Schriften zur Demokratie, Band 16

Verdrängung und Vielfalt – Pakistan vor dem Zerfall

29. November 2010

Pakistans Ansehen in der Weltöffentlichkeit ist schlecht. Es wird als das „gefährlichste Land der Welt“ bezeichnet, als Zufluchtsort für Taliban und Al-Quaida. Pakistan, die Atommacht, gilt als unberechenbar und fragil. Diese Sichtweise auf Pakistan ist nicht falsch. Dennoch gibt es auch in Pakistan viele Hoffnungsträger, die sich unermüdlich für Demokratie und Menschenrechte engagieren, oftmals unter großen Gefahren. Pakistan hat eine Zivilgesellschaft, die es trotz aller Rückschläge immer wieder vermag, Einfluss auf die politische Entwicklung des Landes zu nehmen. Die Bewegung der Richter und Anwälte, die erfolgreich gegen die Absetzung des Obersten Richters Iftikhar Chaudry auf die Straße gingen, ist ein solches Beispiel.

Die nun vorliegende Publikation will ein differenziertes Bild über die komplexen politischen Prozesse und gesellschaftspolitischen Herausforderungen Pakistans bieten. Autorinnen und Autoren verschiedener Disziplinen präsentieren sowohl Analysen über Defizite und Schwächen als auch Ideen für eine demokratischere und friedlichere Zukunft Pakistans.
 
Mit Beiträgen von Abbas Rashid, Rubina Saigol, Hasan Askari Rizvi, Kaiser Bengali, Pervez Hoodbhoy, Azmat Abbasm und Saima Jasam.


Schriften zur Demokratie – Band 16
Verdrängung und Vielfalt – Pakistan vor dem Zerfall

Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin, November 2010, 192 Seiten
ISBN 978-3-86928-043-1


 

 

Inhaltsverzeichnis:

  • Vorwort 7
  • Einleitung 9
  • Abbas Rashid: Die Vergangenheit ist kein fremdes Land: Demokratie, Entwicklung und Macht in Pakistan 11
  • Rubina Saigol: Die Rolle von Klasse und Politik bei der Radikalisierung von Staat und Gesellschaft in Pakistan 41
  • Hasan-Askari Rizvi: Politische Parteien und fragmentierte Demokratie 73
  • Kaiser Bengali: Pakistan: Vom Entwicklungsstaat zum Sicherheitsstaat 91
  • Pervez Hoodbhoy: Pakistans nuklearer Pfad: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 119
  • Azmat Abbas und Saima Jasam: Ein Hoffnungsschimmer: die Anwaltsbewegung in Pakistan 152
  • Abkürzungen und Glossar 186
  • Autorinnen und Autoren 189

 

.....

Einleitung

Die Geschichte des demokratischen Pakistans nachzuzeichnen ist kein leichtes Unterfangen. Das Land hat seit seiner Gründung im Jahre 1947 eine vielschichtige, von Gegensätzen und Widersprüchen geprägte Entwicklung genommen – das gilt sowohl für die Gesellschaft als auch für Politik und Wirtschaft. Die Darstellung dieser Entwicklung fördert ein Konglomerat von Faktoren zutage, die für die Komplexität und Fragilität des gegenwärtigen pakistanischen Staates verantwortlich sind.

Das erste Kapitel des Journalisten Abbas Rashid widmet sich dem geringen Grad an Industrialisierung und dem Mangel an Arbeitskräften zum Zeitpunkt der Gründung Pakistans. Es wirft einen Blick auf die Schwäche von Zivilgesellschaft und politischen Institutionen und zeigt, wie einem föderalen Staat eine zentralistische Konstruktion übergestülpt wurde, was die Autonomiebestrebungen der Provinzen blockierte. Diese Autonomiebestrebungen bestanden allerdings weiter und bilden gegenwärtig eine der größten Herausforderungen für die Einheit der Republik Pakistan. Rashid reflektiert das militärisch-zivile Ungleichgewicht und die militärische Dominanz während der Zyklen ziviler und militärischer Herrschaft und wirft so ein Schlaglicht auf den gegenwärtigen Stand der Demokratie und der Politik Pakistans. Die Frage der Identität und der ideologischen Kämpfe, die seit Beginn des neu geschaffenen Staates andauern, zeigt deutlich den gegenwärtigen Stand der Dinge in der pakistanischen Gesellschaft.

Die Erkundungen werden fortgesetzt von Rubina Saigol, einer bekannten Wissenschaftlerin und Frauenrechtlerin, die in ihrem Beitrag die Wurzeln der "Islamisierung" und "Radikalisierung" in Pakistan herausarbeitet. Sie durchleuchtet die Rolle der Zivil- und Militärregierungen wie auch der Zivilgesellschaft im Hinblick auf die «Radikalisierung» und führt nach der Erörterung der Fakten eine Reihe von Vorschlägen für die Verbesserung der Lage an.

Hasan-Askari Rizvi, Wissenschaftler und politischer Analyst, stellt die verschiedenen politischen Parteien in Pakistan vor. Er erläutert die Grundzüge des Parteiensystems und zeigt dabei ihre demokratischen bzw. undemokratischen, dynastischen und feudalen innerparteilichen Strukturen auf. Vor dem Hintergrund dieser Determinanten analysiert er den gegenwärtigen Stand der Demokratie in Pakistan und den Wandel, die Fragmentierung und Fragilität des Staates.

Im vierten Beitrag liefert der Ökonom und Wissenschaftler Kaiser Bengali einen detaillierten historischen Überblick über Pakistans Wirtschaftspolitik und die wirtschaftliche Entwicklung von der Gründung des Staates bis heute. Der Autor macht den Wandel Pakistans vom Entwicklungsland zum Sicherheitsstaat deutlich, zeigt die Folgen für die Wirtschaft, die Gleichheit und die Armut und kommt zu dem Schluss, dass die Wurzeln der Krise nicht wirtschaftlicher, sondern eher politischer Natur sind.

Pervez Hoodbhoy, Professor für Physik, stellt in seinem Beitrag die atomaren Doktrinen im Lauf der Jahrzehnte sowie die Gefahren für die Sicherheit von Pakistans atomaren Anlagen dar. Dabei verfolgt er die Geschichte der atomaren Kapazitäten Indiens und Pakistans und beschreibt die eminenten Risiken der regionalen Atompolitik. Dabei entwirft er auch ein plastisches Bild von der Instrumentalisierung des pakistanischen Atompotenzials für die pakistanische Außenpolitik. Es wird noch einmal deutlich, wie überschwänglich der pakistanische Staat und die Gesellschaft den Status als Atommacht begrüßen. Hoodbhoy verschweigt nicht, mit welch exorbitanten Kosten und einem entsprechenden Ressourcenverbrauch dieser Status aufrechterhalten wird. Der Autor beschließt seine Analyse mit einigen Überlegungen zur inneren Logik und den Folgen des Status als Atommacht.

Der Schlussbeitrag blickt optimistischer auf das demokratische Potenzial Pakistans. Der Journalist Azmat Abbas und Saima Jasam vom Büro Lahore der Heinrich-Böll-Stiftung geben einen Überblick über die Anwaltsbewegung und den Spielraum, den sie allen Teilen der pakistanischen Gesellschaft geöffnet hat. So können wir trotz der historischen Erbschaft Pakistans, der momentanen Radikalisierung, der Militarisierung und der Zersplitterung der Demokratie am Ende doch noch einen Hoffnungsschimmer am Horizont entdecken.

Wir hoffen, dass dieser Band das Wissen über Pakistan um einiges vermehren wird. Die Texte machen uns vertraut mit den Realitäten, den Schwierigkeiten, aber auch mit den erheblichen Möglichkeiten, die das Land hat. Es ist der Leserin und dem Leser überlassen, die eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

....
Von Gregor Enste
Ehem. Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore, Pakistan


Verdrängung und Vielfalt – Pakistan vor dem Zerfall
   
Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung
Erscheinungsort Berlin
Erscheinungsdatum November 2010
Seiten 192
ISBN 978-3-86928-043-1
Bereitstellungs-
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kostenlos


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