Die Symbolisierung der ukrainischen Vergangenheit: Stepan Bandera und die UPA

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Das Rathaus wurde zum Haupquartier des Euromaidan - mit einem Porträt von Stepan Bandera über dem Eingang. Urheber/in: Spoilt Exile. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Stepan Bandera war ein führender Kopf der ukrainischen nationalistischen Bewegung und bis in die fünfziger Jahre Symbol des Kampfes gegen die Sowjetmacht. Auch während der Maidan-Proteste spielte er eine wichtige Rolle.

Stepan Bandera (1. Januar 1909 – 15. September 1959) war ein führender Kopf der ukrainischen nationalistischen Bewegung in den dreißiger bis fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts (der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), der radikale Aktionen für die Lösung der Frage der ukrainischen Unabhängigkeit befürwortete. Bereits als junger Mann organisierte Stepan Bandera mehrere Terroranschläge (der bekannteste davon war die Ermordung des polnischen Innenministers Bronisław Pieracki am 15. Juni 1934). Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, kam jedoch mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges frei. Im Februar 1940 stellte er sich an die Spitze des „revolutionären Flügels“ der OUN, der später nach seinem Anführer als „Bandera-Flügel“ bezeichnet wurde. Nach dem missglückten Versuch, in Lwow einen ukrainischen Staat auszurufen, wurde er am 30. Juni 1941 verhaftet und bis Dezember 1944 im Nazi-Konzentrationslager Sachsenhausen gefangen gehalten. Im Dezember 1944 lehnte er die ihm angebotene Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland ab. Stepan Bandera wurde durch den sowjetischen Agenten Bogdan Staschinski in München ermordet.

Der von Bandera angeführte OUN-Flügel hatte bereits 1942 versucht, eine von den Nazis unabhängige Armee für den Kampf für einen ukrainischen Staat aufzustellen. Ende des Jahres entstand die Ukrainische Aufständische Armee (UPA); ihre ersten Kämpfe führte diese Partisanenarmee gegen deutsche Truppen und die Polnische Heimatarmee. Hervorzuheben ist die Beteiligung der UPA am Holocaust und an Massakern an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien, bislang eine von den ukrainischen Nationalisten nur ungern und ambivalent eingestandene Tatsache. Die UPA wurde von Roman Schuchewitsch (gefallen 1950) befehligt, einem ehemaligen Offizier des ukrainischen SS-Bataillons „Nachtigall“, der gleichzeitig auch der eigentliche Anführer der nationalistischen Partisanenbewegung war. Die wichtigsten Ereignisse des Widerstands und des Kampfes der UPA betreffen den Kampf gegen die sowjetischen Truppen und die Sowjetmacht in der Westukraine im Zeitraum von 1944 bis 1954.

Die „Bandera-Bewegung“ ist durch mehrere wichtige Besonderheiten gekennzeichnet: Ungeachtet der gesamtukrainischen Parolen und der Versuche, die Bewegung auf das Gebiet der sogenannten „Groß-Ukraine“ auszuweiten, stellen die ukrainischen Territorien, die bis September 1939 zur Zweiten Polnischen Republik gehörten, den eigentlichen Aktionsbereich der UPA dar, was sie zu einer eher regionalen Erscheinung macht. Die Mannschaften dieser Armee rekrutierten sich überwiegend aus jungen Männern im Alter von 18 bis 22 Jahren, die eine ganz besondere Neigung zu revolutionären Aktionen und zur Nationalromantik besaßen. Darüber hinaus stammte die Mehrheit der UPA-Kämpfer aus der Bauernschaft.

Stepan Bandera wurde bereits zu Lebzeiten zu einem Symbol des Kampfes insbesondere gegen die Sowjetmacht. Die breite, in einigen Gebieten massenhafte Unterstützung der Ukrainischen Aufständischen Armee ließ im Nachhinein, und zwar mit der Westukraine als Ausgangspunkt, das Bild einer „ungehorsamen“ nationalistischen Region entstehen, deren Bevölkerung man auch zu Sowjetzeiten umgangssprachlich als die „Banderas“ und die Region selbst scherzhaft als „Banderstadt“ bezeichnete.

Dominanz einer nationalistischen Geschichtsbetrachtung

Die USA und Westeuropa sympathisierten mit dem Kampf der UPA gegen das Sowjetsystem, insbesondere während des Kalten Krieges. John Armstrong, der sich als einer der Ersten mit dem ukrainischen Nationalismus befasste, machte 1955 keinen Hehl aus seiner Sympathie für diese Erscheinung. Er verglich den ukrainischen integralen Nationalismus mit den Aktivitäten der französischen Rechten, wobei er aber auf direkte Analogien zu faschistischen Bewegungen verzichtete. Diese Herangehensweise etablierte sich für einen überaus langen Zeitraum.

Die Sowjetpropaganda brandmarkte die sogenannten „banderowzy“ als „Nazikollaborateure“ und „Verräter am ukrainischen Volk“. Es war allerdings nicht möglich, diesen ukrainischen nationalistischen Partisanenkampf totzuschweigen. Die ukrainischen Sowjetschriftsteller beschrieben zwar im Geist des Sowjetkanon das „Partisanenunwesen“ („partisanschtschina“) und die „westlichen“ Spione, aber den eigentlichen Beitrag, häufig von ambivalenten Eindrücken über die Nationalisten durchsetzt, leistete der ukrainische Film. Hierbei folgte der ukrainische Film dem ersten bekannten sowjetischen Streifen über den nationalistischen Widerstand in Litauen – „Niemand wollte sterben“ («Никто не хотел умирать», 1965, Regie: Vytautas Žalakevičius). 1970 entstand Juri Iljenkos Film „Der weiße Vogel mit dem schwarzen Fleck“ («Белая птица с черной отметиной») über die widersprüchlichen Ereignisse und den Kampf der UPA in der Bukowina, 1980 erschien „Der hohe Pass“ («Высокий перевал», Regie: Wladimir Denissenko) über den Kampf der OUN in Transkarpatien. Aber bis 1989 stand die Geschichte des nationalistischen Kampfes in der Sowjetunion unter einer Art von Verbot und unter dem Druck der Propaganda.

Die Veränderung des politischen Klimas und die Glasnost nach 1985 führen das Thema des nationalistischen Kampfes gegen die Sowjetmacht auf eine neue Stufe. Es wird zum Leitthema der Beschreibung der ukrainischen Geschichte im 20. Jahrhundert, das über den regionalen Rahmen hinauswächst. 1990 wurde in Banderas Geburtsort Ugrinow (Landkreis Kalusch, Gebiet Iwano-Frankowsk) ein Stepan-Bandera-Denkmal errichtet. In der Westukraine wurden die Denkmäler der Sowjetführer niedergerissen und neue errichtet – für den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko sowie für nationalistische Führungspersönlichkeiten, insbesondere Stepan Bandera. Dieser Prozess setzt sich – mit unterschiedlicher Intensität – bis in die Gegenwart fort.

Der ukrainische Film reagiert auf die gesellschaftliche Nachfrage – Anfang der neunziger Jahre erscheinen einige Streifen über den mutigen Kampf der ukrainischen Nationalisten, allerdings mit Nuancen zu den Besonderheiten der ukrainischen Geschichte: „Kirschnächte“ («Вишневые ночи»), „Der letzte Bunker“ («Последний бункер»), „Wir starben ohne das Geläut von Glocken“ («Нам не звонили в колокола, когда мы погибали»). Die Ausrufung der ukrainischen Unabhängigkeit bewirkte die Dominanz einer nationalistischen Geschichtsbetrachtung, der Kampf der UPA verwandelte sich in einen Teil des Kampfes um die ukrainische Unabhängigkeit, was sich auch in den Geschichtslehrbüchern niederschlug.

Aber die postsowjetische ukrainische Gesellschaft bewahrte unterschiedliche regionale Erinnerungen an die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges. Die Schwäche der ukrainischen Geschichtsschreibung und des ukrainischen Medienmarkts, die Eigenarten der staatlichen Politik, der Zerfall und Niedergang der Filmindustrie als Ergebnis der Wirtschaftskrise während der Übergangszeit, insbesondere aber die Schwäche der Öffentlichkeit und der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit haben dazu geführt, dass die ukrainische öffentliche Meinung für Propaganda und propagandistische Klischees sehr anfällig geworden und solchen auch ausgesetzt ist, besonders aus Russland, das versucht, seine imperiale Macht zu erhalten.

Die Zeit der Präsidentschaft von Leonid Kutschma (1994 – 2004) ist die Zeit des großen Lavierens zwischen Erinnerungsproblemen und Geschichtspolitik, die Zeit der ambivalenten Konstrukte und des Totschweigens einzelner Kapitel der Geschichte. In der größten Stadt der Ostukraine, in Charkow, wurde eine U-Bahnstation nach dem Sowjetmarschall Georgi Schukow benannt, während sich gleichzeitig in einem zentralen Stadtpark ein Gedenkstein für die UPA befand (ein Treffpunkt von Nationalisten und Nachfahren von UPA-Kämpfern). Bis 2003 oder 2004 rief dieses Nebeneinander keine Widersprüche hervor. Das ukrainische liberale und demokratische Lager hatte die OUN und der UPA als Kämpfer für die Freiheit der Ukraine anerkannt.

„Held der Ukraine“

Eine offizielle Bestätigung der Stellung der UPA-Kämpfer erfolgte jedoch nicht, obwohl einige Abgeordnetengruppen versucht hatten, die UPA als kriegführende Partei im Zweiten Weltkrieg anerkennen und die UPA-Veteranen den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges gleichstellen zu lassen. Diese Vorhaben blieben erfolglos, aber auf regionaler Ebene – in den westukrainischen Gebieten – erfolgte eine solche Anerkennung und Gleichstellung, die auch finanzielle Leistungen aus den Gebietshaushalten umfasste. In den Jahren 1996 und 1997 wurden sowohl eine Parlaments- als auch eine Regierungskommission zur Befassung mit den Aktivitäten der OUN und der UPA eingesetzt. Gleichzeitig entstanden, von der ukrainischen Diaspora gefördert, mehrere Spielfilme – „Das Attentat“ («Атентат» (1995)), „Der Unbeugsame“ («Непокоренный» (2000)) und „Die eiserne Hundertschaft“ («Железная сотня» (2004)), die zur Heroisierung der UPA beitrugen.

Das Wichtigste aber besteht darin – und die russische Propaganda hat das dann auch zu nutzen gewusst –, dass viele Ukrainer das Bild des ukrainischen nationalistischen Kämpfers mit dem Bild des Kämpfers für die ukrainische Staatlichkeit, für die Demokratisierung der Gesellschaft, gegen Korruption und Bürokratie gleichgesetzt hatten, obwohl der Kampf gegen Kutschmas Autokratie und Janukowitschs Diktatur von vollkommen anderer Natur war und von anderen Kräften angetrieben wurde als die Partisanenbewegung im Zweiten Weltkrieg.

Die Verschärfung der Situation um die ukrainische Vergangenheit steht mit der politischen Konfrontation und der orangefarbenen Revolution von 2004 im Zusammenhang. Wiktor Janukowitsch, der Kandidat der Macht, machte keinen besonderen Hehl aus seiner sowjetischen Geschichtssicht und erhielt eine enorme propagandistische Unterstützung aus Russland, das versuchte, die Ukraine regional aufzuteilen. Der überwiegende Teil der west- und zentralukrainischen Bevölkerung unterstützte Wiktor Juschtschenko, der offen mit dem Kampf der OUN sympathisierte, was sofort ausgenutzt wurde, um Spannungen zu schüren und die Anhänger des „orangefarbenen Maidan“ als Faschisten zu brandmarken. Die „Ambivalenz“ der Kutschma-Zeit verschwand. Wiktor Juschtschenko begann, die sowjetischen Ansichten zu bekämpfen, wobei er die Erfahrungen der postsozialistischen zentraleuropäischen Länder zu nutzen versuchte. Das misslang, weil der Boden hierfür nicht bereit war; außerdem beging er enorme institutionelle Fehler in der Propaganda und Geschichtspolitik.

Durch Beschluss einer Regierungskommission aus der vorhergehenden Präsidentschaft waren die OUN und die UPA als kriegführende Partei und Bestandteil des Kampfes für die Unabhängigkeit anerkannt worden. Die gegenwärtige ukrainische Unabhängigkeit wurde als zwangsläufige Folge der Aktivitäten der OUN und der UPA dargestellt. Zu den wichtigen geschichtspolitischen Schritten von Juschtschenko und seiner Mannschaft zählten der Wiederaufbau von Baturin, der Hauptstadt von Hetman Masepa, eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber dem Holodomor (1933) und dessen staatliche Anerkennung als Völkermord. Im Mai 2006 wurde das staatliche Institut für nationales Gedenken gegründet, zu dessen Zielen unter anderem die Aussöhnung zwischen den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges und der OUN gehörte. Am 12. Oktober 2007 wurde dem Befehlshaber der UPA Roman Schuchewitsch posthum der Titel „Held der Ukraine“ verliehen.

In Juschtschenkos Zeit fallen auch die verstärkte Errichtung von Denkmälern für OUN-Aktivisten sowie die Entstehung von eindrucksvollen Werken über die ukrainische Vergangenheit und den Kampf der UPA („Das Museum der vergessenen Geheimnisse“ der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko). Seit dem 1. Januar 2007 veranstalten die ukrainischen Nationalisten anlässlich des Geburtstags von Stepan Bandera einen Fackelzug in Kiew; der 14. Oktober (Mariä Schutz und Fürbitte) wird als Tag der Aufstellung der UPA begangen. Die ukrainischen Fußballfans haben Bandera zu einem ihrer Symbole gemacht. Schlussendlich passierte 2008 Folgendes: der Fernsehsender „Inter“ führte eine Umfrage über die für die Ukrainer wichtigste historische Persönlichkeit durch. Das Auszählungsergebnis wurde gefälscht, und so kam nicht Jaroslaw der Weise auf Platz 1, sondern Stepan Bandera (ursprünglich Platz 3), wobei soziologische Umfragen zeigen, dass nur circa 15 Prozent der Ukrainer ihn positiv bewerten. Der widersprüchlichste Schritt von Wiktor Juschtschenko bestand jedoch in der Verleihung des Titels „Held der Ukraine“ an Stepan Bandera, und zwar am 28. Januar 2010 – unmittelbar nach seiner erschütternden Niederlage in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen. Dieser Schritt löste ernste internationale Reaktionen aus, weil die OUN an Massakern an der polnischen Zivilbevölkerung beteiligt war. Am 22. Februar 2010 verurteilte das Europäische Parlament die Kollaboration der OUN mit den Nazis und auch diesen Schritt des ehemaligen ukrainischen Präsidenten.

Zeitgleich fand in der Geschichtsschreibung, insbesondere der westlichen, eine umfassende Neubewertung der OUN statt. Der ukrainische integrale Nationalismus war faschismusnah (ein für das damalige Europa eher zwangsläufiger Umstand). Die ukrainischen Nationalisten haben sich sowohl als Helfershelfer der Nazis als auch selbstständig an der Vernichtung der polnischen und jüdischen Zivilbevölkerung beteiligt. Per Rudling, John-Paul Himka, Franziska Bruder und zahlreiche andere Geschichtswissenschaftler haben die Abhängigkeit des ukrainischen Nationalismus von den wichtigen rechten Strömungen aufgezeigt und auf die unangenehmen Kapitel der ukrainischen Geschichte hingewiesen. Diese Fragen haben im Westen kontroverse Diskussionen ausgelöst, die in den Gegenerklärungen des ukrainischen „nationalistischen“ Exils am deutlichsten zum Ausdruck kamen.

In dem Zeitraum zwischen dem Präsidentenwechsel in 2010 und dem Anfang des Jahres 2014 spielte Bandera als wichtigstes Symbol des neuen politischen Kampfes eine besondere Rolle. Die Regierung von Nikolai Asarow (Premierminister von der Partei des Präsidenten) war unfähig, sich den aktuellen Problemen der Ukraine oder der Vergangenheit zu stellen. Zum Minister für Wissenschaft und Bildung wurde Dmitri Tabatschnik ernannt, ein odioser und prorussisch eingestellter Politiker, dessen Verachtung für die Einwohner der Westukraine bekannt war. Die Passagen über den Kampf und die Helden der UPA wurden aus den Lehrbüchern entfernt; die Gerichte in Donezk (der Heimat von Präsident Wiktor Janukowitsch) entzogen Schuchewitsch und Bandera den Titel „Held der Ukraine“; das Institut für nationales Gedenken erhielt eine neue Rechtsstellung und eine neue Führung und verwandelte sich in eine halbmarginale Organisation beim Ministerkabinett. Das Wichtigste aber war, dass der ukrainische Nationalismus und Stepan Bandera zum Symbol des Kampfes gegen den offen prorussischen und in seinen Reformen ausgesprochen ungeschickten Präsidenten wurden. Als Beispiel hierfür kann dieser weitverbreitete Vierzeiler in russischer Sprache dienen:

Prinzipien und Geschmäcker haben sich verändert,
Die alten Barrieren sind nicht mehr.
Je länger Janukowitsch an der Macht ist,
Desto mehr liebe ich Bandera.

Diese Stimmungen verstärkten sich enorm, wie der Einzug der nationalistischen Partei „Swoboda“ in das Parlament und ihre überwältigenden Siege in den westukrainischen Gebieten in 2010 zeigen. Bei den bekannten Ereignissen auf dem Maidan waren tatsächlich die rot-schwarzen Fahnen der OUN zu sehen und sehr oft auch Bandera-Parolen zu hören. Das Paradoxe an dieser Situation jedoch bestand darin, dass das alles nur ein Element des Kampfes gegen Janukowitsch war, ein in vielerlei Hinsicht notwendiges Element, aber eben kein bestimmendes. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in 2014, bei denen die Nationalisten nur wenige Prozente und eine dementsprechend geringe Anzahl von Sitzen im ukrainischen Parlament erzielten, haben das sehr deutlich gezeigt. Kaum dass die Gefahr für die ukrainische Staatlichkeit und einer Entscheidung für Europa vorbei war, stimmte der Wähler nicht mehr für die Nationalisten. Gleichzeitig schuf die russische Propaganda ein sehr beeindruckendes ideologisches Bild der „Rückkehr des Faschismus“ in die Ukraine.

Mythologische Appelle an die Vergangenheit

Die Geschichtspolitik der neuen Ukraine kehrt zweifellos in die Juschtschenko-Zeit zurück. Am 25. März 2014 wurde die Rechtsstellung des Instituts für nationales Gedenken wiederhergestellt, sein neuer Direktor ist der junge Aktivist Wladimir Wjatrowitsch. Am 25. September 2014 versprach Präsident Poroschenko, die Anerkennung der UPA als kriegführende Partei zu unterstützen, während das alte Parlament nicht einmal in der Lage war, diese Frage am 14. Oktober 2014 (den der Präsident in seinem Erlass zum Tag der Streitkräfte bestimmt hatte) auf die Tagesordnung zu setzen. Trotz Propaganda und Gegenpropaganda ist festzuhalten, dass die Antworten auf die schwierigen Fragen der Vergangenheit, insbesondere in Bezug auf den Holocaust und die Vernichtung der polnischen Bevölkerung sowie die Bewertung der OUN, in erster Linie ein Problem der ukrainischen Gesellschaft und für den Geschichtswissenschaftler ein heißes Pflaster sind.

Der Propaganda wohnt ein wichtiger Umstand inne – sie wendet sich an die Vergangenheit und versucht, eine „Rückkehr“ (Wiedergeburt oder Auferstehung) heraufzubeschwören, während wir es mit vollkommen neuen Ideologemen und Methoden des politischen Kampfes zu tun haben. Die Ereignisse in der Ukraine während des Zeitraums vom Ende 2013 bis Anfang 2014 sind Bestandteil eines Kampfes um die Zukunft, wie es alle revolutionären Ereignisse sind, aber selbstverständlich mit einem mythologischen Appell an die Vergangenheit, an die Geschichte des Kampfes – das ist der Grund für die Popularität der Geschichte der Kosakenaufstände, der Atamane aus den Anfängen der Sowjetzeit oder der OUN. Um revolutionäre Ereignisse in Verruf zu bringen – und weil man ihre weitere Entwicklung fürchtet –, werden diese geschichtlichen Appelle als Klischees für die Beschreibung eines vollkommen andersgearteten Prozesses verwendet.

Die russische Propaganda beschwört gerne das Bild einer „faschistischen“ Ukraine, einer „Bandera-Ukraine“ herauf. Das eigentliche Problem aber liegt darin, dass mit der Zeit zahlreiche Politiker versuchen, die auf diese Art und Weise entstandenen Bilder zu unterstützen. Popularität und steigender Einfluss der nationalistischen Rhetorik in der Ukraine sind unter Kriegsbedingungen unausweichlich (ein Freiwilligen-Bataillon, das bei Donezk kämpft, hat sich den Namen „OUN“ gegeben). Und: Wenn seit bestimmten Ereignissen ein Jahr vergangen ist, dann weiß der Geschichtswissenschaftler, der sich nach der Konjunktur richtet, wie die schwierige Vergangenheit beschrieben werden muss.

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Kommentare

Leider haben sie "vergessen" die grausame Morde der OUN-UPA nähe zu erwähnen. In Tradition dieser Morde kämpfen auch Bandera-Anhänger in Donbass-Region. Der folgende Link ist aus ukrainischen Quellen und hat das Recht auf Objektivität.
http://politiko.ua/blogpost52514

@ Michael, vergleichen Sie nicht die Geschichtlichen ereignisse mit den heutigen.
Was die Russen(sowiet) in der Vergangenheit eingerichtet haben ist noch schlimmer. Es wird heute nur der Gedanke verträten von Unabhängiger Ukraine, die nicht an Russen verkauft wird.

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