Wirtschaft ist Care

Wirtschaft ist Care

oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen
von
Ina Praetorius
Heinrich-Böll-Stiftung
Kostenlos
Veröffentlichungsort: Berlin
Veröffentlichungsdatum: Februar 2015
Seitenanzahl: 88
Lizenz: CC-BY-NC-ND

Die Ökonomie ist zu einer Art Leitwissenschaft geworden, aus der viele Menschen ihre Anschauungen über "normal" und "richtig" beziehen, über den Wert von Beziehungen und Tätigkeiten. Doch ausgerechnet diejenigen Maßnahmen zur Bedürfnisbefriedigung, die immer noch von viel mehr Frauen als Männern gratis in so genannten Privatsphären geleistet werden, kommen in der Wirtschaftswissenschaft gar nicht oder nur verzerrt am Rande vor. Welche Folgen hat diese Auslassung?

Zur Beantwortung dieser Frage unternimmt die Theologin Ina Praetorius in ihrem Essay "Wirtschaft ist Care" eine Reise durch die Ideengeschichte des Abendlandes und zeigt die tiefe Verwurzelung einer ungerechten, zweigeteilten Ordnung in unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsorganisation.

 

Am 23.2.2016 stellte Ina Praetorius ihren Essay in der Weiberwirtschaft Berlin vor. Einen Mitschnitt der Veranstaltung finden Sie hier.
 
Die italienische Version L'economia è cura. La riscoperta dell'ovvio können Sie hier herunter laden.

 

Inhaltsverzeichnis: 

Vorwort

Einleitung

1 Die Dichotomisierung der Menschheit. Ein Gang durch "eine" Geschichte

  • 1.1 Die Frage nach den Anfängen
  • 1.2 Xanthippe und Sokrates: Jenseits beginnt das Leben?
  • 1.3 Geist und Körper, "Polis" und "Oikos", Herr und Sklavin, Mensch und Tier: Die aristotelische Metaphysik
  • 1.4 Der Herrgott und das schweigende Weib: Die patriarchalen Monotheismen
  • 1.5 Menschenwürde und bleibende Vormundschaft: Die europäische Teilaufklärung
  • 1.6 Arbeit und Liebe, Geschlechts- und Volkscharaktere: Das 19. Jahrhundert
  • 1.7 Eine zweigeteilte Ökonomie
  • 1.8 Die Natur selbst als Grenze und die Frage nach dem Sinn
  • 1.9 Noch ein Dualismus: Säkularismus und Sinnfrage
  • 1.10 Postdualistische Anfänge und der Rücktransport der Sinnfrage in den öffentlichen Raum
  • 1.11 Ökonomie und Ökologie

2 Separatismen, Integrationen und Verweigerung

  • 2.1 Das (gewollt) Komplizierte vereinfachen: Schematische Reduzierungen
  • 2.2 Separatistische Umkehrungen: Matriarchat – Wildnis – Négritude…
  • 2.3 Integrationen: Gleichstellung – Förderprogramme – Monetarisierung
  • 2.4 Verweigerung: Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung

3 Aus dem postdichotomen Durcheinander in ein anderes Paradigma

  • 3.1 Durcheinander und Paradigmenwechsel
  • 3.2 Die notwendige Re-Zentrierung der Ökonomie
  • 3.3 Care als Kritik der normalen Ökonomie
  • 3.4 Vom engen zum weiten Care-Begriff oder: Ökonomie ist Care
  • 3.5 Die politische Bedeutung eines Paradigmenwechsels in der Ökonomie

4 Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen: Eine offene Liste

  • 4.1 Die Arbeit am Symbolischen
  • 4.2 Social Media
  • 4.3 Halbinseln gegen den Strom
  • 4.4 Ökologische Sozialpolitik
  • 4.5 Abschied vom Nebenwiderspruch
  • 4.6 Dreckarbeit: Eine Spurensuche
  • 4.7 Das Denken der Geburtlichkeit
  • 4.8 Das "Andere" dazwischen: Postdichotome Rekonstruktion des Religiösen
  • 4.9 Sumak Kawsay und Gross National Happiness
  • 4.10 Von der Menschenwürde zur Würde der Kreatur
  • 4.11 Queer Ecology
  • 4.12 Care-Revolution

Weitergehen

Literatur

Kommentare

Ich möchte mit weiteren

Ich möchte mit weiteren Menschen ein Experiment wagen, in dem die Mit-Macher/innen eine andere Kultur leben, sich gegenseitig auf ausgleichende und gegnseitig fördernde Weise ver- oder besser umsorgen und besorgen. In dem Lebens-Experiment möchte ich zudem 'global-freundlicher' leben, also ohne negative Nebenwirkungen (auch an anderen Orten der Welt) und auch 'Enkel-freundlich' also mit wesentlich kleinerem 'ökologischen Fußabdruck'. Dazu suche ich Menschen, die dies ebenso wünschen um mit diesen eine 'Zukunftswerkstatt' (nach Robert Jungk) zu machen und zu planen was wann wie wo geht, was dazu gebraucht wird und wie alles materielle wie auch alles Wissen und Techniken, wie auch Technik und Technologien (Moderation, Mediation, Organisations-Formen, Kommunikations-Formen, Transparenz schaffende und Beteiligung erleichternde ..., klare aber niederschwellige und durchlässige Hirarchien, Verantwortlichkeiten statt Besitz und Herrschaft,..) eben eine neue, 'global-freundliche' Kultur, Wirtschaft, Verteilung,.. Wer sich dafür interessiert melde sich bitte bei mir: Roy in Lychen :)

Warum wird Haushaltführen und

Warum wird Haushaltführen und Kindergrossziehen nicht als Arbeit angesehen und entsprechend entlohnt. Darum geht es in dem Essey "Wirtschaft is Care" von Ina Prätorius.
Sie erklärt, wie die "Zweiteilung" (Dichotomisierung) der Menschheit begründet und wie damit die Aufteilung in Hauswirtschaft (weibliche, natürliche Arbeit) und Lohnarbeit (männliche, wertvollere Arbeit) gerechtfertigt wird. Diese Begründung und Rechtfertigung, so führt sie aus, erkläre, warum Hauswirtschaft nachwievor als "gratis" zu erbringende Leistung angesehen wird.
Meiner Meinung nach vergisst sie dabei, dass das Aufteilen der Leistungen für den gemeinschaftlichen Unterhalt der Sippe / Familie, des Clans und der Gesellschaft aus der Notwendigkeit der Arbeitsteilung heraus entstanden ist. Die körperlichen Fähigkeiten (Statur / Kraft / Schnelligkeit) und die zeitliche Verfügbarkeit dieser (Schwangerschaft / Stillzeit) führten zur Arbeitsteilung. Die von Ina Prätorius angeführten Erklährungen diehnen nur der Festigung der entstandenen Rollen und damit dem "Machterhalt" des sich für höher haltenden Teils der Gesellschaft.
Ich bin der Ansicht, dass der Aspekt Arbeitsteilung auch heute noch eine tragende Rolle in der unserer Gesellschaft spielt. Ina Prätorius prangert die Selbstverständlichkeit an, mit der das "gratis" erbrachte Haushaltführen und Kindergrossziehen in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Sie übersieht dabei, dass diese Leistungen nicht gratis erbracht werden. Ein Dach überm Kopf, Essen und Kleidung zu haben sind Gegenleistungen. Dies ist zu wenig, verglichen mit den Gehältern vieler anderer, weniger leistenden. Aber es ist nicht gratis. Da spielt der Aspekt Arbeitsteilung hinein. Die Schreinerin, die Tag ein Tag aus Möbel herstellt und verkauft, könnte dies nicht in dem Masse tun, müsste sie sich um Hasuhalt und Kinder kümmern. Da hilft ihr Mann und übernimmt dies. Sie teilen sich die Arbeit um der Familie Auskommen und Lebensqualität zu sichern.
Das klingt ungewohnt. Entstand die Arbeitsteilung aus der Diskrepanz bei körperlichen Fähigkeiten (Statur / Kraft / Schnelligkeit) und zeitlicher Verfügbarkeit dieser (Schwangerschaft / Stillzeit), so sind diese Faktoren heute nicht mehr so tragend.
Ina Prätorius führt im Kapitel 4 eine Liste von Ideen an, deren Umsetzung dazu führen kann, dass auch das Haushaltführen und Kindergrossziehen, sie weitet dies aus auf alle Serviceleitungen, die ähnlich angesiedelt sind (Krankenpflege, Müllentsorgung, Reinigung ...), den erbrachten Leistungen gemäss honoriert werden und dass das Ansehen dieser Tätigkeiten in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert erhält. Ich bin davon überzeugt, dass auch das Bewusstsein darum, dass diese Arbeitsteilung (heute durchaus mit umgekehrten Vorzeichen) wichtig und gut ist, einen Beitrag dazu leistet.

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