Urban Commons

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Commons in der Stadt: Der urbane Annalinde Gemeinschaftsgarten in Leipzig. Urheber/in: Jakob Ottilinger. All rights reserved.

Die grundlegende Idee der Commons ist die Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Gestaltung der sozialen und physischen Umwelt. Doch wie kann dieses Konzept für die Stadtplanung genutzt werden?

Wie kommen die Commons in die Stadt?

Der Lebensraum Stadt ist komplex und konzentriert ökonomische und politische Mächte sowie das Bestreben einen fairen Anteil an Ressourcen, Arbeit, Wohnraum und Selbstbestimmung - oder einfach Lebensqualität - zu erlangen oder zu erhalten. Es braucht Wissen, Zeit und andere Ressourcen, um sich dort als Individuum „richtig“ zu steuern, lebensraumbezogene Bedürfnisse zu befriedigen und die eigenen Rechte zu vertreten oder zu wahren. Es liegt somit nahe, die Verantwortung an die Politik und indirekt an Behörden abzugeben und zu hoffen, dass diese ihre Arbeit im Sinne des Individuums wie auch der Allgemeinheit tun werden, und somit die eigenen Investitionen an Zeit und Geld zu minimieren. Frustrierend und problematisch wird dieses Verhalten erst, wenn der erhoffte Ertrag ausbleibt, Ressourcen und Rechte beschnitten werden und die eigenen Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können. Je nach Kontext und persönlicher Veranlagung kann es dann zu Ohnmächtigkeitsgefühlen, Frustration, Aggressionen führen oder aber zu sozialer Vereinigung und Kooperation. Urban Gardening auf Brachen, die Initiativen vom Tempelhofer Feld oder dem Gleisdreieck Park sowie der Berliner Energietisch sind nur einige Ausdrucksformen dieser Bestrebungen, die zunehmend in das öffentliche Bewusstsein und die Medien gelangen. Die grundlegende Idee des Commoning (Idee der Allmende) ist dem hingegen schon sehr alt.

Commoning in Städten bietet eine kooperative Möglichkeit, die vernachlässigten Bedürfnisse zu befriedigen und den eigenen physischen und sozialen Lebensraum selbst zu gestalten. Viele der theoretischen Arbeiten, die sich mit Commons beschäftigen, nennen übereinstimmend folgende drei Aspekte als grundlegend für Commoning:

  • die Ressource (materiell/physisch und immateriell/sozial)
  • die Institution (das Praktizieren und die sozialen Beziehungen: Commoning)
  • die Gemeinschaft (Community der Commoners).

Für alle, die diesen Weg des Commoning wählen, stellen sich folgende Fragen: 1) Was ist die Ressource, die es zu erhalten, aufzubauen und zu nutzen gilt?, 2) Wie wird die Aufrechterhaltung, der Ausbau, die Nutzung und Verwaltung dieser Ressource organisiert? und 3) Wer gehört zu der Gemeinschaft der Commoners, die daran teilhaben? Alle drei Fragen berühren das Thema Begrenzung, Grenzsetzung und Ausgrenzung, wobei der selbstbestimmte Charakter dieser Grenzen zu betonen ist. Diese Grenzen unterliegen einem stetigen Aushandlungsprozess aller involvierten Personen und Gemeinschaften. Das Commoning als Institution reflektiert folglich die ausgehandelten Regeln und Grenzen sowie die Möglichkeiten und Wege, diese zu ändern. Die Ressourcen (die Commons selbst) können auf unterschiedlichen Dimensionen und in unterschiedlichen Qualitäten verstanden werden. So kann die urbane Ressource als der Bürgersteig vor dem Haus (small-scale), der Gemeinschaftsgarten oder auch als die ganze Stadt (large-scale) oder Gesellschaft, inklusive der sozialen Strukturen, betrachtet werden.

Commons sind keine natürliche Gegebenheit. Als solche existieren sie nicht jenseits menschlichen Bewusstseins, sozialer Konzepte, Regulierung und entsprechender Organisation. Das heißt: Commons sind herstellbar, aufrechtzuerhalten oder auflösbar.

Commons brauchen Regeln

Commons-Ressourcen entstehen erst durch Commoning; dadurch, dass sie als solche wahrgenommen und behandelt werden. Geschieht dies nicht, so öffnet dies die Türen für eine Privatisierung der Ressource und die Privilegierung einiger auf Kosten der Allgemeinheit. Doch selbst wenn eine Ressource als Commons betrachtet wird, bestehen, insbesondere bei large-scale-Commons, schwierige Herausforderungen, die es zu lösen gilt. Zum einen treten die bekannten sozialen Dilemmata auf, z.B. zwischen den individuellen kurzfristigen und dem langfristigen Wohlergehen der Gemeinschaft abzuwägen. Auch dem Missbrauch von Gemeinschaften, dem sozialen Trittbrettfahren, ist vorzubeugen. Zum anderen, kommen bei größeren Gruppen weitere hinderliche Effekte zum Tragen.

Forschungsergebnisse der Sozialpsychologie zeigten, dass:

  • bei Gruppen mit mehr als ca.150 Mitgliedern man nicht mehr alle persönlich kennen, stabile Beziehungen aufbauen und den Gruppenzusammenhalt aufrechterhalten kann, sodass ein gemeinsames Ziel erreicht wird;
  • mit zunehmender Mitgliederzahl in Gruppen die Kooperationsbereitschaft, das gegenseitige Vertrauen, das Zusammengehörigkeitsempfinden und die wahrgenommene Selbstwirksamkeit sinken;
  • mit zunehmender Mitgliederzahl die nur einmaligen Kontakte zwischen den Mitgliedern, die Anonymität, die Verantwortungsdiffusion, die Kommunikationsprobleme und die Zahlen der egoistischen oder selbstbezogenen Entscheidungen steigen.

Es ist daher nötig, entsprechende Regeln für ein gelungenes Commoning zu bestimmen. Für Small-scale-Commons gibt es schon diverse Anhaltspunkte. Inwiefern diese als universal zu betrachten und auch für Large-scale-Commons anwendbar sind, muss noch erforscht werden.

Kann man die Idee der Commons für die Stadtplanung nutzen?

Die grundlegende Idee der Commons ist die Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Gestaltung der sozialen und physischen Umwelt, um eine nachhaltige Befriedigung der individuellen und gemeinschaftlichen Bedürfnisse zu erreichen. Die Prozesse sind bottom-up gesteuert. Sie zielen auf die Entwicklung von individuellen und gesellschaftlichen Werten und Normen. Stadtbewohner/innen als Commoners würden sich folglich zusammenschließen, um ein bestimmtes Gebiet der Stadt oder eine andere Ressource zu gestalten.

Überträgt man diesen Ansatz auf die aktuelle Stadtplanung, stößt man folglich an Grenzen. Da es beim Commoning nicht nur um Partizipation, sondern auch um die Prozessgestaltung geht, ist es zu klären, inwieweit die bestehenden Institutionen der Stadtplanung diesen Ansatz umsetzen können. Es ginge beispielsweise darum, ein bottom-up initiiertes Projekt zu begleiten, ein echtes Aushandeln von Lösungen zu ermöglichen, umfassend zu informieren, eine Ergebnisoffenheit im Prozess zu gewährleisten und Stadtbewohner/innen zu befähigen, Planung zu verstehen und darin mitwirken zu können (Empowerment). Insbesondere müssten aber auch die Regeln der Vorgehensweise im gesamten Prozess gemeinsam erarbeitet werden. Die Frage „Wer hat das Recht auf Bestimmung und Verfügung von unterschiedlichen urbanen, gemeinschaftlichen, öffentlichen oder privatisierten Ressourcen?“ ist in diesem Zusammenhang ebenfalls essentiell.

Die reine Betitelung von Projekten als „Commons“ oder „Commoning“ in der Stadtplanung (man könnte das auch „Common-Washing“ nennen) macht diese nicht zu Commons. Bestimmt beispielsweise eine beauftragte Behörde alleine, was im Interesse der Allgemeinheit ist/sein sollte, ohne dass diese selbst an einer Entscheidung mitwirken kann, so wird es in der Regel als Bevormundung wahrgenommen.

Commons und Commoners scheinen auch im bestehenden politischen System eine Kraft zu besitzen, die den top-down-orientierten Stadtplanungsprozessen entgegen wirken und somit Einfluss nehmen kann. Sie können als Antagonist/innen autoritärer politischer Strukturen Partizipation und Mitbestimmung einfordern, auch wenn sie es nicht schaffen oder kein Interesse daran haben, den gesamten Prozess in die eigenen Hände zu nehmen. Sie haben sowohl das Potential, die Stadtplanungsprozesse zu bereichern, als auch eine bedürfnisorientierte Stadtplanung voranzutreiben. Dieser Ansatz birgt allerdings die Gefahr, dass Commons als billige (unentgeltliche) und bereichernde Kraft im Sinne der bestehenden Verhältnisse instrumentalisiert werden. Es bleibt daher zu bedenken, in wieweit Commons nicht nur in die existierenden Strukturen eingegliedert werden, sondern über diese hinausgehen könnten – sofern man das möchte.

Betrachtet man ganze Städte oder gar urbane Netzwerke als Commons, so ergeben sich noch weitere Fragen, wie zum Beispiel: Kann man von der Betrachtung der Small-scale-Commons etwas über Large-scale-Commons wie z.B. Städte und Common-based Gesellschaftsordnungen lernen? Für welche Ressourcen eignet sich das Commoning und für welche nicht? Welche Institutionen, Normen und Werte ermöglichen ein nachhaltiges Large-scale-Commoning?
 

Dieser Beitrag basiert auf den grundlegenden Ideen des Buches URBAN COMMONS: Dellenbough, M., Kip, M., Bieniok, M., Müller, A. & Schwegmann, M. (2015) URBAN COMMONS, Birkhäuser Verlag: Basel.

 

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