Kleinstes Karo statt großes Kino: Der Präsident, die Affäre, das Interview

Kommentar

Kleinstes Karo statt großes Kino: Der Präsident, die Affäre, das Interview

Christian Wulff
Christian Wulff. Foto: xtranews.de Lizenz: CC-BY Quelle: Flickr

5. Januar 2012
Ralf Fücks

Selten habe ich so peinsame Fernsehminuten erlebt wie an diesem Abend, und je länger mir das Präsidenten-Interview nachhängt, desto größer wird die Fassungslosigkeit, die es hinterlässt. Kann das wirklich sein – ein Bundespräsident, der vor einem Millionenpublikum die Details der Finanzierung seines Einfamilienhauses in der niedersächsischen Provinz ausbreitet, seine Ferienaufenthalte in den Domizilen wohlhabender Freunde und Gönner verteidigt und dabei die Menschenrechte reklamiert, die auch ihm zustünden? Der nicht in erster Person spricht, sondern ständig auf das anonyme „man“ ausweicht? Der als mildernden Umstand reklamiert, dass ihm keine „Karenzzeit“ in seinem neuen Amt zugebilligt wurde, wo er doch den Sprung von der Staatskanzlei in Hannover ins Schloss Bellevue zu Berlin bewältigen musste? Der sich nicht zwischen Zerknirschung und Rechtfertigung entscheiden kann? Ein Präsident, der weder fähig ist, seine Kritiker in die Schranken zu verweisen noch auf eine entwaffnende Weise zu sagen, wo er Mist gebaut hat? Der mit zwei öffentlich-rechtlichen Anstalten ein Interview verabreden lässt, aber eine Pressekonferenz scheut? Nein, das alles darf nicht wahr sein. Ist es aber, leider. Kleinstes Karo statt großes Kino.

Mann ohne Charisma

Hier ist ein Amtsinhaber in aller Öffentlichkeit auf Westentaschenformat zusammengeschnurrt. Ein Präsident bar jeder Souveränität. Kann man sich auch nur eine Sekunde seine Vorgänger Rau, Herzog, von Weizsäcker in einer solch entwürdigenden Inszenierung vorstellen? Vermutlich hätten sie gesagt: Wer gegen mich Vorwürfe zu erheben hat, soll Anzeige erstatten, basta! Ansonsten beschäftige ich mich mit wichtigeren Dingen. Christian Wulff kann das nicht. Er lädt vielmehr dazu ein, ihn mit immer neuen kleinkarierten Fragen zu kleinkarierten Angelegenheiten zu attackieren, weil er nichts in die Waagschale werfen kann, das Respekt abnötigt. Er steht für kein Thema, repräsentiert kein Anliegen, strahlt keine unbestrittene Fachkompetenz aus. Wulff mag persönlich nett und voller guter Absichten sein, er bleibt ein Mann ohne Charisma. Das ist nicht ihm vorzuwerfen, wohl aber der Kanzlerin, die ihn auf diese Position seiner definitiven Überforderung gehievt hat. Sie hatte Alternativen: Joachim Gauck war absolut Unions-kompatibel, und mit Schäuble oder Lammert gab es Kandidaten in den eigenen Reihen, bei denen der Mann zum Amt gepasst hätte.  Aber sie entschied sich für einen Provinzpolitiker, bei dem sie sicher sein konnte, dass er ihr nicht im Licht stehen würde. Jetzt hat sie, haben wir den Salat.

Instinktlos in der Grauzone Politik und Geld

Was bisher bekannt wurde, verrät Wulffs mangelnde Distanz zum neureichen Milieu und einen mangelnden Instinkt für die Grauzonen von Politik und Geld, die ein Ministerpräsident besser meiden sollte. Insofern auch mangelnde Maßstäbe und Urteilsvermögen. Wahrhafte Skandale sind aus anderer Münze gemacht, siehe Monsieur Chirac oder Signore Berlusconi. Über das Haus, dessen Finanzierung die deutsche Öffentlichkeit seit Wochen in Atem hält, würden sie nur lachen. Insofern offenbart der Eifer, mit dem in Wulffs privaten Angelegenheiten gewühlt wird, auch viel über den Geisteszustand der Bundesrepublik. Pharisäertum und Hypermoralismus gegenüber der politischen Klasse durchziehen die Debatte ebenso wie Heuchelei, wenn treuherzig die Würde des Amtes beschworen wird, während es doch darum geht, dem politischen Gegner am Zeug zu flicken. Dass dieses denkwürdige Interview eine so peinliche Veranstaltung wurde, lag ja nicht nur am Bundespräsidenten. Auch Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf verloren sich im Klein-Klein.

Was soll aus dieser unglückseligen Geschichte entstehen? Christian Wulff hat signalisiert, dass er nicht weichen will. Aber er hängt an der Rückendeckung der Kanzlerin. Verlassen kann er sich darauf nicht. Wenn sie ihn trotz alledem hält, hängt ihm der Makel an, dem Amt nicht gewachsen zu sein. Da er keine exekutive Macht hat, lebt ein Bundespräsident von seiner geistig-moralischen Autorität. Die entsteht aber nicht durch eine makellose Biographie, sondern durch die Kraft seiner Persönlichkeit, seine intellektuelle Spannweite und politische Urteilskraft. Wenn das die Kriterien für die Auswahl des nächsten Präsidenten – oder der Präsidentin -  werden, wäre aus der jetzigen Misere immerhin etwas gewonnen.

Der Artikel erschien zuerst als Gastbeitrag auf sueddeutsche.de.

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

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