Der Maskenmann

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Der Maskenmann

Michel Foucault. Foto: © Jerry Bauer / SV

Das Unbehagen des Archivars

von Jan Engelmann
Am 25. Juni vor 25 Jahren starb Michel Foucault. Der Philosoph betrieb eine Gegenwartskritik mit historischen Mitteln und wurde zu einem der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Das Internet erlebte er nicht mehr. Was hätte er wohl zum Strukturwandel der Medienöffentlichkeit gesagt? Welche Machtkritik hätte er gegen Google und Wikipedia gerichtet? Eine Spekulation.

Von Jan Engelmann

Foucault pflegte zeit seines Lebens einen äußerst ambivalenten Umgang mit den Massenmedien. Zwar war er gelegentlich selbst als Journalist in Erscheinung getreten, hatte für den Corriere della sera den Iran bereist und die Gründung von Libération aktiv unterstützt. Aber ungeachtet seiner Stellung als öffentlicher Intellektueller und der damit verbundenen Häufung von Interviewwünschen seitens der Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen, zog er die Ruhe der Pariser Nationalbibliothek oder des Lesesaals von Saulchoir entschieden dem Lärm einer mediatisierten Öffentlichkeit vor.

Nicht, dass er sich verweigert hätte. Wie wir durch die postume Publikation seiner verstreuten Gespräche und Schriften (Dits et Écrits) heute wissen, war sein Wirkungskreis nicht gerade klein und die Zahl der Abnehmer beträchtlich. Allein die allzu rasche Zirkulation von Themen, die schlechterdings nur „Meinungseffekte“ bewirken könne, bereitete ihm, dem ernsthaften Gelehrten, großes Unbehagen. Dazu kam eine gewisse Frustration über die Veröffentlichungspolitik der großen Verlagshäuser: „Offenkundig existiert heute keinerlei Publikationstyp mehr, der eine wirklich kritische Funktion übernehmen könnte.“ Zu Beginn der achtziger Jahre, als Foucault diese bittere Feststellung traf, träumte er deshalb von der Gründung eines eigenen Verlags. Zu der Realisierung dieses Projekts kam es, neben so vielem anderen, bekanntlich nicht mehr.

Die Art und Weise, wie Foucault sich an der ihn umgebenden Medienlandschaft abarbeitete, sie einerseits für seine Zwecke nutzte und andererseits zu unterlaufen suchte, gipfelte 1980 in jenem berühmt gewordenen Gespräch Der maskierte Philosoph, in dem Foucault als Anonymus auftritt, in der Hoffnung, vorschnellen Urteilen zu entgehen und, gleichsam unverstellt und unmittelbar, „Gehör zu finden“. Ein Maskenspiel, das trotz seiner vordergründigen Koketterie auch dazu dienen sollte, die eigene theoretische Position zu markieren: Foucault fasste Identität als „Unterschied der Masken“ auf, keinesfalls als unhintergehbare Essenz und weit davon entfernt, „wiedererlangter Ursprung zu sein“.

Nicht zuletzt war er mit der Beweisführung angetreten, dass der Mensch eine historisch kontingente Erfindung seiner selbst darstelle und eines Tages ebenso verschwinden könne „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“. Das Authentizitätsbegehren und die Zuschreibungen, die sich an die Person eines Autors heften, beantwortete Foucault maliziös mit Beckett: „Wen kümmert’s, wer spricht?“ Die Maske, die zugleich verhüllt und ein Begehren nach Entbergen stiftet, schien ihm Sinnbild der eigenen Arbeit zu sein.

Noch etwas anderes aber bezweckte Foucault mit diesem Gespräch. Er nutzte es als Forum, um eine Kritik an der institutionellen Struktur der Massenmedien einzulagern: „Woran leidet man? Am Zuwenig: ungenügende, quasi-monopolisierte, kurze, enge Kanäle. Es geht nicht darum, eine protektionistische Haltung einzunehmen, um zu verhindern, dass die ‚schlechte‘ Information durchkommt und die ‚gute‘ erstickt. Man müsste eher die Hin- und Her-Wege und -Möglichkeiten vermehren.“ Zwar sollte Foucault die weltweite Popularisierung des Internet nicht mehr erleben, doch was sich hier sprach, als anonyme Rede, war bereits die Forderung nach vernetzten Kommunikationsstrukturen und mehr Rückkanälen, wie sie der mediale Strukturwandel der Öffentlichkeit bald mit sich bringen sollte.

Diese Forderung schien umso konsequenter, als Foucault seinen Blick auf die Unterdrückung des freien Rauschens des Diskurses, die gesellschaftlichen Ausschlusspraktiken und damit einhergehende Strategien der Verknappung (auch und gerade ab der Aufklärungsepoche) gerichtet hatte. Diese Themen hatte er zum Angelpunkt seines Schaffens in den siebziger Jahren gemacht. Seine programmatische Kehre, weg von der rein institutionellen Ebene der Machtanalytik, leitete er in Die Ordnung des Diskurses folgendermaßen ein: „Ich setze voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“

Fast zwangsläufig muss uns Foucault heute als Kronzeuge jener Fortschrittseuphoriker gelten, die das digitale Netz der Netze als ein Nebeneinander unzähliger kommunikativer Ströme, als partizipatorischen und demokratischen Raum begrüßten. Doch gerade dieses Vertrauen in den Vorsprung durch Technik ist er schuldig geblieben.

Graben ohne Gestell

Stattdessen müsste man eher sagen, Foucault pflegte zeit seines Lebens einen äußerst selektiven Umgang mit vor allem den technischen Medien. Der „neue Archivar“ (Gilles Deleuze), der da in die Stadt, nach Lille, Uppsala, Hamburg, Tunis, Berkeley, Warschau und Paris berufen wurde, war ein Archivar klassischen Zuschnitts. Als selbsternannter Ethnograph der eigenen Gesellschaft interessierte sich Foucault zuvorderst für ältere Texte, für Bücher oder Bilder, die das Laufen noch nicht gelernt hatten – die alten Speichermedien der darstellenden Künste. Zwar war ihm das Kino als idealtypischer heterotoper Raum erschienen – als „Ort außerhalb aller Orte“, der durch Phantasmen bevölkert wird –, doch hatte dies für die eigenen Arbeiten kaum Konsequenzen.

In letzter Konsequenz führten ihn seine wissenstheoretischen Vorgaben dazu, dass er sich nicht nur von der subjektphilosophischen Vorstellung des Autors, des Autorenfilmers etc. freimachen, sondern auch Dokumente aus ihren Bedeutungszusammenhängen, Interpretationen und Definitionsmächten „herausschälen“ musste. So forderte er angesichts kultureller Artefakte, „bis auf den Grund der Mine“ zu schürfen, „um nicht mehr alles, worüber man reflektieren wollte, fix und fertig aus den Händen der Historiker in Empfang nehmen [zu müssen]“. Für die nachträgliche Monumentarisierung von Menschen und Kulturprodukten, wie sie vor allem die Massenmedien betreiben und zu denen sie einladen, entzog er deshalb seine Mitarbeit.

Ein zweites Moment, das sich aus seinen theoretischen Setzungen ergab, machte für Foucault den Blick auf seinen unmittelbaren medialen Kontext schwierig. Die Beschreibung des eigenen Archivs konnte in dem Maße nicht gelingen, in dem man voraussetzte, dass man immer schon innerhalb von dessen Regeln sprach. Der Wissensarchäologe schürfte nur das, „was uns außerhalb von uns begrenzt“. Real werden, vor seine Augen treten konnte nur das bereits Gesagte, le déja dit, das in seiner Gesamtheit das historische Apriori bildet. Die gesellschaftliche Wirklichkeit, die Produktion von „Wahrheit“ unterlag in dieser Perspektive vorgängigen Einflussgrößen, eingespielten Regeln, die als non-diskursive Strukturen jedoch nicht dem Bereich der Medien angehörten. Zwar hatte sich für Foucault ein technologisches Verständnis von Wahrheit etabliert; seit dem 19. Jahrhundert standen jene chemischen und elektrischen Instrumente zur Verfügung, die Wahrheitsproduktion experimentell durchführbar, wiederholbar und für jedermann nachweisbar machten. Aber dieses Bewusstsein von den externen Einflussgrößen, die an unseren Gedanken, unserer Erkenntnis mitarbeiten, führte ihn nicht etwa dazu, ein technisches Apriori in seine Wissensarchäologie einzuführen. Im Gegenteil, Foucault, der Datensammler, blendete diesen Punkt so hartnäckig aus, dass man fast von einem blinden Fleck zu sprechen geneigt ist.s

Street Art in Lyon. Foto: Biphop/ Creative Commons

Von Daten und Disziplinen

Foucault interessiert sich also für die gesellschaftlichen Praktiken, die Kommunikationsregeln etablieren. Er untersucht Einstellungen und Verfahren (so genannte Dispositive), die ganz bestimmte Wahrnehmungsbedingungen schaffen und damit Aussagensysteme ermöglichen bzw. verunmöglichen. Aber warum ist Foucaults Dispositiv ein eher unfassliches, gleichsam virtuelles Phänomen, das zwar reale Wirkungen auf Diskurse zeitigt, aber nicht in seiner ästhetischen Form bzw. stofflichen Materialität beschrieben wird? Warum einerseits der Fokus auf die nicht-beliebige Form der Datenverknüpfung, andererseits aber die Nichtbeachtung von bestimmten Datenträgern? Sicher, Foucault konnte als ein „kultureller“ Softwareexperte gelten, wies er doch mit seinen Untersuchungen der Psychiatrie oder der Klinik auf die Gesetze dessen hin, was gesagt, gedacht oder gesehen werden kann.

Dagegen war die mediale Ordnung der Dinge durch die Hardware, durch Buchdeckel, Druckerwalzen, Zelluloid, Transistoren, Röhren, Frequenzen etc. seine Sache nicht. Bis auf den kurzen Aufsatz Message ou bruit?, der den ärztlichen Blick mit der Signalentschlüsselung in der Informationsverarbeitung vergleicht, sowie den im Œuvre verstreuten Analysen des malerischen Umgangs mit den Vorgaben der Leinwandfläche (Velázquez, Manet, Fromanger) versagt er sich systematische Betrachtungen zu materialistischen Aspekten der Medienanalyse.

Stattdessen zeichnet Foucault mit der Genealogie, die das methodische Komplement der Archäologie bildet, die materialen Grundlagen von Machtprozessen nach. Und dabei hängt das „Aufschreibesystem“ (Friedrich Kittler), also die formativen Denkvoraussetzungen einer Epoche, direkt mit jenen politischen Eingriffen zusammen, die Foucault erst als Disziplinarmacht, später als Bevölkerungsregulierung und Kunst der Lenkung untersuchen wird. Diese Eingriffe zielen nicht mehr ab auf die Unterdrückung oder Auslöschung von Körpern, sondern sind konstitutiv für unsere Wahrnehmung und Wissensordnung.

In Überwachen und Strafen, seiner großen Studie über die Geburt des Gefängnisses, schreibt er: „Die Prüfung stellt die Individuen in ein Feld der Überwachung und steckt sie gleichzeitig in ein Netz des Schreibens und der Schrift; sie überhäuft sie und erfasst sie und fixiert sie mit einer Unmasse von Dokumenten. Von Anfang an waren die Prüfungsverfahren an ein System der Registrierung und Speicherung von Unterlagen angeschlossen.“

Diese Aufzeichnungstechniken des Machtapparats, die im 18. Jahrhundert das bürgerliche Individuum als Datenmaterial „festschreiben“, begründen das moderne System des Strafvollzugs und angeschlossener Wissenssysteme wie Psychologie, Soziologie, Kriminalistik etc. Zugleich wird mit Jeremy Benthams architektonischem Modell jene panoptische Struktur erprobt, die eine zentrale Beobachtung sämtlicher Eingeschlossener erlaubt. Man kommt nicht umhin, hier auch an die düstere mediale Utopie eines George Orwell zu denken, dessen emblematischer Buchttitel Nineteen Eighty-Four übrigens mit Foucaults Todesjahr, dessen Geburtstag wiederum mit Foucaults Todestag übereinstimmt.

Unsere digitale Ära hält freilich technische Innovationen bereit, die wesentlich perfekter, als sich Foucault (nicht Orwell) dies vorstellen konnte, ein mediales Körper-„environment“ erzeugen, das subtilste Formen der Kontrolle möglich macht. Der panoptische Blick wird inzwischen durch vernetzte IT-Systeme ausgeübt, die durch ihre Fähigkeit zur Vorratsdatenspeicherung und schnellen Informationsverarbeitung z.B. für Rasterfahndungen in idealer Weise dazu geeignet sind, die Maschen der Macht enger zu knüpfen. Die Kunst der Lenkung obliegt nun nicht mehr Menschen sondern Maschinen. Im öffentlichen Raum verteilte Videoleinwände, Monitore und Überwachungskameras führen heute zu einem Überwachungs-„surrounding“, wobei längst zwischen einem passiven, d.h. beobachtbaren und aktiven, d.h. beobachtenden Modus hin- und hergeschaltet werden kann. Auf diese Technologieförmigkeit der Macht hatte Foucault oftmals hingewiesen, in einem Gespräch mit Gerard Raulet erklärte er: „Wenn ich die Rationalität von Herrschaft untersuche, versuche ich Schaltungen darzustellen.“

Soziale Signale, andere Räume

Foucault ist der erste Philosoph, der die Metapher des Netzes auffallend häufig verwendet. Heute ist sie aus dem begrifflichen Repertoire der Gegenwartsdiagnose nicht mehr wegzudenken. Ob nun kleine geile Firmen, Fußballmannschaften mit „automatisierten Abläufen“ oder twitternde Freundeskreise – sie alle denken sich heutzutage als flexible Netzwerke und bestätigen dabei die kulturelle Leitidee, dass jedes Subjekt sich nicht mehr als souveräner König, sondern nur noch als Knotenpunkt inmitten von geschalteten Energieflüssen fühlen darf. Das World Wide Web als enthierarchisiert gedachter Medienverbund ist rückblickend auch zu verstehen als die technische Ausprägung eines spätmodernen Denkens, das offensiv auf Entgrenzung und Verflüssigung abzielte, aber schon bald entsprechende Orientierungshilfen (Netscape Navigator, Internet Explorer, Google Earth) benötigte.

Bereits 1966 sah Foucault eine „Epoche des Simultanen“ hinaufziehen, ohne auch nur ahnen zu können, wie sehr sich sein Theorem der anderen Räume einmal für die Beschreibung des wichtigsten globalen Konvergenzmediums am Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert eignen würde: „Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes, sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.“ In seiner Skizze der Heterotopien – gewissermaßen räumliche Enklaven und Durchgangsorte, die sich jede Kultur schafft – zählt Foucault die Bibliotheken und Museen zu den besonders eigentümlichen Orten, weil mit ihnen die Hoffnung auf eine umfassende Verfügungsmacht über kulturelles Wissen verbunden ist:

„Die Idee, alles zu sammeln und damit gleichsam die Zeit anzuhalten oder sie vielmehr bis ins Unendliche in einem besonderen Raum zu deponieren; die Idee, das allgemeine Archiv einer Kultur zu schaffen; der Wunsch, alle Zeiten, alle Epochen, alle Formen und Geschmacksrichtungen an einem Ort einzuschließen; die Idee, einen Raum aller Zeiten zu schaffen, als könnte dieser Raum selbst endgültig außerhalb der Zeit stehen, diese Idee ist ein ganz und gar moderner Gedanke.“

Dieses Streben nach einer totalen Verfügungsmacht fand im Internet seine bislang kongenialste technologische Form. Ein globaler Nicht-Ort entstand, dessen gerechnete Simulacren (Chaträume, Atavare, Second Life) eine ganz eigene Aufenthaltsqualität mit sich brachten. Doch wurde und wird das massive Zugriffsversprechen des Internet, wie immer in medialen Umbruchssituationen, nicht etwa nur als ein sozialer Fortschritt erlebt. Im Gegenteil bestehen vielfach begründete Vorbehalte, die Umsteuerung auf einen großen Wissensnavigator könne zu Einbußen an anderer Stelle führen. Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als das Internet sich durch die ersten Web-Browser allmählich zu einem Massenmedium neuen Typs mauserte, waren es zunächst die Untiefen seiner „Informationsflut“, die kulturkritische Affekte hervorriefen. Der Hegemonialkampf von Suchmaschinen wie AltaVista, Lycos oder Yahoo machte für jedermann deutlich, dass nun vermehrt Logarithmen an die Stelle archivarischer Systematisierungsleistungen treten würden, um dem „Wuchern der Diskurse“ zu begegnen.

Die Warnung vor der technologischen und marktstrategischen hidden agenda wurde zum Credo einer Netzkritik, die sich über mangelnde Anstöße – das Vordrängen der globalen brands mit internetbasierten Business-Modellen, die Etablierung von Data-Mining-Methoden für das Sammeln von Kundenkontakten, die Verengung der Kommunikationswege auf die Übermittlung von Werbebotschaften – wahrlich nicht beklagen konnte. In der kurzen Ära der New Economy erschien das Internet vielen Menschen eher als ein Sammelbecken für windige Geschäftemacher denn als Mega-Bibliothek und vermeinlich egalitäre Austauschplattform.

Marionette Michel Foucault. Foto: NotLiz /Creative Commons

Wege zum Wissen

Spätestens seit der Gründung der Online-Enzyklopädie Wikipedia im Jahr 2001 lässt sich von einer zweiten Phase der Netzkultur sprechen, die unter dem schon etwas strapazierten Stichwort Web 2.0 die Möglichkeiten gesteigerter Interaktion und kollaborativer Wertschöpfung verhandelt. Wikpedia gehört nach nur wenigen Jahren ihrer Existenz bereits zu jenen zentralen Instanzen, mit dem unsere Gesellschaft ihre „allgemeine Politik der Wahrheit“ (Foucault) ausrichtet. Doch gerade in der Analyse ihrer genauen Funktionsweise wird deutlich, dass mit der gemeinsamen Erstellung und Redigatur von Texten keineswegs ein basisdemokratisches Paradies erreicht worden ist.

Die Grundidee der Wiki-Software ist das freie Spiel einer kollektiven Intelligenz. Menschen mit unterschiedlicher Expertise sind arbeitsteilig mit dem Aufbau und der Pflege der Online-Enzyklopädie betraut. Dabei können sie anonym Lexikoneinträge anlegen, punktuelle Veränderungen in bereits existierenden Texten vornehmen und in Diskussionsforen über die Gültigkeit der darin niedergelegten Argumente und Fakten streiten. Die einsehbaren Editierungsschritte und Kommentare ermöglichen eine hohe Transparenz bei der Redaktion. Eine solche „Weisheit der Menge“, wie sie der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales proklamiert, löst sich von den Funktionen einer personalen Autorschaft und setzt durch kollektive Mechanismen einer ständigen Plausibilitätsprüfung einen permanenten „Kampf um den Status der Wahrheit“ (Foucault) in Gang.

Anlässe, an den Ergebnissen eines solchen Open-Content-Systems zu zweifeln, gibt es reichlich: Scherzkekse bauen abstruse Fehler in wissenschaftliche Abhandlungen, eitle Gemüter verändern biografische Angaben zu ihren Gunsten, Firmen schmuggeln ungeniert Eigenwerbung in Artikel ein. Diese Fälle geben zwar immer neue Nahrung für das Bashing stümperhafter Einträge, ziehen die Anziehungskraft des Projekts aber nicht grundsätzlich in Zweifel. Schwerer wiegen da die internen Klagen, wonach weniger die inhaltliche Kompetenz, als vielmehr die Hartnäckigkeit und das soziale Prestige eines Autors bei der Diskussion von Texten zum Tragen kämen. Wie Christian Pentzold unter Zuhilfenahme der Foucault`schen Diskursanalyse gezeigt hat, sind die beteiligten Akteure eigentlich permanent in Statuskämpfe und dynamische Konflikte um Deutungsmacht verstrickt. So werde deutlich, „dass in den Wissenskonstitutionsprozessen eines Wikipedia-Artikels diskursive Regime wirksam sind, mittels derer zum einen Aussagen auf ihre Plausibilität und Akzeptabilität hin überprüft, angenommen oder verworfen und zum anderen die äußernden Subjekte bestätigt, diszipliniert und gegebenenfalls ausgeschlossen werden.“

Nun sind diese individuellen Machtspiele innerhalb eines Diskursensembles sicherlich verkraftbar, wenn man die Alternative bedenkt: eine Monopolisierung des Weltwissens. Eben diese Gefahr sehen viele Kritiker derzeit angesichts der aggressiven Geschäftsstrategie von Google. Das amerikanische Unternehmen, das seinen Erfolg auf die Programmierung einer äußerst effektiven Internet-Suchmaschine begründete und später den gesamten Globus mittels Satellitenbilder kartografierte, hat 2004 mit der Digitalisierung der Bestände aus amerikanischen Forschungsbibliotheken begonnen. 2006 hat man sich zudem mit YouTube das größte visuelle Archiv der Gegenwart einverleibt. In den GoogleNews auf der Startseite des Internet-Portals werden die Inhalte externer Anbieter gebündelt, wodurch das Google als eigenständige Nachrichtenagentur wahrgenommen wird.

In der Selbstbeschreibung des Unternehmens heißt es treuherzig: „Das Ziel von Google besteht darin, die auf der Welt vorhandenen Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen.“ Das dies alles nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern mit dokumentierbaren Klickrates und Online-Werbebannern passiert, bleibt freilich unerwähnt. Was wäre eigentlich, so mahnen Kritiker, wenn diese Verfügungsgewalt über eine unvorstellbare Menge an Informationen zu einer Zentralisierung öffentlicher Güter führte, die nicht mehr umzukehren ist? Für Foucaults Vorstellung eines ständig vorwärts drängenden Macht-Wissens ist der Fall Google sicherlich der beste Beleg, der sich aktuell finden lässt.

Instanzen der Informationsverarbeitung

Neben der Gefahr einer Wissensverknappung bzw. Monopolisierung gibt es derzeit auch die begründete Sorge, die Verfahren der digitalen Wissensgenerierung, -speicherung und -distribution könnten zu einem Verlust eingeübter Kulturtechniken führen. Foucault hat die Verwirrung, die ein neues Medium in einem bestehenden Wissensregime anrichtet, einmal sehr konkret benannt: Die „Freiheit der Übertragung, der Verschiebung, der Transformationen, der Ähnlichkeiten und des Anscheins, der Reproduktion, der Verdopplung und der Fälschung“ war zwar auf die aufkommende Fotografie zwischen 1860 und 1880 gemünzt, passt aber genauso gut zu den Irritationen, welche die digitale Kultur mit ihrer Feier der freien Kopie gegenwärtig heraufbeschwört. Beim Streit um das Urheberrecht in einer zunehmend von getauschten Immaterialgütern geprägten Welt gerät auch ein emphatischer Begriff von Autorschaft zunehmend unter Druck: Wen kümmert’s, wer spricht? Mit der zunehmenden Indifferenz gegenüber Quellenangaben, so unlängst Heinz Bude, könne man leben, solange damit „das kindische Phantasma der geistigen Selbstgeburt“ ad acta gelegt werde. Nicht verabschieden dürfe man sich indes von der Autorschaft als orientierender sozialer Rolle. Gleichsam mit Foucault und gegen Foucault warnt Bude deshalb vor einer schleichenden Erosion des droit d’auteur:

„Der Name des Autors markiert eine ganz bestimmte Stelle in der Welt: die Stelle, an der aus dem Meer der Informationen eine Insel des Wissens entstanden ist. Kein absolutes Wissen, das sich auf mysteriöse Weise selbst weiß, sondern ein endliches, bezügliches und bewegliches Wissen, das an ein Ich gebunden ist, das auf eine ganz bestimmte, nicht so einfach reproduzierbare und schon gar nicht ersetzbare Weise Stellung genommen hat zur Welt. Der Autor macht sich durch seine Bewertungen angreifbar, aber genau dadurch beglaubigt er Wissen.“

Wird Google also dem Autor jenen Todesstoß versetzen, den der Poststrukturalismus nur wortreich andeutete? Charakteristisch für den inkonsequenten, aber „glücklichen“ Positivisten Foucault ist die Tatsache, dass er es bei einem Fatalismus der Macht niemals belässt. So betont er stets die unaufhörliche Dynamik von gegenläufigen Impulsen, die „negative Mechanismen der Verknappung“ in Gang setzen. In diesem Kontext ist vielleicht der semantische Internetsuchdienst EyePlorer (Motto: Explore and Process Knowledge!) zu sehen, der Google zwar keine ernsthafte Konkurrenz machen will, aber deutlich gegen dessen rein mathematische Abfragelogik opponiert. Beim Eyeplorer (einer „Wissenswerkbank“, wie die deutschen Entwickler très allemand sagen) werden die Suchergebnisse in heterogenen Asssoziationsfeldern, also einer kontingenten Kartographie des Netzes, dargestellt. Es ist aber nicht nur die Repräsentation von Informationen, die hier anders ist als bei landläufigen Search Engines. Vor allem wird darauf vertraut, dass die Nutzer dieser assoziierenden Maschine Bedeutung allererst herstellen, indem sie Informationen sammeln, kontextualisieren und dadurch gemeinsam Wissen generieren. Für den klassischen Bibliothekar, der die Begriffe systematisch in Hierarchien bringt, werden sich also neue Einsatzfelder finden.

Foto: duncan/ Creative Commons

Sorge dich nicht, blogge!

Der „Foucault Effect“ (so der Titel eines amerikanischen Sammelbandes) besteht nicht zuletzt darin, dass viele seiner theoretischen Werkzeuge nicht nur für die Analyse vergangener Zeitläufe, sondern auch für eine kritische Gegenwartsdiagnostik und (zuweilen) grelle Blitze der Prophetie taugen. So lebte man spätestens seit den achtziger Jahren in den fremdartigen und darum anziehenden Begriffen, als wären es passgenaue Kleider eines nicht enden wollenden Retro-Chics.

Ganz besonders verhält es sich so bei den „Technologien des Selbst“, die das Spätwerk Foucaults bestimmen. Man könnte diesen Begriff als zu kalt und abstrakt empfinden; er ist aber von einer geradezu unheimlichen Prägekraft für einen spätmodernen Alltag, der ohne technisch vermittelte Wahrnehmungsformen, mediale Sinnangebote und entsprechende Subjektivierungspraxen nicht mehr auskommt. Foucault freilich war über das Interesse an antiken Verhaltenslehren und – so unterstellt sein Biograph James Miller – den sexuellen Grenzerfahrungen in der schwulen Community Kaliforniens zum Subjekt zurückgekehrt. Zudem musste er auf die Kritik reagieren, die ihm die politischen Theoretiker linker wie rechter Provenienz ständig unter die Nase rieben: Sein Machtbegriff oszilliere unklar zwischen Gewalt und Herrschaft, im Übrigen fehle es an einer Staatstheorie, die sinnvoll zwischen Regierenden und Regierten unterscheiden ließe.

Die Lösung hieß, schwierig genug, Gouvernementalité. Unter dieses hässliche Kunstwort fasste Foucault nicht nur ein administratives Verständnis von Regierungskunst, sondern auch sämtliche geistigen und pädagogischen Dimensionen, die damit verbunden sind. Anhand des aufkommenden Neoliberalismus zeigt er, wie dessen ökonomische Rationalität den engen Rahmen der Wirtschaftswelt verlässt und sich tief in die Mentalität der westlichen Gesellschaft einschreibt. Er sollte sich nicht irren: Margret Thatchers Diktum „There is no alternative“ geriet zum Signum einer ganzen Epoche, in welcher der homo oeconomicus vom schieren Lohnempfänger zum flexibilisierten Selbstunternehmer wurde, wobei dessen kreative Freiheiten mit hohen Output-Erwartungen und den Imperativen eines effektiven Selbstmanagements erkauft wurden. Wie diese neue „Kultur des Kapitalismus“ (Richard Sennett) die Herzen und Hirne der Menschen erfasst, das ist bereits 1979 Foucaults Thema.

Das Internet hat, vielleicht mehr, als wir das jetzt schon übersehen können, entgrenzte Lebensweisen und neue Selbstverhältnisse befördert. In der beschleunigten Taktung des digitalen Arbeitslebens, das Multitasking und zeitliche Allverfügbarkeit zu Kernkompetenzen macht, wird eine Kunst der Selbstbeherrschung nötig. Manageriale Heilslehren („Simplify Your Life!) und wohlfeile Tipps zu einer gelungenen Work-Life-Balance können und wollen nicht verhehlen, dass sie das Ausmaß individueller Disziplin zum Gradmesser eines gelungenen Lebens erheben. Waren die antiken Verhaltenslehren, die Foucault in seiner dreibändigen Geschichte der Sexualität untersucht, vor allem auf den Körper bezogen, so muss das neoliberale Subjekt eine psychische Anpassungsleistung an die Belohnungsökonomie des Marktes vollziehen – eine Mentalität der effizienten Selbstführung, die das „Umcodieren der Existenz“ (Foucault) zum Ziel hat.

Nicht nur verschärfen sich die Voraussetzungen, um als spätmodernes Subjekt so etwas wie ökonomische Sicherheit zu erwirtschaften, die gesamte Biografie wird – weil sie permanent beglaubigt werden muss – zur herausfordernden Tätigkeit, ja Arbeit. Die sozialen Netzwerke, die das Web 2.0 in den Nuller Jahren hervorgebracht hat, entsprechen in besonderer Weise dem allgemeinen Bedürfnis, die eigene Persönlichkeit auszustellen und in den Leistungsvergleich mit anderen zu überführen. Portale wie Facebook, Xing oder StudiVZ sind Foren der Selbstpräsentation, die strategische „Netzidentitäten“ und komplexe Inszenierungspraktiken erfordern. Der innere Personalchef sortiert dann die Aspekte, die ich über mich im Netz preisgebe.

Zugleich erweitern die Social Media das disziplinäre Rollenrepertoire, das durch das Privatfernsehen etabliert wurde. Die populäre TV-Beichte, bei der durch inquisitorisches Nachfragen auf dem heißen Stuhl die Zunge gelockert werden muss, wird ergänzt durch eine digitale Intimität, die unentwegt öffentlich bekennt. Nur wer bei Facebook „Freunde“ im vierstelligen Bereich auf sich vereinigen kann, darf sich im Plansoll fühlen. Um auf den „Tauschbörsen von rivalisierenden Aufmerksamkeiten“ (Ramón Reichert) zu reüssieren, bedarf es jedoch besonderer technischer und stilistischer Finessen, die z.T. an den Erfolgsrezepten viralen Marketings orientiert sind. Der mediale Alltag im 21. Jahrhundert erscheint mitunter als lustvoll auferlegter Fulltime-Stress, bei dem man immer mehrere mobile devices und soziale Netzwerke gleichzeitig im Auge haben muss.

Auch die Weblogs – ursprünglich als Online-Tagebücher entstanden – finden ihre Bestimmung zunehmend darin, diskursive Rückkanäle und damit Bedeutung bzw. symbolisches Kapital herzustellen. Mit ihren konstitutiven Merkmalen (Chronologischer Textaufbau, Kommentarfunktion, Blogroll bzw. Linkliste) sind sie in besonderer Weise dazu geeignet, zwischen Usern kommunikative Beziehungen zu stiften. Vielfach wird die neue Kulturtechnik des Bloggens deshalb als eine ekstatische Befreiung erlebt, weil sie die technologische Schwelle für das Online-Publizieren erheblich gesenkt hat. Durch die Track-Backs entstehen komplexe Verweisstrukturen, die die polyzentrische Struktur des Internet erst richtig ausspielen. Im Zuge des explosionsartigen Anwachsens der Blogosphäre sind indes auch die Diskursordnungen und Machtbeziehungen manifest geworden. Es lässt sich beobachten, dass am stärksten auf diejenigen Blogs verlinkt wird, die bereits über eine hohe Anzahl von Inbound Links verfügen. Visuelle Modelle können zeigen, dass die nationalen Blogosphären meist nur wenige Clusterbildungen aufweisen, die Mehrzahl der Blogs also an der jeweiligen Peripherie agiert. Im Zentrum entstehen „Informationskokons“ (Cass Sunstein), deren Akteure sich gegenseitig ihrer eigenen Bedeutung versichern. So ordnen sich Status und Anerkennung im Web 2.0 weiterhin nach Prinzipien, die wir bereits aus der Bibel und dem TV kennen: Wer hat, dem wird gegeben.

Medienmacht und ermergente Demokratie

Die Blogosphäre trägt trotz dieser vorhandenen Asymmetrie ein großes Versprechen in sich: die Vervielfältigung von Kommunikationsplattformen könnte zu einer revitalisierten politischen Öffentlichkeit führen. Unter dem Schlagwort einer „Emergent Democracy“ (Joichi Ito) diskutieren wir heute vehement über die Chancen, die deliberative Orte im Netz bieten. Doch bleibt diese Diskussion, vor allem wenn sie im engen Milieu ein- und derselben Zeitungsredaktion geführt wird, auf eigenartige Weise verbohrt. Während die eine Seite einen „egalitären Relativismus“ im Netz ausmacht und die „Schwarm-Dummheit“ (Jens Jessen) beklagt, spricht die andere Seite vom Internet als einem „Möglichkeitsraum“, wo keinesfalls nur „geistfeindliche Zerstäubungsmacht“ (Gero von Randow) anzutreffen sei.

Für Foucault, der in verschiedensten zivilgesellschaftlichen Initiativen etwa für die Rechte von Psychiatrie-Opfern oder Strafgefangenen eintrat, wäre eine solche multipolare und beschleunigte Öffentlichkeit sicherlich nicht ohne Reiz gewesen. In einem Gespräch mit Gilles Deleuze von 1972 äußert er die Vermutung, die Aufgabe von Intellektuellen bestünde heute darin, „das Netz der institutionellen Information“ anzugreifen. Nicht anderes wird den meisten Bloggern ja von professionellen Journalisten vorgeworfen, die als vermeintliche Hüter einer strukturierten Öffentlichkeit um ihre zukünftige Rolle fürchten.

Es mag nicht verwundern, dass gerade jüngere medienkritische Arbeiten Foucaults Analyse der Disziplinargesellschaft für eine pessimistische Zustandsbeschreibung der medialen Massendemokratie nutzen. Gefesselt im „postspanoptischen Dispositiv“ (Matthias Eckoldt) sitzen die Zuschauer dann in einer Art zweiten Realität fest und bestaunen ihr beschädigtes Leben. Derlei paranoide Fassungen der Medienwelt rekurrieren auf Foucaults manchmal etwas diffus bleibende Vorstellung einer Omnipräsenz der Macht, die ihm bereits 1985 eine deftige Schelte von Jürgen Habermas einbrachte. Mit seiner „kryptonormativen Scheinwissenschaft“ wurde er bald zum Sündenbock der Gesellschaftstheorie, woran man in der Mediendebatte nun trefflich anschließen kann.

Mit dieser falschen Indienstnahme tut man ihm sicherlich keinen Gefallen. Und man unterschlägt geflissentlich, dass die faktischen Ausschließungsprozesse im Internet nicht nur eine soziale, sondern auch eine technische Charakteristik haben, die entsprechend mit technischer Expertise nachgewiesen werden muss. Den Verstoß der „universalen Intellektuellen“ vom Feldherrnhügel der Schriftkultur hatte Foucault weit früher und unbarmherziger vorhergesagt als andere. Seine diskursethischen Pendants in Frankfurt am Main, die stets große Hoffnungen in die Freiheit der Kommunikation setzten, müssen nun den rapiden Bedeutungsverlust der geisteswissenschaftlichen und publizistischen Eliten zur Kenntnis nehmen. Die gedruckten Zeitungen, der wichtigste Austragungsort der bürgerlichen Öffentlichkeit, kämpfen gar schon ums Überleben.

Wie anders dagegen die Perspektiven der nachrückenden, digital sozialisierten Gesellschaft: Deren „reflektierte Amateure“ (Marrtti Koskenniemi) nutzen die gegebenen Netzressourcen, um den analogen Expertenregimes der erstarrten repräsentativen Demokratie zu zeigen, wo der Bartel den Most holt. Ein jugendlicher Überschwang, dem schon bald Gelassenheit der Arrivierten folgen wird. War die klassische bürgerliche Öffentlichkeit weitgehend durch Salons und private Clubs strukturiert, die aus ihren elitären Zutrittsbedingungen keinen Hehl machte, so erleben die digital natives das Internet-Zeitalter als eine Einladung zum lässigem Herumschweifen, Ausprobieren und Kritisieren. Ihre Beteiligungseuphorie in sozialen Netzwerken und Open-Source-Projekten könnte der Schlüssel dafür sein, auch für politische Partizipation neue Wege und Formate zu finden. Eine Analyse der Öffentlichkeit 2.0, die keine Sensibilität für diese neuen Praktiken der Subjektivierung und Politisierung behält, wird deshalb kaum überzeugen.

Auch wenn er vor den technischen Medien des 20. Jahrhunderts Halt machte, ist Foucault nicht nur ein wichtiger Stichwortgeber für die endlose Dynamik von Vermachtung und Freiheitsdrang, auch sein strukturaler Blick auf Ablösungen, Brüche und Diskontinuitäten könnte dabei helfen, ein reflexives Ethos für die digitale Ära zu bewahren. In einer Welt der permanenten Updates und politischen „Nachbesserungen“ ist seine Bereitschaft zur ständigen Korrektur von eigenen Forschungshypothesen sicherlich nicht das schlechteste Vorbild.

Ohne Foucaults mutmaßliche Eignung für eine mediale Analyse der Gegenwart übermäßig strapazieren zu wollen, dürfte aus den bisherigen, äußerst skizzenhaften Ausführungen zumindest deutlich geworden sein, dass seine Fragestellungen im Zusammenhang mit Prozessen der Machtausübung und Wissensgenerierung auf der Ebene der Alltagsempirie eine neue Dringlichkeit erlangt haben. Zwar sind die Anpassungsleistungen im digitalen Zeitalter weitgehend an dafür spezialisierte Soziologen und Kognitionsforscher delegiert worden. Aber auch ohne empirische Fundierung darf man die These wagen, dass der spätmoderne Mensch einem permanent Übenden gleicht, der sich begeistert und von Zweifeln geplagt durch die Zeichenwelten und Verführungen seiner medialen Umwelt tastet. Ob man diesem Zustand nun mit einer „Ethik der Akrobatik“ (Peter Sloterdijk) oder einer „Sorge um sich“ (Michel Foucault) zu begegnen sucht, ist letztlich eine theoriepolitische Wahl. Dabei passen die Maskenmänner der Gegenwartsdiagnose allemal besser in diese Transformationszeit als die Propagandisten eines nicht allzu fernen Glücks, über dessen Verheißungen ohnehin nur retrospektiv zu richten ist.

Jan Engelmann ist Referent für Kunst und Kultur in der Heinrich-Böll-Stiftung.

P.S. Dieser Text ist ein Update des Nachworts zum Foucault-Reader „Botschaften der Macht“ (Deutsche Verlags-Anstalt), der bereits 1999 erschien. Mittlerweile sind in Deutschland drei einschlägige Arbeiten verfügbar, die wesentlich umfassender und besser, als es der Autor vermag, und medientheoretische Fragestellungen anhand und mit Foucault behandeln. Es sind dies Wolfgang Ernsts medienarchäologischer Essay „Das Rumoren der Archive“ (Merve 2002), Tom Holerts Versuch einer politischen Ökonomie des Sichtbaren in „Regieren im Bildraum“ (b_books 2008) sowie Ramón Reicherts soziologische Studie „Amateure im Netz“ (Transcript 2008), die die sozialtechnologischen und alltagskulturellen Konsequenzen des Web 2.0 beschreibt. Im September erscheint außerdem bei Suhrkamp eine neue Foucault-Einführung von René Aguigah, die erstmals auch die Vorlesungen am Collège de France behandeln wird.

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