8. März im Iran: Frauenbewegung, grüner Protest und Kampf gegen Repression

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8. März im Iran: Frauenbewegung, grüner Protest und Kampf gegen Repression

Zwei iranische Frauen mit Victory-Zeichen und grünen Schleifen
Iranische Frauen in der grünen Protestbewegung, Teheran am 17. Juni 2009.
Bild: Hamed Saber. Lizenz: Creative Commons BY 3.0. Original: Picasa.

16. März 2011
Stefan Schaaf
Stefan Schaaf

Der 8. März ist seit 100 Jahren nicht nur der Tag, an dem Frauen ihre Solidarität feiern, sondern auch der Tag, an dem sie gegen weiterhin bestehende Ungleichheit und Ungerechtigkeit protestieren. Auch im Iran wird seit vielen Jahren der 8. März gefeiert. In diesem Jahr riefen die Frauen dort zu einem Tag des Protestes gegen die ungleiche Stellung der Geschlechter auf. Doch Menschenrechte und Frauenrechte werden dort derzeit in kaum je zuvor gekanntem Ausmaß missachtet, die Demokratiebewegung vom Sommer 2009 durch Willkür und Repression unterdrückt.

Darüber diskutierten am diesjährigen internationalen Frauentag die Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin Parastou Forouhar und die Frauenrechtsaktivistin und Autorin Mansoureh Shojaee mit der Journalistin Nasrin Bassiri als Moderatorin. Die in London lebende iranische Frauenrechtlerin Shadi Sadr konnte wegen eines Visaproblems leider nicht der Einladung folgen, aber man kann einen Text von ihr und den Bericht über eine Veranstaltung mit ihr nachlesen.

Mansoureh Shojaee ist im Iran eine bekannte Publizistin, sie lebt derzeit mit der Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung und als Stipendiatin des PEN-Programms „Writer in Exile“ in Deutschland. Sie hat mit Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi das Iranische Frauenmuseum gegründet und war eine der Initiatorinnen der Kampagne für eine Million Unterschriften, mit der eine Abschaffung der frauendiskriminierenden Gesetze im Iran gefordert wurde.

Shojaee zählte eine Reihe von Frauen auf, die aktuell im Iran wegen ihres Kampfes für Gleichheit inhaftiert sind, unter etlichen anderen auch die Anwältin Nasrin Sotudeh und Bahoreh Hedayat. Aber auch die Angst vor Unterdrückung hätte die iranischen Frauen in den vergangenen zwanzig Jahren nicht zum Schweigen gebracht. Eigentlich dauere ihr Kampf schon seit der Ermordung der Dichterin Qorat-al-Ain, die vor 160 Jahren wegen ihres Eintretens für Frauenrechte auf Geheiß des damaligen Königs geköpft wurde.

Ein lange währender Kampf

Die Frauen im Iran sind mit den wesentlichen historischen Wegmarken dieses Kampfes in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent vertraut, auch wenn sie Clara Zetkin vielleicht nur durch Zeichnungen einer iranischen Künstlerin auf YouTube kennengelernt haben. Sie haben auch die Geschichte ihres Kampfes im eigenen Land erforscht und festgehalten. Am 8. März 1921 wurde erstmals der internationale Frauentag im Iran begangen. Nur einen Monat nach dem Sieg der Islamischen Revolution gab es 1980 die erste Demonstration gegen den Zwang zur Verschleierung. Am 8. März 2000 wurde erstmals nach 20 Jahren in Teheran der Frauentag öffentlich gefeiert. In den Jahren 2009 und 2010 war die „Grüne Konvergenz der iranischen Frauenbewegung“ die bestimmende Kraft am 8. März. Inzwischen können die iranischen Frauenaktivistinnen, so Shojaee in poetischen Worten, nur „in der Diaspora heimisch sein, mit dem Herz in heimischer Erde, aber dem Fuß auf entlegenen Wegen“. Im Iran selbst seien es vor allem die „Mütter in Trauer“, die an die Opfer der Repression, ihre vom Regime ermordeten Söhne und Töchter, erinnern. „Wir haben gekämpft, doch nicht mit Gewalt, sondern mit den Mitteln der Kultur und Zivilisation“, sagte sie. Sie entwarf das Bild einer Tafel, die gedeckt sei für die inhaftierten Frauen aus vielen Ländern und Epochen und natürlich für die, die aktuell in Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien oder Jemen für Freiheit und Gleichberechtigung streiten.

Gedenken an zwei politische Morde

Parastou Forouhar ist in Teheran geboren und lebt seit 1991 in Deutschland. Viele ihrer künstlerischen Arbeiten, die auf zahlreichen Ausstellungen gezeigt wurden, sind auch auf ihrer Webseite zu sehen. Ihre Werke nehmen immer wieder Bezug auf die Ermordung ihrer Eltern Parwaneh und Dariush Forouhar im Herbst 1998 in Teheran. Jedes Jahr reiste sie seither in den Iran, um dort eine Gedenkveranstaltung für ihre Eltern zu organisieren. Als sie im Dezember 2009 nach Deutschland zurückfliegen wollte, nahmen ihr Agenten des Geheimdienstes am Flughafen in Teheran den Pass ab. Erst nach mehrwöchigen Schikanen erhielt sie ihn zurück und durfte wieder ausreisen.

Die aktuelle Situation im Iran sei sehr brisant, und es gebe große Hoffnungen und Ziele, aber auch viele Fragen, die im Dialog geklärt werden müssten. Sie beschrieb die Rolle ihrer Kunst bei den Bemühungen, der Brutalität des Regimes entgegenzuwirken. Man müsse den Menschen verdeutlichen, dass Gewalt nicht legitim sei, dass die Menschenrechte Respekt verdienten. Dies sei eine Aufgabe für die Erziehung und Kultur. Sie beschrieb eine beispielhafte Performance des iranischen Künstlers Amir Mobet, der sich selbst zur Zielscheibe machte und auf den Teilnehmer der Performance mit unschädlichen, aber Schmerz verursachenden Geschossen schießen konnten. Viele Besucher der Galerie hätten es tatsächlich getan, ihnen fehlte also die Hemmschwelle vor solch aggressivem Umgang mit anderen Menschen. Erst nach einiger Zeit habe jemand das Gewehr unschädlich gemacht und eine Diskussion vom Zaun gebrochen. Viele hätten gesagt, ihnen sei nicht klar gewesen, dass sie eine Wahl gehabt hätten.

Frauen in der grünen Protestbewegung

Welche Bedeutung hat die Frauenbewegung in der gesamten grünen iranischen Oppositionsbewegung? Diese Frage wird schon lange debattiert, und es gibt bisher keine eindeutige Antwort. Auch die beiden Rednerinnen dieses Abends waren unterschiedlicher Ansicht. Forouhar sagte, die Frauenbewegung sei nicht von der grünen Protestbewegung verschluckt worden, sondern diese sei viel zu gewaltig, groß und unerwartet gewesen. Wegen der kontinuierlichen Unterdrückung habe es keine tragenden Organisationsstrukturen gegeben, in denen sich Ziele und Inhalte hätten aushandeln lassen. Dies hätte nicht nur die Frauen, sondern auch Studenten oder Gewerkschaften getroffen. Die grüne Bewegung sei „ein Ventil für alle Unzufriedenheiten“ gewesen.

Mansoureh Shojaee sagte, wenn man als Bewegung eine Organisationsform mit einem Unterbau und klaren Zielen versteht, so werde deutlich, dass vor allem die Frauen ein Vorbild für die anderen Bestandteile der grünen Bewegung waren. Sie hatten schon vor Jahrzehnten um ihr Wahlrecht gekämpft, jetzt kämpften sie um bürgerliche Rechte wie die Anerkennung ihres Votums bei der Präsidentenwahl. Mit ihrer farbenfrohen Kleidung hätten sie sich bewusst und erkennbar als Frauen an den Demonstrationen beteiligt und die Atmosphäre der Strenge und des Schweigens gebrochen. Und sie seien in den zurückliegenden Jahren erfolgreich gewesen: NGOs für Frauen durften gegründet werden, der Entwurf des Familiengesetzes sei abgelehnt worden, und es gab eine Debatte über das Erbrecht und über Gewalt in den Familien.

Parastou Forouhar war nicht ganz einverstanden. Protestiert hätten vor allem emanzipierte Frauen in den Städten, aber nicht Frauen im ganzen Land. Sie hielt das veränderte Bewusstsein der Frauen, das Wissen Rechte zu haben, für den wichtigsten Erfolg ihrer Bewegung. Allerdings erkenne man ein Regime ja ein Stück weit an, wenn man von ihm Rechte fordert – wenn ein Regime allerdings so unterdrückerisch geworden sei wie das der Mullahs seit der Präsidentenwahl von 2009, sei ein solcher Dialog nicht mehr möglich. Wie man damit umgehen müsse, wisse sie auch nicht. Die Möglichkeiten des Protests seien sehr zusammengeschrumpft. Heute gebe es viele Gruppierungen, die vor allem die Erinnerung an Verbrechen des Regimes und deren Opfer wachhalten würden, sagte Shojaee. Diese seien die einzigen, die in den vergangenen sechs Monaten öffentlich in Erscheinung getreten seien.

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