"Die Regierung lässt jüngere Frauen links liegen"

Manizha Ramiz in ihrem BüroAfghanistan braucht eine Parteienreform, meint Manizha Ramiz. Urheber/in: privat. All rights reserved.

Manizha Ramiz arbeitet für „The Educational Radio and Television of Afghanistan“ , ist Vorsitzende von Khatt-e Naw und unterrichtet am Institut für Rechnungswesen und Management. Sie wurde in Kabul geboren und besuchte das Ariana-Gymnasium. Anschließend machte sie ihren Bachelor im Fach Management. Aktuell studiert sie Psychologie an der Universität Kabul.
 

Wie würden Sie sich beschreiben?
Ich bin großherzig und gleichzeitig auch erfolgreich. Meine Ziele habe ich erreicht. Ich habe viel Selbstvertrauen und nehme meine beruflichen Aufgaben sehr ernst. Meine größte Schwäche ist, dass ich manchmal zu dünnhäutig bin.

Wie haben Sie es geschafft, Ihre selbstgesteckten Ziele zu erreichen?
Wichtig ist dafür, genaue Vorstellungen und ein gutes Konzept zu haben. Auch die Familie ist von Bedeutung, das heißt, dass einen Familienmitglieder wie der eigene Bruder unterstützen.

Fühlen Sie sich gesellschaftlich benachteiligt?
Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr stark von Traditionen geprägt ist. In einer solchen Gesellschaft haben es Frauen oft schwer. Ich selbst hatte bislang glücklicherweise keine ernsthaften Schwierigkeiten.

Ist es, wenn man im Bereich Management arbeitet, besonders wichtig, ernsthaft aufzutreten?
Im modernen Manegement geht es vor allem darum, die eigenen Mitarbeiter zu motivieren. Aber es ist natürlich auch wichtig, dass man dabei die eigene Verantwortung ernst nimmt.

Sie haben sich als „dünnhäutig“ bezeichnet. Warum?
Dafür gibt es teils gesellschaftliche Gründe, teils hat es auch mit meiner Arbeitsbelastung zu tun.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Einfühlsamkeit und Überempfindlichkeit?
Der Grad, in dem man mitfühlt, bezeichnet, psychologisch betrachtet, wie gütig jemand ist und wie stark man von anderen abhängt. Überempfindlichkeit hingegen ist ein negativer Charakterzug und führt oft zu erheblichen Problemen.

Interessieren Sie sich für Politik?
Ja. Ich denke, ich wie die meisten Menschen habe ich ein gewisses Interesse an Politik.

In welchem Maß können junge Frauen wie Sie heute in Afghanistan politisch aktiv sein?
In unserer Gesellschaft haben Frauen mit zahlreichen Problemen und Hindernissen zu kämpfen. Es gibt zwar einige Politikerinnen, aber viele sind es nicht. Leider sind die Hindernisse und Probleme meist größer als die Chancen.

An was für Hindernisse denken Sie dabei konkret?
Es gibt so viele Intriganten und Heuchler. Wenn eine Frau Politik macht, dann legen beispielsweise andere im Handumdrehen Dutzende Facebookprofile unter ihrem Namen an. Hinzu kommt, dass ältere Politiker nicht wollen, dass die Jüngeren mehr zu sagen haben. Die Regierung lässt jüngere Frauen links liegen und vergibt Posten an Frauen, die schon lange bloße Symbolfiguren sind. Hinzu kommt, dass die jüngere Generation uneinig ist und es ihr nicht gelungen ist, eine eigene Bewegung zu schaffen.

Man kann sich politisch in den Parteien betätigen oder für die Regierung oder für Nichtregierungsorganisationen arbeiten. Denken Sie, dass es der jüngeren Generation gelungen ist, hier einen Fuß in die Tür zu bekommen?
Einige unserer Parteien sind ganz und gar nutzlos. Zwischen dem, was die Parteien wollen, und dem, was die Menschen wollen, liegen oft Welten. In Afghanistan gibt es zwar viele Parteien, aber die meisten von ihnen haben kein klares Profil, kein Programm. Mit Parteien, die nur eine bestimmte Ethnie vertreten, hat die jüngere Generation nichts am Hut. Was wir brauchen, sind Parteien, die wahrlich die Interessen des Volkes vertreten.

Wie könnte man die Parteien denn reformieren?
Die Parteien haben durchaus gewisse Grundsätze – nur richten sie sich nicht danach. Jede Partei vertritt in erster Linie eine bestimmte Volksgruppe, und solche ethnischen Strukturen haben dazu geführt, dass die politische Entwicklung stagniert. Ich hoffe sehr, dass die jüngere Generation daraus lernt und es ihr gelingt, diesen entscheidenden Fehler zu vermeiden.

Sie haben Psychologie studiert. Hilft Ihnen das in der Politik?
Psychologie hat ja viel mit Soziologie zu tun – und in der Politik kann man nur Erfolg haben, wenn man sein soziales Umfeld kennt und versteht. Leider haben die meisten Politikerinnen und Politiker von Soziologie keine Ahnung. Manche der Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, wären einfacher zu lösen, wenn es in der Politik mehr Menschen gäbe, die etwas von Soziologie und Sozialpsychologie verstehen.

Sie sagten dass Frauen, speziell jüngere Frauen, in der Politik kaum eine Rolle spielen. Andere behaupten, dass jüngere Menschen innerhalb der Regierung wichtige Positionen innehaben. Wie geht das zusammen?
Solche Entwicklungen verlaufen stets schrittweise. Es ist gut, dass es in Verwaltung und Behörden jungen Menschen in Führungspositionen gibt. Aber es gibt auch junge Menschen, die auf höchster politischer Ebene eine Führungsrolle spielen sollten, und die einfach übergangen werden.

Haben die sozialen Fortschritte in Afghanistan jungen Menschen geholfen, ihre privaten und gesellschaftlichen Ziele zu erreichen?
Ganz allgemein kann man sagen, wir haben Fortschritte gemacht – aber man muss auch fragen, welche und wo? Fortschritte sieht man vor allem in den Großstädten und den wichtigen Provinzen. Aber wie sieht es auf dem Land und in abgelegeneren Gebieten aus? Dort können Mädchen immer noch nicht die Schule besuchen. Mädchen sind heute größeren Gefahren ausgesetzt als jede andere soziale Gruppe. Es gibt bei uns Mädchen, die eine Schule besuchen wollen, aber die Umstände lassen es nicht zu.

Wie alt sind Sie?
Ich bin 25.

Warum haben Sie sich entschieden, nicht zu heiraten?
Gute Frage. Ich möchte zuerst jene Ziele erreichen, die ich mir selbst gesteckt habe. So lange das nicht der Fall ist, kann ich nicht heiraten, denn in Afghanistan kann eine verheiratete Frau nur sehr schwer ihre eigenen Ziele verfolgen. Bei uns kommt es oft vor, dass sich junge Männer und Frauen ineinander verlieben, aber ihre Familien sind dagegen.

Was würden Sie in diesem Fall tun?
Dieses Problem werde ich, denke ich, nie haben, denn ich weiß, meine Familie wird meine Entscheidung achten. Das heißt, sollte sich diese Frage stellen, werde ich meine Familie einbeziehen.

Was glauben Sie, wie wird Afghanistan in zehn Jahren aussehen?
In zehn Jahren, denke ich, werden die meisten Warlords und andere, die für die Probleme im Lande verantwortlich sind, von der politischen Bühne abgetreten sein. Und die neue Garde wird klüger sein. Diesen Menschen kann es dann auch gelingen, der Welt ein anderes, neues Bild von Afghanistan zu vermitteln.

 

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