Kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai: Ein Nachruf

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Kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai: Ein Nachruf

14. Oktober 2011
Barbara Unmüßig
Man könnte meinen, es sei alles gesagt. Als Professor Wangari Muta Maathai am 25. September 2011 in Nairobi verstarb, war die Welt vereint in Trauer, Respekt und Bewunderung. Tausende von Grußbotschaften fluteten nach Nairobi. Sie wurde als Umweltaktivistin gefeiert, als Frauenrechtlerin, Streiterin für Menschenrechte, und grüne Politikerin hochgeachtet.

Geboren am 1. April 1940 in einem kleinen kenianischen Dorf, gehörte Wangari dank der Hellsichtigkeit ihrer Mutter zur ersten Generation junger Mädchen, die eine Schule besuchten. Während Kenia um seine Unabhängigkeit kämpfte, studierte Wangari in Klosterschulen und erhielt 1960 ein Stipendium, das ihr eine Universitätsausbildung in den Vereinigten Staaten ermöglichte. Die Erfahrungen mit der Bürgerrechtsbewegung in Amerika haben sie in ihrem Verständnis von Gerechtigkeit und liberalen Freiheiten stark geprägt.

Zurück in Kenia, musste Wangari feststellen, dass das Land nach der Unabhängigkeit nicht mit ihrem persönlichen Wachstum schrittgehalten hatte: Als sie die zugesagte Assistenzstelle an der Universität in Nairobi an einen Mann mit bevorzugter ethnischer Herkunft verlor, schmerzte sie diese Erfahrung der Ausgrenzung in einer zunehmend ethnisch polarisierten Gesellschaft. Zugleich wuchs ihr Verständnis von den Grenzen, die das tradierte Bild der afrikanischen Frau ihrer eigenen Tatkraft und ihren Ambitionen in den Weg stellen würde. Und so fand ihr soziales und politisches Engagement seinen Ausgangspunkt in der Frauenbewegung, in der sie bald zur Identifikationsfigur avancierte. Zuerst in Kenia, wo sie 1981 Vorsitzende des National Council of Women wurde; und später weltweit als Mitbegründerin der Women’s Environment and Development Organisation.

Wangaris unerschütterlicher Optimismus, ihr Glaube an einen „Lichtschimmer in jedem Dunkel“ half ihr Rückschläge in Chancen zu wandeln. Statt zu resignieren, nahm sie ein Promotionsstudium an der Universität Gießen auf und wurde 1971 die erste Ostafrikanerin, die die Doktorwürde erlangte. Sechs Jahre später leitete sie als erste Frau in der Region einen universitären Fachbereich. Ein Jahr später wurde sie die erste Assistenzprofessorin Kenias. Eine erfolgreiche akademische Karriere schien vor ihr zu liegen – und doch kam alles ganz anders.

Wangari Maathai sah die Not der Frauen um sich herum. Sie wollte unmittelbar etwas dagegen tun. Sie verstand, wie der Kampf um die schwindenden Ressourcen des Landes immer wieder zu Konflikten führte und von politischen Eliten zu ihren Zwecken missbraucht wurde. Eigeninitiative zu fördern, um Bäume zu pflanzen, die Zerstörung des Waldes aufzuhalten und ländliche Lebensgrundlagen (wieder) zu erschaffen, das war die Antwort Wangari Maathais.

Sie wird für immer mit den Millionen von Bäumen verbunden bleiben, die sie mit tausenden von Frauen in ganz Kenia gepflanzt hat. Der erste „grüne Gürtel“ bestand aus sieben Bäumen. Bis heute hat das 1977 von Wangari gegründete Green Belt Movement mehr als 45 Millionen Bäume gepflanzt und damit zehntausenden von Menschen eine Einkommensquelle gesichert. Mit den Bäumen wuchs auch das Selbstbewusstsein der vielen in der Bewegung engagierten Frauen und Gemeinschaften in allen Teilen Kenias. Die anfängliche Idee von Umweltbildung und Naturschutz erweiterte sich um Elemente zivilen und politischen Engagements – ein Projekt, das auch am Anfang einer fast zwei Dekaden andauernden Partnerschaft mit der Heinrich-Böll-Stiftung stand.

Die Stiftung unterstützte bereits Wangari Maathais Initiative zur Versöhnung im Rift Valley, dem Schauplatz gewaltsamer ethnischer Konflikte nach den Parlamentswahlen 1992. Zu diesem Zeitpunkt war Wangari der Regierung des früheren Machthabers Daniel arap Moi bereits gut bekannt. Präsident Moi beschuldigte sie, „Insekten im Kopf“ zu haben. Anders konnte er sich ihren Widerstand und ungebrochenen Willen wohl nicht erklären, mit dem sie den Bau eines Prestigeprojektes der Regierungspartei, einen Wolkenkratzer im einzigen öffentlichen Park Nairobis, aufgehalten hatte. Eine kleine scheinbar unbedeutende Frau hatte es gewagt, das Regime herauszufordern. Und sie tat es immer wieder. 1992 führte Wangari den 11 Monate andauernden friedlichen Protest der Mütter politischer Gefangener an. Aufgrund ihres politischen Engagements in dieser gewalttätigen und repressiven Zeit wurde sie mehrfach verhaftet und hat Gewalt am eigenen Leib erfahren müssen. Ihr Mut, ihr beispielhaftes Vorgehen hat jedoch maßgeblich zur Entstehung einer selbstbewussten und kritischen kenianischen Zivilgesellschaft beigetragen, ohne die ein demokratischer Wechsel nicht möglich gewesen wäre.

Wangari Maathai war aber nicht nur Aktivistin, sie war immer überzeugte Demokratin. Sie wusste, dass politische Legitimität nicht allein aus prinzipientreuem Agieren entsteht, sondern auch durch die breite Unterstützung der Bevölkerung durch freie und faire Wahlen. Sie wusste um die Härten des Politikgeschäfts und brachte dies für sich auf den Punkt – dass eine Frau in der kenianischen Politik eine Elefantenhaut brauche. Sie gründete die „Mazingira (Umwelt) Party“ und wurde 2002 mit überwältigender Mehrheit als erste grüne Politikerin Kenias ins Parlament gewählt. Der Wahlsieg der „Nationalen Regenbogenkoalition“ unter Führung von Mwai Kibaki, ein Zusammenschluss von Oppositionsparteien, dem auch die Mazingira Party angehörte, beendete die jahrzehntealte autokratische Herrschaft von Daniel arap Moi. Wangari Maathai wurde stellvertretende Umweltministerin. Sie verließ die Regierung wieder, als die Regenbogenkoalition zerbrach, u.a. weil Präsident Kibaki Zusagen gegenüber seinen Partnern zu einer Verfassungsreform nicht eingehalten hatte.

Ende 2007 kandidierte Wangari Maatthai erneut – und blieb damit erfolglos. Am Ende erwiesen sich ihre weltweiten und nationalen Rollen als nicht mehr kompatibel mit den Anforderungen kenianischer Lokalpolitik, an denen ihr Wahlkreis sie maß. Als das umstrittene Wahlergebnis 2007/08 zu einer schweren Gewaltkrise führte, die über 1.000 Menschen das Leben kostete, bemühte sich Wangari Maathai gemeinsam mit anderen Kräften der Zivilgesellschaft um die Herbeiführung einer Großen Koalition zwischen den Kontrahenten.

Die Liste der Ehrungen für Wangari Maathai ist lang und beeindruckend. Die internationale Öffentlichkeit war ihr häufig ein wichtiges Schutzschild gegen die vielen politischen Bedrohungen und Einschüchterungsversuche in Kenia. 1984 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis. Im April 2004 verlieh die Heinrich-Böll-Stiftung Wangari den Petra-Kelly-Preis für ihren „rückhaltlosen Einsatz für Menschenrechte, für die Rechte und Emanzipation von Frauen, für Gewaltlosigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und für die Demokratisierung Kenias“.

Im Herbst des gleichen Jahres kam dann die ganz große Auszeichnung für sie: als erste Afrikanerin wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sie hat diesen Preis in unermüdlichem Einsatz dazu genutzt, ihre Botschaft für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen egal welcher Ethnie, welcher Religion und welchen Geschlechts sowie der friedlichen Koexistenz von Mensch und Natur in die Welt zu tragen. Wer sie dabei erleben durfte, konnte ihre Kraft, Authentizität und Leidenschaft spüren, mit denen sie Menschen und gerade auch Jugendliche zu gewinnen vermochte.

Gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung rief Wangari Maathai 2007 den „Afrikanischen Aufruf zum Klimawandel“ ins Leben: ein Appell an die Weltöffentlichkeit, aber auch an afrikanische Staatsführer, Verantwortung zu übernehmen für die Abwehr der absehbaren katastrophalen Folgen des Klimawandels, die Afrika besonders schwer trifft.

In den letzten Jahren begann Wangari Maathai einen großen Traum zu verwirklichen: die Gründung eines Instituts für Friedens- und Umweltforschung an der Universität Nairobi, das ihren Namen tragen wird. Mit dem Institut schließt sich ihr Kreis. Dort sollen Forschung und akademische Lehre den Bedürfnissen dörflicher Gemeinschaften dienen und zugänglich sein. Es bleibt die Aufgabe ihrer Freundinnen und Freunde, dieses Vermächtnis in die Tat umzusetzen.

Es wird wohl nie alles gesagt sein über Wangari Maathai. Ihr unermüdliches Engagement für Demokratie und Menschenrechte, ihr mutiger und rastloser Einsatz für den Erhalt des Waldes und den Schutz der Natur in Kenia, Afrika und weltweit hat auch große persönliche Opfer gefordert. In einem ihren letzten Interviews beklagte sie die wenige Zeit, die sie mit ihrer Familie verbrachte. Wangari hinterlässt ihre Tochter Wanjira und ihre zwei Söhne Waweru und Muta, denen unser ganzes Mitgefühl gilt.


Wie bei vielen Menschen, deren Leben sie berührte und mit ihrer entwaffnenden Herzlichkeit einnahm, hinterlässt Wangari Trauer, vor allem aber den Wunsch, wo immer möglich ihren mutigen Lebensweg zum Vorbild zu nehmen und ihre politischen und ökologischen Anliegen konsequent voranzubringen.
Die Heinrich-Böll-Stiftung verliert mit Wangari Maathai eine gute Freundin und Partnerin.
Wir verneigen uns in tiefer Bewunderung und großer Dankbarkeit vor dieser außergewöhnlichen Frau.

Im Namen der Heinrich-Böll-Stiftung, Barbara Unmüßig, Vorstand
 

Grußworte und Reden

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