„Diese Revolution musste kommen“

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Menschenmassen und RauchschwadenDie Proteste begannen Ende Oktober, als ein Gesetz verabschiedet werden sollte, mit dem sich Präsident Blaise Compaoré weitere 15 Jahre an der Macht halten wollte. Urheber: The Speaker/dayblakelydonaldson. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Unter dem Druck von Massenprotesten ist vor rund zwei Wochen Langzeitpräsident Blaise Compaoré in Burkina Faso zurück getreten. Eine Interimslösung soll bis zu den Neuwahlen im kommenden Jahr die Geschicke des Landes leiten. Die Heinrich-Böll-Stiftung traf drei Filmschaffende aus Burkina Faso, die im Rahmen des Filmfestivals AFRIKAMERA nach Berlin gekommen waren, und sprach mit Ihnen über die Revolution, die Rolle der Jugend, der Medien, der Kunst - und über die Chance auf einen friedlichen Übergangsprozess.

In Burkina Faso verhinderte eine Volkserhebung die Verfassungsmanipulationen des Staatschefs. Welche Faktoren haben zum Sturz von Blaise Compaoré geführt?

Jupiter Sodre: In Burkina Faso war seit 27 Jahren ein und derselben Mann an der Macht. 27 Jahre! Das muss man sich einmal vorstellen. Das hält keine Bevölkerung noch länger aus. In anderen Ländern, in denen eine ähnliche Situation ist und in denen es nicht zum Umsturz kommt, haben die Menschen vielleicht nicht den Mut oder die Mittel, so zu handeln wie wir. Die Leute aus meiner Generation denken auch anders als die Generation meiner Eltern. Für die Generation meiner Eltern war es normal und vielleicht sogar auch „in Ordnung“, was in der ganzen Zeit in unserer Gesellschaft vor sich ging. Aber für mich ging das irgendwann nicht mehr. Ich bin in Kontakt mit der Außenwelt, ich denke ganz anders und habe ganz andere Erwartungen. Wir jungen Leute verstehen besser, was sich in der Welt abspielt, und da können und wollen wir solche Zustände einfach nicht mehr hinnehmen.  

Salam Zampaligre: Es gab in der Bevölkerung zudem eine allgemeine Unzufriedenheit: es gab keine Arbeit und eine unerträgliche allgemeine soziale Ungerechtigkeit. All das hat dazu geführt, dass sich irgendwann die Leute gefragt haben, was so ein Regime nach 27 Jahren noch mit Demokratie zu tun hat. In Burkina Faso hat eine Minderheit Macht und Geld, während große Teile der Bevölkerung nicht einmal über Trinkwasser oder Viehfutter verfügen. Einige Wenige fahren in ihren riesigen Schlitten umher und leben in Villen oder Palästen. Die Leute – jung und alt – sind dessen überdrüssig geworden und wollen einen Wandel. Deshalb sind alle auf die Straße gegangen.

Lazare Sié Pale: Neben diesem langen Machterhalt von Compaoré und den Ungleichheiten im Land gibt es auch etwas Anderes: Für mich war es regelrecht beleidigend, wie die Dinge bei uns gelaufen sind. Die Verfassung wurde dreimal geändert. Und wenn Du, wie wir, die Gelegenheit hattest zu studieren und einen Durchblick hast, dann merkst Du, was da schief läuft. Das Schlimmste für mich war die Art, wie wir von der Regierung behandelt wurden. Man darf nicht vergessen, der Präsident hat zu Beginn einen Eid geschworen. Doch letztendlich hat er sich einfach nicht an sein eigenes Wort gehalten; und das war zu viel. Er hat damit die Leute beleidigt, indem er uns zu verstehen gab, dass er es ist, der die Gesetze macht; und letztendlich war das für mich die Schlüsselfrage. Aufgrund dessen hat sich die Bevölkerung erhoben. Immer und immer wieder wollte er seine Amtszeit verlängern – hier fünf Jahre, da fünf Jahre. Irgendwann war dann Schluss. Und die Revolution musste kommen.

Sie sprachen davon, dass alle an der Revolution beteiligt waren. Welche Rolle spielte die Jugend in der Revolution?

Salam Zampaligre: Eine große Rolle; sie war die eigentliche Triebkraft dieser Revolution. In unserem Land sind 60 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahren. Ich war bei vielen Demonstrationen, und die meisten Teilnehmenden waren junge Leute, die protestierten, weil sie die Nase voll hatten von diesem Präsidenten, dessen Gesicht sie so viele Jahre gesehen hatten. Natürlich waren auch andere Schichten der Bevölkerung vertreten; es gab auch ältere Leute und Frauen. Alle waren letztendlich auf der Straße, doch die Jugend war entscheidend.

Jupiter Sodre: Unsere Revolution war jedoch nicht wie in Tunesien oder im Senegal. Klar, haben wir Facebook und andere soziale Medien genutzt, aber längst nicht so viel wie bei anderen Revolutionen. Ich war am 27. Oktober auf dem „Place de la Nation“ („Platz der Nation“), und alle hatten ein Telefon und machten Fotos. Die Leute haben sich angerufen, um sich gegenseitig für die Demonstrationen zu mobilisieren. Doch manchmal gab es auch einfach keinen Netzempfang. Bei uns spielte da ein eher betagtes Medium eine große Rolle: das Radio. Da liefen Reportagen und Interviews mit Journalisten. Du konntest auch von der Arbeit aus die Berichterstattung verfolgen. Fest stand, dass wir uns alle auf den Weg machten, sobald eine Demo angekündigt wurde. Alle wussten, was zu tun war. Die Jugend hatte genug von dem System, die Älteren wollten Arbeit, die politischen Parteien wollten dem Präsidenten an den Kragen, die Bürgerbewegungen und Gewerkschaften wollten eine Veränderung ihrer Lebensbedingungen. Deshalb war das alles auch so dynamisch, sobald ein Demo-Aufruf bei den Leuten ankam. Jede Bevölkerungsgruppe hatte ihre eigenen Forderungen und wir wussten einfach, dass wir in Aktion gehen mussten, wenn sich bei uns etwas ändern sollte. Und all das richtete sich gegen eine einzige Person, da waren sich alle einig. Und wenn alle Stimmen der einzelnen Akteure in einem Land zusammenkommen, dann erreicht man auch was. Das war wirklich eine außergewöhnliche Situation.

Die Oppositionsparteien-Landschaft in Burkina Faso ist sehr zersplittert. Wie groß sind die Chancen, dass es zu einer friedlichen, demokratischen Interims-Lösung kommt?

Salam  Zampaligne: Momentan ist die Interimssituation noch nicht 100-prozentig gelöst (Anm. der Red.: Am Mittwoch, den 19. November 2014 wurde der ehemalige Außenminister Michel Kafando als Übergangspräsident vereidigt). Wir haben aber Grund zur Hoffnung, dass wir eine zivile Landesführung bekommen, die vertrauenswürdig und aufrichtig ist und den Übergangsprozess hin zu freien und transparenten Präsidentschaftswahlen gewährleistet. Wir wissen natürlich nicht, ob das  Unterfangen in einem Jahr erfolgreich sein wird. Doch momentan hat niemand ein Interesse daran, die Ergebnisse der Revolution wieder verpuffen zu lassen und aufs Spiel zu setzen. Wir würden uns alle sofort wieder erheben. Das Volk ist sich einig, und das bringt eine unglaubliche Kraft mit sich. Auch auf andere Länder hatte unsere Revolution einen Einfluss: Togo und Gabun haben sich schon von den Ereignissen in unserem Land inspirieren lassen.

Jupiter Sodre: Wir sind auf dem richtigen Weg. Ich bin dem gefolgt, was mir wichtig war; das hatte nichts mit einem parteipolitischen Engagement zu tun. Seit ich denken kann, gab es in unserem Land  abgesehen von dem „Congrès pour la démocratie et le progrès“ (CDP) (der Regierungspartei) eigentlich keine richtigen politischen Parteien. Klar, viele nannten sich so, doch in Wirklichkeit war es so, als hätten wir nur eine einzige Partei gehabt. Nun gibt es in Burkina Faso erstmals eine „richtige“ Opposition.

Lazare Sié Pale: Momentan gibt es eine unübersichtlich große Anzahl an Parteien, die in den letzten fünf Jahren aus dem Boden geschossen sind; so etwas gab es vorher nicht. Eine Vielzahl davon hatte unter dem Schutz der CDP agiert, und es wird sich zeigen, wie viele davon über die notwendigen Mittel verfügen, um weiter bestehen zu können. Wenn es dann im Anschluss an den Übergangsprozess einer Partei gelingen wird, die Geschicke zu übernehmen, wird sich die Spreu vom Weizen trennen und die ineffizienten Parteien verschwinden.

Wie stehen die Chancen für einen friedlichen Übergangsprozess?

Lazare Sié Pale: Die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure werden sich auf die Suche nach einer Person für den Übergangsprozess machen, was nicht leicht sein wird. Das Problem besteht allerdings darin, dass jeder in der politischen Elite des Landes, der in den vergangenen 27 Jahren aktiv was, egal ob korrupt oder nicht, in jedem Fall für Blaise Compaoré gearbeitet hat. Auch alle, die keine Politiker waren, also z.B. Diplomaten, haben dem System zugearbeitet. Einige sind früher ausgestiegen, um ihr Gesicht zu wahren. Es wird nun schwierig sein, sich für eine Person zu entscheiden, aus den eben genannten Gründen. Die Leute wissen nicht, wem sie vertrauen sollen, weil nicht immer klar ist, was die Leute in der Vergangenheit gemacht haben. Doch ich bin mir sicher, dass das alles friedlich ablaufen wird. Zwar wurden in den Tagen des Aufstandes einige Läden geplündert und das Parlament und das Rathaus angezündet; doch mehr Schäden gab es nicht. Das wirtschaftliche Leben geht inzwischen weiter. Wer jetzt nach Burkina kommt, merkt nicht, dass hier noch vor kurzer Zeit derartige Dinge geschehen sind – abgesehen von der Ausgangssperre zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens.

Jupiter Sodre: Uns ist es wichtig, dass die Leute hier in Europa verstehen, wie sich die Ereignisse bei uns abgespielt haben, auf welchem Niveau sich die Diskussionen hier befinden. Wie viele Demos gab es denn in diesem Jahr? Viele. Und bei keiner ist etwas zu Bruch gegangen, obwohl Du dich vor lauter Menschen kaum bewegen konntest. Die Leute haben verstanden, worum es hier geht: keine Plünderungen, keine Raubüberfalle, nichts dergleichen. Wir wollten nicht so eine Situation wie in der Elfenbeinküste, wir wollten keine Verfassungsänderung! Die Leute haben ohne Angst ihre Wohnungen und Geschäfte zurückgelassen, um demonstrieren zu gehen und kamen abends zurück, wo sie alles unversehrt vorfanden. Das war verrückt. Einige Tage herrschte dann Unklarheit über den Stand der Dinge. Die Leute harrten bis zum 30. Oktober aus, dann war klar, dass etwas passieren musste, und sie griffen das Parlament an. Das war schließlich der Sitz unseres Parlaments, und wir konnten diese unklaren Zustände nicht länger hinnehmen.

Lazare Sié Pale: In Burkina gibt es 150 000 Beamte im Öffentlichen Dienst, das ist ein Fünftel der Bevölkerung; die anderen 4/5 wollen, dass sich die Situation rasch aufklärt. Wer streikt, hat einen Grund dazu und möchte, dass das schnell ein Ende hat, denn bisher lebten sie von heute auf morgen. 2015 werden wir darüber unterscheiden, wer unser Land regieren wird. Wir haben Glück. In vielen anderen Ländern geht es oft um interreligiöse oder interethnische Konflikte, was bei uns kaum ein Thema ist. Ethnische Konflikte hat es bei uns nie gegeben, höchstens zwischen einzelnen Leuten. In anderen Ländern geht da interethnisch viel mehr schief. Auch interreligiöse Konflikte haben wir sehr selten. Das sind ja die beiden großen Konfliktursachen in anderen Ländern. Dieses Risiko ist bei uns nicht gegeben. Wir halten zusammen.

Sie sind gerade für das Filmfestival „Afrikamera“ in Berlin. Oftmals werden die Künste als „Vorboten von Revolutionen“ gesehen. Welche Rolle spielen die Künste in Burkina Faso wenn es um Politik geht?

Jupiter Sodre: Einer unserer Sänger (Smarty) hat ein Lied auf einem Album herausgebracht, was in unserer Situation richtig reingehauen hat. Es heißt „Le chapeau du chef“ („Der Hut des Chefs“) und beschreibt genau, was passiert, wenn der Chef weg ist und die anderen um seinen Posten herumscharwenzeln. So genau war es ja auch bei uns. Diese Sänger/innen sind  für unsere Zivilgesellschaft so wichtig, denn sie engagieren sich in allen nur denkbaren Bereichen: in der Musik, im Film. Mit ihren Werken beziehen sie Position und klagen an. Es gibt auch viele engagierte Filmemacher, die in ihren Filmen Missstände anprangern. So leistet jeder Künstler seinen Beitrag.

Salam  Zampaligne: In den Tagen der Revolution und schon vorher gab es viele politische Single-Auskopplungen, die es auf dem Punkt gebracht hat. Musik wirkt da viel unmittelbarer. Du bringst schneller ein Lied raus als einen Film, das ist schwerfälliger. Einen Film drehst Du nicht an einem Tag. Auch Theater eignet sich da besser. Filme sind etwas für die Zeit nach der Revolution, also für jetzt. Ich denke an „La fauteuil“ („Der Sessel“), der zeichnet genau solche Ereignisse nach.

Salam Zampaligne: Natürlich spielen Künstler/innen in allen Gesellschaften eine wichtige Rolle und zwar deshalb, weil sie gut das Wesentliche vermitteln können. Sie sind es letztendlich, denen Gehör geschenkt wird, weil sie wissen, wie man etwas gut herüberbringt. Den anderen Leuten hört einfach keiner zu. SMOKE oder JAFAR, das sind Künstler, deren Botschaft bei den Menschen ankommt. Seit Beginn dieses Jahres hörtest du von denen und allen anderen auch nur noch Friedensbotschaften – 10 Monate lang. Es gab keinen Künstler, der eines seiner Werke gemacht hat, ohne sich mit Frieden zu befassen. In den TV-Archiven der letzten Monate findet sich einfach kaum ein Beitrag zu einem anderen Thema. Die Menschen spürten einfach, dass sich etwas anbahnte, was richtig reinhauen konnte; es hätte wirklich knallen können. In allen Äußerungen konntest Du hören, dass es den Leuten um Frieden ging. Frieden, Frieden und nochmals Frieden, das war es, was die Leute wollten und was sie sich nun für diese Zeit des politischen Umbruchs wünschen.

Übersetzung: Anja Reefschläger
 

Über die Filmschaffenden:

  • Lazare Sié Pale ist ein Musiker und Filmemacher aus Burkina Faso. Seit 2001 ist er Präsident von AFRICANIM (Association Africaine du Cinéma d’Animation). www.lazaresiepale.blogspot.com
  • Moumouni Jupiter Sodre ist Filmemacher und hat im Senegal und Frankreich studiert. Seine kurzen Animationsfilme wurden auf diversen Filmfestivals in Burkina Faso, Marokko und Algerien gezeigt.
  • Salam Zampaligre ist Autor diverser Drehbücher für Animationsfilme, Fiktion und Dokumentationen. Seine Filme wurden bereits in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich präsentiert.

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V.l.n.r.: Salam Zampaligre, Lazare Sié Pale und Jupiter Sodre. Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/Maria Kind. Lizenz: CC-BY-SA.

 

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