Nachbarn zerstört hat. Nur mit Hilfe dieser Netzwerke war Sorge und Schutz für Kinder und Alte überhaupt möglich. Der Mangel an Kinderkrippen in Brasilien ist eines der Hauptprobleme für Eltern der unteren Gesellschaftsschichten. In Brasilien sind weniger als 25 Prozent der Kinder im Alter bis zu drei Jahren in Kinderkrippen, was bedeutet, dass im öffentlichen Kinderbetreuungsnetz acht Millionen Plätze fehlen.[2]

Durch Zwangsumsiedlungen haben viele ihre Arbeit verloren

Es sind diese soziale Bindungen im Verbund mit familiären Widerstandskräften, die Familien Stärke zur Überwindung von existentiellen Herausforderungen geben. Viele der Frauen, die in Favelas leben, arbeiten als Hausangestellte bei Familien der Mitteschicht. Wenn man sie von ihrem ursprünglichen Wohnort vertreibt, hat dies auch Auswirkungen auf ihre Arbeit. Sie brauchen dann Stunden um in überfüllten Bussen und Zügen zur Arbeit zu kommen. Viele haben dadurch ihren Job verloren. Luisa, 42 Jahre alt, wohnte früher in der Vila Recreio II in Rio de Janeiro. Sie wurde in eine Einraumwohnung des öffentlichen Sozialwohnungsprogramms Minha Casa, Minha Vida ("Mein Haus, Mein Leben" - MCMV) in Campo Grande umgesiedelt. "In der Vila Recreio II musste ich nur aus dem Haus gehen und war schon direkt bei meiner Arbeit. Es gab Busse überallhin, und man musste nicht kilometerweit bis zur Haltestelle laufen."

Tatsächliche Verbesserungen im städtischen Transportwesen wären nicht nur für die Zwangsumgesiedelten eine große Erleichterung, sondern für alle Bewohner der städtischen Peripherien. In brasilianischen Großstädten verbringen diese Menschen durchschnittlich fünf Stunden ihres Tages im Pendelverkehr.

Die Arbeitskraft von Hausangestellten spielt in brasilianischen Haushalten eine wichtige Rolle. Als eine Art Verlängerung der in Brasilien 300 Jahre lang herrschenden Sklaverei wurde diese Form der Arbeit erst vor kurzem arbeitsrechtlich reguliert. In Brasilien arbeiten 7,2 Millionen Menschen als Hausangestellte[3] - mehr als irgendwo anders auf der Welt. Es sind zum allergrößten Teil Frauen, was sich auch in den absoluten Beschäftigtenzahlen für Frauen niederschlägt: 17 Prozent der arbeitenden Frauen in Brasilien sind Hausangestellte.

Elisangela verlor ihr Haus, aber sie hörte nicht auf, für eine Entschädigung oder eine neues Haus in ihrer früheren Nachbarschaft zu kämpfen. "Dann haben sie mir versprochen, mir eine neue Wohnung zu besorgen. Nachdem ich ein bis zwei Monate lang jeden Tag persönlich nachgefragt hatte. Es hieß dann, ich würde eine Wohnung bei Campo Grande bekommen. Nach zwei Monaten bekamen wir eine Adresse genannt und wir sind dahin gefahren, um uns die Wohnanlage anzusehen. Es hat allein bis Campo Grande schon zweieinhalb Stunden Fahrt gedauert. Und dann mussten wir noch einen weiteren Bus nehmen, um zu dieser Wohnanlage zu kommen, zu der nur dieser eine Bus fährt. Und es gibt dort nichts, keine Geschäfte, keine Schule."

Frauen haben am wenigsten Rechte

Aktivisten für das Recht auf Wohnung haben das MCMV-Wohnungsprogramm ironisch in "Mein Haus, meine Räumung" umbenannt. Das Programm ist eine der Alternativen, die den Zwangsgeräumten vom Staat angeboten werden. Allerdings werden die Wohnanlagen des MCMV in den meisten Fällen in weit entfernten Gegenden des Stadtgebiets angelegt. Der Staat zielt damit darauf, zentrumsnahe Stadtviertel von "unerwünschten" Bevölkerungsgruppen durch Vertreibung zu säubern.

Elisangela ging regelmäßig zur Stadtverwaltung und wartete dort vor dem Büro des städtischen Wohnungsamts darauf, endlich Amtschef Jorge Bittar sprechen zu können. "Als er zum Mittagessen gehen wollte, habe ihn am Arm gepackt und ihm alles erklärt: Ich bin Bewohnerin aus Pavão-Pavãozinho. Die Leute von der Behörde waren dort und haben mein Haus abgerissen. Ohne Vorankündigung, ohne Entschädigung, ohne mir Ersatz zu geben. Sie haben mir ein Dokument gegeben, da stand drauf ich würde in ein, zwei, höchstens drei Monaten eine neue Wohnung bekommen. Seit einem Jahr versprechen sie mir schon eine neue Wohnung. Bis jetzt ist nichts passiert." Die Tochter von Elisangela lebt nun bei ihrer Großmutter in Pavão-Pavãozinho, damit sie weiter zur Schule gehen kann. Elisangela kann jedoch nicht mit ihrer Tochter zusammenleben.

In ihrem Widerstand und dem Kampf um ihre Recht, ist Elisangela auch ein Beispiel für die andere wichtige Rolle der Frauen innerhalb der Gruppe von Menschen, deren Rechte verletzt werden: Frauen stehen beim Widerstand und bei Initiativen, die Rechte einfordern, in der ersten Reihe, besonders dort, wo kaum Mittel oder politische Verbündete existieren.

Wie eine Umfrage der ABONG (Dachverband der brasilianischen NGOs) aus dem Jahr 2010 zeigte, sind 62,9 Prozent der 2,1 Millionen NGO-Angestellten in Brasilien Frauen. Ihr Durchschnittslohn (496 Euro) allerdings betrug nur 75,2 Prozent des Durchschnittslohns der männlichen Angestellten (660 Euro). Nalu Faria, Direktorin der Organisation Sempreviva Organização Feminista (SOF) erklärt, dass diese Entwicklung in direktem Zusammenhang mit der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen innerhalb brasilianischer NGOs steht, seitdem weniger Geld von ausländischen Partnerorganisationen nach Brasilien fließt. Durch die geringeren Gehälter werden Jobs in NGOs vermehrt von Frauen wahrgenommen: Männer suchen und finden besser bezahlten Arbeit, mit stärkerer Außenwirkung – die schlechtere Arbeit wird den Frauen überlassen.

Das Misstrauen gegenüber Institutionen, die meist von Männern kontrolliert werden, ist ein weiterer Grund für den Widerstand von Frauen. Selbst in den NGOs, die solchen Rechtsverletzungen eigentlich politisch entgegenwirken, verdienen Frauen weniger und es wird ihnen weiterhin schwer gemacht, Themen wie Rechte für Frauen und wirtschaftliche Unabhängigkeit auf die Tagesordnung zu setzen. Trotz einiger Projekte und Initiativen ist es in Politik und Verwaltung noch nicht gelungen, die ungeschützte soziale Situation von Frauen signifikant zu verbessern.

"Was bleibt für uns?"

Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien hat auch für die informellen Arbeiterinnen Konsequenzen. Ihre dringende Hoffnung, auch zu den Gewinnern der WM gehören zu können, wurde enttäuscht, als beschlossen wurde, dass während der Spiele in den Stadien und einem Umkreis von zwei Kilometern ausschließlich Produkte der FIFA-Sponsoren verkauft werden dürfen. Und es ging dabei weder um Hygienevorschriften noch um andere Fragen der öffentlichen Ordnungen, sondern einzig darum, alle Gewinne und Aufmerksamkeit exklusiv den Sponsoren des Megaevents vorzubehalten.

Der bekannteste Streit wurde um die "Baianas de Acarajé" geführt. Diese traditionellen schwarzen Straßenverkäuferinnen aus dem Bundesstaat Bahia bieten die afrikanisch-brasilianische Bohnenspeise "Acarajé" an. Die Baianas wurden mittlerweile zum nationalen Kulturgut erklärt. In Bahias Hauptstadt Salvador wurde ihnen untersagt, während der WM Spiele, ihre Leckereien wie üblich innerhalb des Stadions zu verkaufen, weil die FIFA-Standards dies nicht zuließen. Nach massiven Protesten erlaubte die FIFA sechs ausgewählten Baianas, auf dem Stadiongelände einen Verkaufsstand aufzustellen. Die gesamte Ausstattung und selbst die Utensilien dieser Baianas müssen einheitlich sein, was im Gegensatz zur Tradition der individuellen Vielfalt steht, mit der diese Verkäuferinnen sich sonst voneinander abheben. Norma Ferreira, die 60 Jahre lang im Fonte Nova Stadion gearbeitet hat, bevor das Station 2007 für den Umbau geschlossen wurde, erzählt: "Ich war hier immer Acarajé-Verkäuferin und habe in dieser Zeit zwölf Kinder und fünf Enkelkinder aufgezogen." Der Grund für das ursprüngliche Verbot des Acarajé-Verkaufs war die Angst der FIFA vor zu viel Konkurrenz zu den Hamburgern des Sponsors Mc Donald's. Die Beschwerden aus der Bevölkerung Salvadors und die Proteste der Baianas führten zur teilweisen Rücknahme der FIFA. Auf dem Fan-Fest am Leuchtturm bleiben die Baianas aber verboten.

Der Kampf der Baianas machte auch deutlich, dass keinerlei politischen Initiativen existieren, um bei der WM informelle Arbeiter mit einzubeziehen. In Brasilien gibt es 44,2 Millionen informelle Arbeiter[4]. Fortbildung und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für diese Bevölkerungsgruppe wurden noch nicht einmal thematisiert. Zusätzlich zu den Stadien und ihrer Umgebung, werden ganze Stadtgebiete sozial gesäubert: Straßenkinder werden eingesammelt, Straßenverkäufer vertrieben und Drogenabhängige zwangseingewiesen.

Der Neu- und Ausbau von Städten wird weiter vorangetrieben. Dies ist das neue Erfolgsmodell für brasilianische Städte, das die sozialen Ungleichheiten zwischen Reichen und Armen, Frauen und Männern sowie Schwarzen und Weißen noch vergrößert. Dort, wo die Armen aus "guten Wohngegenden" durch Zwangsumsiedlungen vertrieben werden, macht sich Immobilienspekulation breit und es entstehen neue Einkaufszentren und Luxuswohnanlagen. Jene Bewohner/innen, die bleiben, erleben eine Gentrifizierung ihrer Stadtteile, mit städtebaulichen Veränderungen, Preissteigerungen von Produkten und Mieten, usw. Die Entfernung der für den Aufbau dieser Art von Stadt unerwünschten Bevölkerung hat schon begonnen.

Referenzen

[1] Siele Brazil: "Condição feminina de mulheres chefes de família em situação de vulnerabilidade social", abgerufen am 15.03.2014.

[2] Globo.com: "No Brasil, falta creche pública para 8 milhões de crianças de até 3 anos", abgerufen am 15.03.2014.

[3] Globo.com: "Brasil tem o maior número de domésticas do mundo, diz OIT", abgerufen am 15.03.2014.

[4] Valor.com: "País ainda tem 44,2 milhões de trabalhadores informais, estima o IBGE", abgerufen am 20.03.2014.

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