Kommentar

Richtiges Leaken will gelernt sein

Jan Philipp Albrecht ist Grüner Europaabgeordneter aus Norddeutschland und hat es mit seinem Einsatz gegen das SWIFT-Abkommen mit den USA nicht nur in Europas Medien, sondern laut WikiLeaks auch in die Diplomatendepeschen geschafft.

1. Dezember 2010
Von Jan Philipp Albrecht
Von Jan Philipp Albrecht

Für mich war es eine Freude, am Montagmorgen Ende November auf dem Weg nach Brüssel den SPIEGEL zu lesen. Es war, als würde man sich mal gönnen, ein bisschen dem Voyeurismus zu frönen und in der BUNTE über das Privatleben irgendeines Königshauses zu lesen. Mit einem breiten Lächeln lege ich das Smartphone zur Seite und weiß nun, dass die Kanzlerin nach der von mir betriebenen SWIFT-Ablehnung so sauer wie noch nie gesehen wurde. Schön. War noch was? Ach ja, die Veröffentlichung löste den seit langem größten Enthüllungsskandal aus. Die teilweise ungefilterte Herausgabe von Aussagen arabischer Staatsoberhäupter zum Iran und sicher auch die ein oder andere Namensnennung wurden dabei zu recht auch unverantwortlich genannt. Ein Großteil des bisher bekannten Materials aber folgt dem oben genannten Missverhältnis von Unterhaltungs- und Informationswert. Deren Veröffentlichung ist wohl eher selbstsüchtiger Boulevard ohne Sinn und Verstand. Botschafter Murphy wird sich in Zukunft genauer überlegen, ob er seine Einschätzungen über deutsche Politiker so klar und treffend formuliert, wie bisher. An dieser Stelle noch mal mein vollster Respekt für diese nun zu Tage getretene Leistung: Nur wenige Journalist/innen in Deutschland haben es geschafft, die Mitglieder der Bundesregierung so gut zu portraitieren, wie es der US-Botschafter getan hat. In meinen Augen schafft diese Tatsache eher Vertrauen als Misstrauen in die Arbeit des amerikanischen Außenministeriums.

Unterm Strich bleibt doch vor allem eines: Es gibt Grenzen, auch und gerade für das grundsätzlich berechtigte Leaken. Wer Informant/innen zu Gesetzes- oder jedenfalls Grenzüberschreitungen motiviert, um an geheime oder sensible Informationen zu gelangen, der muss von der Notwendigkeit der Veröffentlichung zielgenau und vollständig überzeugt sein. Allein die Tatsache, alles solle am Besten für alle zugänglich gemacht werden, reicht da nicht aus. Nein, sie ist sogar falsch. Denn ich möchte ehrlich gesagt nicht, dass meine vertraulichen Mails an gute Kontakte in Botschaften oder Institutionen veröffentlicht werden, nur weil es da selbsternannte Dokumentbefreier/innen gibt, die sich gerne mit aufregenden Nachrichten aus dem Brüsseler EU-Dschungel schmücken wollen. Schließlich ist es gerade der informelle Austausch, der Ehrlichkeit und Klarheit in die durch eine rücksichtslose Öffentlichkeit erzeugte Verhältnisvernebelung bringt. Nichts anderes sind die diplomatischen Kabel. Der Mehrwert einer solchen Veröffentlichung bleibt mir bislang schleierhaft. Das kann sich ja noch ändern. Bisher zeigt vor allem: Wer nicht will, dass seine Daten missbraucht werden, der sollte, wie der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar treffend schreibt, verstärkt auf Datenvermeidung achten. Klar ist damit auch, dass es ein berechtigtes Interesse der Bevölkerung (und auch der Abgeordneten) an der Öffentlichkeit von Verwaltungs- und Exekutivhandeln gibt. Es existieren genügend Orte in der Welt, wo den Menschen systematisch Informationen vorenthalten werden, die sie wirklich bräuchten, um eine demokratische Debatte und Entscheidung zu ermöglichen. Es gibt genügend Fälle, in denen eine gezielte Veröffentlichung notwendig und sinnstiftend ist. Ergo: Richtiges Leaken will gelernt sein. Das Portal WikiLeaks muss daran noch arbeiten.

Daraus aber nun abzuleiten, die Pressefreiheit müsse an dieser Stelle begrenzt werden oder die Strafmaßnahmen (FOX News ruft schon die "Todesstrafe für Julian Assange" aus) für Informant/innen wie Veröffentlicher/innen sollten verschärft werden, ist genau das, was undemokratische Regime sich weltweit schon seit Jahren sehnlichst wünschen. Geben wir diesen Forderungen nach, verkaufen wir den Geist unserer freiheitlichen Demokratie, in der zwar ein Recht auf Privatsphäre, Fernmeldegeheimnis und Persönlichkeitsschutz besteht, nicht aber auf Schutz vor unliebsamer investigativer Recherche. Leaks, wie etwa das zu den Hintergründen des Irak-Krieges im Oktober, sind wichtige Quellen für die öffentliche Meinungsbildung über komplexe internationale Vorgänge, bei denen die Bevölkerung oft genug absichtlich desinformiert oder gar belogen wird. Die aktuelle Veröffentlichung zeigt vor allem den Umgang der US-Behörden mit der Erhebung sensibelster Datensätze. Datensicherheit und Datenvermeidung scheinen noch immer Fremdwörter zu sein. Die in den Depeschen genannten Botschafter und Politiker allerdings sollten es mit Gelassenheit nehmen. Schließlich hat das Leak durchaus noch etwas Gutes: Endlich sieht die Öffentlichkeit, dass auch in der höchsten Ebene der Weltpolitik nur mit Wasser gekocht wird und es normale Menschen sind, die dort am Werk sind und nicht etwa abgehobene Politikmaschinen, die sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen.

Reaktionen (9)

1_ Felix
2. Dezember 2010, 11:54 Uhr

Lieber Jan,
Du triffst den Nagel auf den Kopf! Teile Deine Meinung absolut!
flx

2_ Guido Strack
2. Dezember 2010, 11:56 Uhr

Lieber Herr Albrecht,

wenn Sie gegen unberechtigtes WikiLeaken sind sollten Sie und die Grünen sich umso stärker für effektiven gesetzlichen Whistleblowerschutz, unabhängige Aufklärung und Menschen einsetzen die sich als Whistleblower an Gesetze gehalten haben und dabei unter die Räder gekommen sind. Außer warmer Worte ist bei den Grünen hier noch nichts passiert und ich bin auch noch auf der Suche nach jemandem der sich auf EU-Ebene meinem Fall politisch annimmt: http://www.whistleblower-net.de/content/view/9/34/lang,de/

Habe ich den in Ihnen jetzt gefunden?

Mit freundlichem Gruß

Guido Strack

3_ Brusselsblogger
2. Dezember 2010, 11:59 Uhr

Denken Sie, dass die Cablegate-Affäre Einfluss auf die verhandlungen mit den USA über die PNR und andere Datentransferprogramme haben wird? Immerhin müssen die USA doch stichhaltig beweisen können, dass solche PNR niemals auf Wikileaks auftauchen werden. Können Sie das?
4_ Thorsten Deppner
2. Dezember 2010, 12:33 Uhr

Lieber Philipp,

mich würde interessieren, warum Du ohne weiteres befindest, dass nun gerade die "Herausgabe von Aussagen arabischer Staatsoberhäupter zum Iran [...] dabei zu recht auch unverantwortlich genannt [wurden]." Hat denn die dortige Bevölkerung nicht auch ein legitimes Interesse an der (wahren) politischen Agenda ihrer Staatsoberhäupter? Schwingt in einer solchen Bewertung nicht vielleicht ein "westlicher Bias" mit, weil eine solche Veröffentlichung die Staatsoberhäupter in Zukunft vielleicht weniger US-freundlich und nicht nur rhetorisch Iran-freundlicher agieren lassen wird – und damit der US-europäischen Interessen zuwiderliefe?

5_ Georg
2. Dezember 2010, 16:58 Uhr

"Schließlich hat das Leak durchaus noch etwas Gutes: Endlich sieht die Öffentlichkeit, dass auch in der höchsten Ebene der Weltpolitik nur mit Wasser gekocht wird und es normale Menschen sind, die dort am Werk sind und nicht etwa abgehobene Politikmaschinen, die sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen."

Sehr gute Worte!

6_ santa klaus
2. Dezember 2010, 17:42 Uhr

Moment. Wieso redet jetzt jeder von der Verantwortung von Wikileaks? Und nicht von der Verantwortung des Amerikanischen Außenministeriums?
Denn:
1) Undichte Stellen gab es schon immer. Wenn´s ein Leck gibt, ist daran wohl auch das State Depar...tment selber schuld. Wie kann es überhaupt sein, dass jemand unterhalb der obersten Führungsebene Zugriff auf den kompletten Schriftverkehr hat?
2) Die Amerikaner haben zuerst eine Grenze überschritten. Sie haben mit Lügen einen Eroberungskrieg gerechtfertigt und sich davor, dabei und danach nix ums Völkerrecht geschissen. GENAU DARUM werden sie jetzt von Wikileaks an den Pranger gestellt. Und nicht Schweden oder Costa Rica.

7_ Jens Best
2. Dezember 2010, 18:52 Uhr

Hallo Jan,

ausgewogen geschrieben. Dennoch habe ich die Tage ein Problem. Wieder mal mit einem durch den Datenschutzbeauftragten in aller Einfältigkeit propagierten Begriff: "Datensparsamkeit" oder wie du s hier nennst "Datenvermeidung"

Du und ich wissen, dass damit persönliche Daten gemeint sind. Aber wie der Datenschutz-Fanatiker Schaar bereits in seiner durchaus dialektischen gerellen Doppelrolle Daten zu schützen und Information zu befreien versagt hat, setzt er nun seine fatale Mission des Anti-Daten-Kampfes in der Presse beim Thema wikileaks fort.

Ist ein Statement, dass Frau Merkel gegenüber dem Botschafter gemacht hat privat und vertraulich oder sollte es nicht auch, weil es ja eben Realität mitgestaltet veröffentlicht werden, damit man sich ein besseres Bild der Macht machen kann? Egal also ob streetview (öffentlich) oder cablegate (veröffentlichung geheimer staatsdaten) - sofort wird ohne ein wenig Differenziertheit an den Tag zu legen, sofort wieder "Datenschutz, Datenschutz" geschrien.

Um Open Data europaweit, aber insbesondere in Deutschland braucht es im fünften(!!!) Jahr des Informationsfreiheitsgesetzes eines Beauftragten für Informationsfreiheit, der Daten nicht per se verteufelt und das Verknüpfen von Daten nicht in aller breiten Öffentlichkeit quasi als eine Schandtat darstellt. Diese Undifferenziertheit schädigt die Nutzung des Internets mehr als einige sicher nachzubessernde privacy-Vorschriften.

Im Falle der Kriegs-Helicopter-Verkäufe von Deutschland an die US hat die Bundesfraktion der Grünen ja bereits eine Initiative gestartet. Ob es den wahr sei, dass diese Helicopter in einem unrechten Verfahren unter Mitwissen der USA und des zuständigen deutschen Ministeriums am Parlament vorbei aus dem Lande geschafft wurden.

Es sind einige Kracher in diesen Depeschen, die durchaus an der Glaubwürdigkeit der internationalen Politik vertieft zweifeln lassen. Das Merkel eine lahme Ente und Westerwelle eine erbärmliche Gestalt ist, zählt nicht dazu. Wo ist der öffentlichkeitswirksame gesellschaftliche Stachel der Grünen? Ein bisserl in Stuttgart mit den anderen Saturierten rumlaufen ist dagegen einfach lächerlich. Es ist immer leichter den Kritisierenden anzuschwärzen als die berechtigte Kritik an den herrschenden Zuständen zu verteidigen. Irgendwann war das mal die Aufgabe der Grünen.

Es zeichnet doch ein schlechtes Bild, wenn es erst eines radikalen Transparenz-"Kämpfers" bedarf, damit mal einige Angelegenheiten zutage gefördert werden. Der internationale Journalismus ist bis auf sehr wenige Ausnahmen unfrei. und das der Spiegel mit den Banalitäten und einer schlechten datenjournalistischen Aufbereitung kommt, zeigt dass das ehemalige Nachrichtenmagazin weit von der Klasse des Guardian entfernt ist.

8_ Patrick Hanft
3. Dezember 2010, 05:43 Uhr

Sehr guter Kommentar und vor allem mit den richtigen Gewichtungen. Eins fällt mir allerdings auf: „Wer Informant/innen zu Gesetzes- oder jedenfalls Grenzüberschreitungen motiviert, um an geheime oder sensible Informationen zu gelangen, der muss von der Notwendigkeit der Veröffentlichung zielgenau und vollständig überzeugt sein.“

Wer den bekannten Vortrag von Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg auf dem 25C3 gesehen hat (http://chaosradio.ccc.de/25c3_m4v_2916.html) wird sich an ein Wikileaks erinnern, das einmal angetreten war, nicht die InformantInnen zum Leaken zu motivieren, sondern eben diesen, die die Dokumente übermitteln, die Verantwortung in die Hand zu legen, zu entscheiden, was geleakt werden soll und was nicht. Wikileaks wollte nie zensieren, aber eben auch nie Einfluss nehmen.

Diesem Anspruch wurde Wikileaks nicht mehr gerecht. Wikileaks hat spätestens mit der Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos, und vor allem in der Person Julian Assange, die Idee der neutralen Plattform, die weder bewertet noch auswählt, verlassen. Und spätestens seitdem Domscheit-Berg das Projekt verlassen hat, misstraue ich dem Projekt Wikileaks, weil ich es nicht für frei von eigenen politischen Interessen halte, die mit der ursprünglichen Idee der neutralen Plattform nicht vereinbar sind.

Deswegen halte ich das Leaken dennoch in vielen Fällen für eine legitime Handlung in einer Demokratie.

9_ erlehmann
3. Dezember 2010, 20:05 Uhr

Grenzüberschreitungen, das war doch dieses linke Kampfvokabular für böse Dinge im Allgemeinen. Und der Hinweis, dass die Veröffentlicher selbsternannt sind, zeigt: JPA kann den offensichtlichen Kontrollverlust wohl nicht leiden. Tja, der wird allerdings nicht verschwinden — egal wie viele Gesetze gemacht werden. Heutzutage haben wir nun einmal das Internet, und die Konsequenzen einer derartigen Veröffentlichung werden niemals wieder die selben sein.
Kommentar schreiben




 Bitte Zahlenkombination eingeben und anschließend auf den grünen Pfeil klicken.
Ihr Warenkorb

 

Lieferbedingungen
Allgemeine Geschäftsbedingungen der Heinrich-Böll-Stiftung (AGB hbs)
Hier finden Sie Informationen rund um die Bestellung: Porto-Kosten, Hinweise zum Datenschutz, Ausnahmeregelungen oder die Nummer der telefonischen Beratung. mehr»
Hilfe
So bestellen Sie auf boell.de
Der Bestellvorgang auf boell.de Schritt für Schritt erklärt: Hier erfahren Sie ausführlich, wie Publikationen auf boell.de bestellt werden. mehr»
Die Stiftung in Social Networks
Icon Facebook, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com Facebook Icon Twitter, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com Twitter
Icon YouTube, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com YouTube Icon Flickr, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com Flickr
Icon SoundCloud SoundCloud Icon RSS-Feed Feeds