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Gesine Schwan: Einigkeit und Recht und Freiheit. Wie wir in Zukunft leben wollen

Die Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche, Farbzeichnung von Ludwig von Elliott

26. April 2009
Von Gesine Schwan

Auszug aus der Rede von Gesine Schwan

Wie wollen wir zusammen leben?

Lassen Sie uns in Deutschland neu beginnen! Wir wollen Freiheit statt der Unterwerfung unter die Kräfte einen anonymen globalen Marktes. Wir werden diese Freiheit nicht mit einem Ruck erlangen, aber mit der sanften Macht kluger Orientierung und Beharrlichkeit. Wir wollen in unserem Land freundlich miteinander leben, die Vielfalt als Chance und Reichtum nutzen, uns nicht misstrauisch und mit Verdacht begegnen, sondern als Bürger, die sich gemeinsam und mit Freude für die öffentlichen Angelegenheiten einsetzen. Wir wollen unsere Gegensätze mit Argumenten austragen, nicht mit persönlichen Beleidigungen. Wir wollen die Kultur der entfesselten Konkurrenz durch eine neue Kultur der Gemeinsamkeit überwinden, für die uns die Natur, wie uns die Wissenschaft selbst in der Nachfolge Darwins lehrt, durchaus gut ausgestattet hat. Wir müssen uns dazu also nicht verbiegen, sondern nur intelligent und mit Kraft die Verbiegungen insbesondere der letzten Jahrzehnte wieder politisch richten. Wir wollen als Menschen leben, nicht als Leistungsroboter, mit Zeit für unsere Familien, unsere Kinder und unsere Freunde. Ohne immer alles zu berechnen. Darauf können wir unsere Arbeitsbiographien durchaus intelligent einrichten. Gerade in der jetzigen Krise kann Flexibilität der Arbeitszeit solidarisch Wunder wirken. Wir wollen in einem Land leben, in dem die Türen offen stehen können. Wir wollen, dass Einigkeit und Recht und Freiheit wirklich zum Unterpfand unseres Glückes werden!

Gesine Schwan: Einigkeit und Recht und Freiheit. Wie wir in Zukunft leben wollen
26. April 09
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Der berühmte Soziologe Reinhard Bendix, den die Nationalsozialisten aus Berlin vertrieben haben und der die letzten Jahrzehnte seines Lebens an der Universität Berkeley gelehrt hat, erzählte mir kurz vor seinem Tod, dass er sich immer gewünscht habe, ein Buch zu schreiben, dessen Titel aus nur einem Wort bestünde. Als Titel seines letzten Buches wählte der Emigrant aus Deutschland das Wort „Belonging“ – „dazu gehören“.

Der Weg, nationale Zugehörigkeit und deutsche Einigkeit durch politische Freiheit lebendig zu machen, erlaubt es, auch in der Erfahrung der Globalisierung des 21. Jahrhunderts durchaus noch an Hoffmann von Fallersleben anzuknüpfen. Politische Einigkeit ist als Grundkonsens Voraussetzung für unseren freiheitlichen und sozialen Rechtsstaat. Sie ist zugleich immer erneutes Ergebnis unserer Teilhabe an den öffentlichen Angelegenheiten. Politische Freiheit bietet die Chance, uns mit unserem Land zu identifizieren, es auch zu lieben und unser politisches wie privates Glück darin zu schmieden. Sie schenkt uns den Raum für eine Zugehörigkeit, die sich weder in ängstliche Borniertheit flüchtet noch in Beziehungslosigkeit auflöst. Sie erlaubt uns das Glück reicher und vielfältiger Identitäten, das uns selbst und den anderen nützt. Sie macht das Fenster weit auf für ein helles weltoffenes Deutschland in einem hellen weltoffenen Europa.

Dieses Deutschland wollen wir. Danach lasst und alle streben brüderlich - oder geschwisterlich - mit Herz und Hand!

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