Entsolidarisierung - Die neue Heitmeyer-Studie über deutsche Zustände
Portrait: Wilhelm Heitmeyer
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer bei der Präsentation seiner neuen Studie in der Heinrich-Böll-Stiftung am 08. März 2010. Foto: Stephan Röhl.
24. März 2010
Von Thorsten Arndt
 

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer verbreitete am 8. März in der Berliner Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung bei seiner Präsentation der neuesten Ergebnisse des Forschungsprojekts Deutsche Zustände kaum Optimismus: Die Finanzkrise des letzten Jahres hat die sozialen Abstiegsängste in Deutschland noch einmal erheblich verstärkt. Immer mehr sind davon überzeugt, dass wir uns Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness für alle nicht länger leisten können. Die Vorstellung von der Gleichwertigkeit der Menschen ist offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr.

Die Verunsicherung wächst

In der Langzeitstudie "Deutsche Zustände" beobachtet das von Wilhelm Heitmeyer geleitete Soziologen-Team des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld seit 2002 die Entwicklung von Vorurteilen gegen schwache Gruppen. Die Ergebnisse der repräsentativen Umfragen sind keineswegs immer negativ: In der Vergangenheit beobachteten die Wissenschaftler z.B. einen leichten Rückgang von Fremdenfeindlichkeit und Sexismus. Auch diesmal hatte Wilhelm Heitmeyer nicht nur schlechte Nachrichten. So sei der Antisemitismus in der Bevölkerung nicht gestiegen, obwohl es seit der Finanzkrise neue Vorurteile gegen "jüdische Banker der amerikanischen Ostküste" gebe.

Der Abschwächung einzelner Vorurteile sollte nach Überzeugung von Heitmeyer aber nicht darüber hinweg täuschen, dass seit Jahren ein Besorgnis erregender Anstieg der Verunsicherung und Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu beobachten sei. Die Weltwirtschaftskrise habe diesen Trend noch einmal verstärkt, obwohl deren konkrete Folgen bisher nur eine Minderheit direkt betreffen. Die Wut auf die Verantwortlichen mische sich dabei mit wachsender Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg.

Viele Menschen reagieren auf die Krise, indem sie Heitmeyer zufolge eine pessimistische Erwartungshaltung gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung einnehmen und zugleich auf der Vorstellung eines vermeintlich intakten privaten Umfelds beharren. Durch diese Differenzierung werde die gesellschaftliche Krise in Deutschland gewissermaßen "privatisiert". Die aktuelle Studie hat ergeben, dass über 90 Prozent der Befragten in Zukunft mehr soziale Abstiege und Armut fürchten. Drei Viertel der Bevölkerung glaubt, dass die Bedrohung des Lebensstandards die Solidarität mit Schwachen verringert. Ein Drittel meint, dass wir es uns in der Wirtschaftskrise nicht mehr leisten können, allen Menschen gleiche Rechte zuzugestehen. 61 Prozent sind der Ansicht, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen. Gerade in der verunsicherten Mittelschicht gibt es offenbar zunehmend ein Bedürfnis nach Abgrenzung. Schwache soziale Gruppen, z. B. Langzeitarbeitslose, werden für ihr eigenes Schicksal verantwortlich gemacht, auch um die Möglichkeit des eigenen Scheiterns von sich zu weisen.

Die ernüchternden Umfragewerte lassen nach Ansicht von Wilhelm Heitmeyer den Schluss zu, dass die Kernnormen Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness in der Mitte der Gesellschaft immer weniger Anklang finden. Es drohe eine zunehmende Erosion der demokratischen Basis. Sollte sich eine "Ideologie der Ungleichwertigkeit" ausbreiten, sei ein starker Anstieg der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu befürchten.

Aufstieg der neuen Rechtspopulisten

Die Entsolidarisierung der Gesellschaft wird Wilhelm Heitmeyer zufolge immer stärker von einem Gefühl politischer Machtlosigkeit begleitet. Auch hier hatte der Soziologe zunächst eine positive Botschaft: Die Wut bleibe in Deutschland vorerst privat und führe nicht zu gewalttätigen Unruhen oder vermehrter offener Gewalt gegen schwache Gruppen. Der Wille zur Konfrontation der politisch Verantwortlichen sei allerdings ebenfalls nur gering ausgeprägt. Gerade bei Menschen aus der unteren Soziallage sei die Bereitschaft stark gesunken, sich überhaupt noch aktiv an demokratischen Prozessen zu beteiligen. Stattdessen habe sich eine "wutgetränkte politische Apathie" ausgebreitet, von der vor allem der neue Rechtspopulismus profitiere. Heitmeyer berichtete von einer Dortmunder Veranstaltung, auf der Angehörige der Autonomen Nationalisten durch diszipliniertes und geschlossenes Auftreten beeindruckt hätten. Die gefährliche Überzeugungskraft der neuen Rechten entspringe nicht zuletzt einer Beschreibung gesellschaftlicher Realität, die auch er "jederzeit unterschreiben" könne, so Heitmeyer.

Der Aufstieg der neuen Rechtspopulisten in Deutschland ist Teil eines europäischen Phänomens, wie Wilhelm Heitmeyer unter Verweis auf eine aktuelle Vergleichsstudie feststellte. Rechtspopulistische Parteien seien z.B. in den Niederlanden oder in Ungarn auch an den Wahlurnen sehr erfolgreich. In Deutschland fehle den Rechtspopulisten bisher "glücklicherweise" ein charismatischer Anführer, so Heitmeyer. Albrecht von Lucke, Redakteur der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik, stellte daraufhin die Frage, ob ein derartiger "Mobilisierungsexperte" für den politischen Siegeszug rechtspopulistischer Überzeugungen überhaupt notwendig sei. Während sich Heitmeyer nur zurückhaltend zu der von FDP-Chef Guido Westerwelle angestoßenen Debatte über den deutschen Sozialstaat äußerte, wies von Lucke auf Parallelen zwischen der Rhetorik Westerwelles und der des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders hin. Westerwelles Antwort auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Hartz-IV-Gesetz sei ein Ausdruck von "Demokratieverachtung". Westerwelles Äußerungen seien Teil eines Versuchs, soziale Ungleichheit gesellschaftlich akzeptabel zu machen. Wie sehr sich die Debatte in Deutschland bereits verschoben habe, sei daran abzulesen, dass sich sowohl Bundeskanzlerin Merkel als auch ZEIT-Chefredakteur di Lorenzo vor allem von der Rhetorik, nicht aber vom Inhalt der Aussagen Westerwelles distanziert hätten.

Politische Verantwortungslosigkeit

Wilhelm Heitmeyer wies darauf hin, dass auch Politiker, die inhaltlich nicht mit Westerwelle übereinstimmen, bisher weitgehend desinteressiert auf die wachsenden sozialen Abstiegsängste in der Mitte der Gesellschaft reagieren. Ein Grund sei, dass die Betroffenen der Krise dank ihrer individuellen Anpassungsstrategien den politischen Betrieb nicht wirklich stören. Der Rückgang der politischen Partizipation, der z. B. in der schwindenden Wahlbeteiligung von Menschen aus unteren Soziallagen zum Ausdruck komme, werde nicht als Problem erkannt. Heitmeyer berichtete, dass Politiker seine Analysen lieber entrüstet zurückgewiesen hätten, als das Ausmaß der sozialen Desintegration anzuerkennen. ("In einigen Bundesländern haben wir keine Freunde mehr") Bei der Ausgrenzung von Langzeitarbeitslosen werde dies besonders deutlich: "Politische Eliten haben keinen blassen Schimmer, wie zerstörerisch Arbeitslosigkeit ist."

Wege aus dem Dilemma

Wilhelm Heitmeyer versuchte immer wieder, den insgesamt durchaus pessimistischen Grundton seiner Ausführungen zu konterkarieren, indem er auf Möglichkeiten zum Gegensteuern hinwies. Er selbst sei zum Beispiel dazu übergegangen, Politikern vermehrt Sozialraumanalysen für ihren konkreten Verantwortungsbereich vorzulegen, um Ausflüchte zu erschweren. Auf zivilgesellschaftlicher und kommunalpolitischer Ebene sei es wichtig, den Kampf gegen den neuen Rechtspopulismus nicht auf die Jugendarbeit zu reduzieren. Gefährliche Wertmuster würden oft gerade von Angehörigen der älteren Generation reproduziert, so Heitmeyer. Es sei auch falsch, Rechte kategorisch auszugrenzen, ohne sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Eine weitere Entsolidarisierung der Gesellschaft werde allerdings kaum aufzuhalten sein, wenn die strukturellen Ursachen der Krise nicht verstanden werden, fürchtet Heitmeyer. Die internationale Ökonomisierung gehe seit Jahren mit einem politischen Kontrollverlust einher, der die soziale Integrationsleistung der Politik immer schwieriger werden lässt. Die Fiskalkrise des Staates habe sich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise des letzten Jahres noch einmal erheblich verschärft. Der soziale Frieden in Deutschland werde sich nicht mehr lange durch ein Staatsdefizit erkaufen lassen. Die "leere Regulationsrhetorik" der Politik ließ Heitmeyer allerdings befürchten, dass das Platzen einer neuen Finanzblase nur eine Frage der Zeit sei.

Reaktionen (8)
1_ michael .c
5. Januar 2011, 15:18 Uhr

und was sagt mir das , schreiben wir noch ne wissenschaftliche studie ,
die dann irgendwo altpapier wird .
statt mal geld und men power in richtige arbeit zu stecken .
ich mein damit das ihr endlich aufwacht und praktisch arbeitet .
ihr verzieht euch immer wenns eng wird, wenn ihr wirklich was verändern wollt , geht raus aus eueren wissenschafts türmen ,und schaut euch die ganze sache mal aus der nähe an .nachnach könnt ihr mit reden.

2_ venceremos !
8. Januar 2011, 12:02 Uhr

Deutschland, aktuellstes Beispiel des entfesselten Raubtierkapitalismus.
Versucht wird über den Mix von politischer und der industrie Lobby die wachsende soziale Ungerechtheit zu normalisieren, damit einige "Geldreiche" Unmenschen von millionen "Zwangsverarmenden" gut leben können. Eine schrekliche Dekadenz im Zeichen des Euro in Deutschland.
Die Aliierten haben dieses Land zu voreilig "freigegeben". Die grausam, egoistisch denkenden Köpfe sind noch nicht ausgestorben.
Hoffentlich schafft es nun China, Brasilien, Russland und andere neue Industrieländer Deutschland bald in die Knie zu zwingen damit diese vermeintlich und selbserkorene (verschrobene) Elite zur Bescheidenheit kommt und sich wieder ein Menschenherz in kürze heranbildet. In keinem anderen Ort dieser Erde ist das Leben mit Statussimbolen, lachhaften Versuchen eine Lebens-Hackordnung so ausgeprägt wie hier. Ganz einfach widerlich - aus der Deutschen vergangenheit IMMER NOCH NICHT GELERNT? Wird höchste ZEIT !!

3_ Peter
14. Januar 2011, 11:50 Uhr

Lieber Michael,
Studien werden erstellt, um einen genauen Blick auf die Problemlagen zu bekommen, damit man beim praktischen Arbeiten den Hebel an der richtigen Stelle ansetzt, statt auf gut Glück halt mal zu machen, in der Hoffnung, zufällig das Richtige zu tun.
Da Du eher der Macher bist, schlage ich vor: Lies die Studie, achte auf Heitmeyers Lösungsvorschläge, und wenn sie dir zusagen, tu dich mit möglichst vielen Gleichgesinnten zusammen und mach, was du selbst forderst.

4_ Der zornige Prophet
17. Januar 2011, 14:28 Uhr

Ein sehr guter Bericht/Studie der es genau auf den Punkt bringt.

Ich frage mich immer warum große Schichten mit gleichen Problemen nicht auf die Straße gehen um zu protestieren? Zumal sie die größte Macht im Staate sein könnten. Beispiel: wenn 4 Millionen vor der Hauptzentrale in Berlin stehen würden – dann reicht die“ Straße des 17 Juni“ nicht aus – falls die noch so heißt und die Siegessäule würde endlich mal wieder ihrem Namen alle Ehre machen.

Ich sehe es übrigens auch so, das „dunkle Mächte“ dies nützen könnten um ihre Ideologie durchzusetzen.

Ich denke aber auch, dass diese Menschen auch einen anderen Weg nutzen können um aus diesem Dilemma wieder herauszukommen.

Es ist wichtig, dass die Menschen – wenn sie schon nicht an andere mehr hochschauen können aus der Politik – es lernen müssen wieder an sich selbst zu glauben. Dann werden sie genug Kraft haben um gemeinsam etwas zu ändern. Selbst wenn jeder Mensch eigenbrötlerisch seine Ziele in der Gemeinsamkeit durchsetzt - würde es einen gewaltigen Knall geben den man von Berlin bis München hören würde. Dazu bedarf es nicht falscher Rechtspopulisten – sondern nur eine Einigkeit in der eigenen Sache.

5_ Hans-Jürgen Hennig
16. Februar 2011, 09:20 Uhr

Zitat aus dem Artikel: "Ein Drittel meint, dass wir es uns in der Wirtschaftskrise nicht mehr leisten können, allen Menschen gleiche Rechte zuzugestehen. 61 Prozent sind der Ansicht, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen. Gerade in der verunsicherten Mittelschicht gibt es offenbar zunehmend ein Bedürfnis nach Abgrenzung. Schwache soziale Gruppen, z. B. Langzeitarbeitslose, werden für ihr eigenes Schicksal verantwortlich gemacht, auch um die Möglichkeit des eigenen Scheiterns von sich zu weisen."
Hier stoßen die deutschen Denkmuster an ihre Grenzen und wir sind bei dem Tabu angelangt. Die ganzen geschilderten Vorstellungen sind mit bekannt, aber noch nie habe erlebt, dass diese Gedanken konsequent zu Ende gedacht wurden. Was machen wir also mit diesen Menschengruppen, die nach Meinung der Mittelschicht mit durchgeschleppt werden? "Sie sind ja selber Schuld". Wo wird dieser Punkt öffentlich erörtert? Wieso ist der ältere Arbeiter schuld, weil er mit über 50 Jahren keine Arbeit mehr findet?
Wo wird über diese Gedanken öffentlich geredet?
Übrigens, das mit den gleichen Rechten ist schon außer Kraft. Hartz-IV-Empfänger haben schon nicht mehr die gleichen Rechte.
Ich würde mal eine Studie empfehlen, die sich im Umfeld von Betroffenen bewegt, dort, wo es arbeitslose Journalisten, Lehrer, Doktoren und andere gut gebildete Menschen gibt, die absolut nicht verstehen, wenn von Fachkräftemangel in Deutschland gesprochen wird.
Noch ein Thema für eine Studie: "Politiker und Wahrheit", oder "wie viel Lügen verträgt die Demokratie?".
Es gibt so viele Tabuthemen in diesem so freien Land, man könnte viele Seiten oder Sendungen damit füllen. Wer hat schon die Courage, solche Themen anzupacken?
Mit freundlichem Gruß, Hans-Jürgen Hennig

6_ DasEi
13. Dezember 2011, 06:20 Uhr

Nein, aus Angst, die (wer auch immer) könnten den Laden (Deutschland) übernehmen, stellt man (deutsche Unternehmer) willfährige Sklaven ein, die nicht selber denken dürfen (meistens tun die nur so). Nach einer kurzen Phase des (kopierten) Aufschwungs platzt die Blase, und damit der Traum vom (kopierten) Wohlstand.
Und nun, können deutsche nicht mit geplatzten Träumen leben, und ist dann immer das Andere schuld.
Das Diktat vom sozialen Aufstieg steht der Utopie einer geistig-kulturellen Verfeinerung entgegen. Oder ist der Umstand der Kulturnation auch nur eine diktierte Illusion.

7_ Jürgen Bosbach
13. Dezember 2011, 20:27 Uhr

In Anbetracht der Lage sind serielle Stoßseufzer unvermeidlich. In meinem Job begegnen mir strukturell bedingte menschliche Tragödien täglich. Es sind Arbeiter zwischen vierzig und achtundfünfzig Jahren, die in ihren Berufen körperlich hinfällig wurden und jetzt ohne passende Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt Erfolg haben sollen. Ein Dachdecker mit defekten Knien kann seinen Beruf nicht mehr ausüben. Die Verelendung beginnt. Ich würde mir wünschen, dass es bundesweite Berufsuniversitäten gäbe. Institutionen die berufliches, marktrelevantes Wissen vermitteln und den Unterhalt der Teilnehmer angemessen sicher stellen. Fast jeder Arbeiter verfügt über eine spezifische Bildungsfähigkeit, die im jetztigen System ungenutzt bleibt. Gefordert sind da die Rententräger, die Berufsgenossenschaften und die Politik, die endlich wacher werden müsste. Denkt mal über ein solches Institut nach!
8_ rentnerband
15. Dezember 2011, 02:24 Uhr

die Sendung zur Studie sah ich heute in 3Sat zum ersten Mal und schaue hier in die Kommentare und bin entsetzt, dass diese magere Zahl an Meinungen zusammengekommen ist. Von Januar bis Dezember 2011
ärmsehlig !!
Doch auch die sogen. Mittelschicht sollte langsam das Gefühl beschleichen, dass die Entsolidarisierung in der Gesellschaft schon lange schleichend zunimmt




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