Der Feminismus erobert die Kurden-Gebiete

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Kamer-RestaurantKamer-Restaurant in der alten Karawanserei in Diyarbakir. Urheber: Conny Fischer. All rights reserved.

Herzlichen Glückwunsch Nebahat Akkoc!

Es war ein heißer Sommer, als ich Nebahat Akkoc das erste Mal in Diyarbakir traf. Sie trug eine strahlend weiße Bluse und einen schönen auffälligen Ring. Sie saß in ihrem Café in der alten Karawanserei mitten in der Altstadt. Ich hatte den Kontakt zu ihr über das Goethe-Institut Istanbul bekommen und als Information vorab erfuhr ich, dass sie sich in der Frauenarbeit engagiere. Ich dachte an Strickkurse, Nachbarschaftshilfe, an eine kleine Initiative. Nicht, dass kleine Initiativen keine Wirkung hätten, aber nun ja, ich hatte wohl auch Vorurteile. Feminismus in Anatolien? Frauenhäuser? Wirtschaftlich florierende Unternehmen gegründet von Frauen, die Gewalt erfuhren? Im Hinterland der Türkei? Obwohl meine Familie aus den kurdischsprachigen Berggebieten der Türkei stammt, hätte ich nicht für möglich gehalten, dass eine feministische Bewegung ihren Weg vom Osten in den Westen des Landes gefunden haben soll.

Es wurde ein langes Gespräch. Nebahat Akkoc nahm sich viel Zeit und erklärte mir geduldig die Anfänge ihrer Arbeit. Wir unterhielten uns über Gewalt, über die Art, wie Männer mit ihren Frauen umgingen, über ihre Erfahrungen mit Organisationen. Um uns herum saßen genau die Männer, von denen die Rede war. Zu Nebahat Akkocs Projekt gehörte auch das Wirtshaus unter freiem Himmel, das schönste, prächtigste und herrlichste Restaurant der Welt! Zwar stand auf einer Markise diskret der Name der Frauen-Organisation „Kamer“, aber eben sehr diskret. Wer wusste von den Besuchern wohl, was Kamer bedeutete? Man aß gefüllte Bulgurklöße und Blätterteigpasteten und trank wunderbar duftenden Tee. Ein eleganter Herr mit violettem Turban saß ebenfalls unter den Gästen und immer wieder dachte ich: Was wohl dieser Herr denken würde, wenn er wüsste, dass jedes Glas Tee, das er trank, dafür sorgen würde, dass wieder eine Ehefrau wirtschaftliche Unabhängigkeit von ihrem Mann erlangen würde?

Ich erinnere mich sehr gerne an diesen Nachmittag und das schöne Café. Seither war ich viele Male in Diyarbakir und saß in der alten Karawanserei. Ich freue mich unglaublich, dass Nebahat Akkoc den Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung erhalten wird. Der folgende Text erschien im Sommer 2013 auf Zeit Online in meiner Serie „Türkische Tage“. Er wurde in Deutschland sehr überrascht zur Kenntnis genommen.

Tebrikler Nebahat Abla!

 

Das südöstliche Anatolien gilt im Westen als rückständig. Doch ausgerechnet hier drängen Frauen auf Emanzipation, führen Läden und Kindergärten.  Denn hier begann die KAMER-Bewegung, angeführt von Nebahat Akkoç.

Jeder Mann, der im Schatten des kühlenden Gemäuers des Wirtshauses Hasanpa#a Han mitten in der Altstadt von Diyarbakir einen Tee trinkt, hilft damit einer Frau – dass sie finanziell unabhängig wird, selbstbestimmt leben kann und Spaß im Bett hat. Denn wer hier seinen Tee trinkt, befindet sich mitten im Zentrum der feministischen Bewegung. Genau hier, im südöstlichen Anatolien, in der Kurdenhochburg am Tigris, begann die KAMERBewegung, angeführt von Nebahat Akkoç.

Es kommen viele Männer, denn die gefüllten Weinblätter und Weizengrützeklöße zeugen von hoher Küchenkunst. Der Service ist tadellos und jede Viertelstunde sprenkelt eine Anlage Wasserdunst über das Hasanpa#a Han. Das Han, übersetzt Wirtshaus, stammt aus dem 16. Jahrhundert, als man noch mit Kamelkarawanen entlang der alten Seidenstraße durch die Handelsmetropole Diyarbakir zog und Reisende Rast in Karawansereien machten. Derweil die Bewohner untereinander im Han blieben.

Jetzt, am Nachmittag ist es ruhig hier, denn es ist Ramadan , doch außerhalb der Fastenzeit werden täglich bis zu 2.000 Gäste bewirtet. Nicht nur feine, traditionell gekleidete Männer kommen, auch Frauen und Familien. Das Geschäft brummt und es gibt Leute, die etwas dagegen haben. Vor zwei Monaten kamen mehrere Männer, griffen das Personal an, verwüsteten das Mobiliar und verschwanden wieder. Von M. Kiyak, Diyarbakir.

Mord, Folter, Demütigungen

Im Leben einer jeden Bürgerrechtlerin gibt es einen alles verändernden Moment. Bei Nebahat Akkoç war es der 13. Januar 1993. Es war der einzige Morgen, an dem sie das Frühstück nicht mit ihrem Mann Zübeyir einnimmt. Am Abend zuvor hatten sie Gäste, es war spät geworden, sie war noch müde. Ganz gegen ihre Gewohnheit blieb sie liegen und bat ihn: Bitte frühstücke alleine! Er aß und verließ das Haus. Kurz darauf hörte sie die Schüsse.

Der Mord an Zübeyir Akkoç, bei dem die Regierung ihre Finger im Spiel hatte, war nur eine Station der Gewalt, die die pensionierte Lehrerin Nebahat Akkoç erlebte. Ihr Mann, der sich, wie viele andere auch, einmischte, wenn es um Menschenrechte, Demokratie und Freiheit ging, saß oft im Gefängnis und erlebte Demütigungen, Schikane und Folter. Nebahat Akkoç beschreibt in einem Buch die Schreie, die die Ehefrauen aushalten mussten, wenn sie ihre Männer besuchten und wie sie sich am Strohhalm festhielten: Solange man Schmerzensschreie hört, sind sie wenigstens noch am Leben. Nachdem Zübeyir starb, wurde auch sie verhaftet und gefoltert.

Frau Akkoç fragte sich: Wer sind diese Männer, die Krieg führen, verhaften, foltern, vergewaltigen, schlagen und töten? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Gewalt eines Krieges und der privaten Gewalt in Familien? Sie sah, dass die Staatsorganisation, die zivile Gesellschaft, ja selbst die Straßenkultur nach Geschlechtern getrennt sind. Sie fand heraus, dass der Anfang von Gewalt und Militarismus immer in der kleinsten und ersten Organisation eines jeden Menschen beginnt: nämlich in der eigenen Familie. Als sie anfing, über diese Themen nachzudenken, befanden 95 Prozent der türkischen Frauen in einer Befragung, dass Gewalt normal sei. Nur der Rest konnte sich vorstellen, dass es möglich wäre, ohne sie zu leben.

Nebahat Akkoç gründete 1997 das KAMER, Abkürzung für Kad#n Merkezi, übersetzt Frauenzentrum. Sie träumt von einer emanzipierten Gesellschaft ohne Geschlechtertrennung, ohne Rassismus , ohne Nationalismus . Sie träumt diesen Traum nicht in Istanbul oder Izmir , sondern in Diyarbakir. An diesem Ort, an dem der Tod so allgegenwärtig und gewöhnlich geworden ist, wie die Bäume an den Straßen rechts und links der Wege.

Frauen lernen, wo die Gewalt beginnt

Veränderung im Großen beginnt mit der Veränderung im Kleinen. Die Frau erlebt zu Hause Gewalt. Ihre Möglichkeiten, zu handeln, sind klein. Sie denkt: Heute mache ich das Haus noch sauberer als sonst, ermahne die Kinder, besonders brav zu sein, bereite die Speisen appetitlich zu. Er soll keinen Anlass zum schimpfen bekommen. Der Mann kommt nach Hause, Streit, Eskalation, Gewalt. Irgendwann erfährt die Frau von KAMER, sie hält es nicht mehr aus und geht hin. Jede Frau, die zu KAMER geht, sorgt im Schnitt für zehn neue Frauen.

Dann sitzt die Frau in einem Kurs. Sie lernt, wo Gewalt beginnt. Mit anderen Frauen spielt sie Rollenspiele und begreift allmählich ihre Situation. Haben die Frauen es erst einmal geschafft, sich von außen zu betrachten, erkennen sie Parallelen und Muster. Ab diesem Punkt gibt es kein Zurück. Die Frau versteht, dass sie unabhängiger werden muss, auch finanziell. Also eröffnete KAMER Wirtshäuser. Bis 1998, zur Eröffnung des Restaurants im Hasanpa#a Han, gab es in Diyarbakir kein einziges Lokal, dessen Eigentümer eine Frau war. Mittlerweile ist die Zahl der Wirtinnen allein in dieser Stadt auf 45 angestiegen.

Da nicht alle Frauen in Diyarbakir, Erzincan oder Erzurum, alles Orte im kurdischen Osten der Türkei , Lokale eröffnen können, begannen andere zu nähen und ihre Ware in eigenen Läden zu verkaufen. Dann beschlossen sie die Stoffe nicht nur zu verarbeiten, sondern auch zu weben. Sie eröffneten Produktionsstätten in Antep, Tunceli, Erzincan, in insgesamt sieben südostanatolischen Städten.

Und wohin mit den kleinen Kindern, während Mama arbeitet? KAMER gründete Kindergärten. Daraus entstand das Buch Alternative Wege in der Kindererziehung . Als in Tunceli eine Universität eröffnet wurde, eröffnete KAMER ein Gästehaus. Mittlerweile gibt es 23 KAMER-Zentren im Osten der Türkei, weitere 21 Frauenzentren gründeten sich nach KAMER-Vorbild in anderen Städten. KAMER ist inzwischen auch im modernen Westen der Türkei angekommen.

Die Organisation ist deshalb so erfolgreich, weil es lokal organisiert ist. Die KAMER Frauen sprechen eine gemeinsame Sprache, nämlich kurdisch. Ist eine Frau von einem Familienverbrechen bedroht, wird eine Flucht organisiert, Papiere besorgt, vor allem werden die Frauen nicht alleine gelassen. Wenn eine Frau sagt: Du weißt doch, wie das bei "uns" ist, dann weiß die KAMER Freundin wie das ist, weil sie dem gleichen Umfeld, dem gleichen Dorf, oder der gleichen Familie entstammt. Die Frauen arbeiten mit der Polizei zusammen und mit Krankenhäusern, die kostenlos behandeln. KAMER gibt Kurse im Business-Plan-erstellen, kurzum: KAMER bringt der Frau bei, dass sie eine starke Frau sein kann, dass Frauenrechte Menschenrechte sind.

Und was geschieht in der Zwischenzeit mit den Männern? "Eine Frau, die zu uns kommt, verändert sich", sagt Nebahat Akkoç, "ein Mann, der schlägt, bleibt immer der alte." Aber eine Frau, die bei KAMER war, hat die Organisation im Rücken, den Staatsanwalt, Polizei, Richter. Vergewaltigung in der Ehe ist mittlerweile strafbar . Wer Gewalt anwendet, darf sich seiner Frau von Gesetzes wegen nicht mehr nähern.

Der Radius der Frau hat sich erweitert, ihr Handlungsspielraum vergrößert sich. Neueste Untersuchungen zeigen, dass im vergangenen Jahrzehnt ein Bewusstseinswandel eingesetzt hat. Acht von zehn Frauen finden inzwischen, dass Gewalt in der Ehe nicht normal ist. Ein Zehntel aller Hilfesuchenden bei KAMER lässt sich scheiden.

Plötzlich sind die Männer respektvoller

Die Frauen erleben ihre Partnerschaft verändert. Sie berichten, dass ihre Männer anfangen, ihnen mit Respekt zu begegnen. Dabei spielt auch Sexualität eine wichtige Rolle. Nebahat Akkoç findet, dass nicht nur die kulturelle Selbstbestimmung, sondern auch die sexuelle ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer friedlichen Gesellschaft ist. Nur eine friedliche Ehe bringt friedliche Kinder hervor, selbstbewusste Töchter und Söhne, die gemeinsam eine friedliche Gesellschaft bilden.

Also erklärte sie den Frauen, was die Klitoris ist, und wie der Orgasmus funktioniert. Sie bat berühmte Fernsehprofessoren, nach Diyarbakir zu kommen und Vorträge zu halten. So kam es, dass auch die hartnäckigsten Ehemänner, die zunächst alles versuchten, um die Emanzipation ihrer Frau zu verhindern, zu eifrigen Befürwortern werden. Es soll vorkommen, dass Männer ihre Frauen an den nächsten KAMER-Termin erinnern und ermuntern, ja wieder hinzugehen und schön aufzupassen. Denn von einer befreiten Klitoris profitieren bekanntlich immer zwei Menschen.

Man sitzt im Han und schaut die zufrieden vor sich hin lächelnden Herren an, die ihr Haupt in traditionelles Tuch in leuchtendem Lila gewickelt haben und fragt sich: Ist das ein nichts ahnender Gast oder ein Unterstützer der feministischen Bewegung, hier im tiefsten Osten der Türkei?

 

Der Artikel erschein bereits am 18. Juli 2013 in der Serie "Türkische Tage" auf Zeit Online.


Buchtipp:
Feminismus im Ausnahmezustand (OHAL’DE FEMİNİZM)
Nebahat Akkoç Erzählt (Nebahat Akkoç Anlatıyor)
Von Ceren Belge
Verlag: Ayizi Kitap
2012, 240 Seiten


Veranstaltungshinweis:
Der Anne-Klein-Frauenpreis 2015 wird bei einem Festakt am Abend des 6. März 2015 in Berlin überreicht. Die Laudatio hält die Schauspielerin Sibel Kekilli.

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