Afghanistan: Außergewöhnliche Wählerwanderung

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Afghanistan am Wahltag 2014Afghanistan von oben am Wahltag. Urheber/in: DevelopmentSeed. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der Wahlkampf und die Wahlen in Afghanistan waren nicht nur von Verhandlungen und Taktierereien begleitet, es kam auch zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten und Gewalt. Trotz des Drucks durch die USA, die UNO und andere internationale Kräfte, ist die Prüfung des Wahlergebnisses in den vergangenen Tagen erneut ins Stocken geraten. Die verbliebenen Kandidaten, Dr. Abdullah und Ashraf Ghani, haben sich beide zum Gewinner der Wahl erklärt und tun alles, um den weiteren Ablauf in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Wie konnte es dazu kommen, dass die Wahl zu einer solchen Hängepartie geworden ist? Wie können sich die Sichtweisen der Kandidaten, der Beobachter, Journalisten sowie der internationalen Gemeinschaft, die so schnell wie möglich aus dem Land abziehen will, derart widersprechen?

Beim ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl im April 2014 standen elf Kandidaten zur Wahl, darunter Quayum Karzai, der Bruder von Präsident Karzai (der einst als Favorit galt), Gul Aga Sherzai (dem man für kurze Zeit einen Sieg zutraute) oder der Ökonom Hedayat Amin Arsala (der stets als chancenlos galt).


Nur drei Kandidaten gelang es, im ersten Wahlgang zumindest eine der 34 Provinzen Afghanistans für sich zu entscheiden, nämlich:

  • Dr. Abdullah siegte in 19 Provinzen und kam landesweit auf 45 Prozent der Stimmen
  • Ashraf Ghani siegte in 14 Provinzen und kam landesweit auf 31,6 Prozent der Stimmen
  • Zalmai Rassoul siegte in einer Provinz und kam landesweit auf 11,4 Prozent der Stimmen


Die beiden Spitzereiter traten am 14. Juni 2014 zu einer Stichwahl an. Deren Ausgang war  sehr überraschend: Ghani entschied 18 Provinzen für sich und kam auf 56,4 Prozent der Stimmen, Abdullah gewann in 14 Provinzen und erhielt nur 43,4 Prozent. Abdullah kam somit bei der Stichwahl auf weniger Stimmen als im ersten Wahlgang – und das obwohl nun etwa ein Viertel der Stimmberechtigten, deren Kandidaten in der ersten Runde ausgeschieden waren, für ihn hätte stimmen können.

Die folgende Karte zeigt, in welchen Gebieten Abdullah und Ghani im ersten Wahlgang siegten. Provinzen, die an Abdullah gingen, sind blau, jene, die an Ghani gingen, rot markiert. Wie man sieht, war Ghani vor allem in den paschtunischen Landesteilen entlang der Grenze zu Pakistan erfolgreich sowie in den usbekischen Provinzen Dschuzdschan und Faryab, wo sein Bündnis mit General Dostum eine Rolle spielte. Fast der gesamte Rest des Landes entschied sich für Abdullah, für den die Mehrheit der Hazara und Tadschiken und viele Paschtunen stimmten.

Erster Wahlgang: Stimmanteil Abdullahs. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

Bei der Stichwahl (siehe folgende Grafik) waren die Mehrheiten ähnlich verteilt, nur dass Ghani nun in den paschtunischen Gebieten im Landessüden auf mehr Stimmen kam und das Ergebnis in der Provinz Wardak (westlich von Kabul) deutlich anders ausfiel: Im ersten Wahlgang hatte Abdullah dort mit 20 Prozent Vorsprung gewonnen; doch bei der Stichwahl entschied sich Wardak zu fast 60 Prozent für Ghani.

 

Stimmanteil Abdullahs bei der Stichwahl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

Was ist hier geschehen? Landesweit haben bei der Stichwahl mehr Menschen für Ghani gestimmt. Allerdings gibt es einige Brennpunkte, in denen, handelte es sich um eine „normale“ Wahl, die politische Landschaft auf den Kopf gestellt worden wäre. Die nächste Grafik illustriert, wie sich Ghanis Stimmanteil vom ersten zum zweiten Wahlgang verändert hat.

 

Änderung von Ghanis Stimmanteil zwischen ersten und zweiten Wahlgang. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

Am verblüffendsten ist das Ergebnis in Wardak, wo es Ghani irgendwie gelang, das Ergebnis aus dem ersten Wahlgang komplett umzudrehen. Auch in Kandahar und Zabul gab es eine gewaltige Verschiebung der Stimmanteile, was dort aber eher mit der Wahlbeteiligung zu tun hatte, als mit Wechselwählern.

Zu den gewaltigen Verschiebungen bei den Stimmanteilen konnte es nur kommen, weil die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl erheblich höher war als in der ersten Runde – einer der Gründe, warum das Lager Abdullahs von Wahlbetrug spricht. Bei der Stichwahl stieg die Wahlbeteiligung um fast 20 Prozent oder 1,3 Millionen Stimmen. Die meisten dieser Stimmen wurden entweder gefälscht oder kamen durch Druck zustande. Wardak ist hierfür der deutlichste Beleg, aber es gibt auch zahlreiche weitere Beispiele.

Die nächste Grafik zeigt, wie stark die Wahlbeteiligung in Gegenden, die Ghani gewann, anstieg – wozu auch die gewaltige Zunahme in Wardak gehört.

 

Prozentuale Zunahme der Wahlbeteiligung vom 1. zum 2. Wahlgang. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

Betrachtet man die Orte, an denen Ghanis Stimmanteil stark zunahm, und jene, in denen sich die Wahlbeteiligung deutlich änderte, stellt man einen engen Zusammenhang fest. Das folgende Streudiagramm zeigt das Verhältnis zwischen den Stimmen, die Ghani hinzugewann, und der prozentualen Änderung bei der Wahlbeteiligung.

 

Afghanische Präsidentschaftswahl 2014.

Insgesamt kann man sagen, dass Ghani die Stichwahl deshalb für sich entschied, weil er 1,3 Millionen neue Stimmen hinzugewann, die meisten von ihnen in den entscheidenden Gebieten seiner Hochburgen. Was genau in Wardak geschah, darüber lässt sich streiten. Aber die Zahlen sprechen dafür, dass zumindest dort manipuliert wurde. Bei legitimen Wahlen lassen sich zwischen zwei Wahlgängen nicht derartige Wählerwanderungen beobachten.

In nächster Zeit werden die Lager Abdullahs und Ghanis verhandeln. Sie könnten sich darauf einigen, die Macht zu teilen, stillschweigend oder ausdrücklich. Ganz gleich, zu welchem Ergebnis die Wahlprüfung auch führt: Der neue Präsident wird sich mit seinem Gegner arrangieren müssen. Geschieht dies nicht, wird es zu schweren Unruhen und weiterer Gewalt kommen.


Quelle: Sämtliche Zahlen beruhen auf Angaben der IEC, zu finden auf www.iec.org und 2014.afghanistanelectiondata.org.

 

 

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