Tod, Technik, Tabu: Bericht zur Sommerakademie

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Das Publikum der Sommerakademie. Urheber: privat. All rights reserved.

Bericht zur Sommerakademie der Grünen Akademie vom 12. und 13. September 2014, avendi Hotel Griebnitzsee in Potsdam.

Thematisch nahmen wir in diesem Jahr den Faden der letzten Sommerakademie noch einmal auf. 2013 hatte die Debatte darüber, wie neue Technologien Individuum und Gesellschaft verändern („Technik, Zeit und Lebenswelt“), mit einer Kontroverse um Technik und Philosophie am Lebensende geschlossen. Wie dort verabredet, rückten wir bei der diesjährigen Sommertagung den Zusammenhang von Technik, Sterben und Tod in den Fokus. Neben den gut 20 Teilnehmer/innen aus der Grünen Akademie und ihrem Netzwerk beteiligten sich fünfundzwanzig Stipendiatinnen und Stipendiaten des Studienwerks lebhaft an den Debatten.

Der Tübinger Medizinethiker Hans-Jörg Ehni skizzierte in seinem Auftaktvortrag „Techniken der Unsterblichkeit“ die Fortschritte, die die Bio-Gerontologie gegenwärtig macht. Um Unsterblichkeit gehe es nicht, wohl aber um den Anspruch, jenseits medizinischer Teilverbesserungen biologisches Altern pauschal manipulieren zu können. Die Medizinphilosophie begleitet diese als „Schlüsseltechnologie“ eingruppierte, in den USA hoch subventionierte Forschung als ethische Technikfolgenabschätzung: Wie wirkt die Bio-Gerontologie auf unser Verständnis von einem „gutem Leben“ und auf die Frage, wie wir in Gesellschaft altern wollen? Was spräche gegen ein gesundes, längeres Leben? Ethisch-philosophische Kontroversen gehen der Frage nach, ob Altern eine Bedingung für ein gelingendes Leben sei (was Ehni bezweifelt). Sicherlich werde aber die bereits bestehende gesundheitliche Ungleichheit national und global weiter ansteigen: Schon heute werden die Menschen im industrialisierten Norden durchschnittlich dreißig Jahre älter als in den ärmeren Ländern. Auch innerhalb der Industriestaaten dürften sich die bestehenden Ungleichheiten noch vergrößern, da die individualisierte, bio-gerontologische Behandlung sehr kostspielig ist. Hans-Jörg Ehni fordert, über die Prioritäten der Forschungsförderung öffentlich zu diskutieren und den Nutzen von Forschungsergebnissen zu verbreitern. Die angeregte Debatte moderierte Willfried Maier.

Am Samstagmorgen diskutierte die Palliativmedizinerin und Sachbuchautorin Petra Anwar („Geschichten vom Sterben“) mit dem Juristen und Gerontologen Thomas Klie über „Techniken des Sterbens“. Arnd Pollmann brachte beide als öffentlich praktizierender Philosoph sehr instruktiv ins Gespräch. Der schillernde Begriff „Würdiges Sterben“ klärt sich im konkreten Fall wesentlich aus der Beziehung zwischen den involvierten Personen, wie Frau Anwar anschaulich illustrierte. Der Stellenwert der Palliativmedizin als Fachdisziplin für todkranke Menschen muss mehr Anerkennung erfahren. Im Hinblick auf „menschenwürdige Pflege“ warnte Klie vor der industriellen Kategorie der „Qualitätssicherung“. Gute Pflege entstehe aus der komplexen Interaktion zwischen „cure“ und „care“, gefordert sei eine sozial und moralisch ambitionierte Organisationsethik, die Menschen statt Abrechnungen in den Mittelpunkt nehme, und eine Kommunalisierung von Pflegeversicherung und Betreuung („caring community“), weil Palliativmedizin und Vor-Ort-Netzwerke über Qualität von Begleitung und Versorgung entscheiden. Suizid und begleitetes Sterben sind grundsätzlich unterschiedliche Dinge. Womöglich seien neue Gesetze hierzu nicht aufzuhalten, aber erforderlich seien sie nicht. Bedenklich aber sei der dadurch signalisierte weitere Rückzug von Medizinern aus der moralisch-ethischen Abwägung und Verantwortung in ein zweifelhaftes Konstrukt rechtlicher Absicherung.

Thomas Klie und Arnd Pollmann. Urheber: privat. All rights reserved.

Der dritte Abschnitt der Tagung stand unter der Überschrift „Techniken des Tötens“. Bernd Ladwig, Philosoph an der FU Berlin, sprach über das Phänomen, dass westliche Gesellschaften ihr reales Töten sehr effektiv aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängen: Tiere werden in Großschlachthöfen getötet, Drohnen und Privatarmeen führen Kriege, während gleichzeitig die Popkultur - im Videospiel, im Hollywoodblockbuster – den Akt des Tötens exzessiv ästhetisiert. Eine Lesart sieht – unter gedanklichem Rekurs auf Nietzsche – ein Nullsummenspiel: In der kulturellen Praxis verdrängt und gebändigt, bleibt ein Maß an Aggressivität verborgen erhalten, das sich nicht mehr zeigen darf. Splatter Movies hätten dann einen kathartischen Effekt. Ladwig widerspricht dieser Lesart entschieden. Er schlägt eine andere Sichtweise vor: Infolge kultureller Übereinkommen sein wir tatsächlich „neue“ Menschen geworden.

Für diese prinzipiell rücksichtsbereite Hedonisten stellt der Tod anderer – und potentiell auch der von Tieren – eine Zumutung dar („moralische Berührbarkeit“). Deshalb sieht Ladwig in der Unsichtbarkeit des Tötens nicht das eigentliche Problem. Rückfälle seien vor allem dann denkbar, wenn „Ideologien der Ungleichwertigkeit“ existieren, die etwa eine bestimmte Ethnie zu Ungeziefer erklären, das ausgerottet werden muss oder dessen Tod zumindest gleichgültig ist. Fallen diese Ideologien mit „Gelegenheitsstrukturen“ zusammen, wie sie z.B. Kriege liefern, wird das Töten „normalisiert“ – der ehemals krasseste Normverstoß wird Normalität. Unter diesen Bedingungen werden Kriegsgräuel und Völkermord möglich. Dieselben psychologisch-sozialen Mechanismen erklären auch die Fühllosigkeit rücksichtsbereiter Hedonisten gegenüber der industriellen Fleischproduktion: Die Ideologie der Ungleichwertigkeit spricht Kühen, Schweinen und Hühnern die wesentlichen Attribute von Lebewesen ab, die unserer Mitgefühl verdienen. Eine über Jahrtausende tradierte Normalität scheint das Töten von Tieren zu legitimieren. Die industrielle Organisation von Aufzucht, Vernichtung und Distribution schließlich liefert die Gelegenheitsstruktur, in der das Töten reibungslos geschehen kann.

Hedwig Emmerig und Bernd Ladwig. Urheber: privat. All rights reserved.

Hedwig Emmerig, Referentin für Biotechnologie und Bioethik der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Bundestag, gab zu bedenken, dass Empathie und die Möglichkeit, sich weltweit zu verständigen, für die Mitglieder westlicher Gesellschaften schlicht ökonomischer sei als die Fähigkeit zum schnellen Töten. Sie wies darauf hin, dass die Spiegelneuronen des Hirns, die uns den Schmerz eines anderen im Wortsinn „mitfühlen“ lassen, sich korrespondierend mit einem empathiebereiten Umfeld entwickeln: Wie stabil der von Bernd Ladwig skizzierte rücksichtsbereite Hedonist sei, hänge davon ab, wie konstruktiv wir unsere Voraussetzungen nutzen. Zur Tierrechtsdebatte merkte Hedwig Emmerig an, dass, auch wenn weiterhin Fleisch gegessen werde, die Haltungsbedingungen der sogenannten Nutztiere erhebliche verbessert werden könnten. Selbst die Schlachtung könne sich an der Prämisse orientieren, den Tieren Stress und unnötiges Leid so weit wie irgend möglich zu ersparen. In diesem Feld sieht Hedwig Emmerig – für Politik sowie Konsumentinnen und Konsumenten - große Gestaltungsspielräume. Moderiert durch Karin Heuer (umdenken - Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg), war auch dieser Tagungsabschnitt ein engagierter und inspirierender Anwendungsfall kollektiv-öffentlichen Nachdenkens, wie die angesprochenen Themen dies unbedingt brauchen.

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