Clinton 823 — Obama 741

Amerikanischer Wahlkampf zwischen Erfahrung und Neuanfang

6. Februar 2008
Michael Werz, Washington
Von Michael Werz, German Marshall Fund of the United States

Der Wahlabend begann um 18 Uhr an der Ostküste und zog sich bis in die frühen Morgenstunden. Das Resultat des Super-Dienstags, an dem in 22 Bundesstaaten „Primaries“ stattfanden, sollte eigentlich die Entscheidung bringen. Noch vor Monatsfrist hatten alle erwartet, dass es zwar bei den Republikanern noch einige Wochen dauern könnte, bis sich das Bewerberfeld lichtet, aber die Demokraten ihren Kandidaten oder ihre Kandidatin am 5. Februar bestimmen würden. Jetzt kam alles ganz anders. Das vorläufige Ergebnis in den unkalkulierbarsten und weltweit beobachteten Vorwahlen lautet: John McCain hat seine politische Wiedergeburt erlebt, nachdem seine Kampagne im vergangenen Herbst völlig am Boden und vom Bankrott bedroht war. Und unter den Demokraten gibt es ein noch nie dagewesenes Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich über mehrere Wochen hinziehen kann. Die Vorwahlsaison endet erst am 12. Juli in Nebraska, wo die letzten 33 der über 4000 demokratischen Delegierten gewählt werden: „Mac is back — Clinton, Obama split“ lautet die Kurzversion der vermeintlichen Entscheidungsnacht in den Morgenausgaben der Zeitungen.

Enorme Mobilisierung der Wähler

Die Mobilisierung der Wähler ist enorm und hat alle Rekorde gebrochen; in Georgia bildeten sich zwei Stunden lange Warteschlangen vor den Wahllokalen und allein in Kalifornien stimmten rund vier Millionen Demokraten ab. Barack Obama hat offensichtlich einige der Unterstützer von John Edwards gewonnen und wesentlich größeren Zuspruch unter weißen Männern gefunden als noch vor zwei Wochen. Hillary Clinton bindet nach wie vor viele Frauen und wird von den numerisch immer wichtigeren Latino-Wählern favorisiert. Obama gewann in Georgia und Alabama deutlich, dort ist der Anteil schwarzer Wähler besonders hoch. Ein interessantes Resultat ist allerdings, dass sich die USA ganz offensichtlich auf eine post-ethnische Epoche zubewegen: Hautfarbe, Geschlecht und soziale Herkunft der Wähler spielten zwar eine Rolle, aber keineswegs die entscheidende. Das vielleicht bizarrste Ergebnis ist der Sieg Obamas in North Dakota (92 Prozent weiße Einwohner, 0,1 Prozent Schwarze) mit fast zwei Dritteln der Stimmen. Auch im wohlhabenden Ostküstenstaat Connecticut, nördlich von New York, war er erfolgreich.

Für Hillary Clinton geht es ums Ganze

Für Hillary Clinton, über das gesamte vergangene Jahr als haushohe Favoritin gehandelt, werden die kommenden Wochen entscheidend. Bereits am 9. Februar steht die nächste Wahlrunde in Kansas, Louisiana und Washington State an. Es wird darauf ankommen, ob es ihr gelingt, das Kraftfeld der Begeisterung zu dämpfen, das Barack Obama entfaltet hat. Wenn er spricht, ist hinter ihm eine jubelnde, nicht selten ekstatische Fangemeinde zu sehen. Vor ihm ist sein Wahlslogan „Wandel, an den man glauben kann“ eingeblendet - weiß auf blau. Die Sache mit dem Glauben ist kein Zufall, sondern der Grundton seiner Reden: Er diagnostiziert die „Sehnsucht des Landes nach etwas Neuem“ und warnt zugleich seine Anhänger davor, dass „der Wandel, den wir wollen, nicht einfach zu erreichen sein“ werde. „Täuscht Euch nicht, gegen wen wir antreten“.

Obama punktet als Kandidat der Herzen

Amerikaner seien durchaus in der Lage, sich für ein „höheres Ziel“ einzusetzen – mit solch spielerischer Konversion politischer Reden in öffentliche Predigten ist der Senkrechtstarter derartig erfolgreich geworden, dass bislang jedes Gegengift des Clinton-Clans versagte. Barack Obama hat mit seinen nebeligen Reden eine so enorme Ausstrahlungskraft entwickelt, dass er zur „Lady Di“ der amerikanischen Politik wurde, zum Kandidaten der Herzen. „Diese Wahl ist unsere Chance, den Amerikanern wieder einen Grund zum Glauben zu geben“ sagte er schon nach seinem Sieg in den Vorwahlen im Bundesstaat South Carolina und legte nach: „Die Gelegenheit, die wir nutzen wollen, erforderte immer einen großen Kampf und Opfer … So mühsam es auch sein mag, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.“ Der therapeutische Unterton trifft nach sieben Jahre Bush-Regierung auf ein emotionales Bedürfnis, das alle Parteigrenzen überlagert. (http://origin.barackobama.com/tv/)

Hinzu kommt, dass viele Wähler bereit sind, für ihn in die eigene Tasche zu greifen. Anders als oft behauptet, kommt der Großteil der Spendengelder für den mehrere hundert Millionen teuren Wahlkampf von Bürgern, die maximal 2.300 Dollar beitragen dürfen. Allein Obamas Kampagne hat bisher über 650.000 Einzelspender.

Obamas kometenhafter Aufstieg in der Demokratischen Partei begann mit seiner unvergessenen Rede auf dem Nominierungsparteitag John Kerrys im Jahr 2004, als er minutenlang über den amerikanischen Einwanderungstraum seines kenianischen Vaters und seiner Mutter aus Kansas gesprochen hatte. Die Ausstrahlung seiner Biographie (Harvard Universität, Streetworker in Chicago, Anwalt, Mitglied des State Senate von Illinois, Senator in Washington) und Person erlauben es ihm, als Personifizierung der amerikanischen Migrantentradition aufzutreten. Dass er sich zur Frage legaler und illegaler Immigration ebenso vorsichtig verhält wie Hillary Clinton und das verminte Terrain meist rücksichtslosen republikanischen Populisten überlässt, kann er sich genauso leisten wie seine Abstimmung für den Grenzzaun am Rio Grande im US-Senat.

"Yes. We. Can!"

Sein eklektischer Wahlkampf nimmt mit großem rhetorischen Geschick eine Stimmung auf, die so weit verbreitet ist, dass Hillary Clinton seit Dezember vergangenen Jahres nur noch aus der Defensive agieren konnte. Obama war bisher unverwüstlich – vielleicht ist unantastbar das bessere Wort. Sein post-materieller Diskurs von Werten, Sehnsüchten, parteiübergreifender Einigung und Heilung hat zu einer seit John F. Kennedy nicht dagewesenen Mobilisierung unter demokratischen Wählern und Aktivisten geführt. Seine Reden enden mit dem Kampfruf „Yes. We. Can.“ Ein Slogan, den seine Kampagne der rechtskatholischen mexikanischen Partei der Nationalen Aktion entliehen hat, die seinerzeit mit einem populären „Si, se puede“ erfolgreich gegen die Einparteienherrschaft der PRI ankämpfte. Dabei steht nicht einmal seine Person so sehr im Vordergrund, sondern eher das, wofür diese Person steht, beziehungsweise was die Anhänger in sie projizieren. Obama ist Meister der Selbstinszenierung ohne Selbst. Er tritt (vor-)wahlweise als staatsmännischer Senator, Re-Inkarnation von John F. Kennedy oder Martin Luther King oder aber als Don Quijote auf, der den Kampf gegen Lobbyismus, Korruption und Washingtoner Arroganz aufnimmt.

Szenenwechsel im Parteienspektrum: John McCain

Als George Bush im Jahr 2000 gewählt wurde, schrieben viele politische Interpreten seinen Erfolg den „fundamentalistischen Christen“ zu. Jetzt ist John McCain, der säkulare Außenseiter, der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat – vielfach totgesagt, von eingeschworenen Konservativen gehasst und doch erfolgreich. Wo sind sie geblieben, die christlichen Königsmacher? Sie sind plötzlich weg. Schwer zu erklären, sagen die Experten. Wenige kommen auf den Gedanken, dass die von den Meinungsforschern erfundenen Denominationen vielleicht nur wenig mit der Wirklichkeit gemein haben. Meinungsumfragen sind bestenfalls eine Polaroidaufnahme einer Gesellschaft, für kategorienlose Kommentatoren und politische Berater gewinnen sie jedoch schnell einen existentialistischen Unterton. Interessanter Weise speist sich Barack Obamas bedenkliche Entsäkularisierung der politischen Debatte aus dem gleichen gesellschaftlichen Kraftfeld wie die Legende von dem christlich-fundamentalistischen Drittel der amerikanischen Wähler.

John McCain ist der ungeliebte Kandidat der Republikanischen Partei. Er gilt als unbeherrscht und, schlimmer noch, ist vielen seiner Senatskollegen immer wieder mit Tabuverletzungen auf die Nerven gegangen. Das Gesetz zu Regelung der Wahlkampffinanzierung, das seinen Namen trägt, hat viele Schlupflöcher für industrielle Großspenden geschlossen. In seinem Kampf gegen solche Einflussnahme sagte McCain sogar unter Eid gegen einen Parteikollegen aus, der mit Hilfe von Spenden amerikanischer Tabakkonzerne die Antiraucher-Gesetzgebung stoppen wollte. Damit macht man sich natürlich keine Freunde und die Aversion gegen McCain geht so weit, dass die knallrechte Kommentatorin Ann Coulter bereits öffentlich kundtat, eher Hillary Clinton als ihren Parteifeind McCain zu wählen. Der ebenso einflussreiche wie schonungslose Rush Limbaugh („Hillary Clinton hört sich an wie eine kreischende Ex-Ehefrau“) macht in seinen Radiosendungen bereits seit Wochen gegen den unorthodoxen Senator aus Arizona Stimmung. Dass McCain von Rudy Giuliani nach dessen Ausstieg aus dem Rennen nun Unterstützung erhält, macht die Sache nicht besser. Der ehemalige New Yorker Bürgermeister mit der dritten Ehefrau, der früher einmal eine Zeitlang in einer Schwulen-WG wohnte und dessen Kinder kaum mit ihm sprechen, wird im republikanischen Stammland kaum zusätzliche Stimmen bringen.

McCains schärfster Konkurrent Mitt Romney, wegen Frisur, Auftreten und Mormonenhintergrund gelegentlich als „Stepford Wife“ bezeichnet, bindet daher weit mehr konservative Wähler als John McCain, der von der Spaltung des rechten Lagers in der eigenen Partei durch die Kandidatur des Baptistenpfarrers Mike Huckabee aus Arkansas profitierte. Huckabee legte ein erstaunlich starkes Ergebnis im Süden des Landes vor und wird als möglicher Kandidat für den Posten des Vizepräsidenten gehandelt. McCain erhält viel Zuspruch von gemäßigten Republikanern und denen, die sich „ein wenig konservativ“ einschätzen, sowie von Parteiunabhängigen. Das könnte in den Präsidentschaftswahlen im November zum Problem werden, denn die Mobilisierung der konservativen Basis ist entscheidend für jeden republikanischen Kandidaten. Vorläufig kann John McCain sich jedoch gelassen auf die nächsten Vorwahl-Runden vorbereiten und wird mit großem Interesse seine demokratischen Opponenten in diesen alles entscheidenden Wochen beobachten.

 

Michael Werz ist Transatlantic Fellow des German Marshall Fund of the United States und Visiting Researcher am Institute for the International Study of Migration an der Universität von Georgetown in Washington DC

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